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Kategorien-Archiv: Zwischenmenschliches

Ausstellung „Aschermittwoch“ zum 80. Jahrestag der Zerstörung Dresdens mit Malerei, Grafik und Skulptur von Siegfried Klotz, Franziska und Niklas Klotz und Michael Wutz in der Galerie Holger John in Dresden

26 Mittwoch Feb 2025

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Bildende Kunst, Lebensart, Zwischenmenschliches

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Erinnerung an einen großartigen Maler wunderbarer Dresden-Bilder, aber mehr als eine Gedenk-Ausstellung: Galerist Holger John und Franziska Klotz vor einem Hauptwerk von Siegfried Klotz „Aschermittwoch“ in der gleichnamigen Ausstellung, in der erstmals Werke von ihm und seinen Kindern sowie dem Künstler Michael Wutz, ihrem Lebensgefährten, zu sehen sind.

Zerbrechlich Glas der Erinnerung: das Titelbild von Franziska Klotz zur Ausstellung „Aschermittwoch“ in der Galerie Holger John in Dresden.

Farblodernde Stadtansichten der Künstlerfamilie Klotz

Beeindruckend, berührend, vielschichtig und konträr versammelt die Ausstellung „Aschermittwoch“ zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens und anlässlich des 20, Todestages von Siegfried Klotz erstmals seine Werke und Arbeiten seiner Kinder Franziska und Niklas Klotz und Michael Wutz in der Galerie Holger John im Barockviertel Dresden in der Rähnitzgasse 17.

Auf der Staffelei nahe am Galerieeingang steht ein Ölbild von der Brühlschen Terrasse im Winter, in lichtvolles Weiß gehüllt. Mit Blick auf die Kunstakademie in dunklen Ockertönen und hoch auf der Kuppel schwebendem goldenen Fama-Engel mit Fanfare, auf Schloss, Hofkirche und Augustusbrücke, darunter schlängelnd die Elbe. Die Baumkronen sind azurblau wie der Himmel. Es war der Lieblingsplatz des Malers Siegfried Klotz, wo er oft im farbbeklecksten Kittel, Bart und breitkrempigen schwarzen Hut mit Farbpalette und Pinsel in der Hand vor der Leinwand stand und vor den Augen der Passanten die Stadt und Elbelandschaft malte mit allem Licht und Schatten. Ein Selbstbildnis zeigt ihn mit leicht schräg geneigtem Kopf, aufmerksam und mit festem Pinselgriff, als wollte er das Grau um ihn herum mit Farbe bezwingen. Klotz, 1939 im Kurort Schlema im Erzgebirge geboren und 2004 mit 64 Jahren verstorben, war einer der bekanntesten Vertreter der Dresdner Malerschule, ein Vollblutmaler mit Leidenschaft und Malerkönig von Dresden.

Eine Auswahl seiner Werke zeigt die derzeitige Ausstellung „Aschermittwoch“ zum 80. Jahrestag der Zerstörung Dresdens und anlässlich des 20. Todestages des Künstlers, erstmals zusammen mit Malerei, Grafik und Skulptur von seiner Tochter Franziska, seinem Sohn Niklas Klotz sowie von Michal Wutz in der Galerie Holger John in der Rähnitzgasse 17 in Dresden. Die Schau entstand in Kooperation mit der Kornfeld Galerie Berlin. „Siegfried Klotz alleine wäre ein Blick zurück mehr gewesen. Diese Ausstellung ist ein Versuch, eine Künstlerfamilie zusammenzubringen mit ihren Arbeiten, verschiedene Handschriften und Generationen, die vielschichtig und kontrovers sind mit Blicken auf die Gegenwart und Visionen“, sagt Galerist Holger John. Siegfried Klotz war sein Lehrer für Malerei im Grundlagenstudium an der Dresdner Kunsthochschule Ende der 1980er Jahre und Künstlerkollege. „Er war ein Maler, der das Weiß malen konnte. Heute wird es oft nur aufgehellt. Bei ihm wurde es Materie, Fleisch, Haut. Das ist eine große Kunst. Die Tochter kann das. Da sieht man Verwandtschaft“, so John.

Es ist mehr als eine Gedenk-Ausstellung. „Unsere Vorfahren haben den Krieg und Leid erlebt. Wir kennen nur die Bilder. Es geht um die Einzelschicksale, Geschichten auch hier in der Galerie, um Erinnern und den Umgang mit Vergangenem, das bis heute nachwirkt. Das Thema der Masken, was passiert mit den Menschen dahinter, aber auch das Demaskieren und die Frage: ,Wo stehen wir heute und wo verstecken wir uns?` zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung“, sagt Holger John. Da ragt die schwarze Ruine der Frauenkirche gespenstig, großformatig auf einem Ölbild von Klotz und aus einer Bleistiftzeichnung aus Trümmern hervor. Auf einem Hauptwerk von ihm, „Aschermittwoch“ sind aussagekräftig und berührend eine bunte Faschingsmaske und darunter halb verborgene und nackte, schutzlose Körper vor rauchschwarzer Kulisse zu sehen. Neben Stadtansichten sind Porträts bekannter, einst hier wirkender Persönlichkeiten aus Kultur und Politik wie Rolf Hoppe, Eberhard Burger und Heinz Eggert versammelt. Außerdem eine noch nie gezeigte Kaltnadelradierungung „König Kurt“ nebst Gattin in selbstgefälliger Pose und der Maler als Beobachter am Rand. Eine Grafik, eine Kneipenszene mit Klotz bei Wein, Katerstimmung und offenherziger Bedienung trägt schon einen roten Verkaufspunkt.

In kräftigen Farben, pastos mit Spachtel aufgetragen auf der Leinwand ähnlich wie ihr Vater und doch ganz eigen und konträr, wirken die gemischt abstrakt-konkreten, großformatigen Ölbilder von Franziska Klotz, das älteste von 2010, „Sylph“ zeigt eine paradiesische Insellandschaft. Farben und Funken stieben und rinnen im Bild „Bücherverbrennung“ von 2018. Ein großformatiges Bild einer gigantischen Ruinenlandschaft, mit schwarz darüber schlängelndem Band und vielen lodernden Farbtupfern, hängt als Blickfang in der Ausstellung. „Es glüht, kraftvoll und brachial“, sagt Franziska Klotz (45) dazu. „Ich hatte Bammel vor der Ausstellung, dem direkten Vergleich mit der Malerei meines Vaters und dann auch noch in Dresden“, gibt sie zu. Sie lebt und arbeitet als Künstlerin in Berlin, hat an der Kunsthochschule in Weißensee studiert. Doch jetzt sei sie glücklich, dass es funktioniert.

Die Bilder sind so gehängt, dass sie Zwiesprache halten und für sich wirken. Die Frauenporträts und sinnenfreudigen Akte wie die Dame auf schwarzem Tuch mit dem Silberfuchs, gemalt von Siegfried Klotz neben den „Masken-Mädchen“ von Franziska Klotz. Ein Frauenbildnis mit Maske von ihm und ein Mädchen mit stattlichem Hund gibt es auch. Bilder, die wie Glas wirken, splitternd und zerbrechlich Kreise ziehen auf sepiafarbenem Grund mit Häuserumrissen von Franziska Klotz sind außerdem im Denkraum Sophienkirche auf der Sophienstraße 2 durchs Schaufenster zu sehen. Ihr Mann, der Künstler Michael Wutz zeigt eine Serie von Aquarellen, ein urban ethnografisches Masken-Kabinett menschlicher Eigenarten. Herausstechen die flippig farbigen, lebensgroßen Körperplastiken und Reliefs mit Gesichtern aus Marmor und Holz, die mit Schönheitsidealen spielen, von Niklas Klotz, der 1968 geboren, Bildhauerei in Dresden studierte und als Künstler in Wien lebt. Die Ausstellung „Aschermittwoch“ ist noch bis 30. März in der Galerie Holger John zu sehen.

