Ausstellung Gerda Lepke. Malerei und Peter Makolies. Skulpturen auf Schloss Burgk in Freital


Himmelweite Landschaften aus der Vogelperspektive & still versunkene Köpfe aus Feldstein: Die Künstlerin Gerda Lepke in der gemeinsamen Ausstellung mit Bildhauer Peter Makolies auf Schloss Burgk in Freital, die am Sonntag eröffnete.

Lebhaftes Zwiegespräch der Farben und Formen

Farbflirrende, kraftvolle Malerei und Zeichnungen von Gerda Lepke treffen auf kantige, weiche und still versunkene Skulpturen von Peter Makolies in einer gemeinsamen Ausstellung auf Schloss Burgk in Freital.

Der Himmel spannt sich groß und weit auf der Leinwand. Graublau getupft und wolkenbewegt, zerzaust. Davor ein versonnenes, in sich lächelndes Gesicht aus erdbraunem Feldstein. Ringsherum an den Wänden Bilder von Landschaften, mit Farbballungen und Linienschwüngen, die aneinander stoßen, ineinander fließen, zusammen schwingen und sich überlagern. Ein lebhaftes Zwiegespräch von Farben und Formen begegnet dem Betrachter in der Ausstellung „Gerda Lepke. Malerei und Peter Makolies. Skulpturen“, die in den Städtischen Sammlungen Freital auf Schloss Burgk mit reger Besucherresonanz am vergangenen Sonntag eröffnete.

Zu sehen ist eine Auswahl früher und neuer Werke einer Künstlerin und eines Künstlers, die viele Jahre in Dresden wirkten und sich schon lange kennen und schätzen. Die pulsierenden, farbflirrenden und fließenden Landschaften, expressiven Körperbilder und Porträts von Gerda Lepke treffen auf die still versunkenen, in sich ruhenden Skulpturen. Darunter glatte, weiche, kantige, trauernde und träumende Köpfe und Gesichter von Peter Makolies, die er oft aus schlichten Feldsteinen sichtbar werden lässt. Anfängliche Bedenken, die Arbeiten von Lepke und Makolies könnten nicht zueinander passen, verflogen beim Aufbau der Ausstellung. „Ihre Arbeiten vertragen sich, gehen Beziehungen ein und erzählen Geschichten“, sagte Kristin Gäbler, Leiterin der Städtischen Sammlungen Freital und Kuratorin der Ausstellung zur Eröffnung. Dazu passten die sphärischen, mal hellen, klaren, meditativen und jazzigen Klänge auf der Trompete und zeitversetzt, nachhallenden Electronics von Michael Gramm zur Einstimmung auf die Schau, deren Arbeiten teils stark kontrastieren, für sich stehen und in ihrer unruhigen, suchenden Bewegtheit und aufmerksamen, bewegten Stille ergänzen.

Die Arbeiten beider Künstler strahlen eine große Hinwendung und Verbundenheit mit der Natur, ihrer Schönheit und Erhabenheit, Stärke und Fragilität aus. Gerda Lepke wurde 1939 in Jena geboren und absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester in Güstrow, bevor sie 1963 zum Abendstudium an die Kunsthochschule nach Dresden kam. Hier studierte sie von 1966 bis `71 Malerei und Grafik bei Gerhard Kettner, Herbert Kunze, Jutta Damme und Paul Michaelis. Seit 1971 arbeitet sie freischaffend in Dresden und lebt inzwischen in Wurgwitz. Gerda Lepke wurde als erste Künstlerin 1993 mit dem Kunstpreis der Stadt Dresden ausgezeichnet. Die Künstlerin malte mit großem Pinsel auf den am Boden liegenden Leinwänden und Blättern oft in der Natur und verwandelte das Gesehene in ein Bild, in dem Licht und Farbigkeit eine wesentliche Rolle spielen. Schon ihre frühen Arbeiten zeigen „Pflanzliches“ in meist erdigen, sonnigen, grünen und blauen Farbtönen. Elblandschaften, der Blick vom Laubegaster Ufer auf die gegenüberliegenden Elbhänge, Bäume, Büsche, Flussspiegelungen und Himmel sind ihre bevorzugten Motive. Außerdem zeigt sie frühe figürliche Ölbilder und luftig-leichte, farbige Feder- und Tuschzeichnungen und Aquarelle auf Japanpapier mit liegenden, schwebenden und tanzenden Frauenfiguren, ein großformatiges, reizvoll-sinnliches Bild „Nach barocker Plastik“ von 1999/2001, eine sehnsuchtsvolle Paar-Zeichnung zu einem Gedicht „Aranka“ von Wolfgang Borchert von 1989 und ein Christuskopf mit Dornenkrone von 2008.

Ein knorrig, dunkler Ast vor dem Atelierfenster, ein Pflaumenzweig und ein fesch-energisches Selbstbildnis mit Atelierhut, türkis umrandet, begegnen den markanten, steinernen Köpfen, spurenreich, feinfühlig und rau das Material, von Peter Makolies. Er wurde 1936 in Königsberg geboren und ist in Wölfis (Thüringen) aufgewachsen. Er absolvierte eine Steinmetzlehre in der Zwingerbauhütte Dresden von 1953 bis `56 und belegte Zeichenkurse an der Volkshochschule Dresden bei Jürgen Böttcher (Strawalde) mit Ralf Winkler (A.R. Penck), Peter Kaiser, Peter Herrmann und Peter Graf. Seit 1965 ist Peter Makolies als freier Bildhauer in Dresden und in der Denkmalpflege (bis 1975) tätig. 2001 begann seine Arbeit mit Feldsteinen. Zwei neue, kleine Skulpturen von Makolies stehen gleich im Eingangsraum, ein „Samurai“ aus Bronze und „Der blinde Prophet“ aus Pagodenstein von 2022, der vielsagend seine Hand aufs Herz hält. Die Ausstellung ist noch bis 9. Juli auf Schloss Burgk zu sehen.

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Geöffnet: Di bis Fr 12 bis 16 Uhr, Sa, So und Feiertag 10 bis 17 Uhr.

Lesung mit Natur-Lyrik & Prosa von Carolin Callies und Marion Poschmann im Erich Kästner-Literaturhaus Dresden

Von Teilchenzoo, Laubwerk und Kieferninseln

Eine Lesung und Gespräch mit den Autorinnen Carolin Callies und Marion Poschmann aus ihren neuen Texten gibt es für Literaturbegeisterte und Freunde
des gepflegten Mensch-Natur-Gemischs am 11. Mai, 19 Uhr im Erich Kästner-Literaturhaus/Villa Augustin am Albertplatz in Dresden.

In einem Mix aus Lesung, Gespräch und Tonkunst stellen Carolin Callies und Marion Poschmann am Donnerstag im Rahmen der Kästner‘schen Themenreihe „Resignation ist kein Gesichtspunkt“ Lyrik und Prosa-Auszüge vor, in denen die Natur tonangebend ist.

“Witzig, lustvoll. Eine große Erfahrung. Ein Perspektivenwechsel, der unter die Haut geht.”, so der ORF über Carolin Callies‘ lyrische Versuchsanordnung, das Poem „Teilchenzoo“, für das die Autorin vorab mit einem Stipendium des Deutschen Literaturfonds sowie mit dem Förderpreis des „Deutschen Preises für Nature Writing“ ausgezeichnet wurde.

Marion Poschmann, eine der bekanntesten Lyrikerinnen hierzulande, unterscheidet sich von den meisten ihrer Kollegen dadurch, dass bei ihr die Natur eine bedeutende Rolle spielt. In dem Essay „Laubwerk“, den sie eigens für einen Wettbewerb geschrieben und ihn damit auch gewonnen hat, wird ihre Grundhaltung sehr deutlich. Und sie entwirft in diesem Text wie nebenbei eine auch auf aktuelle politische Fragen bezogene Poetologie. (Deutschlandfunk Kultur).
Poschmanns Roman „Die Kieferninseln“ (u.a. nominiert für den Man Booker International Prize 2019) und den mehrfach ausgezeichneten Gedichtband „Nimbus“ hat der Abend ebenfalls im Gepäck.

Lassen Sie sich inspirieren!

Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr.
Um Voranmeldung wird gebeten.

Text:
Das Erich Kästner Haus für Literatur e.V.

