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Archiv des Autors: Lilli Vostry

Kolumne: Brief-Geheimnisse

16 Montag Mai 2016

Posted by Lilli Vostry in Keine für Alle ! - Lara Finesse, Kolumne

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lara3Kennt Ihr das Spiel „Stille Post“? Man kann so schön flüstern und flunkern dabei. Es ist ein beliebtes Kinder- und Gesellschaftsspiel. Einer sagt dem anderen ein Wort ins Ohr, derjenige dem nächsten und der Letzte in der Runde sagt laut, was bei ihm angekommen ist. Es ist spannend und lustig zugleich, wie viel vom Original noch übrig ist, wie viel oder wenig wahr, haargenau oder ähnlich gehört und weitergegeben wird. Kann man flirtend fluchen, kulant Kuchen versuchen und wann ist ein Versprechen ein Verbrechen? Wird Liebesbeweis zum Liebesverschleiß, ein Schornsteinfeger zum Schwermutjäger, ein Nachtwandler zum Nachtverwandler. Sicherheit zu Schisserleid. Briefverkehr zu Siebverkehr.

Nicht nur die „stille Post“ nimmt überraschend rätselhafte Wege.
Manchmal kommen Worte und Briefe gar nicht an. Obwohl ich das persönliche Schriftstück wohlverwahrt in einem Umschlag mit Briefmarke und ausreichend Porto auf die Reise schickte. In dem Fall eine Geburtstagskarte innerhalb der Familie mit einem übermütig bis zu den Sternen fliegenden Mädchen und den Worten: Träume werden wahr! Doch der Brief erreichte das Mädchen nicht, sondern ging irgendwo unterwegs verloren. Der Umschlag war liebevoll beklebt mit Glückskäfern und Frühlingsblumen. Und ich hatte einen 20 Euro-Schein hineingelegt. Ich verschicke diese Geburtstagsbriefe seit vielen Jahren an beide Kinder, kurz nacheinander. Der eine Woche vorher geschickte Brief mit der gleichen Summe kam an. Wie immer.

Den anderen Geburtstagsbrief brachte ich zu Walpurgisnacht, es war Samstag vormittag, zum Briefkasten gegenüber vom Ballhaus Watzke in Pieschen. Um 11 Uhr sollte die Leerung sein. Vor mir tat ein alter Mann einen Brief hinein und blieb noch eine Weile bedächtig in einiger Entfernung stehen. Hing er in Gedanken noch dem zu Papier Gebrachten, nun Fortgegebenen nach? Konnte er sich schwer davon trennen? Kam sein Brief überhaupt an und wie schwer wog die Antwort für ihn?

Als der letztere Geburtstagsbrief nach fast einer Woche immer noch nicht ankam, rief ich eine Service-Nummer bei der Deutschen Post an und fragte nach. Erstmal hing ich in der Warteschleife und durfte mir Werbeangebote anhören und wie zuverlässig sie ihr anvertraute Sendungen befördere… Als ich von dem nicht angekommenen Brief erzählte, bedauerte der Mann am Telefonhörer dies. Ich müsse jedoch zunächst die Zustellungsfrist von sieben Werktagen abwarten, bevor ich mich an die bundesweite Briefermittlungsstelle der Post wegen einem Nachforschungsauftrag wenden könne.

Doch dies sei wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen. Zumal der Brief nicht als Einschreiben aufgegeben wurde und daher keine Registriernummer hat. Als er von dem Geld im Briefumschlag hörte, sagte er, das würde er nicht empfehlen. Die Post arbeite mit verschiedenen Fremdfirmen zusammen und offensichtlich seien nicht alle der Mitarbeiter ehrlich. Es gebe sogar Leute, die fühlen es, wenn Geld im Briefumschlag sei!

Ich gab zu verstehen, dass mein Vertrauen in die Post ziemlich erschüttert ist und ich mir überlege, ob ich künftig noch Briefe verschicke oder lieber via Internet grüße. Das verstehe er, sagte der Mann, aber der Post insgesamt sei das egal. Schon deswegen wollte ich, dass sie von dem verschollenen Geburtstagsbrief erfahren. Anruf bei der Briefermittlungsstelle am Freitag, dem 13., nachmittag. Der Mann am Telefon notierte sich meine Postleitzahl, Tag und Ort der Briefab- oder besser aufgabe, Absender und Empfänger. Er war kurz angebunden: „Die Leitungen sind voll!“ Warum wohl, überlegte ich. Der Mann von der Briefermittlungsstelle sagte, ich werde schriftlich benachrichtigt über das Ergebnis.

Da bin ich gespannt. Ob dieses Brief-Geheimnis noch gelüftet wird.
Ein nachträglicher Geburtstags-Brief mit glücklicherweise derselben Grußkarte, der Umschlag diesmal unauffällig, schmucklos, nur mit einer aufgemalten lachenden Blume (ohne Geldschein drinnen) kam an bei der Empfängerin. Die Post geht rätselhafte Wege.