Text + Fotos (lv)

Weitere Fotos zur Ausstellung folgen.

Geöffnet:  Di bis So 14 bis 19 Uhr

http://www.Galerie-HolgerJohn.com

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Ein von Raben gestohlener Pass & eine Liebesgeschichte in Zeiten des Umbruchs: der Roman „Joanna“ von Hans-Haiko Seifert

04 Dienstag Feb 2025

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Literatur, Unterwegs, Zwischenmenschliches

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Zärtliche Zischlaute, Eric Clapton im Stalinpalast und selbst gebrautes Bier aus der Waschmaschine

Mit seinem ersten Roman „Joanna“ erzählt der Dresdner Autor Hans-Haiko Seifert episodenreich in 67 Geschichten eine wunderbare, abenteuerliche, geheimnisvolle und spannende Liebesgeschichte, die im Sommer des Aufbruchs 1980 in Polen spielt.

Gerade als er aufbricht in jenem Herbst, kehrt der Sommer noch einmal zurück ins Tal, hockt noch behäbig in den Weinbergen und auf den Wiesen am Fluss. Doch für ihn gibt es kein Halten mehr! Ein bisschen wehmütig, ein bisschen belustigt macht Georg sich auf den Weg, jedoch nicht in den Westen wie viele andere damals aus Ostdeutschland, sondern in Richtung Osten, nach Warschau. Verlässt das „schlafende Land“ wie er die DDR nennt und die „schlafende Stadt“ Dresden. Hat genug von den „Belehrern und Bekehrern, den Weltvermessern und Grenzenabsteckern.“, von Tristesse, verfallenen, schmutzigen Häusern, die zurückbleiben. Er versteht kein Wort Polnisch, kennt nicht die Gepflogenheiten dort, er will nur weg, in ein neues, anderes Morgen und sich frischen Wind um die Nase wehen lassen. Stürmischen Ostwind gibt es häufig in Warschau an der Weichsel und vieles Andere, Aufregende, Ungewohnte. Und kaum hat Georg, 22 Jahre, der zum Studium hergekommen ist, sich etwas eingelebt, beginnt in Polen der Sommer des Aufbruchs 1980 und wird er Augenzeuge großer Veränderungen und Weichenstellungen der Weltgeschichte.

Eine Reise, die tief in die Vergangenheit führt mit Erzähl-Stationen, die wie am Zugfenster vorbeifliegende, wechselnde Landschaften und Orte aufscheinen, die faszinieren, erschrecken, sich festhaken oder wieder verschwinden, ist „Joanna“ von Hans-Haiko Seifert. Es ist ein Roman in 67 Erzählungen, die wie Streiflichter, ein Puzzle aus Erinnerungen, Eindrücken, Episoden und Begegnungen miteinander verwoben sind zu einem Ganzen, einem prägenden Kapitel im Leben des Ich-Erzählers (erschienen 2024 im Thelem Verlag, 400 Seiten, 24,80 Euro.) Es ist sein erster Roman. Man kann es hintereinander lesen oder einzelne Geschichten herausgreifen, die mit Überschriften versehen in sich abgeschlossen sind, manche nur zwei Seiten kurz, andere über 15 Seiten lang.

Der Erzählfaden wird immer weiter geknüpft, man sieht und erlebt mit den Augen von Georg als Beobachter, Fremder und Wahlwarschauer, wie er lebhaft atmosphärisch und detailliert das „Lied der fremden Stadt“, ihren Rhythmus und ihre Alltagsgeräusche, im Stakkato der Presslufthämmer, Kirchenglocken, Fluchen der Männer und Geschrei spielender Kinder auf der Straße wahrnimmt. Wie er in einer Milchbar ein einfaches Frühstück bestellt, kaum ein Wort versteht, und kalte Nudeln mit Erdbeersoße zum süßen Milchkaffee bekommt. Wie er zufällig im Gmach Glówny, dem Hauptgemach der Technischen Hochschule, einem Gebäude voll labyrinthischer Gänge in einem Raum eine hingebungsvoll spielende, junge Cellistin in nachtblauem Samtkleid und langem Haar sieht, ein paar Worte mit ihr wechselt. Sie reden über Philosophie, über Dinge, die man nicht anfassen und dennoch begreifen kann wie die Liebe. Sie lachen über die Raben, die seinen Pass gestohlen haben aus dem Rucksack am Fenster. Zum Abschied küsst sie Georg auf die Wange und flüstert ihm mit leisem Wispern und Zischeln etwas ins Ohr, das er nicht versteht. Dann ist sie schon verschwunden und er weiß nicht einmal ihren Namen.

Mit „Joanna“ erzählt Seifert eine wunderbare, abenteuerliche, geheimnisvolle und spannende Liebesgeschichte in Zeiten des Umbruchs. Auf der Suche nach ihr lernt Georg die riesige Stadt und ihre Menschen näher kennen, taucht tief in ihre Geschichte und Kultur ein. Dabei schildert er kenntnisreich, liebevoll, mit leicht ironischem Unterton und nahegehend wie aus Träumen und Erinnerungen aufsteigende Lebenswege und Schickale, die manchmal abrupt abbrechen. Wie er muss sich auch der Leser erst einmal hinein und zurecht finden in der Fülle von Namen, Straßen und Plätzen voll schwer aussprechbarer Zischlaute. Musik spielt eine große Rolle im Buch, von Bach, Frank Zappa, Eric Clapton-Konzert im Stalinpalast bis zu Georg Friedrich Händels „Der Messias“ und er spielt mit dem Wortklang der anderen Sprache. Es passieren seltsame Dinge. Ein Messingkästchen fällt in einen Lichtschacht im Gmach Glówny, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. Ein polnischer Philosophieprofessor erklärt Georg die jüdische Weisheitslehre und Zahlenmystik der Kabbala. Eine Verkäuferin im weißen Kittel, mütterlich und mit großem Busen und Herz, steckt dem Student ein eisiges Hühnchen unter den Pullover, während draußen eine Schlange Frauen in dicken Wintersachen ungeduldig auf Fleisch wartet, das gerade mal wieder rar ist in Krisenzeiten. Davon kocht er später eine stärkende Hühnersuppe gegen seine Erkältung.

