Mut schöpfen am Brunnen vis a vis mit den Badenden (im Foto von li nach re): die Freitaler Gleichstellungsbeauftragte Jona Hildebrandt, Katrin Hollube, Projektleiterin im Familienzentrum „Regenbogen“ und Teresa Schubert, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Sächsische Schweiz – Osterzgebirge luden zu der Aktion ein, um ein Zeichen gegen Gewalt jeglicher Art zu setzen.


Wasser als Lebens- und Kraftquell & Jedes Mal, wenn du dich aufrichtig freust, schöpfst du Nahrung für den Geist, lautet einer der Mutmach-Sprüche. Eine schöne, bestärkende Aktion, findet meinwortgarten-Inhaberin Lilli Vostry. Und auch die Sonne strahlte aus den zunächst dunklen Wolken hervor.

Mut schöpfen für ein lebendiges Miteinander

Mit der erfrischenden Aktion an einem Springbrunnen setzten Besucher und Initiatorinnen ein Zeichen gegen Gewalt und stellten Hilfsangebote vor.

Aus dem Brunnen schauen, vom Wasser umspült, die Gesichter der „Badenden“. Davor stehen viele fröhlichbunte, mit Blumen, Bäumen, Herzen und Schmetterlingen bemalte, Tassen. Mit den Gefäßen konnte, wer gerade vorbeikam, Wasser und symbolisch Mut schöpfen. Wasser als Lebenselixier, das erfrischt, reinigt und die Sinne neu belebt. „Alle sollen gewaltfrei leben können“, unter diesem Motto lud am Dienstagnachmittag das „Regenbogen“ Familienzentrum e.V. gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Sächsische Schweiz – Osterzgebirge und der Stadt Freital zur Aktion „Mut schöpfen“ ein.

Zwei Stunden lang war dazu Gelegenheit vor dem Brunnen „Die Badenden“ (neben der Sparkasse in Freital-Potschappel), den der Künstler Peter Fritzsche gestaltet hat. Es waren Gesprächspartnerinnen vor Ort, um mit Besuchern in Kontakt zu kommen, Hilfsangebote für betroffene Menschen vorzustellen und gemeinsam ein Zeichen gegen Gewalt jeglicher Art zu setzen. Die Aktion „Mut schöpfen“ fand innerhalb einer bundesweiten Initiative der Mehrgenerationenhäuser statt, zu denen auch das Familienzentrum „Regenbogen“ gehört. Gefördert wird diese im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ und aus Mitteln des Freistaates Sachsen. „Eigentlich findet der Tag gegen häusliche Gewalt immer im November statt, an dem wir Kerzen anzünden und auf die Thematik aufmerksam machen. Doch das ging letztes Jahr coronabedingt nicht und wurde nun nachgeholt“, sagt Teresa Schubert, die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. „Außerdem möchten wir auch Menschen ansprechen, die aus Kriegsgebieten herkommen.“

Gewalt hat viele Gesichter. Mal offen, aggressiv, mal versteckt, körperlich und seelisch verletzend, gibt es sie im häuslichen Umfeld, in der Schule ebenso wie im Weltgeschehen. Aber auch ungeplante Einschränkungen und Veränderungen im Leben können schmerzhaft sein und wollen bewältigt werden. Die betroffenen Menschen sollen wissen, dass sie nicht alleine sind. Auf den Stehtischen vor dem Brunnen liegen Blätter mit Mutmach-Sprüchen zum Mitnehmen wie „Zu allem Großen ist der erste Schritt der Mut“, „Probleme sind Gelegenheiten zu zeigen, was man kann“ und „Vertrauen ist die stillste Form von Mut“ und außerdem weiße Steine, die man selber beschriften kann mit bestärkenden Worten. Die Resonanz ist zunächst verhalten.

„Häusliche Gewalt ist immer noch ein Tabuthema in der Öffentlichkeit, mit dem man nichts zu tun haben will“, weiß Jona Hildebrandt, die Freitaler Gleichstellungsbeauftragte. „Die Gewalt findet im Verborgenen statt. Man muss erst mal den Mut finden, sich zu outen. Es ist auch nicht einfach, wenn man ein Leben zusammen aufgebaut hat, man verheiratet ist, Kinder hat und vielleicht noch ein Haus zusammen.“ Aktuelle Zahlen zu Betroffenen von häuslicher Gewalt liegen ihr zurzeit keine vor und die Polizei erfasst auch nur die Fälle, die zur Anzeige kommen. Es finde überwiegend Gewalt von Männern gegen Frauen statt. Doch es gebe auch umgekehrt Gewalt gegen Männer. „Manchmal braucht es schon Mut, früh aufzustehen oder wenn Jugendliche eine Lehrstelle suchen“, so Jona Hildebrandt. „In der Corona-Zeit herrschte viel Vereinzelung, soziale Isolation. Das läuft jetzt erst wieder an, dass Menschen wieder rausgehen und zusammenkommen.“

Einige Passanten bleiben stehen und informieren sich über die Mut-schöpf-Aktion. Eine Frau im roten Kleid und dunklem Haar will mehr darüber erfahren. Die Initiatorinnen erzählen und geben Flyer und Notfallkarten mit allen Hilfs- und Beratungsstellen und Telefonnummern mit. „Täglich kommen bis zu 70 Menschen, die bei uns ein- und ausgehen, das ist viel“, sagt Katrin Hollube, Projektleiterin im Familienzentrum „Regenbogen“ auf der Poststraße 13 in Freital. Immer montags öffnet hier das Familiencafé von 14 bis 18 Uhr zum Ankommen, Reden, Spielen und Wohlfühlen. „Wir haben auch einen offenen Eltern-Kind-Treff, wo die Kinder spielen und die Eltern auch mal für sich zur Ruhe kommen und mit anderen austauschen können“, erzählt sie.

„In letzter Zeit kommen oft ukrainische Familien, um Anschluss und Orientierung zu finden.“ Sowohl Hilfesuchende als auch Menschen, die helfen wollen, finden hier „Raum zum Wachsen“, so lautet das Motto im Familienzentrum „Regenbogen“. „Wir sind keine Beratungsstelle für Opfer von häuslicher Gewalt, aber wir haben gute Kontakte und vermitteln auf Wunsch zu Fachkräften in den zwei Familienberatungsstellen, der Awo in Deuben und der Diakonie in Potschappel“, so Katrin Hollube. Es gibt ein Frauenschutzhaus mit acht Plätzen in Pirna, wo vor Gewalt fliehende Frauen und Kinder vorübergehend wohnen können und eine Männerschutz-Wohnung. Eine Außenstelle der dortigen Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt sei in Freital noch im Aufbau, so die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Teresa Schubert. Der nächste Aktionstag gegen häusliche Gewalt findet am 25. November statt, wieder mit einer Kerzen-Aktion und einem orange angestrahlten Haus, das zugleicht Licht und Hoffnung aussendet.

Text + Fotos (lv)

http://www.regenbogen-freital.de

Nummer gegen Kummer für junge Leute: 116 111*
(Notrufnummern sind in Deutschland generell kostenfrei.); Erreichbar: Mo – Sa 14 – 20 Uhr; Mo, Mi, Do 10 – 12 Uhr

Hilfe bei Gewalt zu Hause: 03501/5764 988
Helpmail in Krisen: u25-dresden.de


Sprudelnde Lebensfreude: Brunnen vor dem Bahnhof Freital-Potschappel