Macht was draus.
Bis zum nächsten Mal!

Eure Lara Finesse

P.S.: Übrigens habe ich jetzt, nach drei Monaten, Post von der Post, genauer vom Servicecenter Briefermittlung zu meinem verschollenen Geburtstagsbrief bekommen. Ob sie wirklich solange gesucht haben? Die Antwort klang wenig überraschend: „Leider hat Ihr Nachforschungsauftrag nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Ihre Sendung konnte nicht gefunden werden. (wen wundert`s. Wenn vorher jemand schneller war.) Dies bedauern wir sehr und bitten Sie für die Ihnen hierdurch entstandenen Unannehmlichkeiten um Entschuldigung.“ Die Briefe würden heute weitgehend „automatisiert“ versendet, heißt es weiter. Daher könne die Post keine Haftung für den Inhalt von Briefen übernehmen. Hat dann ein Automat versehentlich den Geldschein aus dem Geburtstagsbrief verschluckt und den Rest entsorgt oder wie ??! Das bleibt das Geheimnis der Post.

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Wind.Mühlen.Flügel: Don Quijote im Kleinen Haus

15 Sonntag Mai 2016

Posted by Lilli Vostry in Theater

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Auf den Flügeln der Fantasie

„Die Realität sind die Windmühlenflügel. Wir kämpfen alle dagegen, merken es nur nicht“, sagt Don Quijote. Kaum einer, der ihn nicht kennt, den Ritter von der traurigen Gestalt. Auch wenn man den dicken Wälzer nicht vollständig gelesen hat, gilt er als d e r Träumer und unverbesserliche Optimist und Weltverbesserer. War er ein Fantast, Depp oder Held oder beides?
Dem geht das Stück „Wind.Mühlen.Flügel.“, ein Rechercheprojekt frei nach Miguel Cervantes` berühmtem Roman „Don Quijote“ nach in einer Produktion der Bürgerbühne im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Jeder der sechs Spielerinnen und Spieler hat seine eigene Version der Geschichte von Don Quijote in dieser witzig, poetisch und einfallsreich in Szene gesetzten Aufführung von Autor und Regisseur Tobias Rausch. Gemeinsam gehen sie auf die Suche nach den Don Quijotes unserer Zeit, musikalisch originell auf Blasinstrumenten von vier jungen Musikern begleitet.
Fantasie und Realität, Episoden aus dem Roman und persönliche Lebensgeschichten mischen sich ständig, wenn sie von ihren Träumen, Siegen und Niederlagen und Erfahrungen im Umgang damit erzählen. Spielkulisse ist ein Bibliotheksraum mit langen Tischen, auf denen sich Buchstaben drehen und bewegen heraus aus den Bücherregalen und später kleine Windmühlen, gebaut aus Pappbechern und Getränkedosen mit Flügeln aus Besteck, projiziert im Schattenriss auf einer Leinwand. Zwei adrette Bibliothekarinnen in weißen Kleidern und schwarzer Schleife sortieren, archivieren und verwalten streng auf Ordnung bedacht die Bände. Eine junge Frau gibt sich als Profigamerin mit Leidenschaft für Fantasyspiele zu erkennen, setzt sich mal eine Blechdose auf den Kopf und mal einen rosa käfigähnlichen Korb wie gefangen in ihren Fantasien. Eine andere Frau erzählt von ihrer Liebe zu Büchern und von Leuten, die sie nur hin und her tragen ohne eine Seite aufzuschlagen.

Früher waren Bücher eine Insel, eine Waffe, sagt Susanna Pervana, sie haben geflüstert, gezischelt und gestichelt. „Heute stehen Bücher vergessen herum, gibt es nur noch ein einziges Buch – Facebook“, sagt sie, die aus einem griechischen Dorf stammt und als Kind mit ihrer Mutter nach Deutschland kam. Sie fühlte sich manchmal allein gelassen und wie in Platons Höhle: „Du bist von Schatten umgeben und weißt nicht mehr, was die Realität ist. Doch unsere Fantasie sucht immer einen Weg durch diese dünne Schicht, die wir Realität nennen“, weiß sie inzwischen. Später schlüpft sie in die Rolle von Sancho Pansa, dem treuen Knappen von Don Quijote, der ihn immer wieder aus dem Schlamassel herausholt. Statt seiner Lanze bringt sie ihm erst mal einen Latte Macchiato, als er mit verwegener Miene und Metalldeckel auf dem Kopf und hohen Schaftstiefeln den Lesesaal stürmt, den Tisch erklimmt und von oben aus seinem Tagebuch liest, heitere, nachdenkliche und anstößige Notate.