Nacheinander tauchen verschiedene Figuren in den Geschichten auf, die Georg ein Stück des Weges begleiten und von denen er erzählt. Begonnen bei Pani Gosia, der alten Pförtnerin im Wohnheim, die ihm ansieht wie es ihm geht und ein selbst gebundenes Schreibheft für seine Notizen gibt, Piotr, der Pole aus Chicago im Zug nach Warschau, den er später in einer Kirche wiedertrifft, wo er endlich auch Joanna wiedersieht, die dort musiziert. Jacek, sein Mitbewohner, ein Hüne im Holzfällerhemd, der aus einem Dorf im Urwald von Bialowiez stammt und wunderliche altdeutsche Worte aus Grimms Märchen sagt, die er im Deutschunterricht lernte. Es stellt sich heraus, dass Georg sich mit dem falschen Namen als Grzegorz, auf deutsch Gregor, angemeldet hat. Georg heißt auf polnisch Jerzy. Und Jacek erklärt ihm das Wort „Demoludy“. Das klingt wie Demolieren, sei aber die Abkürzung für alles hier, also „demokracje ludowe“, Volksdemokratien. „Ostblock eben. Dieser ganze Schrottladen“, sagt Jacek, der sich heimlich mit Wojtek in der Protestbewegung Solidarnosc engagiert. Wojtek vom Radio Akademik, der schon am Morgen seine Sendung mit Led Zeppelin begann. Der Violinstudent von der „Fliegenden Uni“, die in Wohnzimmern heimlich Vorlesungen in Geschichte und Politik mit kritischen Dozenten veranstalten. Einmal steht er mit zugeschwollenem Auge und Resten von Blut an der Nase und dem weißen Hemd im Zimmer, nachdem die Vorlesung überfallen wurde. Die Studenten bestellen Hektographie-Geräte aus Düsseldorf, um Flugblätter zu kopieren. Immer hinter Georg her, mehr als ihm lieb ist, ist Mitstudentin Sibylle, die mit ihrem kurzen schwarzen Haar Joan Baez, der amerikanischen Liedermacherin ähnelt, doch sehr beflissen auf die offizielle Linie achtet und Georg regelmäßig das Parteiblatt „ND“ an die Türklinke klemmt, das gleich auf dem Stapel neben der Tür landet. Herrlich komisch die Szene, als Jacek in einer alten Waschmaschine WM 66 in Georgs Zimmer Bier braut! Und Joanna ihr Cello gerade noch so vor Nässe und Hitze retten kann. Wenig später stoßen sie nach Wojteks Radiosendung zum Streik der Werftarbeiter in Gdansk zusammen mit dem selbst gebrauten Bier an und nennen es Piwo Solidarnosci, Solidaritätsbier.

Es ist die Geburtsstunde der ersten Freien Gewerkschaften Anfang der 1980er Jahre in Polen, die Arbeiter stellen politische Forderungen für ihre Rechte, es geht um Pressefreiheit und Freiheit der politischen Gefangenen. An den Hochschulen gründen sich unabhängige Studentengewerkschaften. Jacek sagt spöttisch zu Georg, als der im „ND“ vergebens einen Beitrag über den Streik in Gdansk sucht, in Deutschland seien „Revolutionen untersagt. Weil es verboten ist, den Rasen zu betreten!“

Wenig später steht Georg mit Joanna in einem wilden, verlassenen Garten am Stadtrand von Warschau, auf einem Hausdach, voller Blumen und Gemüse, die in Eimern und Zinkbadewannen wachsen und auf dem Tisch steht noch eine Flasche Apfelsaft, der wie Bernstein schimmert durch das gefrorene Eis. Das wirkt surreal, traumhaft und endet jäh, als plötzlich der Sicherheitsoffizier und sein Mitarbeiter vom brutalen Verhör vorher durch die Dachtür heraustreten und Georg und Joanna in der Laube den Atem anhalten. Das wirkt schon etwas aufgesetzt so ein Zufall. Ähnlich rätselhaft seine Familiengeschichte mit dem unbekannten Großvater. Georgs Mutter schickt ihm eines Tages ein Päckchen, in dem eine alte Kiste, in der er seine Buntstifte aufbewahrte, mit Familienfotos liegen, die seine Eltern fanden als sie Großmutters Wohnung ausräumten. Er sieht es an und staunt über die Ähnlichkeit nach zwei Generationen und fragt sich, warum er ihn nicht kannte, ob er jung gestorben ist?

Unterwegs sieht Georg immer wieder einen alten Mann im langen, schwarzen Mantel, mit dichtem Bart und traurigen Augen, dem er quer durch die Stadt folgt, der ihn aufmerksam und schweigend mustert, als erinnere er ihn an jemand und der ihm dicht beschriftete Papierrollen, auf die Ränder von abgeschnittenem Zeitungspapier geschrieben, mit seiner Lebensgeschichte stumm überreicht. Diese Erzählungen von „Mendels Rollen“, einem jungen Mann, der in einem Dorf in Galizien mit seiner Mutter und Geschwistern aufwuchs, Bücher und die alten Schriften liebte und da seine Familie arm war, beim Rabbi speisen durfte und den er zu seinem Bruder nach Warschau schickte, um bei ihm zu wohnen und weiter zu lernen und studieren und dann kommt alles anders, ragen heraus aus dem Buch und bieten schon reichlich Stoff für einen Fortsetzungsroman. So bleibt vieles fragmentarisch. Es geht um eine heute fast vergessene, im Zweiten Weltkrieg untergegangene Kultur, um einstiges jüdisches Leben in Warschau, bei dem Glanz und Elend, Freud, Leid, Hoffnung und Enttäuschung nah beieinander liegen bis zum mutigen, dramatischen Aufstand im Warschauer Ghetto gegen die deutschen Nationalsozialisten. Diese Erzählungen von Mendel, der einst in Warschau frohen Mutes ankam in ähnlichem Alter wie Georg, berühren und erschüttern besonders in diesem Buch, weil man auch wenig weiß über damaliges jüdisches Leben. Alle Figuren sind frei erfunden. Die Aufzeichnungen des Mendel sind inspiriert durch Roman Vishniacs Fotografien in den beiden Bänden „Verschwundene Welt“ und „Wo Menschen und Bücher lebten“, erfährt man vorn im Buch. Dass dieses auch autobiographische Züge des Autors hat, lässt sich erahnen. Einmal fragt sich Georg, ob er jetzt in dieser Stadt heimisch sei und stellt fest: „Wo immer ich etwas zu lesen hatte, war ich zu Hause!“

Zum Schluss kriecht der Marienkäfer vom Buchtitel über den Briefbogen mit der Vorladung vom Ministerium und er fliegt auf und davon durchs weit geöffnete Fenster. Hinaus in die Kälte. Was wie die Freiheit aussah, war sein sicherer Tod, denkt Georg. Rückkehr wohin? Wo ist Zuhause? Das lässt das Buch offen. Wer ist Georg oder Gregor jetzt eigentlich, ein polnischer Deutscher oder ein deutscher Pole?! Das darf der Leser für sich entscheiden. Man würde ihn, Joanna, Jacek und die anderen in diesen verrückt-abenteuerlichen, komischen, nostalgischen und anrührenden Geschichten gern noch weiter begleiten durch diese weit ostwärts gelegene Großstadt mit ihren breiten Alleen, Parks, all ihrem Licht und Schatten, Vierteln mit schwarzen, toten Häusern, prunkvollen historischen Bauwerken und modernen Neubauten, voll Neugier, Sehnsucht und Aufbruchsgeist, durch allen Mangel und Enge der Zeiten einfach so hindurch dem Lauf des Lebens folgen.

