Frauen in Bewegung: das Buch „Die Frau auf dem Foto“ von Stephanie Butland

Bilder vom Kampf an der weiblichen Front

Stephanie Butland erzählt in „Die Frau auf dem Foto“ von der Emanzipationsbewegung in Großbritannien in den 1960er/70er Jahren und vom Fotografieren. Ihr Roman stellt Fragen, die bis heute unbeantwortet sind.

Von Kathrin Krüger

Kann man einen feministischen Roman ohne Kompromisse schreiben und darauf hoffen, dass er auch von Männern und heutigen Frauen gelesen wird, die mit dem Kampf um Frauenrechte nichts am Hut haben? Man kann. Die britische Autorin Stephanie Butland beweist es. „Die Frau auf dem Foto“ bringt Protagonistinnen auf den Plan, an denen man sich reiben muss. Denn was Veronica Moon und Leonie Barratt, die fiktiven Romanheldinnen, in den 1960er bis 1980er Jahren erleben, ist britische Zeitgeschichte. Und Geschichte von Frauen und ihre Fragen an Gleichheit und Selbstbestimmung. Fragen, über die bis heute gestritten und nachgedacht wird.

Leonie ist die Schreiberin für Zeitungen und Bücher, feministisch bis zur Kotzgrenze. Veronica ist die Fotografin. Sie wächst erst in die Emanzipationsbewegung hinein. Ihre Fotos überdauern die Zeit und erzählen im Roman bis heute von den Vorstellungen, wie selbstbewusste Frauen damals die Welt im Allgemeinen und die Männer im Besonderen sahen. Stephanie Butland verbindet geschickt die historisch verbürgten Ereignisse mit einer vermutlich fiktiven aktuellen Ausstellung in der Londoner The Photographers Gallery. Diese Ausstellung über Aufnahmen der berühmten Vee Moon wird ausgerechnet von einer gewissen Erica kuratiert, die Leonies ungewollte Tochter ist, aber als Kind ihrer konservativen Schwester aufwächst. Erica ist Ehefrau und Mutter und fragt sich selbst, was die Errungenschaften der Emanzipation ihr persönlich gebracht haben. So gelingt es Stephanie Butland, im Hintergrund immer die Probe aufs Exempel mitschwingen zu lassen: Haben sich die Hoffnungen der damaligen Kämpferinnen erfüllt? War ihre Sicht auf die Gleichstellung angemessen? Gingen sie zu weit oder waren sie nicht streitbar genug?

Frauen von heute wie Frauen damals wollen geliebt und geachtet werden. „Zu oft ist liebenswert gleichbedeutend mit bescheiden, zurückhaltend, still. Kompetent, ja, aber wenn, dann bitte auf Stöckelschuhen – als ob der einzige Weg, wie wir unsere Macht, Stärke und Klugheit demonstrieren können, darin bestünde, unser Handeln mühelos aussehen zu lassen, oder so tun, als seien unsere Leistungen nebensächlich, oder bei Interviews Fragen darüber zu beantworten, wie wir Kinder und Karriere unter einen Hut bringen; Fragen, die Männern nie gestellt werden.“ Diese Anmerkung der Autorin umreißt das ganze Dilemma, das der Roman aufwirft. Heutige Frauen verdanken dem Feminismus der 1960er und 1970er Jahre das Leben, das sie führen können. Doch die Angriffslust, die Frauen wie Leonie und Veronica noch an den Tag legten – beschrieben wird z.B. der Angriff auf die Miss World Wahl in London im November 1970 – hat heute kaum noch Massenwirkung. „Männer galten definitionsgemäß als Teil des Problems“ und Frauen, die sich für sie schönmachten, schienen einfach nur unterdrückt. Frauen seien Männern grundsätzlich nicht zu Dank verpflichtet, behaupteten die Feministinnen. Leonie schrieb für die Zeitung monatliche „Frontberichte vom Kampf der Geschlechter“. Wer würde das heute noch so behaupten.

Trotz aller Bedeutungsschwere liest sich „Die Frau auf dem Foto“ kurzweilig, spannend und wenn man so will auch belustigend. Man kann eigentlich nur den Kopf schütteln, dass Leonie Barratt behauptet, dass Mutterinstinkt ein „Scheißbegriff“ wäre, den Männer erfunden hätten, um Frauen klein zu halten. Am Ende ihres Lebens kommt sie aber selbst auch noch in ihre Mutterrolle.

Und dann die Gedanken über Fotografie! Autorin Stephanie Butland hat sie tatsächlich selbst von ihrem Vater beigebracht bekommen. Originell führt sie neue Teile ihres Romans mit Informationen zu Belichtung oder Bewegung ein. Das macht das Lesen abwechslungsreich und den Roman noch wertvoller. Dass das Geheimnis um Kuratorin Erica – ihr Name stammt von der Schriftstellerin Erica Jong, die das Kultbuch „Angst vorm Fliegen“ verfasste – so ganz nebenbei gelüftet wird, entfaltet trotzdem seine Wirkung. Es versöhnt mit der Gegenwart, in der Frauen immer noch Männer umschmeicheln, um zu bekommen, was sie wollen. Sie könnten es auch fordern. Doch um wieviel effektiver geht heute weibliches Selbstmarketing, das durchaus selbstbewusst und trotzdem liebevoll-sinnlich daherkommt!

Stephanie Butland „Die Frau auf dem Foto“ Roman, 2019 bei Knaur erschienen. Preis: 10.99

Ausstellung „Beobachtungen im Tharandter Wald/Grillenburg“ mit Druckgrafiken von Siegfried Berndt im Einnehmerhaus in Freital


Landschaften in flirrend fließenden Farben & klaren, reduzierten Formen: Bettina Liepe, Mitglied im Vorstand des Kunstvereins Freital e.V. hat die Bilder für die Ausstellung so zusammengestellt und gerahmt, dass deren Farbwirkung und Aussagen sich voll entfalten können. Fotos (6): lv


Waldweg und alte Buche. Fotos (3): Andreas Albert

Die Leuchtkraft der Farben

Siegfried Berndt war ein Meister des Farbholzschnittes. Zu sehen sind seine Druckgrafiken zurzeit in der Ausstellung „Beobachtungen im Tharandter Wald/Grillenburg“ im Einnehmerhaus in Freital.

In lichtvolles Gelbgrün getaucht sind die Bäume, deren dunklen Umrisse und Sonnenflecken auf einem Waldweg ineinanderfließen. Umgeben von Fichten und den Wolken nahe, schimmert zart blau und violett ein See im Gebirge. In herb erdigen, herbstlichen Farben gemalt ist eine Baumgruppe im Morgenlicht und Nebel. Die Farbfülle, Schönheit, Kraft und Fragilität sowohl in der Natur wie im Leben spiegeln sich kontrastreich und eindrucksvoll in diesen Bildern. Zu sehen sind sie in der derzeitigen Ausstellung „Beobachtungen im Tharandter Wald/Grillenburg“ mit Druckgrafiken und anderen Arbeiten von Siegfried Berndt (1880 – 1946) im Einnehmerhaus auf der Dresdner Straße 2 in Freital-Potschappel.

