Was zählt? Worin investieren? Lust und Frust, Ideale und Wirklichkeit, Gemeinschaftssinn und Geschäftemacherei prallen rasant und aberwitzig aufeinander in der Tartuffe-Inszenierung von Volker Lösch. Fotos: Sebastian Hoppe

Der Gott des Kapitals

Werte, Geld, echte und behauptete Gemeinschaft kommen grotesk-komisch und mit vielen Denkanstößen auf den Prüfstand in Volker Löschs Inszenierung „Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie“ frei nach Molière von Soeren Voima im Schauspielhaus Dresden. Ein großartiges Stück genau zum richtigen Zeitpunkt!

Lautes Wehklagen ist aus dem Theaterraum bis ins Foyer zu hören. Jammernd wirft und wälzt sich ein Mann auf der Bühne vor dem Vorhang auf den Boden. Kopfschüttelnd, wutschnaubend kriecht er umher als suche er etwas. Steht auf und schaut stumm, fragend ins Publikum. Er trägt einen roten Pulli, schwarze Lederjacke. Jeans und halblanges, wirres Haar. Er sei Sozialdemokrat, behauptet er. „Ich bin kein Ausbeuter!“, macht er sich in einem minutenlangen Monolog Luft. Orgon hat schwer an seiner Erblast zu tragen. Wenn er nicht schleunigst die Mietschulden seiner Freunde im Haus eintreibt, will seine Mutter ihn enterben und alles der Kriegsgräberfürsorge spenden!

Da ist guter Rat teuer und ein Wettlauf mit der Zeit, ihren Wirrnissen, Widersprüchen auf der Suche nach einem Ausweg beginnt. Das ist ebenso spannend wie streitbar und grotesk-komisch inszeniert in der Komödie „Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie“ von Soeren Voima nach Molière und nach Kapital und Ideologie von Thomas Piketty in der Regie von Volker Lösch. Die Uraufführung war am Abend vor der Bundestagswahl im Schauspielhaus Dresden. Ein brisantes und hochaktuelles Stück über Wahrheit, Wirklichkeit und Werte, echte und falsch verstandene Gemeinschaft und wohin dies führt in Zeiten der Krise, kam mit „Tartuffe“ auf die Bühne.

Die Neufassung von Molières Komödie, die fast durchgehend gereimt ist, versetzt Tartuffe in die Gegenwart und blickt im Zeitraffer anhand von dokumentarischen Filmaufnahmen und mit Musik von Rio Reiser bis Reinhard Mey auf die Geschichte der vergangenen 40 Jahre in Deutschland in drei Stunden. Die Handlung spielt von 1980 bis in die Gegenwart.

Auf einer Drehbühne mit der Kulisse eines alten Hauses mit labyrinthartigem Treppenhaus wird das wildromantische Leben der Bewohner einer Wohngemeinschaft heftig durcheinander geschüttelt. Die blättrigen Wände zieren Plakate von Che Guevara und Lenin. Bierkästen stapeln sich. Die Kommunebewohner teilen alles, Wohnraum, Sex, Freuden und Nöte. Zwei Frauen und ein Mann vergnügen sich auf der Dachterrasse. Es wird lebhaft diskutiert über Sex, Politik und Ideologie.

Orgon (Jannik Hinsch) ist hin und her gerissen zwischen seinen Freunden und ihren Ideen, zwischen Chaos und Verfall des Hauses und diesen aufzuhalten. Er ruft seinen Studienfreund Tartuffe zu Hilfe, mit dem er die Wohngemeinschaft durcheinander wirbelt. Sie und ihre Werte seien out. Nur noch Stillstand und Mief. Mit großspurigen Versprechungen und Sprüchen wie „Kapital als Sprungbrett“ sehen, lockt Tartuffe die Kommunebewohner, einen nach dem anderen aus ihrer Abwehrhaltung und bringt sie mit berauschenden Mittelchen und Partys dazu, beim Spiel ums große Geld mitzumachen.

Tartuffe treibt alle an und hintergeht alle, nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Philipp Grimm spielt beängstigend gut den Aufschneider, Einflüsterer, Demagogen mit mal spitzbübisch, närrisch grinsendem und mal militant diktatorischem Gebaren, in weißen Hosen, Stiefeln und schwarzer Lederjacke mit Uniformklappen, dunkel gegeltem Haar und Schnauzbart. Tartuffe versteht sich blendend mit Orgons Mutter (Thomas Eisen), einer üppigen, wütend geifernden, geldgierigen und ordinären ältlichen Blondine im leopardengefleckten Kleid mit „Führerkomplex“, die zu allem bereit ist. Herrlich seine Parodie des Hits „Live ist Live“ mit übertriebenem Pathos unter dem halb geschlossenen Vorhang, als Cousin West und Ost sich umarmen nach der deutschen Wiedervereinigung. Wehmütiger Rückblick auf die Umbruchszeit 89 und nach dem Mauerfall, die ersten Schritte in die Freiheit.