Der skurrile wie tollkühne Don Quijote ist eine Paraderolle für Hans Kubach, der als ehemaliger Journalist mit brüchiger Stimme von den Irrungen und Wirrungen seines Lebens und der Wendezeit erzählt, als die Riesen zu Boden gingen, aber auch von übergroßem Liebeskummer und Alkoholzuspruch, der die Wirklichkeit verrückte. Einer wie Don Quijote hat es nicht leicht heute.
In einer Welt voll cooler Gewinnertypen und multimedial umgeben von Verschwörungstheorien, Gewalt und zerstörerischen Fantasien. „Vielleicht müssen wir alle auf kalten Entzug“, sagt Marco Tabor, der als Polizist Don Quijote verhört. Außerdem küsst er auf der Bühne Greta, die noch nie einen Jungen geküsst hat. Ähnlich wie Don Quijote seine unbekannte Geliebte Dulcinea anschmachtet, lebt ihr Traummann nur in ihrem Kopf.
Eine Frau wäre gern Meeresforscherin geworden, untersuchte später als Wissenschaftlerin Gewässer um schließlich zu beweisen, dass sie ihre These nicht beweisen kann. „Ich wollte raus in die Natur und jetzt arbeite ich nur noch mit Daten. Was uns wirklich fehlt, ist eine Resistenz gegen das Gefühl des Scheiterns“, sagt Claudia Seiler. Es sind ihre Ideen, Neugier, ihr Erfindungsgeist und Wagemut, die alle Spieler und ihre Geschichten mit Don Quijote gemeinsam haben. Wie viel vom Erzählten fiktiv oder echt ist, darf sich der Zuschauer selbst aussuchen und seine Fantasie spielen lassen. Viel Beifall.

Nächste Termine: 17.5., 20 Uhr; 5.6., 19 und 17.6., 20 Uhr

 

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Neuer Gedichtband von Kerstin Becker: Biestmilch

10 Dienstag Mai 2016

Posted by Lilli Vostry in Poesie

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Leseprobe aus dem Gedichtband „Biestmilch“ von Kerstin Becker, erschienen bei der editionAzur in Dresden. http://www.edition-azur.de

Weltraum

wir scharen uns
im Rücken der Fabrik
zum Mondrakete baun

wir schlagen uns
durch Dorntentakel
Wurzelkrallen Windenwürmer wir
raffen Holz
und ausrangierte Kästen aus Metall

wir stopfen Glas
faserwolle gegen Kosmoskälte
und Sternensplitter in lavede Wände

passt auf
die Fasern gehn beim Atmen in die Lungenblasen
schreit der Heizer aus dem schwarzen Fensterloch

Holunterbeeren sauen unsre Sachen blau
Brennesseln beißen unsre Beine bis zum Bauch
wir steuern unser Schiff mit Schrott
wir fülln mit hohlen Händen Pfützenbrühe
die schillert in den Tank der leckt

wir klotzen unsre Finger kriegen Risse
Motorbrummen mit dem Mund wir ziehen steile
steigende Spiralen in das All
bis wir verschmiert vom Diesseits
abgeschnitten in der Kapsel glühn

 

Eine ausführliche Besprechung zum Gedichtband von Kerstin Becker folgt.

 

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Ich war einmal: Ein großes Spiel mit Dresdnern und ihren Geschichten im Kleinen Haus

10 Dienstag Mai 2016

Posted by Lilli Vostry in Theater

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Die jüngste Produktion der Bürgerbühne im Kleinen Haus des Staatsschauspiel Dresden ist eine ganz besondere.  Ein bewegender und bewegungsreicher Abend treppauf, treppab quer durch Zeit- und Lebensräume voll berührender Lebensgeschichten zum Staunen, Lachen, Weinen, Nachdenken von jung und alt einander erzählt ist unter Regie von Lissa Lehmenkühler zu erleben. Vielleicht etwas viel auf einmal – drei Stunden lang – von unterschiedlicher Erzählkraft und Intensität, aber jeder Zuschauer kann ja spontan entscheiden, wie viele Geschichten-Runden  er drehen und wie sehr er sich auf dieses besondere Erzähltheater einlassen möchte.

Ausführliche Rezension folgt.

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Real Bodies: Blicke in den menschlichen Körper

10 Dienstag Mai 2016

Posted by Lilli Vostry in Kultur

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Die Ausstellung „Real Bodies“ – eine Reise in die Welt des echten, menschlichen Körpers ist erstmals in Deutschland, in Dresden zu sehen im Sarrasani Trocadero Theater-Zelt am Wiener Platz (noch bis 31. Juli).

Eingangs steht ein menschlicher Körper im Lebensrad. Kraftvoll und fragil zugleich wirkt die weiß und rot schimmernde, erhaltene Hülle aus Knochen und Muskeln. Einer anderen Gestalt sprießen Skelettmuskelstränge wie Flügel aus Armen und Beinen. Da sieht man den biegsamen Körper eines Artisten an einer Metallstange. Eine sitzende Gestalt mit Metallprothese am Kniegelenk. Eine grazile Tänzerin.