Gezeigt werden 46 Arbeiten, vorwiegend Farbholzschnitte, Aquarelle, Zeichnungen und Ölbilder aus verschiedenen Schaffensphasen von Berndt, der außerdem als Kunst- und Werklehrer an der ersten Waldorfschule in Dresden von 1932 bis 1941 unterrichtete bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten. Er gehört zu den Dresdner Künstlern der sogenannten „verschollenen Generation“, die von den Ereignissen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrfach betroffen waren und in den Wirrnissen der Zeit später ins Vergessen gerieten. Eine Wiederentdeckung mit dem Werk von Siegfried Berndt, der 1880 in Görlitz geboren wurde und ab 1884 nach dem Umzug der Familie in Freital-Deuben aufwuchs, gab es bereits 2015 mit einer Ausstellung im Einnehmerhaus.

Sein Großvater gründete dort die Sammetfabrik Berndt. Der frühe Tod des Vaters 1889 war für den neunjährigen Sohn ein harter Schicksalsschlag, so dass er frühzeitig auf sich selbst gestellt, in seiner Einsamkeit begann eifrig zu zeichnen und zu malen. Als er 16 Jahre alt war, siedelte seine Mutter nach Dresden über. Siegfried Berndt setzte seinen Willen zum Kunststudium durch, er studierte von 1899 bis 1906 an der Dresdner Kunstakademie und war Meisterschüler von Eugen Bracht. „Wer der Natur nichts abzulauschen weiß, der hat der Welt auch schwerlich viel zu sagen“, notierte Berndt einen Grundsatz seines geschätzten Lehrers ins Tagebuch. In den Landschaften mit ihrem faszinierenden Licht- und Schattenspiel im Wechsel von flirrend, fließenden, warmen Farben, impressionistischer Malweise und klar umrissenen, brüchigen, einschneidenden Formen von Siegfried Berndt kann der Betrachter viel über seine Naturverbundenheit ebenso wie über die Suche nach Harmonie, Schutz, Geborgenheit und Gleichgewicht in einer Welt voller Gegensätze und Wandlungen damals wie heute entdecken. Wie im Titelbild der Ausstellung, einem Blick durch dunkles Baumgeäst, die Häuser wie umhüllend in durchscheinendem Licht. Neu dazugekommen sind Handzeichnungen aus dem Jahr 1940, in denen Siegfried Berndt mit Graphitstift stattliche, machtvoll erhabene, breitstämmige und hoch aufragende Bäume und filigrane Wurzeln oft als Naturvorstudien für seine Aquarelle festhielt.

Farbige Aquarelle in Grün- und Brauntönen vor blauem Himmel zeigen Ansichten aus dem Tharandter Wald, Grillenburg und der Umgebung Altenbergs. Darunter auch Blicke auf Schloss Grillenburg und den Gondelteich umgeben von Wald, das in den 1930er Jahren schon ein beliebtes Ausflugsziel war. Da weiden friedlich Kühe auf einer Wiese am Waldrand hinter einem Holzzaun. Sieht man zwei Pferde, eins grasend und eins rennend. Außerdem treffen Ansichten der „Lausche“, der Lausitzer Berglandschaft, das bayerische Hochgebirge, der Arbersee, das Wattenmeer auf Sylt, die Steilküste auf Rügen, Elbboote, die Seinebrücke von St. Cloud und ein polnisches Dorf in Flussnähe aufeinander in den frühen Arbeiten, die mit ihrer tiefen, klaren Farbigkeit und reduzierten Formen erstaunlich zeitlos und frisch wirken.

„Gezeigt werden die wichtigsten Arbeiten von Siegfried Berndt aus den 1930er Jahren, der als einer der ersten Künstler mit dem Farbholzschnitt und experimentellen Drucktechniken arbeitete. Die Farbholzschnitte auf Japanpapier stehen im Zentrum, die in ihrer Qualität, der Leuchtkraft der Farben und Tiefe der Bilder einzigartig sind“, sagt Bettina Liepe, die im Vorstand des Kunstvereins Freital e.V. mitarbeitet. Es ist die erste Ausstellung ohne Barbara Hornich, die langjährige Vorsitzende des Kunstvereins, die im Juli verstarb. Im Frühjahr bereitete sie die Bilderschau mit Andreas Albert, Kunstlehrer an der Walddorfschule und Nachlassverwalter des Werks von Siegfried Berndt noch vor und freute sich sehr darauf, da sie in der Nähe des Tharandter Waldes aufwuchs.

Ausgewählt, neu gerahmt und zusammengestellt für die Ausstellung hat die Landschaftsbilder nun Bettina Liepe. Zwei Tage hat sie dafür gebraucht, bei der Hängung der Arbeiten unterstützten sie Klaus Fichte, der die Aufsicht in der Ausstellung mitübernimmt und Thomas Unger, 2. Vereinsvorsitzender und passionierter Fotograf insbesondere für Industrieruinen und andere Orte der Stille. Zum Abschluss der Ausstellung am 15. Oktober, 15 Uhr gibt es ein Kunstgespräch mit Andreas Albert zum Leben und Schaffen von Siegfried Berndt in der Ausstellung im Einnehmerhaus. Dort ist auch ein Katalog mit seinen Werken erhältlich.

Text + Fotos (lv)

Öffnungszeiten:

Do und Fr von 16 bis 18 Uhr, Sa und So von 14 bis 17 Uhr, feiertags geschlossen

http://www.kunstvereinfreital.de

 

Neue Lyrik: Bericht an die Nachgeborenen & Der Zwitscherbaum

An die Nachgeborenen –
nach Bertolt Brecht

I
Wahrlich, ich lebe in seltsamen Zeiten!
Die Welt scheint auf den Kopf gestellt
Viele sind auf einem Auge
manche auf beiden blind
blenden aus oder lächeln fort
alle Sorgen

Das Leben ist schön
doch überall lauern Gefahren
wer sie nicht sieht nicht von ihnen
diktieren lässt
weiter an das Gute Wahre Schöne
an sich selber glaubt
wird belächelt oder schief angesehen

Wer bei sich bleibt in seiner Mitte
nicht im Schneckenhaus
nicht den Scharmützeln der Mehrheit
dem heißen Dampf der Debatten
der Wahrheitslenker aussetzen will
wer etwas dagegen hält
wird wie ein Spielverderber
angesehen vertrieben und gemieden
ungeheuerlich noch andere anstecken
wer bestimmt was Wahrheit ist

Was sind das für Zeiten, wo
ein Gespräch über Frieden ohne Waffen
fast ein Verbrechen ist
gerade so als wolle man Wehrlose töten!
Tauben von Straßen und Plätzen
gejagt werden wie Bettler und Parasiten

Dabei ist der Krieg längst
bei uns angekommen
die Gräben zwischen denen die viel
und wenig haben oder eine andere Meinung
werden tiefer
nichts hält mehr zusammen
außer Kälte trifft alle
Licht erlischt immer mehr
die Energiepreise steigen
Vorräte sich dem Ende neigen

Wir bekriegen uns mit Worten
wer keine Feindbilder schaffen
Träume Ängste und Abgründe
sehen und überwinden unterscheiden
will was eint und trennt
nicht in Schubladen steckt andere
wir sind so viel mehr
ob wir auf dieser oder jener Seite stehen
wer es wagt
gerät leicht in die Schusslinie

II
Es gab eine Zeit da war die Welt
schwarz oder weiß
schön übersichtlich
alles wohlgeordnet
in ein Hier und Dort
Hüben und Drüben
saßen die Guten oder Bösen
eine klare Grenze
zog Idylle Bedenken
Begehrlichkeiten Unmut und Verdruss
nach sich
es war keine heile Welt
nur anders

jeder hatte seine eigene kleine Welt
ich stieß mir als Kind oft den Kopf
an offenen Fensterflügeln
und Tischkanten
manchmal heute noch
sehe nicht das Hindernis
sondern darüber hinaus
der Schmerz vergeht
die Neugier bleibt