Villa Augustin
Antonstraße 1
01097 Dresden
Tel 0351 / 8045087

kontakt@kaestnerhaus-literatur.de
www.kaestnerhaus-literatur.de

Ausstellung „Unverzagt“ von Angela Hampel in der Galerie Mitte


„Im Eis“: Selbstbildnis von Angela Hampel. Zwei Engel vor dem Abflug, einer hält den anderen: Vor dem Bild steht Galeristin Karin Weber.

Wie Phönix aus der Asche

Eine Werkgruppe mit „Aschebildern“ zeigt die Künstlerin Angela Hampel erstmals in ihrer neuen Ausstellung „Unverzagt“ mit Malerei, Zeichnungen und Druckgrafik, die beeindruckend und berührend von Leben, Liebe, Tod und Vergänglichkeit erzählen in der Galerie Mitte.

Wie Phönix aus der Asche entsteigen weißgraue Figuren mit schattenhaften Gesichtern und fragiler, fast durchsichtiger Haut dem schwarzen Malgrund. Die Werkgruppe mit „Aschebildern“ ist erstmals zu sehen in der Ausstellung „Unverzagt“ mit Malerei, Zeichnungen und künstlerischer Druckgrafik von Angela Hampel in der Galerie Mitte, Striesener Str. 49 in Dresden (noch bis 10. Juni zu sehen).

Die Arbeiten sind in den letzten zwei Jahren entstanden. Versammelt sind Bilder mit Paaren., die sich halten oder mit Beeren beschenken, Selbstbildnisse, Frauen mit Tieren, Katze und Maus, Rabe, Fischen, Schlange und wilde Natur mit heulend sich umarmenden Wölfen und Raubkatzen. Das Selbstbildnis „Im Eis“ zeigt eine Frau mit Fellmütze inmitten einer Vogelschar, die sie schützen und wärmen vor der Kälte. Die Aschebilder beunruhigen und berühren mit ihren starken Hell-Dunkel-Kontrasten und ihrer zarten Verletzlichkeit. Mit Ruß und anderen Materialien hat sie auch schon gearbeitet. Das verbrannte Holz stammt von alten Apfelbäumen in ihrem Garten und war ihr zu schade, wegzuwerfen, erzählt Angela Hampel. So nahm sie die Asche zum Malen, verdünnt mit Zell-Leim. Das sei sehr arbeitsaufwendig, das Mischungsverhältnis muss stimmen, sonst zerfällt das Ganze. Sichtbar wird das Gezeichnete erst im Trocknungsprozess und ist damit auch künstlerisch reizvoll und überraschend.

„Asche entspricht auch der trüben Stimmung im Land, die Situation insgesamt sieht gerade mehr aschig aus“, sagt sie. Ihre Bilder spiegeln spannungsvoll die Gegensätze von Leben, Liebe, Tod und Vergänglichkeit. Schönes und Bedrohliches, Verführung und Verletzlichkeit, Sehnsucht nach Geborgenheit und Halt, Fressen und Gefressen werden nah beieinander. Neu ist eine vierteilige Figurengruppe „Der Querulant“ aus Schamotteton. Drei der kompakten Körper mit geschlossenen Augen liegen in eine Richtung ausgerichtet, einer liegt quer. Diese Arbeit nimmt ironisch den Herdentrieb und gleichgeschaltete Denkweisen auf`s Korn, so Angela Hampel.

Außerdem zeigt sie großformatige, farbkräftige figürliche Malerei. Wie das Bild „Das Schwein wird geschlachtet“, das über dem Sofa im Galerieraum hängt. Zwei Frauen halten auf der Leinwand die leidende, geschundene Kreatur.
Umgeben von zwei Landschaften, urig-stachligen Weiden und hohen, aufrecht am Hang stehenden Pappeln. Und ein großes Ölbild mit zwei Engeln, einer hält den anderen. Kräftige Flügel haben und brauchen sie in stürmischen, widrigen Zeiten. „Der Ausstellungstitel `Unverzagt` steht dafür, dass die Künstlerin weder links noch rechts schaut und immer ihren eigenen Weg gegangen ist. Ihre Arbeiten setzen sich immer mit geschlechterspezifischen, gesellschaftlichen Rollenzuweisungen von Männern und Frauen auseinander. Sie war und ist immer für eine Begegnung auf Augenhöhe“, sagt Galeristin Karin Weber (62). Sie kennt Angela Hampel seit 1984. Die 1956 in Räckelwitz geborene Künstlerin hat als Forstfacharbeiterin und Kraftfahrerin gearbeitet und studierte von 1977 bis 1982 an der Dresdner Kunsthochschule bei Prof. Jutta Damme und Dietmar Büttner. In diesem Jahr wurde Angela Hampel für ihr Schaffen mit dem Kunstpreis der Stadt Dresden 2023 ausgezeichnet, dotiert mit 7 000 Euro.

Ein Künstlergespräch mit ihr gibt es am 11. Mai, 19.30 Uhr in der Ausstellung  und zur Finissage am 9. Juni, 19.30 Uhr eine Lesung „Wechselhäcksel“ zwischen Róza Domascyna und Michael Wüstefeld.

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Buchpremiere zum Essayband „Geist und Müll. Von Denkweisen in postnormalen Zeiten“ von Guillaume Paoli in der Volksbühne Berlin

Archäologie der verdrängten Einsichten

Am 30. März ist der Essayband »Geist und Müll. Von Denkweisen in postnormalen Zeiten« von Guillaume Paoli erschienen.
Die Buchpremiere findet statt am Mittwoch, den 10. Mai um 20 Uhr im Roten Salon der Volksbühne (Linienstraße 227, 10178 Berlin).
Guillaume Paoli wird seine Texte vorstellen und mit Alexander Karschnia (Theatermacher und -wissenschaftler) darüber sprechen.
Eintrittskarten sind noch hier zu erwerben.

Guillaume Paolis Plädoyer für einen aufgeklärten Katastrophismus ist zugleich ein wütendes Manifest gegen den Bullshit: »Geist und Müll« räumt auf mit den leeren Sprechblasen, die uns den Blick verstellen und das gemeinsame Handeln angesichts des menschengemachten Desasters unmöglich machen. Nicht nur das Unheil erscheint unwirklich, sondern auch und vor allem der Alltag. Deshalb ist es höchste Zeit, Unruhe in die Debatte zu bringen und über die Bedingungen der Möglichkeit des Denkens heute zu reflektieren. In den Texten des ermüdenden Fortschrittsglaubens der 1960er- und 1970er-Jahre stößt Paoli bereits auf alles, was es zum Verständnis der Situation braucht. Sein Essay wird so zugleich zu einer Archäologie verdrängter Einsichten, zum Prolegomena einer Wissenschaft vom Müll sowie zu einer rigorosen Verurteilung unserer Gegenwart.

Guillaume Paoli: Geist und Müll
Von Denkweisen in postnormalen Zeiten
Hardcover mit Schutzumschlag
268 Seiten | 22 Euro | Buch bestellen | Leseprobe
Auch als Ebook erhältlich

 

Guillaume Paoli, 1959 in Frankreich geboren, lebt in Berlin und war Mitbegründer der Glücklichen Arbeitslosen, deren Manifeste 2002 unter dem Titel Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche erschienen, sowie Hausphilosoph im Leipziger Theater. Für Matthes & Seitz Berlin veranstaltete er in den letzten Jahren eine Diskussionsreihe im Roten Salon der Berliner Volksbühne.

Foto: © Renate Koßmann

Leipziger Buchmesse: Großartiges Bücherfest & Die LeserInnen haben sich ihre Messe zurückerobert

UND WIE SIE GEFEHLT HAT!

274.000 Besucher:innen feierten die Literatur auf der Leipziger Buchmesse und dem Lesefest Leipzig liest

Es war ein großes Fest. Überall auf der Messe und in der Stadt war die Freude erlebbar: Die Leipziger Buchmesse ist zurück und mit ihr die Manga-Comic-Con und das Lesefest Leipzig liest. Ob bei den Preisverleihungen, Standeröffnungen oder Veranstaltungen – überall kam die Freude zum Ausdruck, nach drei Jahren endlich wieder die Messehallen öffnen und Lesebegeisterte wie Literaturschaffende nach Leipzig einladen zu können. 2.082 Aussteller:innen und Verlage aus 40 Ländern sowie mehr als 3.200 Mitwirkende aus aller Welt haben die vergangenen Tage und neuen Buchmesseformate wie die #buchbar, das Forum Offene Gesellschaft oder den JugendCampus UVERSE gestaltet.