Faszinierende und berührende Blicke auf echte Körper und ihr Inneres, die buchstäblich unter die Haut gehen, zeigt vorerst nur in Dresden die Ausstellung „Real Bodies“ im Sarrasani Trocadero Theater-Zelt. Entwickelt wurde sie von italienischen Wissenschaftlern gemeinsam mit der Universität Padua anhand gespendeter Körperorgane. Die Ausstellung veranschaulicht als großes lebensechtes Lexikon, wie fein verwoben Gehirn, Herz, Kreislauf, Atmung und Verdauung sind. Zu sehen sind kranke und gesunde Organe, wie z.B. eine Raucherlunge. Nur Augen können nicht konserviert werden. Offen und direkt, aber ganz natürlich und ohne Effekthascherei begegnen einem die Körpermodelle, so dass die anfängliche Scheu und Skepsis angesichts ausgestellter menschlicher Körper sich verliert von Raum zu Raum.

Eine Mischung aus Neugier, Bewunderung und Ehrfurcht vor diesem so transparenten wie unergründlichen Wunder der Natur stellt sich ein. Schönheit, Vollkommenheit und Vergänglichkeit des Lebens und die Frage was Menschen einander hinterlassen treffen hier eindringlich aufeinander. Hinterher überwiegt bei aller Nachdenklichkeit die Freude am Leben zu sein, lockt das Café mit strahlend blauem Himmelszelt zum Verweilen nach dem Ausstellungsbesuch mit südlichen Leckereien.
Es gibt Führungen durch die Ausstellung mit Medizinstudenten auch für Familien und Gruppen.

Tickets & Infos erhältlich unter Tel.: 0700 – 727  727 264 und im Internet: http://www.real-bodies-dresden.de

Fotos: Pressestelle Real Bodies

 

 

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Vogelflug: Kalligrafie auf Fotografie im Hole of Fame

10 Dienstag Mai 2016

Posted by Lilli Vostry in Bildende Kunst

≈ Ein Kommentar

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 Kalligrafie-Zitate:

Ich wasche meine Federn und Flügel in der Frühe in der Quelle des reinen Regens.  (Bizhan Taraghi)

Öffne deine Flügel. Ich bin auf dem Weg. (unbekannt)

Das Beisammensein von Herzen ist wertvoller als eine gemeinsame Sprache. (Rumi)

Das Leben ist das Baden in dem Teich von heute. (Sohrab Sepehri)

Das Leben ist ein sonderliches Gefühl, was nur der fremde Zugvogel versteht. (Sohrab Sepehri)

Setze den Derwischtanz an. Lege die Kleider (die Last der Bindungen) ab und Tanze. (Hafez)

Heute ist alles auf dem Boden/der Erde unter meinen Flügeln. (Naser Khosro)

Der Himmel gehört mir. (unbekannt)

Ausstellung

„Having the same Feeling is better than having the same Tongue“ bis 15. Mai im Hole of Fame. Geöffnet: Mo bis So von 16- 20 Uhr

„Having the same Feeling is better than having the same Tongue“  ist eine 35-teilige Gemeinschaftsarbeit des iranischen Kalligrafen Hamid Khademi und des Dresdner Fotografen Silvio Colditz.
Aus dem langjährigen Foto-Projekt „Tiere in der Stadt“ von Silvio Colditz wurden 35 verschiedene Fotografien von Vögeln ausgewählt, die vom Meister der Shekasteh-Kalligrafie Hamid Khademi mit passenden Gedichtsauszügen kalligrafisch kommentiert und illustriert wurden. Die persischen Textzeilen sind sowohl mit deutschen Übersetzungen, als auch mit persischer Druckschrift versehen. So wird es dem Betrachter ermöglicht, nicht nur der meisterhaften Textauswahl zu folgen, sondern auch eine Idee der kalligrafischen Umsetzung des Textes als Grafik zu erlangen.

Text: Hole of Fame, Königbrücker Straße 39. www.holeoffame.de

Fotos zur Ausstellung (lv)

Hamid Khademi wurde 1961 im Iran geboren und lebte seit zwei Jahren in Dresden. Der Linguist und Lyriker lehrte als Dozent an der Universität von Isfaheran. Er übersetzte mehr als 80 Bücher aus dem Englischem ins Persische, darunter zahlreiche deutsche Klassiker.
Hamid Khademi war Meister der Shekasteh-Kalligrafie, eine Stilart die nur sieben persische Meister beherrschen. Er studierte diesen Stil bei mehreren namhaften Meistern und erhielt zahlreiche Auszeichnungen des Iranischen Kalligrafen Bundes. Als Meister des Shekasteh-Stils war er über 30 Jahre auch als Lehrer tätig.
Hamid Khademi starb am 16.4.2016.

Silvio Colditz, geboren im Erzgebirge, lebt in Dresden. Fotograf, Lyriker, Herausgeber der Literaturzeitschrift „Der Maulkorb“, (Mit-)Organisation von Festivals und Straßenfesten, Off-Spaces, Konzerten, Lesungen und Ausstellungen. Zahlreiche Doppelausstellungen, u.a. mit David Campesino, Alwina Heinz, Dirk Fröhlich oder Jaqueline Muth.
www.wortartefakte.blogspot.com

 

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Premiere Volpone: Nicht Liebe, sondern Geld macht blind!