Die Menschen reisten ein und aus
manche für immer
wenn ich verreiste hatte ich schnell
Heimweh
es zog mich nie in die Ferne
hatte immer Angst irgendwo
verloren zu gehen
wo ich mich nicht auskenne
keinen versteh
doch ich hab Sehnsuchtsorte

III
Ihr, die ihr heute überall hin könnt
Seht Euch um
auch wenn die Welt kopf steht
hier und in der Ferne
Seht genau hin
Wenn Ihr Menschen seht
die laut sind oder stumm
Wenn sie frieren flüchten schlagen
klagen verzagen
fragt Euch warum

nehmt nichts hin
nicht alles an
was man Euch sagt oder
verkaufen will
vergesst Eure Wurzeln nie
woher Ihr kommt
auf welchem Boden
Ihr gewachsen seid

wisst wer Ihr seid
verliert Euch nicht
im Streit
verlernt das Lieben nicht
Heimat ist dort wo man sich zuhause
fühlt findet sie in Euren Herzen
und gebt sie anderen
hütet sie wie einen Schatz
Wir haben nur eine Erde

LV
15.9.2022

Der Zwitscherbaum

Ein Baum hält mich
nicht nur an
innezuhalten
und auszuruhen

ich hör die Blätter
flüstern rauschen rascheln
seh ihr Glänzen in der Sonne
ihr Zittern und Wegdrehen
in Windeseile

ihr Seufzen und Ächzen
wenn wieder ein Sturm
mit wildem Geheul kommt
die Bäume am liebsten Reißaus nehmen
würden bevor sie umstürzen

auf spielende Kinder fallen
an einem Sommertag am See
vielleicht spielten sie Verstecken
an einem Baum bevor er aus den Wurzeln
gerissen umstürzte und die Kinder begrub
und später in den Unwettermeldungen
hieß es die Bäume hätten sie getötet

es wird die Zeit kommen
in der es fast ein Verbrechen ist
nicht über Bäume zu sprechen
als hätte die Natur nichts mit uns
zu tun werfe nichts sie
aus der Bahn

aufgeregtes Gezwitscher
schallt aus dichter Blätterkrone
kein Vogel zeigt sich
sie verstecken sich und verstummen
als ich mich dem Baum nähere

sie wissen nicht wie ihr vieltönendes Geschwirr
mein Herz jubelnd
emporhebt zu ihnen

LV
15.9.2022

Zwischen Intuition & Formzwang: Im Gedicht-Workshop in Pirna & danach Entstandenes

Erschütterung

Einiges ging zu Bruch
an diesem Wochenende
das Schloss Sonnenstein als Kulisse

das Handy lag auf einer Steinmauer
griffbereit für ein Erinnerungsfoto
eine Minute später fiel es herunter
auf harten Stein

das Gehäuse sprang auf
Splitter am Boden
das Display blieb dunkel
ein Moment veränderte alles

die Bäume auf der Anhöhe
standen friedlich im Sonnenlicht
eine Tafel unterhalb der Steinmauer
weist auf die Erinnerungsspuren

auf jenen Geist der Menschenleben
verachtete und auslöschte
hinter den Festungsmauern
auf dem Sonnenstein

unten in der Stadt in einem dämmrigen
Gewölberaum saßen und lasen wir
der Stift flog übers Papier
befragten uns von Mensch zu Mensch
und aus der Perspektive eines Tiers

alte Haut festsitzende Muster
rieb sich an Kopf Wänden
wand sich heraus

wir lasen und stritten
über Gedichtformen die Rätsel aufgeben
wie Anagramme
in der Einschränkung Zwang in der Form
Festgefahrenes Denken zu Vertrautes aufbrechen
zu neuer Freiheit der Gedanken Ideen
Wortwesen gelangen

von drinnen nach draußen
vom Kopf aufs Papier
Tische und Stühle ins Freie
Zuhörende und Schreibende
Gedankenflüge
wechselten zwischen den Leseorten

die Flasche Bionade mit Zitronengeschmack
in der Eile vergessen am nächsten Tag
stand sie noch auf dem Tresen vom Uniwerk
draußen auf dem Tisch kurz darauf
mit abgebrochenem Flaschenhals
noch nicht leer getrunken
vieles in Bewegung geraten
Scherben bringen Glück
Schreiblust ungebrochen

LV
25.9.2022

Wut
Nach einem Gedicht von Martina Hefter „Musical mit Ungeheuer I“

Kommt aus mir wie
aus heiterem Himmel
Trifft sie mich

Wenn etwas eintritt womit ich
nicht gerechnet habe
von außen auf mich einstürmt
mich bedroht herausreißt
aus dem Gewohnten
aus mir heraus

Wenn ich außer mir bin
empört fassungslos ohnmächtig
mich ausgeliefert fühle
Bricht sie aus mir heraus
wüte tobe wirble
lasse sie heraus mit Worten

wie brausende Wellen
die an und abrollen
leise verrauschen

LV
23.9.2022

Mut

Denen die mich wütend machen
würde ich meine Wut entgegen schleudern
mit aller Kraft
aus tiefstem Inneren

den Zorn die Ohnmacht
Ausgeliefertsein zurückgeben
mit Worten die brennen
schmerzen aufwühlen
glühen ein Feuer entfachen

die Wut verbrennen
überschüssige Energien frei lassen
neu entzünden
bevor mich der Mut verlässt

LV
23.9.2022

Aufgelesen in Pirna

Wenn das Leben dir einen Korb gibt
geh zu Babicka
a Stuckel Eierschecke holen
in Ilses Kaffeestube im Eckhaus
am Markt ist`s auch scheen

danach noch ein Canaletto Burger
in Max Müller Laden für nichts
Löcher in den Bauch stehen
ist nix
für die Treppe nach oben
ist noch Zeit

LV
24.9.2022

Der Erlenpeter

Am Brunnenrand lauschig
hinter der Marienkirche
steht der Erlenpeter
sieht wie das Wasser rinnt
in eigenem Lauf
nichts hält es auf

perlt auf Peter
und darüber hinaus
springt der Strahl
rauscht wie Erlen

LV
24.9.2022

Sich einen Reim auf die Welt machen. Beim Festival „Pirna schreibt und liest“ & Lese-Spaziergang


Eine Stadt voller Geschichte(n): Hier fanden die TeilnehmerInnen des ersten Festivals „Pirna schreibt und liest“ viele schöne Anregungen für ihre Texte und Leseorte.

In Bewegung sein

Beim ersten Festival „Pirna schreibt und liest“ hielten 70 Teilnehmer von jung bis älter Erlebtes und Erfahrenes fest und lasen in den Workshops Entstandenes bei einem Lese-Spaziergang in Pirna am Sonntagnachmittag.