Ob an den Verlagsständen, bei den Lesungen und Vorträgen, in den bunten Hallen der Manga-Comic-Con oder auch auf der Antiquariatsmesse und bei den 3.000 Veranstaltungen von Leipzig liest: Bücherfans, Schriftsteller:innen, Zeichner:innen, Verlagsvertreter:innen, Literaturkritiker:innen, Übersetzer:innen – alle, die Literatur bewegt und die Literatur bewegen, waren in dieser Woche in Leipzig zu Gast, um das Wort zu feiern und um die vergangenen drei Jahre nachzuholen.

„Ohne die Leipziger Buchmesse geht es nicht. Wie sehr sie allen gefehlt hat, zeigen die vielen emotionalen Worte, die in den vergangenen Tagen gefallen sind. Die Buchmesse war ein großes Fest der Literatur. Das zeigen die 274.000 Lesebegeisterten, die zur Leipziger Buchmesse und dem Lesefest Leipzig liest gekommen sind“, so Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe.

„Was für ein Comeback! Die Leipziger Buchmesse hat aufs Beste bewiesen, warum sie im Bücherfrühling unentbehrlich ist. Nach drei Jahren schmerzvoller Pause hat sie sich erneut als bedeutendes Forum für die Branche und öffentliche Bühne für Bücher und das Lesen gezeigt“, so Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. „Leipzig versprüht Buchbegeisterung an jeder Ecke – das ist so wichtig, um gerade junge Menschen ans Lesen heranzuführen. Die Branche hat die Messe zum intensiven Austausch genutzt und konnte zeigen, wie engagiert und selbstbewusst sie trotz wirtschaftlicher Herausforderungen ist. Hochaktuelle politische Debatten wechselten sich ab mit Bildungsworkshops und großem Cosplay-Wettbewerb – das spiegelt die unglaubliche Vielfalt des Buchmarkts wider, die elementar für unsere Gesellschaft ist und die es unbedingt zu erhalten gilt.“

„Die Leser:innen haben sich ihre Messe zurückerobert“, so Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse. „Die Branche ist begeistert, mit welcher Herzlichkeit und Entspanntheit das Bücherfest gefeiert wurde. Die Autor:innen sind glücklich, endlich wieder ihr Publikum persönlich getroffen zu haben. Der Schwung der letzten Tage gibt uns Rückenwind für alles Kommende.“

„meaoiswiamia“ – Gastland Österreich begeistert Tausende

„Das gemeinsame Wir“ steht auch im Zentrum des Auftritts des diesjährigen Gastlandes. Unter dem Motto „meaoiswiamia“ feierte Österreich die Vielfalt seiner Autor:innen, seiner Literatur und der Sprachen. Welche Vorteile es habe, mehrsprachig beziehungsweise mit mehreren Mundarten gleichzeitig aufzuwachsen, davon berichtete auch der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen im Rahmen der feierlichen Eröffnung der Buchmesse am Mittwochabend. Rund 200 Autor:innen aus Österreich kamen nach Leipzig, um am Gastlandstand, auf dem Messegelände sowie im Stadtgebiet bei rund 110 Veranstaltungen Einblicke in die österreichische Literatur und Kultur zu geben.

„Die Leipziger Buchmesse hat alle Vorstellungen übertroffen“, so Katja Gasser, künstlerische Leiterin des Gastlandauftritts. „Der größte Glücksmoment war, als zur Eröffnung unseres Gastlandstands kein Plätzchen frei blieb. Der Andrang, die Begeisterung, die übervollen Lesungen, das aufgeschlossene Publikum – einfach beglückend. Die Leute sind gern mit auf Entdeckungsreise gegangen, haben die 400 Quadratmeter ‚erwandert’ wie eine alpine Landschaft und sich auf Debatten eingelassen. Unsere Sprachskulptur ‚meaoiswiamia’ prägte die ganze Stadt. Gastland zu sein, ist eine große Verantwortung und ein Ereignis, das nachhallt – wie die gesamte Buchmesse. Deren Team hat in Leipzig wieder gezeigt, dass die Buchmesse ein gesellschaftlich relevanter Ort ist. Respekt!“

Zwischen den Zeilen, zwischen den Zeiten, über alle Grenzen

Die Partner des südosteuropäischen Literaturzusammenschlusses TRADUKI verstehen sich als Familie, die einander laut Nayden Todorov, dem Kulturminister Bulgariens, „zu besseren Nachbarn“ machen. Auf der TRADUKI-Kafana-Bühne und bei Veranstaltungen in der Stadt präsentierten sich mehr als 40 Autor:innen aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kosovo, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien, Rumänien, Serbien und Slowenien und feierten die vielschichtige lebendige Literatur ihrer Länder.

Vom Schreiben in einem Land, das nur noch Gegenwart kennt

Vier Tage des Erinnerns, des Weiterdenkens und Neu-Gestaltens – vor allem durch den offenen Dialog miteinander: Von Donnerstag bis Sonntag trafen sich Journalist:innen, Autor:innen, Illustrator:innen, Kulturschaffende und Übersetzer:innen am Ukraine-Stand, um über die Literatur eines Landes zu sprechen, das um seine Existenz kämpft. Das Programm wurde vom Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Kunst- und Kulturmuseum Mystetskyi Arsenal (Art Arsenal), dem Ukrainischen Buchinstitut und dem Institut für die Wissenschaften vom Menschen sowie der Bundeszentrale für politische Bildung umgesetzt. Finanziert wurde der Stand durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, das Goethe-Institut sowie die Leipziger Buchmesse.

Oden an starke Frauen – die Preisträger:innen des Leipziger Buchpreises

Für den Preis der Leipziger Buchmesse wurden 465 Werke eingereicht. Drei Autor:innen erhielten am Donnerstag in der Glashalle vor einem großen Auditorium die Auszeichnung der Jury: Dinçer Güçyeter in der Kategorie Belletristik für sein Familienporträt „Unser Deutschlandmärchen“, Regina Scheer in der Kategorie Sachbuch/Essayistik für ihre Biographik „Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution“ und Johanna Schwering in der Kategorie Übersetzung für ihre Übersetzung des Buches „Die Cousinen“ der argentinischen Schriftstellerin Aurora Venturini. Zahlreiche weitere Preisverleihungen wie der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, der Leipziger Lesekompass, der Alfred-Kerr-Preis, der Phantastikpreis Seraph, der Kurt-Wolff-Preis oder der Buchpreis Klimazukünfte 2050 würdigten ebenfalls herausragende Autor:innen und Verlage für ihre Arbeit.

Ein Iglu aus Luft, ein Forum für alle, mehr Raum für die Jugend – die neuen Buchmesseformate

Drei Jahre ohne Buchmesse bedeuten auch drei Jahre, in denen vieles angedacht, konzipiert und vorbereitet wurde, was diese Woche nun endlich erlebbar gemacht werden konnte. So schuf die neue #buchbar, der weiße luftgefüllte Quader, in der großen Messehalle eine Atmosphäre, die Autor:innen und Fans zum Bleiben einlud. Das Angebot, am „community table“ den 16 moderierten Tischgesprächen zu lauschen, wurde intensiv genutzt. Auch im neuen Forum Offene Gesellschaft trafen sich viele Menschen aller Altersklassen, um an den moderierten Publikumsdiskussionen teilzunehmen und konstruktive Fragen zu stellen. Die Gespräche waren sowohl kontroverser Natur, als beispielsweise Gerd Koenen und Harald Welzer mit Natascha Freundel über Deutschland, den Ukraine-Krieg und die Medien sprachen, aber auch informativ, als Daniela Sepeheri und Sanaz Azimipour über die feministische Revolution im Iran aufklärten. Sehr persönlich wurde es beim Bericht von Nava Ebrahimi und Tinashe Williamson über ihre Erfahrungen mit Rassismus und Identitätsfindung in der weißen Mehrheitsgesellschaft. Auch Fake News und Faktenchecks wurden von Bastian Schlange und David Schraven vom Correktiv Verlag thematisiert.

Das Ziel, Kinder fürs Lesen zu begeistern und ihnen den Stellenwert von Kultur und Demokratie zu vermitteln, hat der neue JugendCampus UVERSE in den vergangenen Tagen auf jeden Fall erreicht. Jugendliche, Eltern und ihre Kinder wie auch Schulklassen nahmen an den über 100 spannenden Workshops teil und erfuhren zum Beispiel mehr darüber, wie Kinderbücher entstehen, wie Algorithmen die mediale Wahrnehmung von Geschichte prägen, wie ihr eigener Körper funktioniert oder wie man sich in Gebärdensprache verständigt. Ein kunterbuntes Bild zeichnet das Finale der Buchhandelstour YOUR PLACE TO READ. Besucher:innen konnten ihre Lieblingsbuchhandlung an der Wand verewigen und kreierten damit eine Hommage an den stationären Buchhandel. 24 Stunden live von der Buchmesse berichtete erstmals buchmesse ON AIR – auf dem Leipziger Marktplatz und im Netz – und ermöglichte so allen Buchmessefans, die nicht nach Leipzig kommen konnten, dennoch dabei zu sein.