08 Sonntag Mai 2016

Posted by Lilli Vostry in Theater

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Die Komödie Volpone oder Der Fuchs von Ben Jonson/Stefan Zweig eröffnete die neue Spielzeit in der St. Pauli Theaterruine.

Totgesagte leben länger. So ergeht es auch „Volpone oder der Fuchs“. Die Komödie von Ben Jonson, ein Zeitgenosse und Rivale Shakespeares, hatte frei bearbeitet von Stefan Zweig am Freitagabend Premiere und eröffnete zugleich die neue Spielsaison in der St. Pauli  Theaterruine am Königsbrücker Platz im Hechtviertel.

Er hasst Mitleid, doch er liebt den Applaus. Noch mehr versteht es der reiche venezianische Geizkragen Volpone (grandios: Olaf Nilsson) andere hereinzulegen, um noch mehr zu ergattern und zu glänzen. Listreich spielt er den Todkranken, sobald die habgierigen Nachbarn und Erbschleicher bei ihm auftauchen, zitternd und röchelnd auf edlen Polstern auf dem Rollenbett liegend und die geschenkten Goldstücke rasseln wie Herzschläge an seinem Ohr. Volpone hält die um seine Gunst Buhlenden zum Narren, verspottet und verachtet sie – ehrliche Schufte wären ihm lieber! – zugleich für ihre Geldgier und Heuchelei und bringt sie erbarmungslos gegeneinander auf. Seine drei gewitzt-gerissenen Diener (Carola Pohlan, Jens Döring und Jan Dietl), genannt die Schmeißfliegen, mit spitz pastoralen Hüten helfen ihm überall schmarotzend bei seinen immer neuen, hinterhältig-boshaften Streichen.

Auf die Bühne kam ein raffiniertes Possenspiel voller Witz, Lug und Trug und unschöner Wahrheiten über Geld und wohin es den Menschen treibt, turbulent und nah am Publikum inszeniert unter Regie von Jörg Berger und in farbenfrohen Kostümen im Stil der Commedia dell`arte (Ausstattung: Veronika Knigge und Linn Seifert). Manchmal etwas übertrieben gespielt und mit einigen drögen juristischen Textpassagen, umschmeicheln und streiten die Nachbarn erbittert komisch, um im Testament Volpones als alleiniger Erbe zu stehen. Darunter Frau Geier, die eitel-geldlüsterne Notarin (Angela Huth). Der rasend eifersüchtige Kaufmann (Karl Weber) führt seine junge schöne und arglose Frau (Susanne Hilpert) gar selbst Volpone zu, der danach vor Lebenslust strotzt, und bezichtigt sein Täubchen hinterher der Untreue.

Ein alter Wucherer (Matthias Starke) enterbt seinen  weniger cleveren Sohn (Lutz Koch) zugunsten Volpones. Absurdkomischer Höhepunkt der doppelzüngigen Maskerade ist die Gerichtsszene, bei der jeder Opfer und Täter ist. Am Ende drehen Volpones Diener den Spieß um und ist er selbst der Narr und Betrogene. Fazit: Nicht Liebe, sondern Geld macht blind! Viel Beifall.

Nächste Vorstellungen: 18.6., 20 Uhr und 19.6., 17 Uhr.

Kartenvorverkauf und Information:

Theaterbüro, Hechtstraße 32, 01097 Dresden

Tel.: (0351) 272 14 44

http://www.pauliruine.de

Inszenierungs-Fotos: Astrid Rabe

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Wiederentdeckt: der Lößnitz-Maler Karl Sinkwitz

08 Sonntag Mai 2016

Posted by Lilli Vostry in Bildende Kunst

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Malerei und Grafik zeigt zum 130. Geburtstag des Künstlers eine Gedenkausstellung in der Stadtgalerie Radebeul

In warmen und erdigen Farbtönen schweift der Blick über die Lößnitzhänge, schlängeln die Uferstraße und die Elbe bei Kötzschenbroda unter türkisblauem Himmel. Stehen Leute an einer Anlegestelle mit Fähre und Segelschiffen. Wandert das Licht über saftiges Grün, Gartenlauben, Terrassen, Villengebäude und Bauernhäuser. Eine alte Dorfansicht von Kötzschenbroda mit hellen Ziegeldachhäusern, davor Baumreihen, Ziehbrunnen, Litfasssäule, Leiterwagen und umhertollende Kindern auf dem Anger ist auch als Plakat in der Ausstellung erhältlich. In diesen Bilderlandschaften wechseln luftig-heitere, klare und neblig-verhaltene Farbstimmungen in den Kohlezeichnungen auf getöntem Papier und farbigen Pastellen.