Vom Canaletto-Blick zum Canaletto Burger. Der Erlenpeter am Brunnen, Ilses Kaffeestube im Eckhaus am Markt. Mägdleinschule, Knabenschänke, Erinnerungsspuren und Galerie Vielfalt. Von den Schriftzügen auf Schaufenstern von Läden, Schildern und Speisekarten von Cafés ebenso wie Sehenswürdigkeiten und Gedenkorten ließen sich bei einem Spaziergang durch die Pirnaer Innenstadt die Teilnehmerinnen des Gedichte-Workshops des Festivals „Pirna schreibt und liest“ anregen. „Der Geschmack ist verschieden, formale Vielfalt ist wichtig“, sagt Sibylla Vricic-Hausmann, die am Literaturinstitut in Leipzig studiert hat. „Schreiben ist letztlich immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person und der Welt. Eine Reflexion, wie wir leben und von anderen behandelt werden und wie ich selbst in der Welt stehe, sie betrachte.“ Fünf gedichtbegeisterte Frauen schrieben und besprachen bei ihr im Workshop Gedichte, probierten verschiedene Schreibformen aus, um ihren eigenen Rhythmus und Ausdruck für ihre Gedichte zu finden, in einem Gewölberaum im Jugendzentrum „Hanno“ neben der Stadtbibliothek.

Eine beliebte Zeile, gefunden beim Stadtspaziergang, heißt: „Wenn das Leben dir einen Korb gibt…“ Dann nimm ihn und geh Blumen pflücken, schrieb Susann Eisold aus Pirna in ihrem ersten Gedicht. Sie kam spontan noch dazu am Sonnabend in die Gruppe.

Einen eigenen Reim auf die Welt machen, Erlebtes und Erfahrungen auf kreative Weise festhalten und zu Gehör bringen, dazu lud das Festival „Pirna schreibt und liest“ ein, das erstmals stattfand. 70 Teilnehmer, jung und älter, über die Stadtgrenzen hinaus, aus Dresden und der Region nutzten zwei Wochenenden lang die Möglichkeit, zum Stift zu greifen und alles, was sie bewegt, zu Papier zu bringen gemeinsam mit anderen. Die Bandbreite der angebotenen, kostenlosen Workshops reichte von Poetry Slam und Poetry Clip, Biografischem Schreiben, Kurzgeschichten, Schreiben für Kinder bis zu Szenischem Schreiben und Gedichten. Unter dem Motto „Wo bist du“ konnten die Teilnehmer herausfinden und ausdrücken, wo sie sinnbildlich gerade im Leben stehen. Die meisten Teilnehmer waren bei den Kurzgeschichten, so Uwe Delkus, der Initiator des Festivals „Pirna schreibt“. Starthilfe gab die Bürgerbühne vom Staatsschauspiel Dresden als Partner im Rahmen des Projekts „X-Dörfer“. „Wir hoffen, dass sie uns treu bleiben und wollen das Schreib-Festival als bleibende Veranstaltung in Pirna weiterentwickeln“, sagte Uwe Delkus bei einem Kennenlerntreffen der Workshopteilnehmer im Kulturzentrum „Uniwerk“ im ehemaligen Feuerwehrlöschhaus.

Dort wurde auch das rührige Helferteam vorgestellt, die ehrenamtlich das Schreibfest vorbereiteten, Räume organisierten, sich um Werbung kümmerten. Abschließend lasen bei einem „Lesespaziergang“ die Teilnehmenden ihre in den Workshops entstandenen Texte an verschiedenen Leseorten in der ganzen Stadt am Sonntagnachmittag. Bei herrlichem Sonnenwetter wurden Tische und Stühle ins Freie gestellt, lockten an den Eingängen selbst gebackener Kuchen und Kaffee, waren Besucher und Schreibende rege in Bewegung zwischen den Leseorten. Episodenreich, eindrucksvoll, kurz und knackig, zum Schmunzeln und Nachdenken anregend, lasen sechs Autorinnen und Autoren biografische Texte, die von prägenden Momenten ihres Lebens erzählen, wer sie sind und was nicht, aus dem Workshop mit Svenja Gräfen.

Fantasievolle, spannende, lustige und traurige, herzerfrischende Geschichten lasen im Beisein von Eltern, Geschwistern und Freunden acht Kinder aus dem Workshop mit Gerda Waidt, Illustratorin und Kinderbuchautorin in Leipzig, im gemütlich mit Sofaecke, Stehlampe und Kissen eingerichteten Leseraum der Logopädie Schnattergans auf der Schmiedestraße. Die Geschichten werden in Buchform samt selbstgemaltem Cover verviefältigt im Copyshop und jeweils ein Ansichtsexemplar in der Bibliothek zum Lesen ausgelegt. Madita, 11 Jahre, mag  Hörbücher und liest gern Comics und Mosaikhefte, erzählt ihre Mutter Manuela Peissker. Luise geht in die dritte Klasse, sie liest und schreibt gern magische Geschichten. Eleana, 12 Jahre, hielt ihre Geschichte geheim bis zur Lesung und überraschte ihren Vater mit dem fertigen Produkt, erzählt ihr Vater Jens Breuer. Danach hörte er die Gedicht-Lesung im ehemaligen Feuerwehrraum, die mit über 20 Zuhörern erfreulich gut besucht war.

„Meine Figuren entstehen aus Erlebnissen und Bekanntschaften. Ich will nicht nur im eigenen Saft kochen, suche Austausch und wollte wissen, ob das, was ich meinen Autoren rate, richtig ist“, sagt Matthias Schlicke aus Friedersdorf/Gemeinde Klingenberg, 62 Jahre. Er hat als Ingenieur im Wasserwesen gearbeitet, schreibt seit zehn Jahren Kurzgeschichten und hat schon zwei Romane im Hybrid-Verlag veröffentlicht, den er mitgründete und lektoriert auch Bücher für andere Autoren. „Das elfte Gebot lautet, du sollst nicht langweilen“, sagt Schlicke schmunzelnd. Uwe Delkus freut sich über die Resonanz auf das erste Schreibfestival in Pirna: „Es war überall voll an den Leseorten und toll auch der Austausch der Schreibenden untereinander. Wir wollen das Festival im nächsten Jahr fortsetzen. Und es soll weiter wachsen.“ Weitere Schreibfreudige und Unterstützer im Organisatorenteam sind willkommen. Überlegenswert wäre für nächstes Mal, die Leseorte noch dichter zusammenzulegen, damit man sich noch mehr anhören kann, da teils weitere Wege zurückzulegen sind. Außerdem die Workshops zeitlich variabler zu gestalten, die alle zur gleichen Zeit stattfanden, um mehr Beteiligungsmöglichkeiten zu haben.

Text + Fotos (lv)

Fantasievolle Wunderwelt: Das Lügenmuseum Radebeul feierte 10. Geburtstag mit einer Gesprächsrunde zum Wert freier Kulturarbeit

Das Lügenmuseum stärker zum Leuchten bringen

Mit zwei neuen Ausstellungen und einer Gesprächsrunde zum Wert freier Kulturarbeit wurde das zehnjährige Jubiläum im fantasievollen Wunderreich im ehemaligen Gasthof Serkowitz gefeiert. Beim Herbst- und Weinfest in Radebeul-Altkötzschennbroda kann man wieder in den labyrinth-Installationen des Lügemuseums aif der Elbwiese umherwandeln.