Als Onkel Cléante (Oliver Simon) aus dem Osten, kurz Klaus genannt, von dem sozialen Wohnprojekt hört, hält sich seine Begeisterung in Grenzen. Aus so einem großen Wohnprojekt kommt er gerade her und hat die Nase voll davon ebenso wie von den vollmundig versprochenen „blühenden Landschaften“ aus der Ära Kohl. Als gelernter DDR-Bürger spricht er warnende Worte: „Liberalismus, Marktwirtschaft, politische und wirtschaftliche Freiheit gehören zusammen. Die persönliche Freiheit des einzelnen ist außerdem unverzichtbar.“ Es gehe um einen sozialen und moralischen Wettbewerb.

Tartuffe stellt spöttisch die Macht-Frage: „Pflaume oder Kaktus sein!“ Wie im Rausch unterschreiben die Kommunebewohner in schicken Anzügen als Businessmen Verträge, nehmen teure Kredite auf für den Kauf der eigenen Wohnung, erwerben Immobilien in Amerika, feiern, prassen und verlieren alles beim Börsencrash 2008.

Tartuffe lässt sich nicht aufhalten, er wird immer fetter und dreister, hemmungsloser bis er schließlich ganz oben auf der Dachterrasse steht. Er predigt und hält eine Lobrede aufs Geld wie ein Gott des Kapitals. Und beteuert, dass es nur am Geld fehle, dass die Welt so ist wie sie ist. Für alle reiche es eben nie! In Löschs Inszenierung wird Tartuffe zum knallharten Verfechter neoliberaler Ideologie und Wirtschaftspolitik.

Einen fröhlich unbekümmerten Rap über das Glück des Flow, bei dem alles fließt, man alles um sich herum vergisst und pure Energie bekommt, setzt Damis, der Tantralehrer (Yassin Trabelsi) dagegen, der größtenteils nackt umherläuft. Neue Spielregeln und Gesetze fordert eine Frau in orangener Latzhose (Eva Lucia Grieser): „Unsere Hausgemeinschaft wird aus der Krise lernen, alles andere wäre verrückt!“

Dann taucht auch noch überraschend Tartuffe`s Nachwuchs, eine kleine, kesse Göre (Lara Otto) auf, die ihr Erbe von ihm einfordert. Und der Verführer wird selbst zum Verführten, nachdem Orgons Frau Elmire (leidenschaftlich rebellisch: Henriette Hölzel) mit ihm ein kleines „Tischfeuerwerk“ vollführt hat, während ihr Mann unter dem Tisch belauscht wie Tartuffe wirklich über ihn denkt. Anders als bei Molière reitet kein helfender Retter am Schluss herbei, sondern Tartuffe verschwindet im goldenen Fahrstuhl mit einem Schrei in der Tiefe.

Danach treten die zehn SchauspielerInnen nacheinander in Privatsachen auf die Bühne und reden in einem ausführlichen ökonomischen Diskurs, verfasst von dem französischen Ökonom Thomas Piketty, über soziale Ungleichheit, deren Ursachen. neoliberale Ideologien, welche die Sozialsysteme verdrängen, während die Spaltung der Gesellschaft in arm und reich immer größer wird durch maßlose Konzentration von Eigentum in wenigen Händen. Das ließe sich ändern, indem z.B. die progressive Vermögenssteuer für Konzerne erhöht werde, die immer weniger Steuern zahlen. Eine gerechte Umverteilung der Steuereinnahmen von Konzernen auf die Gesellschaft zu ermöglichen und die Lasten der Pandemie gerechter zu verteilen. Dadurch würde ein konstruktiver Wettbewerb zwischen den Unternehmen um das profitabelste und engagierteste bei der sozialen Umverteilung entstehen.

Mit dieser Tartuffe-Inszenierung bezieht Regisseur Volker Lösch („Die Dresdner Weber“, 2005 und „Das Blaue Wunder“, 2019), der bekannt dafür ist, brenzlige Themen mit sozialem Zündstoff auf die Bühne zu bringen, klar Haltung und legt den Finger in die Wunde der Gesellschaft. Ein starkes, packendes, ebenso desillusionierendes wie visionäres Stück mit vielen Denkanstößen, das einlädt zum Diskutieren und neue Wege zu gehen. Viel Beifall und Bravo-Rufe gab es dafür zur Premiere.

Text (lv)

Nächste Aufführungen: 17.10., 19 Uhr und 30.10., 19.30 Uhr im Schauspielhaus Dresden.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de