Beim Betrachten vergisst man, dass sie aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts stammen. Unter dem Titel „Ringen um Licht und Gestaltung“ sind derzeit Malerei, Zeichnungen, Graphiken, Entwürfe und Dokumente anlässlich des 130. Geburtstages des Künstlers Karl Sinkwitz in einer Gedenkausstellung in der Stadtgalerie Radebeul in Altkötzschenbroda 21 zu sehen. Sie versammelt so prägnante wie feinsinnige und detailreiche Ansichten von Landschaften, Orten und Menschen in den teils bröckligen Originalrahmen. Neben Blättern der Lößnitzlandschaft und dem Meißener Elbtal finden sich Blicke auf die Bautzner und Nürnberger Altstadt, ländliche Szenen mit Blumenwiesen, Baumgruppen, Kirschenpflücker in Gauernitz, eine muntere Schafherde und Meer, Möwen und Steilküste an der Ostsee. Zu sehen sind heiter-beschwingte und dunkle, schmerzliche Momente eines vielseitigen Malerlebens in bewegter Zeit. Es ist die erste Einzelausstellung, die dem Künstler bisher zuteil wurde.

Ist von den Lößnitz-Malern die Rede, fallen einem sofort Namen wie Paul Wilhelm, Karl Kröner und Theodor Rosenhauer ein. In den Kreis dieser um 1900 geborenen Künstlergeneration gehört auch der heute fast vergessene Karl Sinkwitz. Er wurde am 9. April 1886 in Niederlößnitz geboren und interessierte sich schon in jungen Jahren für Architektur, Kunst, unternahm Malreisen und Rucksackwanderungen rund um Dresden, Pillnitz bis nach Böhmen. Er absolvierte die Kunstgewerbeschule in Dresden und war von 1909 bis `1914 freischaffend als Gebrauchsgraphiker tätig. Im Sommer desselben Jahres muss der Maler zum Kriegsdienst und erleidet 1915 eine Beinverletzung.

Blätter aus seinem Skizzenbuch, im französischen Ort Cirey entstanden, zeigen ihn zusammen mit anderen Soldaten in grauen, rot umrandeten Uniformen eng zusammen gepfercht im Mannschaftsraum, in angespannter Ruhe, rauchend oder auf der Pritsche ein Buch oder Zeitung lesend. Über „Parux im Stellungskrieg“, 1914 erzählt eine Zeichnung mit zwei hinter einem Holstapel verschanzten Soldaten mit Gewehren, ringsum brennende Häuser, tote Soldaten und in der Mitte eine hell erhaben aufragende Kirche. In der friedlichen Weite der Landschaft erinnert daran auf leuchtend gelber Flur ein Feldgrab mit Holzkreuz.

Außerdem begegnet man mehreren Selbstbildnissen in Öl auf Leinwand von Karl Sinkwitz, die ihn als jungen und reifen Mann mit aufmerksam-offenem Blick und in einer Aktstudie in der Natur selbstbewusst im Adamskostüm vor der Staffelei stehend zeigen. Neben Porträts seiner Frau Charlotte ist eine berührende Bleistiftzeichnung des früh verlorenen ersten Kindes zu sehen sowie Porträts der danach geborenen zwei Söhne, der jüngere ist seit 1945 vermisst. Der 1925 geborene Sohn Bernhard starb 2011 in Radebeul. Karl Sinkwitz starb nur 47jährig nach längerem Krankenhausaufenthalt im November 1933 in Großschweidnitz. Seine letzte Ruhestätte fand er in Radebeul.

Mit dieser Ausstellung dankt die Stadt Radebeul postum Bernhard Sinkwitz sowie der Erbengemeinschaft für die großzügige Schenkung von Werken aus dem Nachlass des Malers und Graphikers Karl Sinkwitz an die Städtische Kunstsammlung Radebeul. Dort sind überdies Spenden für die stark restaurierungsbedürftigen Bilder willkommen. Bilder von Karl Sinkwitz befinden sich außerdem in den Museen in Görlitz, Zittau und Bautzen.

Am letzten Ausstellungstag am Sonntag, dem 8. Mai um 16 Uhr sind Kunstfreunde herzlich zu einer Sonderführung mit der Galerieleiterin Karin Baum durch die Bilderwelt von Karl Sinkwitz in der Stadtgalerie Radebeul eingeladen.

Die nächste Ausstellung zeigt ab 20. Mai unter dem Titel „Fährtensuche“ neue Bilder und Objekte von Andreas Hanske.

 

 

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„Terror“ im Schauspielhaus

04 Mittwoch Mai 2016

Posted by Lilli Vostry in Theater

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22932_terror1ama391-2 Anklägerin Nelson (Christine Hoppe)

Leben auf der Waagschale

Darf der Staat Dutzende töten, um Zehntausende zu retten?