„Die Zukunft war früher auch besser“, steht auf der Hauswand. Die witzig-weisen Sprüche sind ein Hingucker und wecken ebenso wie die fantasievollen Installationen am Eingang Neugier auf das Innere. Bevor sie hineingehen, sitzen die Besucher gemütlich rings um eine Feuerschale. Mit neuen Installationen, zwei Ausstellungen und einer Podiumsdiskussion zum Wert freier Kulturarbeit feierte das Lügenmuseum Radebeul sein 10-jähriges Jubiläum an diesem Ort am Montagabend. Vor zehn Jahren lud der Radebeuler Kulturausschuss Reinhard Zabka, Künstler und Betreiber des Lügenmuseums ein, den historischen Gasthof in Serkowitz auf der Kötzschenbrodaer Straße 39 neu zu beleben. Seitdem ist ein lebendiges Kulturzentrum in dem 700-jährigen Gemäuer entstanden, das immer wieder mit Kunstprojekten im Kulturraum des Elbtales und auch überregional auf sich aufmerksam macht und Besucher anlockt. Zwei neue Ausstellungen wurden am Jubiläumsabend eröffnet. „Kunstbrücke“, ein Vernetzungsprojekt unabhängiger Kunstorte im Landkreis Meißen und eine „Fassadengalerie“ zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, die Schlafzimmerbilder umformten, die ihre Besitzer nach einem Zeitungsaufruf vorbei brachten. Auf ihre Weise interpretierten sie zeichnerisch und malerisch die Künstlerinnen Franziska Kunath, Maja Nagel, Anita Rempe und Sophie Cau.

Für zauberhafte Klänge auf dem Vibraphon sorgte der Musiker Scotty Böttcher und fröhlich beschwingte Weisen spielte die Kapelle Krambambuli im Saal
des Lügenmuseums. Außerdem gab es eine Gesprächsrunde zum Erhalt dieses besonderen Kultur- und Erlebnisortes. „Es ist ein künstlerisch belebter Ort, demnach benutzbar. Es geht um den Bestandserhalt und Auswirkungen auf das Umfeld“, sagte Claudia Muntschick von der Initiative „Kreatives Sachsen“. Nachdem das Lügenmuseum von der Landesstelle für Museumswesen abgewiesen wurde, so Reinhard Zabka, bewarben sie sich als soziokulturelles Zentrum und wurden aufgenommen. „Kreativität bekommt man in keine Schublade. Das ist auch nicht gewollt. Doch ohne Finanzierung ist das der Tod der Kreativität“, benannte Kirstin Zinke, Geschäftsführerin vom Landesverband Soziokultur die Situation vieler Kulturschaffender. Juliane Vowinckel ist Kulturgeografin und unterstützt das Lügenmuseum seit 2014 bei der Konzeption neuer künstlerischer Projekte, Förderanträgen und der Umsetzung. „Das Lügenmuseum hat überregional Strahlkraft und macht die Stadt Radebeul bekannter“, so Juliane Vowinckel.

Doch die Stadt tut sich schwer. Bisher gibt es kein Bekenntnis zum Erhalt des Lügenmuseums. „Als Reinhard Zabka vor zehn Jahren herkam mit vielen tollen Ideen als multimedial arbeitender Künstler, waren wir selig und haben viel gemeinsam mit der Stadtgalerie veranstaltet“, sagte die ehemalige Radebeuler Stadtgaleristin Karin Baum. Das Lügenmuseum sollte für die öffentliche Nutzung erhalten bleiben. „Die Stadt Radebeul hielt sich von Anfang an die Option zum Verkauf des Gebäudes offen und hat sich bis heute nicht bewegt“, sagt Uwe Baum. Ein Verkaufsversuch sei bereits gescheitert. Er und seine Frau sammelten schon fast 1 000 Unterschriften in einer Petition an den Stadtrat. Ende September endet die Ausschreibungsfrist zum Verkauf des Gebäudes. „Den geforderten Kaufpreis von 310 000 Euro würde ich aus privaten Mitteln bereitstellen, aber ohne Auflagen. Damit der Zirkus mit der Stadt aufhört und das Lügenmuseum erhalten bleibt “, sagte Ruprecht Frieling, Autor und früher Kulturmanager großer Ausstellungen mit Beuys, Baselitz und a.r. Penck in Berlin. „Ein solches Museum zu haben ist ein Schatz, ein Kleinod, das als einzigartige Attraktion weiterentwickelt werden sollte. Den Stern polieren und zum Leuchten bringen über Radebeul, das verlangt ein Miteinander mit der Stadt, Verwaltung und Unternehmen“, so Frieling.

Vielleicht könne das Lügenmuseum auch mit der Karl May-Gesellschaft und ihrem Museum kooperieren, einem fantastischen Erzähler und Lügenbaron. Die Auflagen der Stadt erschweren das Kaufvorhaben durch private Unterstützer des Lügenmuseums. „In drei Jahren für 3,5 Millionen das Gebäude zu sanieren ist nicht machbar“, so Frieling. Das Lügenmuseum samt Kunstsammlung würde damit zudem vor die Tür gesetzt während der Bauzeit. „10 bis 30 000 Euro fehlen uns an kultureller Förderung seitens der Stadt, um eine Hausmeisterstelle zu finanzieren und das Museum weiterzuentwickeln“, so Zabka. Das Dach ist gesichert und die Elektrik erneuert. Reinhard Zabka hat die Stadträte eingeladen ins Lügenmuseum, doch leider sei keiner gekommen. Doch das kann sich ja noch ändern. Beim Herbst- und Weinfest lockt wieder eine begehbare, originelle Wunderwelt mit Installationen des Lügenmuseums auf den Elbwiesen in Altkötzschenbroda. Außerdem will Reinhard Zabka demnächst eine Zukunftswerkstatt mit dem Freundeskreis, Akteuren und Interessierten im Lügenmuseum veranstalten.

Text + Fotos (lv)

Öffnungszeiten im Lügenmuseum Radebeul:

Samstag, Sonntag, Ferien uns Feiertage von 13 bis 18 Uhr

http://www.luegenmuseum.de

Ausstellung „Sinnbilder in Stein“ beim Skulpturensommer auf dem Sonnenstein in Pirna

Faszinierende steinerne Figurenwelt

Der Skulpturensommer Pirna zog viele Besucher an und feiert nächstes Jahr sein zehnjähriges Jubiläum mit noch größerem Rahmenprogramm.

Gesichter, pflanzliche Formen aus Stein und der kraftstrotzende Herkules, der die Weltkugel auf seiner Schulter trägt, erscheinen auf Fotografien in der Unterführung am Bahnhof Pirna und wecken Neugier auf die Ausstellung. Letzterer ist auch auf dem Titelplakat des Pirnaer Skulpturensommer 2022/23 zu sehen, das leider auf dem Weg dorthin kaum auftaucht und für auswärtige Besucher daher schwer zu finden ist. Die Werke kann man in Originalgröße bestaunen in der derzeitigen Ausstellung „Canaletto zu Ehren – Sinnbilder in Stein“ anlässlich des 300. Geburtstages des Malers Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, in den Bastionen der Festung Sonnenstein hoch über der Stadt. Dort werden originale Barockwerke wie Putti und mythologische Figuren, Leihgaben der Zwingerbauhütte Dresden und der Sandsteinwerke Pirna, den Steinskulpuren von 16 zeitgenössischen Bildhauern aus Deutschland ebenso reizvoll wie spannend in Form und Wirkung gegenübergestellt.