Text + Foto (lv)

Infos + Kontakt zum Autor:
http://www.seifert-dresden.de

Veranstaltungstipp

Ein Lesung aus seinem Roman „Joanna“ mit Hans-Heiko Seifert gibt es am 6. Februar, 15 Uhr in der Bibliothek Leubnitz-Neuostra, Corinthstraße 8, in Dresden. Um Anmeldung wird gebeten unter: leubnitz-neuostra@bibo-dresden.de

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Uraufführung „Der Komet“ nach dem Buch von Durs Grünbein im Kleinen Haus Dresden

26 Sonntag Jan 2025

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Poesie, Theater, Zwischenmenschliches

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Wie nah oder fern ist Vergangenes, die Geschichte einer Stadt und ihrer Bewohner? Fragt eindrucksvoll aus immer neuen Blickwinkeln die Inszenierung „Der Komet“ nach dem Buch von Durs Grünbein im Kleinen Haus Dresden. Fotos: Sebastian Hoppe

Schwebendes Spiel im Ozean der Erinnerungen

Facettenreich vieldeutige Blicke auf Dresden, das Grauen der Bombennacht und den Umgang mit Geschichte spiegeln sich in bilderreichem, intensivem Körpertheater in der Inszenierung „Der Komet“ nach dem Buch von Durs Grünbein im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Im Halbdunkel der Bühne stehen sie stumm beisammen wie lebende Tote, breiten ihre Arme auf und ab zusammen im Ozean der Erinnerung, in dem sie wie Quallen im Meer treiben um den Schwimmer herum. Sagt mit ihnen fließend eine leise Frauenstimme. Ihre Körper werfen Schatten auf den glatten, sandsteinernen Boden, auf dem schwarz der Stadtplan aufgezeichnet ist, unterteilt in Quadrate wie Häusergevierte, mit  schlängelndem Fluss, Straßen und Plätzen. In der Mitte befindet sich eine offene, dunkle Luke, aus der bald immer mehr werden, zum Auf und Abtauchen, Verstecken, Verbergen, Schutz suchen. Davor steht ein kleines Kästchen mit alten Postkarten und Familienfotos. Auf der Bühne verteilt stehen die sieben Darsteller, vier Frauen und drei Männer, in schwarzen Sachen, einer trägt ein weißes Hemd und gehen andächtig, gedankenversunken auf der Umrisskarte der einstigen Stadt ihren Erinnerungen nach. Eine schräge Spiegelwand über der Bühne zeigt das Geschehen und die Darsteller auf doppelter und zusätzlicher Ebene, aus der Draufsicht, wie in der Luft schwebend, entrückt, mit Abstand und ihr Ausgeliefertsein.

Mal scheinen die Darsteller auf einen zuzugehen, mal entfernen sie sich, wenden sich einem zu oder drehen sich um. Blicken einen offen an oder sehen in sich gekehrt vor sich hin. Facettenreich vielsagende und vieldeutige Blicke auf die Stadt Dresden, ihre grausame Bombardierung am 13. Februar 1945 durch angloamerikanische Angriffe, auf das Davor und Danach und den Umgang mit deutscher Vergangenheit in der Gegenwart spiegeln und fügen sich wie in einem Kaleidoskop zu immer neuen, puzzelartigen, starken, prägnanten und intensiven Bildern und eindringlichem Spiel der sieben Schauspielerinnen und Schauspieler in der Inszenierung „Der Komet“ nach dem Buch von Durs Grünbein in der Regie von Tilmann Köhler. Die Uraufführung im Beisein des Autors war am Freitagabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Ausgangspunkt dieser Stückentwicklung von Tilmann Köhler, Uta Girod und dem Spielensemble ist seine Erzählung der Lebensgeschichte einer jungen Frau in der Zeit des Nationalsozialismus aus der Sicht des nachgeborenen Enkels. Die 16-jährige Dora W. folgt ihrem Freund Anfang der 1930er Jahre aus Schlesien nach Dresden. Oskar ist Geselle am Dresdner Schlachthof und Dora, die vorher als Ziegenhirtin und Gärtnereigehilfin arbeitete, erlebt mit ihm in der prachtvoll, barocken Kunst- und Kulturstadt ihre „goldenen Jahre“.

Das Bühnenbild (Karoly Risz) verzichtet auf jegliche, nostalgisch wieder auferstehende Bilderkulisse des einstigen Dresdens. Es ist neutral, zeitlos gehalten und es könnte jede andere Stadt sein. Allein aus dem Erzählten, der Schwärmerei von den grandiosen Bauwerken, vielen Geschäften und Cafés und düsteren Kapiteln wie der brennenden Synagoge, von Semper erbaut ebenso wie das nach ihm benannte Opernhaus am Theaterplatz und den schlimmen Zuständen im Schlachthof mit dem Schweinedom im Ostragehege und erschütternden Schilderungen von Überlebenden des Untergangs der Stadt im Flammeninferno, das „Schuldige und Unschuldige“ unter sich begräbt in Schutt und Asche geht hervor, dass es sich um Dresden handelt. Es gibt keine festgelegten Figuren. Das ist teils verwirrend, weil nicht immer klar ersichtlich, um wen es gerade geht. Abwechselnd erzählen und sehen sich die Darsteller Ansichtskarten aus Paris, Familienfotos und Feldpostbriefe aus dem Kästchen an. Da verschmelzen Anekdoten, Betrachtungen und Lebensläufe und -schicksale eigener Familienangehöriger mit der bewegten Geschichte von Dora, liegen Träume, Freud und Leid nah beieinander.

Begleitet wird das Geschehen voll leise anrührender, unbeschwerter bis grotesker, erschütternder, tragischer und dramatischer Momente mit atmosphärisch untermalender Livemusik von Matthias Krieg. Reichlich Beifall vom Premierenpublikum gab es für diese knapp dreistündige Aufführung (mit Pause), die mit großartigen DarstellerInnen behutsam, berührend und beeindruckend vom Alltag, Lebens- und Überlebenswillen, von Hinsehen und Wegsehen, Mitgefühl und Gleichgültigkeit gegenüber Schwächeren und Ausgestoßenen, Macht und Ohnmacht vor dem Schatten des Krieges erzählt, der seine Spuren bis heute in Dresden hinterlassen hat auch im Streit über das Wie des Erinnerns. Eine Aufführung, die noch lange nachklingt, zum Nachdenken anregt und der man möglichst viele Besucher wünscht.

Text (lv)
Mehr Text zur Aufführung folgt.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Bilder einer Stadt
(Zur Uraufführung „Der Komet“ nach dem Buch von Durs Grünbein)

Vor der Bühne im Habdunkel
steht noch der lindgrüne tiefe Kinderwagen
solch einen hatten wir als Kinder
zum Spielen
Noch ein Blick zurück
auf die sandsteinerne Wüste
mit dem Stadtplan
aufgezeichnet der schlängelnde Fluss
ein Gewirr von Straßen Häusergassen und Plätzen
durchzogen von roten Linien und Kreuzen
bunt verstreut liegen noch die schillernden Faschingskostüme
Clownshüte und ein goldener Zylinder
hinter einer Spiegelwand flimmerndes Zerrbild
letzte närrische Überbleibsel vor dem Inferno
dem sie gerade noch entrinnen eine Mutter mit
ihren Kindern ein Mädchen mit langen Zöpfen
hält ihre Puppe Inge im Arm die sie rettete
so hieß meine Mutter wenige Tage nach Kriegsende geboren
sie trug als Kind Püppchen im Strumpfband unter
dem Kleid heimlich auf dem Schulweg
die sie ansah und trösteten ihre Ängste verbargen
Farben liebte sie aus denen ihre Träume aufstiegen
auf den Leinwänden
Blumen Bäume und Vögel ihr Gezwitscher in allen Tonarten
sahst du gern und maltest zeitlebens
mit unbändiger Leidenschaft in den Bildern verlor
sich alles Schwere
wir fuhren auch manchmal in die Stadt mit den
vielen Türmen am Fluss den Pusteblumen-Brunnen dem Zwinger
mit dem Kronentor und den Wandelgängen mit den
vielen pausbäckig knuffigen und rußigen  Sandsteinputten
die Frauenkirche war noch ein dunkler Trümmerberg
das Schloss verfallen
der Goldene Reiter auf seinem Sockel glänzte damals
schon wie die Augen meiner Großmutter wenn sie
vom prachtvollen Vorkriegsdresden erzählte
Ich liebe die vielen Bilder dieser Stadt
in die schonungslos das Dunkle die Katastrophe
wie ein Komet einschlug
und sie dennoch überlebte

LV
25./26.1.2025

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Gedenkausstellung „Wandlungen“ zum 60. Geburtstag und 20. Todestag des Radebeuler Malers Ingo Kuczera in der Stadtgalerie Radebeul

16 Donnerstag Jan 2025

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Bildende Kunst, Lebensart, Zwischenmenschliches

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‚o.T. (Figuren und Instrumente), 2003


o.T. (Springer mit Blumen und Selbstbild), o.J. ; o.T. (eingewickelt), 1999


o.T. (Kind im Kokon), o.J.