Endlich wieder vereint auf dem größten Lesefest Europas

Unter 3.000 Veranstaltungen fiel die Auswahl des persönlichen Programms bei Leipzig liest besonders schwer. Dazu trugen zahlreiche prominente Autor:innen bei wie Kirsten Boie, Jana Crämer, Ulrike Draesner, Sebastian Fitzek, Judith Hermann, Keri Kusabi, Maja Lunde, Teresa Präauer, Ralph Ruthe, David Safier, Helga Schubert, Brianna Wiest und Takis Würger. Auch Joachim Gauck, Bundespräsident a. D., stellte gemeinsam mit Co-Autorin Helga Hirsch sein neues Buch vor und sprach auf der ZDF-Bühne mit Jo Schück darüber, wie in den letzten Jahren so manche Gewissheit über die Stabilität unserer Demokratie verloren gegangen sei. Für Begeisterung bei ihren Fans sorgten Musiker wie Dirk von Lowtzow, Roland Kaiser oder Frank Schöbel. Internationale Stimmen präsentierten auch die Niederlande & Flandern, Gastland des kommenden Jahres, oder Portugal, Gastland 2021 und 2022.

Buchmesse als Fachmesse und wichtiger Indikator für die Trends der Branche

Bei den über 100 Fachveranstaltungen brachten sich die Branchenvertreter:innen auf den neuesten Stand und nutzten die Gelegenheit zum Austausch untereinander. Die Preise, die im Rahmen der Buchmesse verliehen werden, dienen den Buchhändler:innen als wichtige Indikatoren, welche Themen, Genre und Autor:innen aktuell den Ton angeben. Teil des Fachprogramms ist traditionell auch die Leipziger Autor:innenrunde, bei der Schreibende im Speed-Dating-Format bei 66 Tischgesprächsrunden ihre Erfahrungen miteinander teilten und sich von Referent:innen wie Hanna Aden, Friedrich Ani oder Tom Bresemann Empfehlungen geben ließen, auf was Publizierende besonders achten sollten.

Zahlreiche Manga-Fans auf knapp 30.000 Quadratmetern

Viele der Manga-, Anime-, Comic- und Cosplay-Liebhaber:innen kamen in aufwendigen Kostümen, um beim Cosplay-Wettbewerb am Samstag anzutreten, und setzten auch in den anderen Buchmessehallen farbenfrohe Akzente. Das Angebot der rund 400 Aussteller:innen an Artworks, Dojinshis und Comics sowie Postern, Stickern, Buttons, KaKAO-Karten und Merchandiseartikeln sowie die über 100 Veranstaltungen, darunter Workshops mit Olschi oder Yunuyei, verstanden es, dass Publikum gut zu unterhalten. Ein besonderes Highlight stellten die Lesungen und Signierstunden mit Ehrengästen wie Todd Nauck, Arild Midthun, RJ Barker, Ben Aaronovitch, Peter Eickmeyer oder Nicolas Mahler dar.

Text: Julia Lücke/Pressesprecherin Leipziger Buchmesse

Leipziger Buchmesse im Internet:
www.leipziger-buchmesse.de
www.preis-der-leipziger-buchmesse.de
https://blog.leipziger-buchmesse.de/

Unterwegs auf der Leipziger Buchmesse: Bettler auf dem Weg & Büchermenschen & Büchernarren mit Lust, Leidenschaft, Fantasie und Anspruch


Neue, spannende & wagemutige Bücher zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Utopie: Die Anwärter auf den Preis der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Sachbuch, Übersetzung und Belletristik.


Lesung & Gespräch mit Judith Herrmann aus ihrem neuen Buch „Wir hätten uns alles gesagt“, in dem es um verpasste Gelegenheiten, Kommunikation und Schreiben geht.


Viel Interesse & Aufmerksamkeit fand auch das Gespräch mit der russischen Dichterin Maria Stepanowa, die mit dem Preis der europäischen Verständigung zu Beginn der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde.


Vielfältige sächsische Bücherwelt: 20 Verlage, ausgezeichnet mit dem Sächsischen Verlagspreis 2022, sind auf der Leipziger Buchmesse vertreten und werden in einer Broschüre mit ihren kreativen, engagierten, identitätsstiftenden und zukunftsorientierten Buchangeboten vorgestellt. Die Bandbreite reicht von Romanen, Lyrik, Kinder- und Jugendbüchern, Hörbüchern, Sachtexten, sorbischer Literatur, theologischen Werken, afrikanischer Literatur, jüdischen Themen, sächsischer Geschichte, Kunsthistorie bis zu handgefertigten Bücherunikaten.


Der neue Preisträger der Leipziger Buchmesse für Belletristik steht fest: Dincer Gücyeter für sein Buch „Unser Deutschlandmärchen“, erschienen bei Mikrotext, in dem er ein „Familienporträt in kräftigen Farben zeichnet, eine wütende Suche nach einer eigenen Sprache und Heimat“, steht in der Broschüre mit den insgesamt 17 Nominierten für den Buchpreis. Gücyeter stammt aus einer anatolischen Familie und wurde 1979 in Nettetal in Deutschland geboren. Er ist Theatermacher, Lyriker, Herausgeber und Verleger. 2012 gründete er seinen Elif Verlag, den er bis heute als Gabelstaplerfahrer in Teilzeit finanziert.


Vorliebe für Bücher mit Geschichte(n) und Kunst: Lars Skowronski ist Historiker und betreute während der Leipziger Buchmesse den Stand vom Verlag C & N Berlin und wirkt mit in dessen Projekten.


Besondere, schöne und unbequeme Bücher zur Geschichte in Europa & Kunstbücher und -projekte mit internationalen KünstlerInnen initiiert Verleger Ludwig Norz vom Verlag C & N Berlin.

Tierisch nachhaltige Bücher mit lustig, beflügelndem Maskottchen, dem Blaufußteufel, einem Vogel, der auf den Galapagos-Inseln zu Hause ist: Der CalmeMara Verlag aus Bielefeld fällt auf mit seinem Stand mit Meerrauschen, dem man im Liegestuhl lauschen kann und dazu liebe- und fantasievoll erzählte und illustrierte, wahre Tiergeschichten aus aller Welt entdecken und lesen. Toll auch: Ein Teil des Erlöses aus dem Bücherverkauf kommt den Tieren und sozialen Projekten im Bielefelder Begegnungs- und Gnadenhof Dorf Sentana zugute, in dem alte, kranke und verstoßene Tiere ein Zuhause finden.

Die Sehnsucht sich mitzuteilen und gesehen zu werden

Trubel im BücherReich der Leipziger Buchmesse vom ersten Tag am Donnerstag an. Noch bis Sonntag, von 10 bis 18 Uhr, lockt ein reichhaltiges Angebot mit vielen Neuerscheinungen und Entdeckungen für kleine und große Besucher. Doch wie erreicht man auch die Menschen, denen der Zugang zum Buch schwer fällt aus sozialen Gründen?

Große Vorfreude, erwartungsvolle Gesichter auf den Bahnsteigen. Der Zug setzt sich in Bewegung, irgendwie kommen alle mit und dann strömen alle hinaus, mitten hinein ins Abenteuer Leipziger Buchmesse. Jeder sieht und erlebt es auf seine eigene Weise. Lang vermisstes und zurück erobertes Terrain oder Neuland. Wo Bücher aufgeschlagen werden, werden Träume wahr, tun sich ganze Welten auf, scheint alles möglich. Wundervolles, Fantastisches, Schönes, Lebensfrohes, Erschreckendes, Bedenkliches nah beieinander. Es beginnt an der Endhaltestelle Richtung Messegelände, die auf einmal als Anfang oder Endstation Sehnsucht erscheint.