Der Eingang zur Ausstellung in den ehemaligen Festungsanlagen befindet sich unterhalb der Schlossschänke mit grandioser Aussichtsterrasse. Gleich dahinter begegnen dem Besucher zwei steinerne Köpfe. Ein verschmitzt lächelnder Tambourinspieler mit weinlaubbekränztem Haupt von einem Schüler Permosers, Johann Kretzschmar (1677 – 1740) und ein nach innen, nachdenklich schauender „König David“ aus dunklem Granit von Peter Makolies von 2010. Es ist eine buchstäblich schwergewichtige Ausstellung „Die Steinwerke hinein in die Gewölbe zu hieven, war schon ein Kraftakt“, sagt Christiane Stoebe, Kuratorin der Ausstellung, Bildhauerin und Kunstpädagogin zu Beginn der Führung am vergangenen Sonntagnachmittag. Rund ein Dutzend Besucher, zumeist mittleren Alters und älter, haben sich zu dem Rundgang durch die steinerne Figurenwelt versammelt. Fasziniert betrachten sie die filigranen, zarten, kraftvollen und ausdrucksreichen Spiegelbilder menschlichen Seins mit allem Licht und Schatten. Die zeitlos zauberhaften Skulpturen, trotz Splittern und Rissen in der Steinhaut, wie der Engel mit nur einem Flügel, „Notos“ von Christian Kirchner, der auf Salome schaut, die nackt und verletzlich da steht in Marmor. Geschafften hat sie Susanne Knorr 1987.

Weiter vorn steht ein „Steinkind“, das allein vor sich hin träumt, von Matthias Jackisch. Von ihm stammt auch die „Frierende“, eine schmale Gestalt, die ihre Hände mit ihrem Atem wärmt, eine trauernde „Ophelia“ und ein mondbeschienenes Frauengesicht aus weißem Muschelkalk. Eine „Sonnenanbeterin“ aus Sandstein von Konstanze Feindt Eißner steht auf der Freiterrasse mit Blick auf die Elbe und ein Stück weiter eine kraftvoll „Schreitende“ von ihr aus hellem Marmor. Ein sanftmütiger, steinerner Löwe von Balthasar Permoser sitzt vor einem Tor. Dahinter schaut Nathan der Weise hervor in einer Skulptur von Klaus Schwabe, 2009 entstanden. „Nicht immer geradeaus“ nennt Ursula Güttsches eine weibliche Skulptur, in der sich runde, fließende, kantige und unebene Formen verbinden. Von Werner Stötzer ist ein schwungvoll, liegender und ein sich öffnender weiblicher Torso zu sehen.

Die Besucher konnten außerdem erleben, wie nach alten Gemälden aus der Canaletto-Zeit als Vorlage die barocken Skulpturen heute restauriert und in Stein übertragen werden. So entstand auch die Idee zu dieser Ausstellung. Vor einem Gipskapitell, reich verziert mit Blüten und Ornamenten steht Heino Lemke mit einem Punktiergerät und überträgt punktgenau die Details in Stein. Er arbeitet seit 47 Jahren als Bildhauer bei den Sandsteinwerken Pirna und stellt das heute seltene Handwerk eindrucksvoll vor. Das von einem Kollegen restaurierte Janus-Portal ist wieder über dem Eingang der Heinrich Schütz-Residenz auf dem Dresdner Neumarkt zu sehen. Bis hin zu haarfeinen Federn an einem Ritterhelm, die Lemke mit langen Eisen akribisch aus dem Stein herausholt. „Man muss sich Zeit nehmen. Und wenn die früher das konnten, können wir das auch“, sagt er. Leider gebe es heute kaum noch Aufträge für Bildhauer. Während Kunst am Bau früher in der Architektur ganz selbstverständlich war.

Ausstellungen wie diese können zumindest die Bildhauerei und Handwerkskunst wieder mehr sichtbar machen. „Die Ausstellung ist großartig angekommen, auch durch das 9-Euro-Ticket ausgelöst hatten wir viele Besucher“, sagt Christiane Stoebe. Es kamen auch Touristen und Urlauber aus Baden-Würtemberg, Hamburg, aus den Niederlanden, der Schweiz und Tschechien sowie viele Stammbesucher. Teilweise waren bis zu 100 Besucher an einem Tag in der Skulpturen-Schau, die sich bei sommerlicher Hitze auch gern in den angenehm kühlen Gewölberäumen aufhielten. Die Besucher konnten sich auch selbst mit Knipfel am Stein ausprobieren. Nächstes Jahr im Mai feiert der Skulpturensommer Pirna sein zehnjähriges Jubiläum. „Dazu ist ein größeres Rahmenprogramm angedacht und werden wir uns etwas Besonderes einfallen lassen“, so Christiane Stoebe. Die Ausstellung ist noch bis 3. Oktober zu sehen und am Abschlusstag gibt es noch mal eine Führung mit der Kuratorin.

Text + Fotos (lv)

Öffnungszeiten: Mi – So und an Feiertagen von 13 bis 17 Uhr

http://www.pirna.de/skulpturensommer

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„Die neun Gebote“ – ein teuflisches Spektakel über den Geldgott als Open Air-Inszenierung des Teatro Due Mondi beim Herbst & Weinfest & Internationalen Wandertheaterfestival in Radebeul


Gehörnte Verführer…. Ein Stück über die Liebe zum Geld und was sie mit uns Menschen und der Welt macht. Davon erzählt witzig grotesk die Open Air-Inszenierung des Teatro Due Mondi am Sa., 24.9., 20.20 Uhr auf der Streuobstwiese in Altkötzschenbroda. Foto: Teatro Due Mondi

Groteskes Spektakel um den Geldgott

Mit der Open Air-Inszenierung „Die neun Gebote“ kommt das italienische Teatro Due Mondi am Sonnabend zum Radebeuler Weinfest und Internationalen Wandertheaterfestival.

Eine Frau in dunklem Anzug und roten Hörnern, ähnlich einer Harlekinkappe, hält einen großen, vermüllten Erdball in einem Netz auf der Schulter. Hoch oben auf einem Turm thront der Kopf des Goldenen Kalbes, des Geldgottes, um den herum die anderen Spieler springen. Die Bühne ähnelt einem überdimensionalen Altar, der golden und silbern schimmert und im Laufe der Vorstellung in immer neue Farben und Bilder getaucht wird, um den Teufeln den Rahmen für ihre Show zu bieten. „Die neun Gebote“ – ein teuflisches Spektakel über den Geldgott heißt die Aufführung der italienischen Theatergruppe Teatro Due Mondi, die sie zu fünft als große Open-Air-Inszenierung am Sonnabend, 20.20 Uhr auf der Elbwiese beim Herbst- und Weinfest und Internationalen Wandertheaterfestival in Radebeul zeigen werden.

„Wir waren schon zwei, drei Mal da auf dem Dorfanger in Altkötzschenbroda mit einer ,Fiesta`, Straßentheaterparade mit Livegesang, Maskenspiel und bunten Kostümen im Stil der Commedia dell`Arte“, sagt Tanja Horstmann, Schauspielerin und Tourneemanagerin vom Teatro Due Mondi. Die Gruppe spielt aber auch anderes Straßentheater und kommt nun zum ersten Mal mit einer großen Produktion nach Radebeul, die sie schon vor zwei Jahren aufführen wollten, doch coronabedingt verschoben wurde. Mit dem Stück „Die neun Gebote“ gastierte das Teatro Du Mondi schon bei Theaterfestivals in Frankfurt/Main, Köln und Bielefeld. Das Stück entstand bereits 2017 und ist hochaktuell.