Farbreiche Traumwelt

In zarten und leuchtenden Farbtönen, feinsinnig, fantasievoll, voller Poesie, Melancholie und leisem Humor erzählen die Bilder von Ingo Kuczera von der Suche nach Geborgenheit, von Kraft und Verletzlichkeit, Schonheit und Zerbrechlichkeit des Lebens in der derzeitigen Gedenkausstellung „Wandlungen“ in der Stadtgalerie Radebeul. Noch bis 19. Januar mit abschließender Kuratorenführung um 16 Uhr.

Fliegende, fallende, schwebende, im Kokon sitzende, umwickelte, träumende und in ihren Träumen gefangene Figuren treffen in überwiegend zarten, leuchtenden Farbtönen aufeinander in der Gedenkausstellung „Wandlungen“ mit Malerei, Zeichnungen, Objekten, Entwürfen und persönlichen Erinnerungsstücken zum 60. Geburtstag und 20. Todestag des Radebeuler Künstlers Ingo Kuczera derzeit in der Stadtgalerie Radebeul.

Mensch und Tier sind zeichenreich innig verbunden. Auffallend die oft schemenhaften Gesichter und Körperumrisse, die kreiselnden und kippenden Bewegungen und Gesten. Weibliche Wesen erscheinen fragil, feenhaft und wie rettende Engel, elefantenstark, manchmal trägt Frau Mann. Auf einem See rudern ein Mann und eine Frau aneinander vorbei, hinter ihnen ein Schwan als Symbol ewiger Liebe. Märchenhaft, romantisch entrückt, farbenfreudig und feinsinnig, voller Poesie, Melancholie und leisem Humor erzählen die Bilder Kuczeras von der Suche nach Geborgenheit, von Kraft und Verletzlichkeit, der Schönheit und Zerbrechlichkeit des Lebens. Sie berühren mit ihrer Zartheit und Intensität des Ausdrucks, greifen elementare, zeitlose Themen des Zwischenmenschlichen auf und erinnern daran, in unserer grellen, schnelllebigen Gegenwart wieder mehr die leisen Zwischentöne zu hören.

Ich hatte das Glück, den Maler Ingo Kuczera Anfang der 90er Jahre persönlich kennenzulernen in seinem Atelier in Radebeul. Es war einer meiner ersten Beiträge für meine SZ-Atelierbesuchsserie. Sehe alles noch vor mir. Das Gartentor, das alte Haus, einen großen Raum voller Bilder. Alles sehr einfach, fast spartanisch eingerichtet, viele nostalgische Dinge. Er saß am Tisch, rauchte, sah mich mit offenem Blick an, hörte aufmerksam zu und schien zugleich nach innen zu sehen, in sich versunken. Die Kunst war wohl sein Lebensanker und Halt. Vielleicht fühlte er sich manchmal unverstanden oder innerlich zerrissen in einen hellen und dunklen Teil. Oft tauchen kleine, kindhafte Wesen in Kokons, Schutzhüllen auf, der Kopf des Malers lehnt, ruht an einem Baum und steht allein mit wehendem, braunem Mantel und spärlichem Haar im Wind umgeben von schwarz, kahlen Bäumen auf einem der letzten Bilder. Ich war erschüttert als ich hörte, dass Ingo Kuczera am 10.11.2004 mit 40 Jahren aus dem Leben schied.

Dunkle, erdige und warme Farbtöne wechseln sich ab. Bilder voller Poesie, Sanftheit, Farbenkraft, Leichtigkeit und Schweben, aus denen die Liebe zwischen Mensch und Natur, allem, Lebendigen spricht. Eine tiefe Sehnsucht nach Einssein und Verbundensein mit der Welt. Ein sensibler und großartiger Künstler. Ingo Kuczera hinterließ über 4 000 Werke, Sie befinden sich in zahlreichen privaten Sammlungen sowie in der Städtischen Galerie Dresden und in der Städtischen Kunstsammlung Radebeul.

Die Gedenkausstellung ist noch bis 19. Januar in der Stadtgalerie Radebeul in Altkötzschenbroda 21 zu sehen. An diesem Tag findet um 16 Uhr eine Kuratorenführung für BesucherInnen mit dem Stadtgaleristen Alexander Lange und Karin Baum statt, die maßgeblich an der Ausstellungskonzeption mitwirkte.

Text + Fotos (lv)

Öffnungszeiten der Stadtgalerie Radebeul:

Di, Mi, Do 14 bis 18 Uhr, So 13 bis 17 Uhr.

http://www.radebeul.de


„Die Elbe bebaut die Berge um Radebeul“, 1999


Garderobe mit Kutte, Schal und Wasserkocher sowie verschiedene Utensilien aus dem Nachlass von Ingo Kuczera. Privatbesitz Sammlung Baum.
Im Bild daneben: o.T., 2003, Aquatinta. Einzige druckgrafische Arbeit von ihm. Pivatbesitz Markus Retzlaff.


„Es muss eine Poesie in die Welt! Das ist klar! Liebe und so!“, steht ein  handschriftlicher Ausspruch und wohl auch Credo von Ingo Kuczera an der Bilderwand in der Gedenkausstellung für den Künstler in der Stadtgalerie Radebeul.



„Leda“, 1998

o.T. (Schwebender), o.J.   ;  „Meiner Lieblingschefin…“, 2003


o.T. (Der Trinker), 2003


„Als Erinnerung an meinen Freund Ingo“, Pastell von Peter Graf, 15.11.2004. Städtische Kunstsammlung Radebeul.
Und ein Bild „Zerbrochene Welt“ zur Erinnerung an Ingo Kuczera von Christiane Latendorf, 2004, Öl auf LW. Städtische Kunstsammlung Radebeul.

 

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Atelierbesuch bei Cornelia Konheiser in Radebeul

08 Mittwoch Jan 2025

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Bildende Kunst, Lebensart, Natur, Zwischenmenschliches

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Zartheit und Zufälle zulassen

Die Bilderlandschaften von Cornelia Konheiser faszinieren mit ihrer leisen Farbigkeit, Vielschichtigkeit und Intensität des Ausdrucks.