Während scharenweise Besucher schnurstracks zur Buchmesse eilen, geschäftig, neugierig und quirlig, Erwachsene und Schülergruppen, hat sich ausgerechnet dort am Ausgang des Bahnhofs ein Mann niedergelassen. Unter der Bahnhofsbrücke liegt er auf einer Decke und der Trubel geht buchstäblich an ihm vorbei. Vor ihm steht ein Teller mit ein paar Münzen. Keiner beachtet ihn und auch er scheint völlig in seiner Welt zu sein. Träumt oder dämmert vor sich hin. Was wäre, wenn er plötzlich ein Buch in die Hand bekäme?! Würde er es nehmen, hinein schauen und sich daran festhalten für einen Moment? Oder ist er nur auf die Münzen aus, weil gerade viele hier vorbeikommen?

Weiß er überhaupt, dass wieder Leipziger Buchmesse ist, das erste Mal seit drei Jahren nach der coronabedingten Pause? Wäre es möglich, auch Menschen wie ihm, die in Not und am Boden sind, nicht mehr weiterwissen und sich keine Eintrittskarte leisten können, den Zugang zur Welt der Bücher, die doch für alle gedacht ist, zu ermöglichen?

Das Angebot ist reichhaltig in den fünf Hallen, der Zuspruch auf die Lesungen und Andrang an den Ständen der Verlage, zumeist der größeren, publikumswirksamen, erfreulich und beachtlich. Die Verlockung groß, hier und da hängenzubleiben und eine Herausforderung, in der Fülle das für sich zu finden, was einen wirklich anspricht und nicht nur berieseln und unterhalten zu lassen vom großen, bunten Bücherreigen und den vielen Veranstaltungen. Um die Fülle der Möglichkeiten, fiktive und echte Wahrheiten und Wirklichkeit geht es auch im neuen Buch von Judith Herrmann „Wir hätten uns alles gesagt“ (erschienen im S. Fischer Verlag und auch als Hörbuch, von ihr selbst gelesen). Es ist ein „Hätte“ der verpassten Gelegenheiten, eine Situation, in die man nicht so schnell noch mal kommen wird. Ebenso wie die Schwierigkeit, im Gespräch auf einen Punkt zu kommen, sagte Judith Herrmann im Gespräch mit Moderator Carsten Tesch von MDRKultur. Es soll aber immer auch eine Leerstelle, eine Lücke, ein Geheimnis geben für die alleinige Wahrnehmung des Lesers. „Die Sehnsucht sich mitzuteilen und die Sehnsucht, sich zu verschweigen“, beides ist ihr wichtig beim Schreiben. „Ich bin froh, dass es kein finales Zufriedensein geben kann, sondern immer eine neue Sehnsucht. Wenn ich angekommen bin, will ich immer weiter.“

Die russische, in Berlin lebende Dichterin Maria Stepanowa wurde mit  dem diesjährigen Preis der europäischen Verständigung der Leipziger Buchmesse, dotiert mit 20 000 Euro ausgezeichnet für ihren Gedichtband „Mädchen ohne Kleider“. Sie gab einen Blick in ihre Poesiewerkstatt. Sie interessiere sich zeit ihres Lebens für große Fragen wie der Tod und was danach geschieht und der Krieg und was davor geschieht, sagte sie. Sie hat einen Appell unterschrieben, in dem ihre Landsleute aufgerufen werden, den Krieg Russlands gegen die Ukraine zu beenden. „Die russische Poesie war immer geprägt zwischen Widerstand und dem Regime, dem Staat, der sich diese Stimme zu eigen machte oder Literaten wurden verbannt, wenn sie die Weltsprache der Poesie in ihren Texten sprachen“, so Stepanowa. Sie glaubt, dass der Krieg die Sprache komplett verändert. Gerade die russische, die voll sei mit Metaphern, Begriffen und Worten aus den Kriegen vieler Jahrhunderte, die nicht mehr verwendet werden können. Es entstehen immer wieder neue Bilder des Krieges und das sei heute buchstäblich explosiv. „Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, sondern müssen handeln“, sagte sie unter dem Beifall der Zuhörer. Es gibt auch einen Buchstand mit Literatur aus der Ukraine gemeinsam mit Balkanländern. Gegenüber geht die Bücherreise nach Portugal, das letztes Jahr Gastland auf der – virtuellen – Buchmesse in Leipzig war. Ein Stück weiter ist neue Literatur aus Österreich zu entdecken, dem  diesjährigen Gastland der Buchmesse.

Es gab auch schöne, zufällige und überraschende, anspornende und anregende Begegnungen mit Büchermachern, Büchernarren, Kunst- und Poesieliebhabern und Verlegern, wie Ludwig Norz vom Verlag C & N Berlin und Wolfgang Allinger, Herausgeber des Literaturmagazins Wortschau und gleichnamigem Verlag aus Neustadt/Rheinland-Pfalz. Ein Blickfang am Buchstand des Verlages C & N Berlin sind die leuchtendfarbigen Bilder, Zeichnungen, Mischtechniken, Grafiken und unikaten Künstlerbücher, die bei Projekten des Vereins Fantom e.V. Berlin – einem Netzwerk für Kunst und Geschichte(n) mit internationalen Künstlern entstanden sind. Darunter Bilder von Oscar Castillo, einem mexikanischen, in Berlin lebenden Künstler. „Über den Verein haben wir außerdem eine enge Partnerschaft mit rumänischen Künstlern“, erzählt Verleger Ludwig Norz, dessen Urgroßvater bereits einen Verlag in Brüssel hatte. Norz wurde in Bukarest geboren. Ein Teil seiner Familie lebt in Südtitol. Zusammen mit einem Schulfreund, Constantin Chirita, dessen Vater einer der bekanntesten rumänischen Schriftsteller war, gründete Ludwig Norz den kleinen Verlag in Berlin.

Die ersten Texte wurden nach einem Historikertreffen vor 20 Jahren in Berlin publiziert, in denen es um den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen ging. Es sind ungewöhnliche, auch unbequeme, bewegende Bücher zu Themen der Geschichte, die sie beschäftigen und in Buchform herausbringen für die Nachwelt. Wie das Fotobuch „Nahaufnahme“ – über das Schicksal der Lebensborn-Kinder von deutschen Soldaten und norwegischen Frauen 1940 bis 1945, mit Porträts von Einar Bangsund und  Gedichten von Julia de Boor. Oder das Buch „Verwünscht geboren – Kriegskinder“ von Jean Paul Picaper, ein französischer Journalist, der die Schicksale von Kindern erzählt, die aus heimlichen Liebesbeziehungen zwischen Französinnen und deutschen Soldaten während der NS-Zeit in Frankreich stammen und nach ihren deutschen Vätern suchten. Ein bis zwei Bücher erscheinen im Jahr im Verlag C & N. Reiner David hat  hier ein Buch mit dem Titel „Reisen – Sammeln – Ordnen“ herausgebracht, in dem der Autor einen Überblick über die Geschichte und die Technik der Druckgraphik von 1510 bis 1870 gibt. Reiner David hat seine kleine Sammlung bei vielen Reisen, meist mit dem Boot, auf den Flohmärkten Europas zusammengetragen. Ein Buchexemplar mit den darin enthaltenen druckgrafischen Raritäten liegt auch im Kupferstichkabinett Berlin. „Wir sind Büchernarren im Verlag“, sagt Ludwig Norz, die neben dem Broterwerb etwa als Angestellter in einem Bundesarchiv ihrer Passion nachgehen. Die Bücher werden teils selbst finanziert von den Autoren wie das Buch mit Druckgrafiken von Reiner David. „Wir haben außerdem einen Freiraum für Kunst und Kultur in einem Haus angemietet, der Eigentümer ist sehr kulturaffin, in der Nähe vom Kudamm. Mit einer Galerie für Ausstellungen, Lesungen und einer Gästewohnung“, erzählt Norz. Eine neue Lesereihe unter dem Motto „Lebenswege“ organisiert Slavica Klimkowsky, eine Autorin. Im Programm stehen zeitgenössische Lyrik und Prosa ebenso wie Lesungen und Gespräche mit Zeitzeugen zu geschichtlichen Themen meist sonntags in der Galerie des Vereins Fantom e.V. auf der Hektorstraße 9 – 10 in Berlin. Das Projekt wird gefördert im Rahmen von „Neustart Kultur“. Diesen Sommer werden sieben Künstler aus verschiedenen Ländern zweieinhalb Monate lang, von Juli bis September, wieder gemeinsam arbeiten in der Galerie des Fantom e.V. Die letztes Jahr entstandenen Arbeiten zum Thema „Sensibilität“, darunter farbige Abdrücke von Händen, ihren Lebenslinien und Gesichter hängen auf langen Papierbahnen an der Wand am Buchmessestand.