„Die Welt ist auf den Kopf gestellt, vor allem Geld und materielle Werte zählen und andere Werte werden immer mehr vergessen. Darum geht es in der Inszenierung“, so Tanja Horstmann. Eine Stimme aus dem Off, das goldene Kalb, erteilt die Anleitung zu den neun Geboten, die angeregt von der biblischen Geschichte neu interpretiert werden. Dabei wechseln groteske Szenen, in denen die Teufel die Gebote des Geldgottes verkünden mit leise, poetischen und nachdenklichen Szenen des wahren Lebens. Wenn beispielsweise ein Mann mit Brot und einem Baum auf die Bühne kommt, um Vögel zu füttern. Oder eine Frau mit einer langen Wäscheleine voller Kindersachen erscheint, die von Lebensfreude und Familienleben erzählen. Das Geschehen wird begleitet von Musik mit bekannten Titeln von Rock bis Pop und französischen Chansons von Jaques Brel und Edith Piaf bis zu den Beatles.

„Die neun Gebote“ sind das dritte Stück des Teatro Due Mondi. Es besteht schon seit 43 Jahren als eines der ältesten Wandertheater in Italien. Tanja Horstmann kam vor 21 Jahren dazu. „Das war ein Glücksfall für mich. Vorher war ich bei einem Wandertheater in Blois in Frankreich, das sich jedoch leider auflöste“, erzählt sie. Tanja Horstmann kommt aus Bremen, sie hat Theaterwissenschaften, Französisch und Spanisch studiert und ging mit 19 Jahren nach Frankreich. Von da aus führte ihr Weg weiter nach Italien zum Teatro Due Mondi. Sie begann zunächst als Tourneemanagerin. „Doch da ich selbst spielbegeistert bin, stehe ich inzwischen mit auf der Bühne. Wir machen alles selbst, Kostüme und Bühnenbild. Die Stücke entstehen im Kollektiv“, erzählt Tanja Horstmann. „Das ist ein schönes Leben, in dem wir nur das machen, was uns wirklich gefällt.“

Die Gruppe Teatro Due Mondi hat ein eigenes kleines Theater mit 70 Plätzen in Faenza in Norditalien, einer Stadt mit 50 000 Einwohnern, unweit von Bologna. Die Theatergruppe ist viel unterwegs auf Tourneen europaweit und in Italien, wo sie von anderen Theatern und Festivals eingeladen ihre Stücke aufführen. „Wir freuen uns auf Radebeul, das Weinfest und Wandertheaterfestival mit seiner einmaligen Atmosphäre, wo die Leute feiern und viel Kultur erleben können“, sagt Tanja Horstmann. Leider können sie nicht viel von anderen Wandertheatern sehen, da das Teatro Due Mondi am nächsten Tag schon weiterreist zu einem Gastspiel mit ihrer Straßenperformance „Mauerrisse“, die sie bei der Interkulturellen Woche in Hattersheim bei Frankfurt zeigen. Für die Open Air-Aufführung beim Weinfest wünscht sie den Zuschauern viel Spaß und besinnliche Momente und dass sie etwas für sich mitnehmen können.
Damit nicht nur der Geldgott das Sagen hat auf dieser Welt.

Text (lv)

Weitere Infos zum Programm unter http://www.weinfest-radebeul.de

Uraufführung „Die Katze Eleonore“ im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden


Zwischen gemütlich kuschliger Idylle und Ausbruch ins wild Animalische: Eine Frau an der Grenze zwischen Mensch- und Tiersein spielt Karina Plachetka im Solostück „Die Katze Eleonore“ im Kleinen Haus. Foto: Sebastian Hoppe

Anrührend komische Selbstsuche

Witzig, rätselhaft, genüsslich und provokant fragt das Stück „Die Katze Eleonore“ von Carmen Jeß, was Mensch- und Tiersein ausmacht und was passiert, wenn die Grenzen verschwimmen.

Menschsein ist ein trauriges Los. Arbeit, Ablenkung und Umweltprobleme verschlimmern alles nur noch. Damit will Eleonore Garrazo, die als Immobilienmaklerin tätig ist und alleine lebt, nichts mehr zu tun haben. An einem Septembertag entdeckt sie ihr unbändiges, katzenhaftes Wesen, kündigt ihren Job und bricht völlig aus ihrem gewohnten Leben aus. Wie die wundersame Verwandlung ihren Blick auf sich selbst und ihre Umwelt verändert, davon erzählt witzig, rätselhaft und spannend zwischen Fiktion und Wirklichkeit das Stück „Die Katze Eleonore“ von Carmen Jeß, das als Monolog für eine Schauspielerin mit Karina Plachetka kürzlich uraufgeführt wurde in der Regie von Simon Werdelis im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Eine kuschlig-gemütliche Idylle ganz in weiß und gedämpftem Licht empfängt die Zuschauer im Theaterraum unterm Dach. Auf einer Seite der Bühne steht ein Kratzbaum und Podest mit flauschigem Fell und Öffnung wie eine Höhle, auf der anderen Seite ein Sofa mit Stehlampe. Karina Plachetka sitzt zunächst abgewandt  vom Publikum auf der Coach. Minutenlang herrscht Stille. Bevor sie aufsteht und mit stockender Stimme zu erzählen beginnt. In einer Art Selbstbefragung, offenbart sich nach und nach bruchstückhaft, wie es anfing und warum Eleonore sich als Katze fühlt. Dabei wechseln Schauspiel, stumme, sprachlose Momente und Bilder mit Livekamera auf Leinwand ab, die in Großaufnahme ihre Nase, Augen, Mund und Zähne zeigen, über die sie nun aals Katze mit feinen, geschärften Sinnen die Welt wahrnimmt. Karina Plachetka spielt lustvoll genüsslich, anrührend komisch und provozierend an der Grenze zwischen Mensch- und Tiersein eine Frau, die sich selbst verloren hat, auf der Suche wer sie wirklich ist. Sie bewegt sich im Zwiespalt ihrer uneingestandenen oder unterdrückten Gefühle, zwischen Kopf und Verstand und eigenen Wünschen und Lebensvorstellungen. Ein Tier folgt nur seinen Instinkten und weiß sehr genau, was es will und was nicht.

Plötzlich steht sie auf, zieht die rosa Kostümjacke und Pumps aus, sieht die Zuschauer mit funkelnden Augen an und stürzt sich in ihr Katzenleben. Tastet erst auf Zehenspitzen auf dem Teppich, beugt sich vor, in die Hocke und kriecht schließlich auf allen vieren, rutscht auf dem flauschigen Fell hin und her, streckt sich wohlig aus, reibt sich an Kanten und klettert auf den Kratzbaum. Sie verschwindet in der Höhle und kommt wie neugeboren hervor. Sie trägt jetzt einen durchsichtigen Body, nachdem sie erkennt, dass ein Fell nicht verwachsen würde mit ihrer erbärmlichen Menschenhaut. Sie räkelt, reckt und bewegt sich biegsam. Kratzt mit den Nägeln am Kratzbaum, die sie vorher sorgfältig lackierte und erzählt von der schicken Lady, der leeren Hülle, einem schmerzlichen Kindheitserlebnis mit einer Katze, die wegen ihr ein Junges verlor und ihrer dementen Mutter und meldet sich bald nur noch mit „miau“ am Telefon. Sie hat genug verdient, ausreichend für ihr neues Dasein als Katze und kann endlich ganz sie selbst sein, schnurrt nachts laut und wohlig. Sie sitzt nicht mehr still, sondern springt auf den Sofa herum, reißt die Flocken aus den Sofakissen und steht schließlich mit einem Vogel als Beute vor dem Mund da, den sie tötete, mit starrer Miene vor dem Publikum.