Um die Abwägung von Leben gegen Leben im Anti-Terror-Kampf dreht sich „Terror“ von Ferdinand von Schirach im Schauspielhaus Dresden. Dieses außergewöhnliche Gerichts-Theaterstück zwingt den Zuschauer nicht nur zur moralischen Reflexion, sondern zur persönlichen Entscheidung: Darf Terrorabwehr auch Leben nehmen oder nicht? Kurz vor Ende des Verhandlungstheaters dürfen und müssen die Besucher per Hammelsprung und Mehrheitsentscheidung abbestimmen, wie das Stück endet…

Gerichtsprozess im Theater

Aufgebaut hat von Schirach sein dialektisches-didaktisches Stück als Gerichtsverhandlung: Angeklagt ist Major Lars Koch (Jonas Friedrich Leonhardi), der als Eurofighter-Pilot einen entführten Airbus mit 164 Passagieren an Bord abgeschossen hat – um den Sturzflug auf ein Stadion mit 70.000 Menschen darinnen zu verhindern. Und: Koch schoss gegen den ausdrücklichen Befehl der Verteidigungsministerin und seines Vorgesetzten Christian Lauterbach (Tom Quaas).

Das kleinere Übel?

Das war eine vernünftige Güterabwägung, die Wahl des kleineren Übels, meint Kochs Verteidiger Biegler (Ben Daniel Jöhnk): Die Menschen im Flugzeug wären wenige Minuten später beim Aufschlag des Airbus‘ in die Münchner Arena in jedem Fall gestorben – durch den Abschuss aber habe Major Koch Zehntausende gerettet.

Spielt das Militär mit falschen Karten?

Aber: Stimmt das wirklich?, fragt Anklägerin Nelson (Christine Hoppe). Hat das Militär nicht vielmehr zu sehr auf ein gewaltsames Ende der Entführung gesetzt und deshalb gar nicht erst versucht, das Stadion zu räumen? Und selbst wenn: Hatte der Eurofighter-Pilot überhaupt das Recht, Gott zu spielen und das Leben der 164 gegen das der 60.000 aufzuwiegen?

Leider leidet die Inszenierung an einem Ungleichgewicht: Allzu sehr schubst das Stück den Zuschauer dahin, Koch zu verurteilen, allzu schwach lässt von Schirach den Verteidiger Biegler im Vergleich zur Staatsanwältin argumentieren und agieren. Zudem legt er Koch und Biegler Argumente wie „Es ist eben Krieg“ in den Mund, die beim (vor allem ostdeutschen) Zuschauer automatische Abwehrreflexe mit Blick auf den umstrittenen US-Antiterrorkampf auslösen. Damit zerstört er das Gleichgewicht der Argumentation, programmiert die Entscheidung des Publikums.

Urteil per Hammelsprung

Nach den Plädoyers schickte der Vorsitzende Richter (Burghart Klaußner) die Theaterbesucher in die Pause, forderte sie auf, nach ihrer Rückkehr ihr Urteil zu fällen: Wer Koch als Mörder verurteilt sehen will, geht durch die Tür mit der Aufschrift „Schuldig“, andernfalls durch die „Nicht schuldig“-Tür – und die Einlass-Damen zählen bei diesem als „Hammelsprung“ bekannten Verfahren mit. Der Kiepenheuer-Verlag dokumentiert übrigens die Abstimmungsergebnisse aller Aufführungen deutschlandweit hier im Internet….

Der letztlich doch etwas verhaltene Beifall mag einerseits durch das angesprochene Ungleichgewicht der Argumente erklärbar sein, aber auch auf die grundsätzliche Schwäche, die das Grundkonstrukt einer möglichst authentischen Gerichtsverhandlung im Theatersaal mit sich bringt: Das sehr formale Procedere lässt eben nur wenig Spielraum für schauspielerische Glanzlichter – „Terror“ ist mehr Verstandes- als emotionales Theater.

Autor: Heiko Weckbrodt/oiger.de

-> „Terror“ im Staatsschauspiel Dresden, Theaterstraße 2, nächste Vorstellungen: 6., 11. und 17. Mai 2016

Regie Burghart Klaußner
Bühne Bernhard Siegl
Kostüm Marion Münch
Licht Jürgen Borsdorf
Dramaturgie Beret Evensen

Bildunterschriften:

Pilot Lars Koch (Jonas Friedrich Leonhardi, Mitte) räumt den Abschuss ein, argumentiert aber: Ich musste diesen Airbus vom Himmel holen, um Zehntausende zu retten. Und sein Verteidiger Biegler (Ben Daniel Jöhnk) sagt: Ja, manchmal können wir nicht anders und müssen das kleinere Übel wählen.
Foto: David Baltzer, Staatsschauspiel Dresden

Anklägerin Nelson (Christine Hoppe) vertritt als Staatsanwältin die Rechtsposition des Verfassungsgerichtes. Und das hat entschieden: Der Staat darf auch im Anti-Terror-Kampf nicht Leben gegen Leben abwägen, spricht: Der Staat darf zivile Flugzeuge, die Terroristen in ihre Gewalt gebracht haben, nicht abschießen lassen. Foto: David Baltzer, Staatsschauspiel Dresden