Filigrane, fächerartige Blätter zeichnen sich ab auf dem fahlgelbem Papier.Das Zweiggeflecht der Bäume ragt grau, schemenhaft vor sandfarbenem Hintergrund. In der Mitte leuchtet ein Kreis dunkel orange. Helle, pastellige und ockerfarbene, erdige Farbtöne, kantige und weiche Formen stoßen aneinander in klaren und umrisshaften Konturen und verfließen im Licht- und Schattenspiel in den Bilderlandschaften von Cornelia Konheiser. Es sind Sinnbilder der Natur und des Lebens, die vom ständigen Werden, Wachsen und Vergehen erzählen und mit ihrer leisen Farbigkeit, Vielschichtigkeit und Intensität des Ausdrucks berühren. „Diese Zartheit zulassen, jetzt gerade“, ist ihr wichtig. Beim Drucken der Monotypien werden die Blätter auch immer etwas zarter bis zur Auflösung. Daher auch die Bildtitel „ephemér“, das bedeutet flüchtig, rasch vorübergehend.

Die Arbeiten, vor allem Grafiken, hängen gerahmt an den Wänden in ihrem Wohn- und Atelierhaus auf der Dr. Rudolf-Friedrichs-Straße 12 in Radebeul. Das um 1890 erbaute Gebäude hat sie 1999 zusammen mit ihrem Mann gekauft und saniert. Ihre vier Kinder sind längst erwachsen und ausgezogen. Im Erdgeschoss hat sie sich Atelierräume eingerichtet. Mit Blick auf Bäume und in den Garten. „Ich bin sehr dankbar, dass ich die Zeit, Ruhe und den Platz habe für die Kunst“, sagt Cornelia Konheiser. „Dann kommt man in den Flow und es entsteht etwas Gutes.“ Sie umgibt sich gern mit ihren Bildern. „Das brauche ich auch, damit ich weiß wie ich weitermache“, sagt sie. Die Arbeiten im Blick haben, um den Schaffensprozess stetig weiterzuentwickeln. In einem Raum steht eine Tiefdruckpresse. Dahinter Ausstellungsplakate und Bilder an den Wänden.

Ihre Monotypien entstehen in Kombination mit Materialdruck Es sind alle Unikate, Einzelstücke, so die Künstlerin. Sie macht keine Auflagendrucke und experimentiert gern. Für ihre Grafikblätter verwendet sie oft Pflanzenformen und druckt verschiedene Farbschichten übereinander. „Es ist ein Prozess und auch ein bisschen Zufall dabei.“ Sie arbeitet intuitiv. Eine ihrer mehrfarbigen Monotypien heißt „Enigma“, Geheimnis. Sie weiß oft selbst nicht, wie ein Bild wird. Die Expressionisten, die Brücke-Künstler haben Cornelia Konheiser lange fasziniert. „Da sie ganz frei waren, einfach gemalt haben, was sie in sich fühlen.“ Weitere künstlerische Vorbilder sind ihr Paul Klee und Lionel Feininger. Cornelia Konheiser wurde 1964 bei Wurzen geboren. Sie ist Diplomchemikerin und war nach ihrem Studium an der TU Dresden bis 1996 im Umweltbereich tätig. Seit zehn Jahren arbeitet Cornelia Konheiser verstärkt künstlerisch. „Das steckt in einem“, sagt sie. Sie eignete sich verschiedene Radiertechniken an in Grafikkursen bei der Künstlerin Maja Nagel. Außerdem absolvierte Cornelia Konheiser ein künstlerisches Abendstudium an der Neuen Abendschule der Dresdner Kunsthochschule von 2012 bis 2015. Jedes Jahr im Sommer fährt sie nach Schweden, wo sie einfach die Natur pur, Wald und Wasser, auf sich wirken lässt, aufsaugt, fotografiert und Malzeug ist immer dabei. Eine Malreise, die der Dresdner Künstler Matthias Schroller organisierte, führte sie im Herbst nach Georgien am Rande des Kaukasus. Regelmäßig nimmt sie an den Sommerplenairs bei Franziska Kunath im Künstlerhof Röhrsdorf teil und malt dort inmitten der Natur gemeinsam mit anderen Künstlern.

Im Winterhalbjahr druckt Cornelia Konheiser ihre grafischen Arbeiten, vor allem Monotypien. „In die Abstraktion kommen. Das ist die hohe Kunst“, ist ihr Anspruch. Das Symbol des Kreises taucht oft auf, der das Universelle, die vollkommene Einheit darstellt. Draußen in ihrem großen Garten am Haus bekommt sie auch viele Anregungen. „Dort kann ich das Wachstum und wie alles wirkt in der Natur beobachten, die Formen, Farbabstufungen und Strukturen in ständigem Wandel sehen und die Balance. Darum geht es immer auch im Leben.“

Text + Fotos (lv)

http://www.corneliakonheiser.de

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Atelierbesuch bei Gabriele Reinemer in Radebeul

08 Mittwoch Jan 2025

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Bildende Kunst, Lebensart, Zwischenmenschliches

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Die Kraft weiblicher Waffen

Sinnlich, zart und wehrhaft spiegeln sich im Schaffen der Radebeuler Bildhauerin Gabriele Reinemer die Schönheit. Stärke und Verletzlichkeit des Menschseins wieder.

Überall im Raum mit den sonnengelben Wänden stehen kleine und große Figuren, männliche, weibliche und Mischwesen, halb Mensch und Tier, versammelt. Eine große, weibliche Figur, eine ehemalige Schaufensterpuppe, trägt einen grauen hohen Trichterhut, spitze Patronenhülsen an den Brüsten und Metallketten um den Körper gewunden. Die Lippen sind dunkelrot geschminkt, ein Bein und ein Arm rot und schwarz bemalt. Eine Arbeit, die den Blick fesselt, beunruhigt und aufschreckt. Sie verkörpert die „Waffe der Frauen“, sagt Gabriele Reinemer. „Es passt ja auch in die heutige Zeit, Übergriffe auf Frauen finden nach wie vor statt.“ In den Plastiken aus Kaschee, Keramik, Stein und Bronze der in Radebeul lebenden Bildhauerin, Malerin und Grafikern geht es oft um Zwischenmenschliches, die Beziehungen zwischen Frauen und Männern und Geschlechterrollen in der Gesellschaft. Ihre figürlichen Arbeiten spiegeln die Schönheit, Kraft und Verletzbarkeit des Menschen ausdrucksstark und konträr wider.

Geboren und aufgewachsen ist Gabriele Reinemer 1948 in Dresden. Seit 1982 wohnt und arbeitet sie zusammen mit ihrem Mann Detlef Reinemer, der ebenfalls Bildhauer ist, in einem alten Winzerhaus, um 1720 erbaut, das sie denkmalsgerecht saniert haben in der Bennostraße 15/Ecke Retzschgasse. Es ist umgeben von hohen Bäumen und einem großen Garten mit Skulpturen und überdachten Sitzplätzen. Neben dem Hauseingang, umrankt von Weinlaub, steht ein lebensgroßer männlicher Torso, der steinern wirkt, aber aus Gips geformt ist, ihre Diplomarbeit an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. Dort erwarb Gabriele Reinemer nach ihrem Studium von 1977 bis 1982 ihr Diplom als Plastikerin. Zunächst studierte sie Maskenbild an der Dresdner Kunsthochschule von 1967 bis 1970 und arbeitete danach bis 1972 als Maskenbildnerin an der Staatsoperette Dresden als Maskenbildnerin. Seit 1982 ist Gabriele Reinemer als freischaffende Bildhauerin tätig.