Wer schon lange den Traum vom eigenen Buch hegt, findet ebenfalls Angebote und Anregungen auf der Leipziger Buchmesse. Zu warten, bis man entdeckt wird oder der passende Verlag einen findet, braucht großes Glück und ist eher selten. Man kann als AutorIn im Selbstverlag veröffentlichen oder einen Verlag suchen. Literareon ist ein Verlag für Autoren und aus München nach Leipzig gekommen. „Unser Verlag sieht sich als Dienstleister für Autoren, nach deren Ideen und Wünschen das Buch umgesetzt wird“, sagt Matthias Hoffmann, Geschäftsführer von Literareon im utzverlag. Er stellt seine Frühjahrsnovitäten 2023 vor. Darunter Romane, Erzählungen, Lyrik, Fantasy, Geschichts- und Reisebücher. Der Verlag bietet ein kostenloses Manuskriptgutachten, kümmert sich um Korrektorat, Lektorat und Buchgestaltung, Druck, Vertrieb und Marketing. Jedes Buch wird individuell kalkuliert, der Preis richtet sich nach dem Umfang des Manuskriptes und nach den gewünschten Leistungen.

Man bezahlt das Buch selbst – ab 2 – 3 000 Euro ohne Illustrationen geht es los. Seufz. Die wollen erst mal verdient sein als freie Journalistin! Da bräuchte ich schon einen großzügigen Mäzen oder andere Fördermöglichkeit für meinen ersehnten, ersten Lyrikband. Man behält als Autor die Urheberrechte und erhält den kompletten Verlagsgewinn aus dem Verkauf des Buches, so Hoffmann. Es gebe bei Literareon außerdem keine versteckten Kosten wie etwa bei Zuschuss-Verlagen, die eine Beteiligung an den Druckkosten von den Autoren verlangen und dort können sie auch nicht mehr mitbestimmen über die Herstellung, sondern der Verleger. Alle Serviceleistungen sind transparent und individuell kombinierbar. Bisher hat der Verlag Literarareon bereits mehreren hundert Autoren bei der Veröffentlichung ihres Buches hilfreich zur Seite gestanden, steht in dessen Flyer. Als Kostprobe gibt Matthias Hoffmann mir ein Buch mit dem Titel „Zweites Gesicht“, eine Anthologie mit Texten aus dem Kurzgeschichten-Wettbewerb 2023 des Verlages mit auf den Weg.

Mehr Text zum Buchmessen-Rundgang und Entdeckungen folgen.

Text + Fotos (lv)

In diesem Beitrag vorgestellte Verlage & wo sie zu finden sind auf der Leipziger Buchmesse:

Literareron im utzverlag:                      Halle 4, Stand A110
Verlag C & N Berlin:                             Halle 4, Stand D304
Calemara Verlag:                                 Halle 3, Stand B104
eta Verlag:                                          Halle 5, Stand E220
Mirabilis Verlag + Wortschau Verlag       Halle 5, Stand D210


Verleger mit viel Herzblut und Leidenschaft für gute Bücher und Herausgeber des Literaturmagazins „Wortschau“ mit Poesie & Kunst: Wolfgang Allinger vom Wortschau Verlag aus Neustadt/Rheinland-Pfalz. Er teilt sich einen Buchstand mit dem mit dem Sächsischen Verlagspreis 20022 ausgezeichneten Mirabilis Verlag, der in Klipphausen/Miltitz bei Meißen ansässig ist und den Barbara Miklaw seit 2011 betreibt. Sie hat ebenfalls eine Vorliebe für schön gestaltete, kunstvolle Bücher, Erzählungen und Romane, die oft mit Zeichnungen, Grafiken und Fotografien versehen ein besonderes Leseerlebnis bieten.


Glücklich im BücherReich: meinwortgarten.com Inhaberin Lilli Vostry hatte schöne, zufällige und inspirierende Begegnungen mit Büchermenschen, Kunst- und Poesieliebhabern und nahm Anregungen mit, um den Traum vom ersten, eigenen Gedicht-Band wahr werden zu lassen.

Leipziger Buchmesse: Der diesjährige Preisträger für Belletristik heißt Dincer Gücyeter für sein Buch „Unser Deutschlandmärchen“

Ausgezeichnet mit dem diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse: Dinçer Güçyeter, Regina Scheer und Johanna SchweringEndlich wieder Buchmesse – endlich wieder eine Preisverleihung mit applaudierenden Gästen in der Glashalle und glücklichen Preisträger:innen auf der großen Bühne, deren Freude über die Auszeichnung man sehen und erleben kann. Die siebenköpfige Jury kürte am Donnerstag in der Kategorie Belletristik Dinçer Güçyeter für sein Familienportrait „Unser Deutschlandmärchen“. Der Preis in der Kategorie Sachbuch/Essayistik ging an Regina Scheer für ihre teilnehmende Biographik „Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution“. In der Kategorie Übersetzung wurde Johanna Schwering für ihre Übersetzung des Buches „Die Cousinen“ der argentinischen Schriftstellerin Aurora Venturini geehrt. Die Leipziger Buchmesse lockt noch dieses Wochenende mit vielen Neuerscheinungen und Erlebnissen rund um`s Buch.

Kategorie Belletristik

Dinçer Güçyeter |Unser Deutschlandmärchen“ | mikrotext

Zur Begründung:

Traditionell wie innovativ queer erzählt, reißt einen diese Einwanderergeschichte mit ihrer Emotionalität und großen politischen Bedeutung von Anfang an mit. Der Roman blickt auf deutsche und europäische Verhältnisse, lässt die Worte zum Himmel fliegen, spart aber gleichzeitig die Demütigungen am Boden nicht aus. Dinçer Güçyeter fängt Geschichten mit einem Netz ein, das feiner gewebt ist als ein Schmetterlingskescher, kann schmerzliche Momente in komische verwandeln und hat uns mit „Unser Deutschlandmärchen“ einen mehrstimmigen Roman geschenkt, dessen poetischer Chor noch weiterklingen wird.

Der Autor:

Dinçer Güçyeter ist Theatermacher, Lyriker, Herausgeber und Verleger. 2012 gründete er den Elif Verlag mit dem Programmschwerpunkt Lyrik und finanziert diesen bis heute als Gabelstaplerfahrer in Teilzeit. 2017 erschienen im Elif Verlag „Aus Glut geschnitzt“ und 2021 „Mein Prinz, ich bin das Ghetto“. 2022 wurde Güçyeter mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet.

Kategorie Sachbuch/Essayistik

Regina Scheer |Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution“ | Penguin Verlag

Zur Begründung:

Mit „Bittere Brunnen“ zeichnet Regina Scheer das außergewöhnliche wie exemplarische Leben von Hertha Gordon-Walcher nach und erzählt damit gleichzeitig eine Chronik der sozialistischen und feministischen Bewegungen im 20. Jahrhundert. „Bittere Brunnen“ geht dabei weit über eine gewöhnliche Biographie hinaus: Meisterlich und transparent verwebt die Autorin historische Recherchen mit persönlichen Erinnerungen. Geholfen hat ihr dabei ihr meisterliches Gedächtnis, mit dem sie Stück für Stück eine Sammlung erstellte. Dieses erzählende Sachbuch steht für große Offenheit im Umgang mit Brüchen, Ungereimtheiten und Leerstellen unseres Wissens um Lebensläufe – und ist eine genaue Dokumentation politischer Zusammenhänge, deren Spuren die Gegenwart prägen.

Die Autorin:

Regina Scheer arbeitet freiberuflich als Autorin und Herausgeberin. Sie veröffentlichte mehrere Bücher zur deutsch-jüdischen Geschichte. Ihre ersten beiden Romane „Machandel“ (Knaus Verlag, 2014) und „Gott wohnt im Wedding“ (Penguin, 2019) waren große Publikumserfolge. Für „Machandel“ erhielt sie 2014 den Mara-Cassens-Preis.