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Amphitryon an den Landesbühnen Sachsen

04 Mittwoch Mai 2016

Posted by Lilli Vostry in Theater

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Humorvolles Spiel um Schein und Sein

 

Frau Nacht schiebt einen kugelrunden Mondkinderwagen am Sternenhimmel entlang. Sie ist, gespielt von Anke Teickner, die Komplizin des Gottes Jupiter, der in Gestalt des Feldherrn Amphitryon eine Liebesnacht mit dessen Frau Alkmene verbringt.
Was ist Wahrheit und was bleibt vom Ich, wenn ein Anderer den eigenen Platz einnimmt? Dem geht die Komödie „Amphitryon“ von Molière nach, die an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Premiere hatte.   Zu erleben ist eine Verwechslungskomödie voll doppelbödigem Witz, Leichtigkeit und Tiefsinn über Schein und Sein, Liebe, Betrug, Wahrheit und Selbsttäuschung unter der Regie von Peter Kube. Eine Tür und ein Bett markieren Besitz und Begehrlichkeiten, wer gerade drinnen oder draußen steht, wie sich alles ins Gegenteil verkehrt und nichts mehr selbstverständlich ist.

Der kraftprotzende Feldherr Amphitryon (Sascha Gluth) kommt nach siegreicher Schlacht nicht in sein eigenes Haus und sucht erbittert das Geheimnis um seinen Doppelgänger (galant-gerissen: Matthias Henkel) zu lüften, der seine ahnungslose Frau Alkmene verführte (gefühlsstark: Julia Vincze). Er will nicht als ihr Gatte, sondern als Geliebter gesehen werden, der in Leidenschaft zu ihr entbrennt und verwirrt sie damit vollends. Denn beide sind ihr stets eins gewesen. Nun erlebt sie diese Trennung leibhaftig. Als sie ihm von letzter Nacht vorschwärmt und er sich an nichts erinnern kann und alles bestreitet, zieht sie sich verletzt und wütend zurück, zweifelt an seiner Liebe. Bald wissen beide nicht mehr, was Traum und Wirklichkeit ist. Amphitryon stürmt los, um seine Mannesehre zu rächen.

Er brennt darauf, das Geheimnis zu enthüllen und fürchtet es gleichzeitig noch mehr als den Tod. Als betrachte er sein eigenes Spiegelbild, steht er dem anderen Amphitryon gegenüber, streiten sie mit Schwert und Fäusten, wer der Echte ist. Aus den Fugen gerät auch das Verhältnis zwischen Herr und Knecht, als Merkur (Michael Berndt-Cananà) die Gestalt des Dieners annimmt. Er tritt als windiger, großmäuliger Grobian auf, der seine Rolle eisern durchzieht.

Doch Diener Sosias (gewitzt: Grian Duesberg), der zuerst im Publikum sitzt und per Handy-Anruf auf die Bühne gerufen wird, durchschaut bald das doppelte Spiel und verteidigt wacker sein Ich, auch wenn er Schläge einsteckt. Und auch seine Frau Cleanthis (temperamentvoll: Sophie Lüpfert) ist sauer auf ihn, weil er sie beschimpft und vernachlässigt und er fühlt sich zu Unrecht beschuldigt, war es doch der Andere, der ihm Gesicht und Namen stahl.
Jupiter und sein Diener Merkur flüchten als es ihnen zu brenzlig wird in den Himmel. Während Sosias wütend und erleichtert den Vorhang zuzieht. Letztlich bleibt doch nur, sich selbst zu vertrauen.
Herzlicher Beifall.

Gedanken zum Stück aus dem Programmheft:

„Alles entgleitet sich selbst, alles macht sich über seine eigene Wahrheit lustig, alles schlägt sich auf die Seite der Verführung. Diese Besessenheit, die Wahrheit zu enthüllen, zur nackten Wahrheit vorzustoßen, die durch alle unsere interpretierenden Diskurse geistert, die obszöne Besessenheit, das Geheimnis zu lüften, steht in genauer Entsprechung zur Unmöglichkeit, jemals dorthin vorzustoßen.“ Jean Baudrillard

Nächste Vorstellungen: 20.5., 19.30 und 10.6., 20 Uhr

 

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Lilli Vostry

Ich bin als Freie Journalistin (Wort/Foto) seit 1992 in Dresden tätig. Schreibe für Tageszeitungen und Monatsmagazine vor allem Beiträge über Bildende Kunst, Theater, soziale Projekte und Zwischenmenschliches. Außerdem Lyrik und Kurzprosa. Bisher vier BilderGedichtKalender zusammen mit Künstlern veröffentlicht. Fernstudium Literarisches Schreiben im Herbst 2022 erfolgreich abgeschlossen, Schriftstellerdiplom. Kindheitstraum erfüllt. Fotografiere gern Menschen, Landschaften, besondere Momente.

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