Da begegnen dem Besucher eine Vielzahl mythologischer Figuren und urwüchsiger Zauber alter und ferner Kulturen, die den Ursprüngen und Geheimnissen des Lebens nachspüren, in den zwei Atelierräumen im Erdgeschoss. Zwei grau getigerte Karthäuserkatzen streifen dort umher. Traum- und schattenhafte Wesen, Vögel, Eidechsen und Krokodile oft in erdigen Tönen, mit schwarzen Linien und Zeichen bemalt und als keramische Objekte und Reliefs gestaltet, tummeln sich in den Regalen und auf Arbeitstischen. Auf einer Stele steht ein Frauentorso terracottafarben, der auf einem dornenartigen, gewundenen Keil mit spitzen dunklen Hülsen an den Brüsten emporragt. Meist sind es archaisch reduzierte Körperformen, sinnlich, zart, kraftvoll und wehrhaft.

Seit den 1990er Jahren beschäftigt Gabriele Reinemer, die Mitbegründerin der Dresdner Sezession 89, einer Künstlerinnenvereinigung ist, diese Figurengruppe mit dem Titel „Weibliche Waffen“. Ein Reizthema.Vieldeutig, wagemutig und provokant sind diese keramischen Objekte, teils mit metallenen Stacheln bestückt in den weiblichen Formen, regen sie zum Nachdenken über menschliches Mit- oder Gegeneinander an. Ihre plastischen Arbeiten aus weißem Pappkaschee bemalt Gabriele Reinemer oft in kräftigen roten und schwarzen Farbtönen mit zeichenreichen Formen. Sonne, Sichelmonde, Sterne, ein lustiges Huhn, Stöckelschuhe und Handtaschen als Anhänger stehen beisammen in einem Glashaus auf dem Ateliertisch neben Pinselgläsern, Farben, Kleber und Werkzeugen wie Hölzer zum Modellieren und kleine Feilen zum Speckstein bearbeiten.

Einen Raum weiter taucht man ein in andere kulturelle Welten. Weiße kleine Häuser und Türme mit schwarz ornamentaler Bemalung, die an traditionelle arabische Bauwerke erinnern, afrikanische Hausboote und Rundhütten aus erdigen Brennton, wundervoll bemalt und mit metallenen Spitzen als „Wehrdörfer“ ausgestattet und lange, symbolreiche Objekte, die Häuptlingsstäben und den Zeremonien von Naturvölkern nachempfunden sind, faszinieren und bedrücken angesichts der zunehmenden Konflikte in der Welt. Diese neuen Arbeiten entstanden nach ihren Reisen nach Afrika, Marokko, Ägypten und Tunesien. „In jedem Land gibt es tolle Menschen. Es sind ja immer einige Einzelne, die die Macht an sich reißen“, so Gabriele Reinemer. „Wir sollten uns auf die menschlichen Werte besinnen, damit die Aggressionen nicht überhand nehmen.“ Ob man mit Kunst viel bewirkt, ist ungewiss. „Doch zumindest kann sie Denkanstöße geben.“

Text + Fotos (lv)

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Atelierbesuch bei Jochen Fiedler in Cunnersdorf, Sächsische Schweiz

08 Mittwoch Jan 2025

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Bildende Kunst, Genießen, Lebensart, Natur, Zwischenmenschliches

≈ Ein Kommentar

Der Maler, der seine Bilder erwandert

Mit viel Leidenschaft, Akribie und Ausdauer zieht es den Landschaftsmaler immer wieder nach draußen, führt er die heutzutage seltene Kunst der Plenair-Malerei fort. Jedes Bild ist erwandert in immer neuen Farbstimmungen.

Sanft hügelige Landschaften, wolkenreiche und weite Himmel, Wiesen und Felder, Waldwege in mal kräftig, erdigen, mal pastelligen, fein abgestuften Schattierungen tauchen immer wieder auf den Leinwänden auf. Die Natur wird zur Bühne in wechselndem Licht, Farben und Stimmungen. Bewegt, spontan im Ausdruck und lebendig wie das Leben selbst, ist sie erlebbar in stetiger Veränderung in den Bildern von Jochen Fiedler.

Er ist vor allem Landschaftsmaler, zumeist direkt vor der Natur. Die Intensität des Sehens, Wahrnehmen, Aufnehmen und Verinnerlichen stehen dabei im Vordergrund und weniger das Malmotiv. Er sieht es wie ein Gegenüber, ein Spiegelbild, das Jochen Fieldler immer wieder neu befragt. „Kunst ist Persönlichkeit“, zitiert er den Künstler Max Liebermann. „Malen ist wie Atmen, wie eine Begleitmelodie zum Leben“, ergänzt Fiedler. „Und wie die Person sich verändert, verändert sich die Kunst. Man wird nicht unbedingt besonders, sondern anders.“ Das Motiv sei eigentlich egal, nur der Anlass für Malerei. „Mir geht es um das unterschiedliche Licht, je nach Tages- und Jahreszeit, den Raum, die Kontraste und Komposition und ich bin selbst überrascht, was jedes neue Bild hervorbringt. Das Bild ist fertig, wenn ich keine Idee mehr habe“, so Fiedler. Ob die beeindruckende Felsenlandschaft, Elbansichten, alte Bauernhöfe, Bäume oder der letzte Blumenstrauß aus dem Garten hinter dem Haus, gemalt in leuchtenden Farbtönen. Neben Landschaftsbildern hängen auch viele Stillleben, Porträts aus dem Familien- und Freundeskreis und Selbstbildnisse im Wohn- und Atelierhaus von Jochen Fiedler in Cunnersdorf bei Hohnstein in der Sächsischen Schweiz, das auch für kunstinteressierte Besucher offensteht.

Das um 1900 erbaute, ehemalige Ausgedingehaus steht auf einer Anhöhe mit großem Gartengrundstück, Obstbäumen, Blumen und Gemüseanbau. Dort hat er großzügige Atelierräume im Erdgeschoss mit mehreren Staffeleien, Malfarben, vollen Bilderwänden und nostalgischem, ornamentverzierten Kachelofen. Auf dem Dachboden mit den einstigen Kammern für das Gesinde entstand ein großer, gemütlicher Raum mit Blick in die Landschaft zum Malen nach dem Auszug der Kinder. 1998 ist Jochen Fiedler als junger Künstler mit seiner Familie aufs Land nach Cunnersdorf gezogen, als die Wohnung mit fünf Kindern und Atelier auf dem Weißen Hirsch in Dresden zu eng wurde und sich keine größeren, bezahlbaren Räume fanden. 1962 in Dresden geboren, hat er dort von 1983 bis 1988 an der Kunsthochschule bei Hubertus Giebe und Johannes Heisig studiert und war von 1988 bis 1989 Meisterschüler bei Prof. Gerhard Kettner. Jochen Fiedler malt oft in der Umgebung von Cunnersdorf. Schon um die 500 Bilder seien es allein von diesem schönen Ort. Dörfliche Szenen, alte Fachwerkhhäuser, Kirchturm und Natur. Der Reiz für ihn sei der immer wieder neue Blick darauf. Weitere Malorte sind die Landschaft zwischen Elbe und Polenztal, Altendorf, Lichtenhain, Wehlen, Burg Stolpen bis Hohwald bei Neustadt/Sachsen.