Kategorie Übersetzung

Johanna Schwering | Aurora Venturini: „Die Cousinen“ | dtv

Zur Begründung:

Schmuddelliese – Worte, die wir längst vergessen glaubten – zaubert Schwering wieder ans Licht oder führt neue ein, die noch nie gehört auf Anhieb einleuchten: Stilletümpel. Ihre Worte schaffen Atmosphären und lassen uns den Geruch der Großstadt, das Ozon und die Orangenblüte aus den Buchseiten herausriechen. Schwerings Übersetzung nimmt die Unverschämtheiten des Originals mutig auf und folgt den eigentümlichen Grammatikregeln des Originals sowie seiner besonderen Härte und seinem sprühenden Witz. Ihr ist es mitzuverdanken, dass mit diesem fabelhaften Künstlerinnenroman erstmalig ein Buch der Argentinierin Aurora Venturini auf Deutsch vorliegt. Es mögen hoffentlich viele weitere, natürlich in der Übersetzung von Johanna Schwering, folgen.

Die Autorin:

Johanna Schwering arbeitet als freie Lektorin und Übersetzerin aus dem Spanischen und hat Lyrikbände von Maricela Guerrero und Legna Rodriguez Iglesias ins Deutsche übertragen. Ihre Übersetzung von Maricela Guerreros Gedichtband „Reibungen“ erhielt 2018 eine Lyrik-Empfehlung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett und des Hauses für Poesie.

Über den Preis der Leipziger Buchmesse

Der Preis der Leipzig Buchmesse wird von einer siebenköpfigen Jury vergeben: Unter der Leitung von Insa Wilke haben Moritz Baßler, Anne-Dore Krohn, Andreas Platthaus, Maryam Aras, Shirin Sojitrawalla und Cornelia Geißler die Nominierten ausgewählt. Der mit insgesamt 60.000 Euro dotierte Preis der Leipziger Buchmesse ehrt seit 2005 herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung. Der Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig unterstützen den Preis der Leipziger Buchmesse. Partner des Preises ist das Literarische Colloquium Berlin. Medienpartner ist das Kundenmagazin buchjournal, Deutschlandfunk Kultur und die WELT AM SONNTAG.

Text: Julia Lücke
Pressesprecherin der Leipziger Buchmesse

Leipziger Buchmesse im Internet:
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Leipziger Buchmesse im Social Web:
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Manga-Comic-Con auf TikTok:
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Viele Facetten & Blicke von Frauen auf die Welt: Im Literaturkreis der Stadtbibliothek Radebeul-Ost im Kulturbahnhof bieten sie reichlich Gesprächsstoff


Schöne Landschaft & weiter Blick: Oben im Weinberg an der Spitzhaustreppe in Radebeul.

Weibliche Werte, die inneres Ankommen und Sich Entfalten unterstützen…
Darum geht es im Buch „Die Wiederentdeckung des Weiblichen“ von Marianne Williamson.

Literatur & Lebenswelten von Frauen stehen im Fokus der Runde um Katja Kulisch (Bildmitte), Gleichstellungsbeauftragte in Radebeul, in der Stadtbibliothek im Kulturbahnhof.

Weibliche Power aus
verschiedenen Blickwinkeln betrachtet

Um die Rolle der Frau in der Gesellschaft und was sie bewegen können, geht es in einem Literaturkreis, der Frauen und Männern offen steht, in der Stadtbibliothek Radebeul-Ost im Kulturbahnhof.

Der Buchtitel „Vagabundinnen“ auf dem Tisch deutet schon an. Hier hat sich
keine Frauenrunde zum Kaffeekränzchen, umgeben von schönen Bildern an den
Wänden verabredet. Die Nachmittagssonne scheint zum Fenster herein. Die Frauen blättern in den Büchern. „Vagabundinnen“ ist eins der bekanntesten feministischen Bücher von Christina Thürmer-Rohr, einer einflussreichen, modernen Denkerin und aktiven Mitstreiterin der Zweiten Frauenbewegung. Es erschien 1987. Das neue Buch der inzwischen 86-jährigen, in Berlin lebenden Autorin heißt „Fremdheiten und Freundschaften“ und blickt in feministischen Essays auf die Anfänge. Vorgestellt wurde dieses Buch von Andrea Siegert, die als Beraterin im Frauenzentrum „sowieso“ in Dresden arbeitet und in Radebeul wohnt, kürzlich im Literaturkreis in der Stadtbibliohek Radebeul-Ost im Kulturbahnhof.

Dort werden regelmäßig Bücher besprochen und diskutiert, die sich kritisch mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft aus verschiedenen Blickwinkeln auseinandersetzen. Den Literaturkreis veranstaltet die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Radebeul, Katja Kulisch. Seit September 2022 gibt es dieses Angebot, über Literatur  insbesondere von Frauen miteinander ins Gespräch zu kommen. „So etwas hat bisher gefehlt. Sonst verkommt Radebeul zur Schlafstadt“, sagt Susanne Tittes. Sie schreibt selbst Kurzgeschichten, feministische Science Fiction. Die Bandbreite reicht von Lea Ypsi und ihrem Buch „Frei“, Sachbüchern von Peter Modler über „horizontale und vertikale Kommunikationsformen“ zwischen Männern und Frauen bis zur Autobiografie von Erika Mann.

Sieben Frauen sitzen diesmal zusammen an dem langen Tisch, die meisten sind schon älter und haben bereits Enkel. Lisa Haufe ist noch jung, arbeitet als Buchhalterin und zum ersten Mal hier. Sie liest schon immer gern und hat nach der „Neopolitanischen Saga“ von Elena Ferrante über zwei sehr verschiedene Freundinnen auch Maxi Wanders Buch „Guten Morgen, du Schöne“ für sich entdeckt. „Mir gefällt ihre offene, ehrliche Sprache“, sagt sie und: „Alles ist politisch, auch das Private. Wie Männer und Frauen zusammenleben.“

„Es geht um verschiedene Sichtweisen, sonst wird die Welt zu einseitig. Wir brauchen sie bunt“, sagt Katja Kulisch. „Dazu gehört, das Andersdenkende auszuhalten, wenn es um die Grundwerte und Gerechtigkeit für alle Frauen geht.“ Wichtig sei daher, präsenter zu sein, in Gremien oder auf der Straße. Es sollten mehr Frauen in die Politik, findet sie. Um sich für die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen in der Gesellschaft stark zu machen. Sie weiß aber auch, dass dies durch die Doppelbelastung immer noch vieler Frauen in Beruf und Familie, zusätzlich Haushalt und oft noch die alten Eltern pflegen oder ein Ehrenamt schwierig zu bewältigen ist.

Nach der Corona-Zeit gebe es auch viel nachzuholen an Kultur- und Freizeitangeboten, was auch in Stress ausarten kann, sagt eine Frau. Diesmal war ein ebenso anspruchsvoller wie spannender, differenzierter und auch streitbarer Rückblick auf die Frauenbewegung in der alten Bundesrepublik, ihre Ideen, Erfolge, Niederlagen, Irrtümer, Neubesinnung und aktuelle Entwicklungen des Feminismus in Deutschland aus dem neuen Essayband von Thürmer-Rohr zu hören. Es geht darin um das Grundgefühl, dass wir „in einer radikalen Bruch- oder Umbruchsituation leben in einer Welt, die aus den Fugen sei, mit vertieften sozialen Rissen, rechtsradikalen Entwicklungen, ungezähmten Hass- und Rauswerfparolen und Rückrufen einer geballten Männlichkeit.“

Da sei es eine paradoxe Herausforderung, sich mit einer Welt anzufreunden, die sich der Anfreundung entzieht. „Diese gleiche Welt braucht aber Menschen, die den Zerfall zum Anlass nehmen, um zu entscheiden, was zusammenzusetzen, was zu entsorgen, was neu zu finden ist“, so Thürmer-Rohr. „Es braucht einen Gegenwarts- und Zukunftselan, der vom menschlichen Handeln noch Neuanfänge erwartet, nicht nur Reparatur- und Wiederaufbauleistungen, die alte Zustände rekonstruieren wollen.“ Ihr Buch stellt viele Fragen und bietet viele Denkanstöße z.B. dazu, wie Fremdheit und Freundschaft sich bedingen, indem man das Andere und Verschiedene anerkennt, zu Freiheit, Selbstbestimmung, Unterschieden bis zur Aufhebung der Bipolarität der Geschlechter und dennoch eigenen Facetten und Sichtbarkeit von Weiblichkeit.

„Die Geschlechterdualität würde abgeschaffen, wenn das mit der Diversität weitergeht. Dann werden Frauen wieder unsichtbar“, gibt Susanne Tittes zu bedenken. Beim nächsten Literaturkreis am 15. Juni, 17 Uhr wird ein Buch über Frauen im Iran in der Stadtbibliothek in Radebeul vorgestellt. Die Runde ist übrigens für interessierte Frauen und Männer zum Austausch offen. Außerdem trifft sich ein Literaturkreis mit derzeit drei Frauen jeden ersten Dienstag von 14 bis 16 Uhr in der Bibliothek in Coswig. Interessierte können sich anmelden bei Katja Kulisch per mal an: gsb@radebeul oder  telefonisch unter 0351-8311 807.