Ihre Ärztin und ein Therapeut namens Wildbruch, der sich medizinisch und persönlich für sie interessiert (Stimme: Holger Hübner) stellen Fragen zu ihrem Katzendasein und berühren wunde Punkte ihres Lebens. „Wie fühlen Sie sich, wenn Sie auf der Heizung liegen und sich das Handgelenk lecken?“ Fragen wie diese sorgen für Neugier und Heiterkeit im Publikum und lassen zugleich dahinter verborgene Sehnsüchte nach Wärme und Geborgenheit erahnen. Während Eleonore immer mehr zur Katze wird und sich völlig zurückzieht. Sie fragt, was einen Menschen eigentlich vom Tier unterscheidet und richtet die Kamera in die Zuschauerreihen.

Sie öffnet sich immer mehr bis sie buchstäblich nackt auf der Bühne steht und eintaucht in die Natur in Großaufnahme auf der Leinwand (Video: Karolina Serafin), sich neu erfährt mit allen Sinnen und mit Katzenaugen sieht, über Wiesen streift, Insekten summen und Vogelgezwitscher hört. Farbenprächtige Blüten leuchten verlockend paradiesisch im Dunkeln. Dabei können Katzen doch kein Rot sehen. Reichlich Beifall gab es für diese liebevoll eigenwillige und freimütige Selbstfindungsreise.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Kulturcafé Freital: Theater-Workshops & offene Bühne & Salsa Venezolana


Lebendiger Ort für Begegnung & Austausch & gemeinsame Aktivitäten: Das Kulturcafé Freital öffnet immer dienstags ab 17 Uhr mit offener Teestube und ab 18 Uhr wechselnden Workshops. Am 20. September, ab 18 Uhr kann man hier Salsa Venezolana tanzen.

Ein Begegnungsort der Kulturen

Das Kulturcafé Freital ist offen für alle und lädt jeden Dienstag die Besucher zu gemeinsamen Angeboten wie Theaterspiel, Musizieren und Erzählen ein.

Es ist Kaffeezeit. Am Tresen stehen Kaffeekannen, Wasser, verschiedene Teepackungen, Gläser und weiße Tassen bereit. Teller mit Gebäck. Der Tresen lässt sich bewegen und die Besucher nehmen sich oder legen etwas dazu. Katja Heiser ist Theaterregisseurin und spricht gerade mit einer jungen, südländisch aussehenden Frau und nimmt die Hände zu Hilfe. Sie lädt an diesem Abend zu einem Theaterworkshop ein, bei dem es um Körpersprache und Emotionen zeigen geht. Weiter hinten im Raum sind Lieder zu hören. Dort trifft sich der offene Familienchor. Jeden Dienstag um 16.30 Uhr geht es los. Dann öffnet das Kulturcafé Freital seine Türen.

Willkommensplakate in verschiedenen Sprachen, auf denen umher schwebende Tassen um einen runden Tisch oder Erdrund zu sehen sind, hängen in den großen Fenstern. Im Erdgeschoss des Kulturhauses Freital auf der Lutherstraße 2 ist das Kulturcafé zu Hause. Dieses entstand als Projekt des Kulturhauses Freital in Kooperation mit der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden, der Integrationskoordination Freital und dem  „Regenbogen“ Familienzentrum e.V. „Wir möchten das Kulturhaus für ein breiteres Publikum öffnen als Begegnungsort für verschiedene Angebote“, sagt Kulturhausleiter Jan Albrecht. Er war eine Zeitlang als Praktikant am Staatsschauspiel in Dresden und lernte dort das Montagscafé kennen, in dem sich Menschen aus verschiedenen Kulturen treffen und auch Workshops stattfinden. „Das hat schon Kraft. Im Unterschied zum Montagscafé wollen wir die Leute noch mehr einbeziehen und mit ihren Aktivitäten zusammenführen“, so Albrecht.

Es begann mit einer Rundmail und einigen Gesprächen mit Miriam Tscholl, die freiberuflich an der Bürgerbühne im Kleinen Haus das Projekt „X-Dörfer“ – viele Orte und Möglichkeiten leitet. „Neben dem Kulturcafé Freital wurde beispielsweise ein inklusiver Theaterclub in Kleinwachau gegründet und in Nossen  entsteht gerade ein großes Freilufttheater mit den Bürgern und der Stadt, auch eine Art Bürgerbühne“, erzählt Miriam Tscholl. „Wir haben geschaut, wo Lücken im Programm sind und möchten das Publikum unter 40 Jahren mehr  ansprechen“, so Albrecht. Außerdem soll bald wieder ein „Flüstercafé“, das es früher schon mal gab im Kulturhaus Freital, als Erzählcafé und Treffpunkt vor allem für ältere Menschen öffnen.

„Das Kulturcafé ist offen für alle, ohne Altersgrenzen. Es bietet die Möglichkeit zu Begegnungen zwischen Menschen, die schon lange hier wohnen und die neu zugezogen sind.“ Zum Eröffnungsfest im Juni seien auch viele Einheimische gekommen, Ältere ebenso wie junge Familien und Migranten. Es gab auch ein Sommerfest vom Kulturcafé zusammen mit dem Familienzentrum „Regenbogen“, bei dem gemeinsam gefeiert und gekocht wurde. Er koche und helfe auch gern, sagt Sayed Hamed Faroqi aus Afghanistan. Er hat dort als Dolmetscher gearbeitet und kam wegen der Unruhen dort nach Deutschland. Seit 13 Monaten lebt er jetzt mit seiner Familie in Freital und hilft ehrenamtlich als Übersetzer den Kontakt zu neu ankommenden Familien herzustellen. „Zuerst kannte ich niemanden und jetzt lerne ich jede Woche neue Leute kennen“, sagt Sayed. „Die Idee des Kulturcafés gefällt mir sehr. Hier kann ich weiter Deutsch üben.“

Auch für die Kinder gibt es Platz zum Spielen zusammen mit anderen und es ist immer jemand da, der auf sie aufpasst. Eine Spielecke mit Schaukelpferd, Spielzeugautos, Bilderbüchern und Brettspielen gibt es da. Sayed spricht fünf Sprachen, usbekisch, türkisch, dari, das afghanische persisch, englisch und deutsch. Die Besucher im Kulturcafé Freital kommen aus der Ukraine, Russland, Libyen, Syrien und Tschechien. „Ich komme gern dienstags nach der Arbeit hierher und mache bei den Angeboten mit, wenn ich noch Kraft habe“, sagt Nadin Schubert. Sie ist Physiotherapeutin und spricht mit leichtem Akzent. Sie ist vor einigen Jahren als Russlanddeutsche nach Freital gekommen. „Ich finde es wichtig, mit allen Deutsch zu sprechen, dass man eine gemeinsame Sprache hat und etwas zusammen machen kann. Das braucht seine Zeit“, weiß sie. Beim Singen ist sie jedes Mal dabei. Theaterpuppen gebastelt haben sie auch schon.

Diesen Dienstagabend ist Salsa Venezolana ab 18 Uhr angesagt, Eintritt frei. „Das macht Spaß und der Vorteil beim Tanzen ist, man braucht keine Sprache“, sagt Nadin Schubert. Mit ihrem Literatursalon „Bei Gräfin O“ will sie demnächst eine Lesung mit Texten von Kästner, Rilke und anderen Dichtern auf die offene Bühne bringen, die immer am ersten Dienstag des Monats Zuschauer und Akteure zum selber spielen, musizieren, vortragen etc. im Kulturcafé Freital einlädt.

Text + Foto (lv)