Text + Fotos (lv)

Besondere Schätze: Leipziger Antiquariatsmesse dieses Jahr in den historischen Salles de Pologne in der Innenstadt

29. Leipziger Antiquariatsmesse mit exklusiven Exponaten 

Im Rahmen der Leipziger Buchmesse öffnet auch die 29. Leipziger Antiquariatsmesse. 42 Aussteller:innen aus Deutschland,  Österreich und den Niederlanden präsentieren am 28. und 29. April seltene Exponate. Die Antiquariatsmesse findet in diesem Jahr in den historischen Salles de Pologne ihre Heimat – mitten in Leipzigs Innenstadt.

Kataloge, Grafiken, Briefe und historische Buchausgaben – unter den Exponaten der Antiquariatsmesse sind wieder besondere Schätze dabei. So bietet zum Beispiel das Münchener Antiquariat Zipprich den mit Originalgrafiken versehenen seltenen Katalog der 14. Ausstellung der Wiener Secession von 1902 an. Das Wiener Antiquariat Krikl präsentiert den Almanach der Wiener Werkstätte von 1911. Österreichische Autoren wie Arthur Schnitzler, Josef Roth, Robert Musil und Stefan Zweig werden von verschiedenen Antiquariaten in Erstausgaben bzw. Widmungsexemplaren vorgestellt. Beim Antiquariat Lenzen aus Düsseldorf findet sich neben moderner Grafik die extrem seltene Erstausgabe von Thomas Mann „Der Tod in Venedig“, erschienen 1912 in nur einhundert bibliophilen Exemplaren. Doch nicht nur die Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts ist vertreten. Das Antiquariat Florisatus aus Den Haag bietet zum Beispiel ein Manuskript über Festungsbau aus dem 17. Jahrhundert an. Am Stand des Bonner Antiquariats Antiquarius ist eine Sammlung von 43 Originalbriefen von Anna Amalia und Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach aus dem 18.Jahrhundert zu entdecken. Die jüngere DDR-Geschichte ist unter anderem beim Roten Antiquariat Berlin mit einem „vergessenen Aktenkoffer“ aus dem DDR Kulturministerium vertreten, der eine nie veröffentlichte Umfrage vom Anfang der 80er Jahre unter 287 prominenten und repräsentativen DDR-Bürgern über ihre Literaturvorlieben enthält und noch auf Auswertung wartet.

Alle Angebote sind erst ab Messebeginn verkäuflich. Wer schon vorab das Angebot begutachten will, kann dies im 140 Seiten umfassenden Katalog mit exklusiven Angeboten ausstellender Antiquariate tun. Ein Schwerpunkt des Kataloges ist dabei das diesjährige Gastland der Leipziger Buchmesse Österreich. Der Katalog kann schon vorab über mail@abooks.de bestellt oder auf der Internetseite der Antiquariatsmesse heruntergeladen werden.

Antiquariatsmesse beteiligt sich an Leipzig liest

Die offizielle Eröffnung der Antiquariatsmesse findet am 28. April, 14 Uhr statt. Einen Tag später, am 29. April, 11 Uhr, stellt der renommierte Mediziner und leidenschaftliche Bibliophile Josef Smolen sein neues Buch vor. Unter dem Titel „Fritzi Löw und die Buchkunst in Wien um 1900“ erfährt das Publikum Neuentdecktes zu Künstler:innen und Verlagen. Die Lesung findet in den Salles de Pollogne statt.

Die Antiquariatsmesse öffnet am Freitag, 28. April, zwischen 14 und 20 Uhr und am 29. April zwischen 10 und 19 Uhr. Tickets kosten 5 Euro und können vor Ort in den Salles de Pologne gekauft werden. Wer bereits ein Ticket der Leipziger Buchmesse hat, erhält kostenlosen Eintritt für die 29. Leipziger Antiquariatsmesse. Alle Infos unter www.leipziger-antiquariatsmesse-23.de.

Über die Leipziger Buchmesse
Die Leipziger Buchmesse ist der wichtigste Frühjahrstreff der Buch- und Medienbranche und versteht sich als Messe für Leser:innen, Autor:innen und Verlage. Sie präsentiert die Neuerscheinungen des Frühjahrs, aktuelle Themen und Trends und zeigt neben junger deutschsprachiger Literatur auch Neues aus Mittel- und Osteuropa. Gastland der Leipziger Buchmesse 2023 ist Österreich. Durch die einzigartige Verbindung von Messe und „Leipzig liest“ – dem größten europäischen Lesefest – hat sich die Buchmesse zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Zur letzten Veranstaltung kamen 2.500 Aussteller:innen aus 46 Ländern und begeisterten auf dem Messegelände sowie in der gesamten Stadt 286.000 Besucher:innen. Die Leipziger Buchmesse wird durch NEUSTART KULTUR der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

Über die Leipziger Messe
Die Leipziger Messe gehört zu den zehn führenden deutschen Messegesellschaften und den Top 50 weltweit. Sie führt Veranstaltungen in Leipzig und an verschiedenen Standorten im In- und Ausland durch. Mit den fünf Tochtergesellschaften, dem Congress Center Leipzig (CCL) und der KONGRESSHALLE am Zoo Leipzig bildet die Leipziger Messe als umfassender Dienstleister die gesamte Kette des Veranstaltungsgeschäfts ab. Dank dieses Angebots kürten Kunden und Besucher die Leipziger Messe – zum neunten Mal in Folge – 2022 zum Service-Champion der Messebranche in Deutschlands größtem Service-Ranking. Der Messeplatz Leipzig umfasst eine Ausstellungsfläche von 111.900 m² und ein Freigelände von 70.000 m². Jährlich finden durchschnittlich 270 Veranstaltungen – Messen, Ausstellungen und Kongresse – statt. Als erste deutsche Messegesellschaft wurde Leipzig nach Green Globe Standards zertifiziert. Ein Leitmotiv des unternehmerischen Handelns der Leipziger Messe ist die Nachhaltigkeit.

Text: Julia Lücke/Leipziger Buchmesse

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Spannung vor der Buchpreisverleihung in Leipzig

465 Einreichungen für den Preis der Leipziger Buchmesse

Der Lesemarathon für die siebenköpfige Jury ist vorbei. 465 Werke aus 161 Verlagen wurden für den Preis der Leipziger Buchmesse eingereicht. In den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzungen wurden daraus am 23. März  je fünf Werke nominiert.

„Endlich sind die Listen da. Die Jury freut sich auf die Lektüren“, so Juryvorsitzende Insa Wilke. „Wir sind begeistert vom enormen Spektrum an Schreibweisen, Themen und auch dem Drang in allen drei Bereichen, die individuellen und gesellschaftlichen Denk-Räume offen zu halten. Im Sachbuchbereich vermissen wir erneut naturwissenschaftliche Titel, die offenbar weiterhin eher im angloamerikanischen Raum geschrieben werden, dafür bilden viele eingereichte Titel die notwendigen gesellschaftspolitischen Debatten ab, zum Beispiel um Vorstellungen von Freiheit und Gerechtigkeit.“

Zur Jury gehören neben Insa Wilke, Moritz Baßler, Anne-Dore Krohn, Andreas Platthaus, Shirin Sojitrawalla  – in diesem Jahr zum ersten Mal dabei – Maryam Aras und Cornelia Geißler. Die Jury gab am 23. März 2023 die Liste der Nominierten bekannt. Am 27. April, dem ersten Tag der Leipziger Buchmesse, werden um 16 Uhr die Preisträger:innen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung bekannt gegeben.

Der Preis der Leipziger Buchmesse ist mit insgesamt 60.000 Euro dotiert. Der Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig unterstützen den Preis. Partner des Preises ist das Literarische Colloquium Berlin. Erstmals ist die WELT AM SONNTAG in diesem Jahr Medienpartner des Preises der Leipziger Buchmesse – gemeinsam mit dem buchjournal und Deutschlandfunk Kultur. Die Leipziger Buchmesse wird unterstützt von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Text: Julia Lücke/Leipziger Buchmesse

Leipziger Buchmesse im Internet:
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https://blog.leipziger-buchmesse.de/Buecherleben/

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