Jochen Fiedler malt ganzjährig als Plenair-Maler vor der Natur in der Tradition der Impressionisten und der Dresdner Schule. Künstlern wie Theodor Rosenhauer, den er noch persönlich kennenlernte, Hans Jüchser, Paul Wilhelm und natürlich Caspar David Fiedrich fühlt er sich nahe. Er erwandert sich buchstäblich das Bild, so Fiedler, wenn er mit Rucksack mit Staffelei und Malsachen loszieht und das intensive, stundenlange Naturerlebnis festhält in seinen Aquarellen, Pastellen und Ölbildern. Das verlangt hohe Konzentration, Aufmerksamkeit und Hingabe an den Moment. Das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit mehr in der heutigen, schnelllebigen Zeit. „Es gibt kaum noch professionelle Künstler, die sich der Plenair-Malerei widmen“, bedauert Fiedler. Der Trend gehe immer mehr zu Konzeptkunst und Abstraktem und der Qualitätsanspruch an die Landschaftsmalerei ist gesunken.

„Es ist eine Art die Welt zu sehen, sich Zeit zu nehmen und intensiv mit dem Gesehenen auseinanderzusetzen. Durch den Blick auf die Bilder kann man anders in die Natur hinausgehen als vorher, sieht mit größerer Genussfähigkeit“, erlebt Fiedler bei sich selbst. Mit seiner Kunst will er dazu anregen, dass Menschen sich öffnen für das Sehen, für die Vielfältigkeit der Landschaft und das Wertvolle. Jochen Fiedler erlebt aber ebenfalls Wertschätzung für seine mit Leidenschaft und Akribie weiterhin betriebene Plenair-Malerei, die ihn in eine Nische rücke. „Das ist auch das Geheimnis, dass ich seit 35 Jahren von meiner Kunst leben kann. Das ist die Generation, die es noch kennt und mit mir alt wird“, so Fiedler. Er trägt einen dunklen Wollpullover und immer noch halblanges, weißes Haar. Das Malen gehört für ihn zum Leben dazu ganz natürlich, wie für den Bauern, der sein Feld bestellt und die Jahreszeiten erlebt, so Fiedler. „Ich lebe den ländlichen Rhythmus.“ Seine Frau Runhild sieht seine Bilder zuerst, ist Ratgeberin und seine Galeristin seit vielen Jahren.

Die kleine Galerie mit Atelier von Jochen Fiedler befindet sich in Hohnstein, direkt am Markt. Geöffnet Freitag 14 bis 17 Uhr.

Text + Fotos (lv)

Weitere Infos unter http://www.jochenfiedler-Dresden.de

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Gedichte zum neuen Jahr: Rad des Lebens & Lichtwege & weitere

08 Mittwoch Jan 2025

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Poesie, Zwischenmenschliches

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Rad des Lebens

Am liebsten würde ich  die Zeit zurückdrehen
alles auf Anfang noch einmal von vorn
könnte man doch vorneweg sehen was wird geschehen
am Rad des Lebens drehen bis Dunkles endlich erlischt
sich auflöst im Licht
das Leben ist keine Geradeausspur
ein neues Jahr zieht seine Kreise
jeden Moment beginnt die Reise

LV
31.12.2024

Lichtwege

In der Ferne am nächtlichen Himmel
leuchten und verlöschen unentwegt
mit Knistern und Donnern in allen Farben
die Lichtersterne
doch es fällt mir schwer das Helle zu sehen
das Schwere zerschellen lassen
über die Schwelle zu gehen
ohne Euch
dieses Jahr zurückzulassen
das voller Licht und mit der Ode an die Freude
begann
ohne Vorwarnung alles zerrann
Nachts wandert Ihr bei den Sternen
legt mit Euren Funkelaugen Spuren
dass ich nachsichtig bin mit den
kleinen Fellrabauken
wir finden uns auf allen Lichtwegen

LV
31.12.2024/1.1.2025

Weiße Pracht (Für Lino)

Am Fenster sitzt ein weisses Wesen
sieht die Flocken rieseln
sein Fell schneeweiß mit schwarzen Flecken
hält ihn und mich kuschelwarm
vom Winter weiß er
noch nichts
kalt grimmig und funkelweiss
er sitzt da still
wie verzaubert
und würd die Flocken wohl
gern fangen
mein kleiner Eisbär

LV
5.1.2025

Spuren im Schnee

Eine weiche weite Hülle
überzieht die Wiese im Park
fließend wie der Himmel
wie auf Wolken laufen
weißer Schaum knirscht
unter den Füßen
durchzogen von hauchfeinen
schlängelnd sich umrundenden
und einschneidenden Linien
lautlos hallenden Schritten
Fußabdrücken tief furchig
eingegraben
wie hingetupft von Tieren
ein grün fiedriger Kiefernzweig
mit würzigem Duft ein Weihnachtsrelikt
liegt da
von hellen und dunklen Flecken
und Lichtern umstanden
die schwarzen Umrisse der Bäume
hier und da Nester ein Hauch von Weiß
halten sich an den Zweigen
fein verästelt
Lichtschimmer auf weißen schlitterglatten Wegen
Kinder auf Schlitten gleiten vorüber
ein Jogger mit zwei weißen Hunden die hin und her
springen
mein Körperschatten im Weiß umhüllt von
Baumzweigen
und ein kleiner Schneemann mit dunklen Augen
und Zweigarmen steht auf einem Trafohäuschen
und sieht den Ein und Aussteigenden an der
Haltestelle zu
auf brüchig flimmerndem Eis

LV
5.1.2025

Texte + Fotos: Lilli Vostry

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Neue Lyrik & BilderAlbum: Kindheitswege im Advent & Stiller Zauber & Gebrauchswert

26 Donnerstag Dez 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Fotografie, Genießen, Lebensart, Poesie, Unterwegs, Zwischenmenschliches

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Die Ausstellung „Flechtwerk“ zeigt Gemeinschaftsarbeiten von der aus Kamenz stammenden Malerin Angela Hampel und dem Druckkünstler Udo Haufe derzeit im DaDa-Zentrum Kamenz.

Kindheitswege im Advent

Das märchenhafte backsteinfarbene Rathaus
mit den vielen Türmchen wieder ohne Baugerüst
ein Tannenbaum steht Spalier und ein paar schwarze
Karossen parken davor auf dem Marktplatz fast
menschenleer ragt auf und leuchtet wie die
Weihnachtssterne ringsum hoch über den engen
Häusergassen mit farbigen und uralt abgeblätterten
Fassaden und Fensterläden
Flechtwerk zeigt eine Ausstellung aberwitzig im
DaDa-Zentrum in der Zwingerstrasse die
Verflechtungen zwischen Mensch- und Tierwelt
ein Wichtelautomat steht neben dem Brunnen auf
dem Markt zum Geschenke hinlegen und mitnehmen
für alle
das Wort Buchhandlung fällt auf
ob sie auch etwas von Lessing haben
der noch an Liebe Weisheit und Vernunft glaubte
bringt das noch etwas heute
Erinnerungspfade an den Dichter hat seine
Heimatstadt liebevoll hergerichtet und ausgeschildert
an der Stelle seines Geburtshauses das ein
Stadtbrand auslöschte golden auf schwarzem Grund
steht es noch auf der Gedenktafel mit blättriger Schrift
sein Name
stelle ihm einen roten Weihnachtsstern ins welke Laub
ein weiterer leuchtet ein Stück weiter auf dem
Kirchhof St, Marien am Grab des Jungen der steinern
die Zeiten überdauert
gegenüber unter dem knorrigen alten Baum auf der
Steinbank mit Holzleisten rundem Tisch und
geschwungenem Geländer des Aussichtsplateaus
war einst Lessings Lieblingsplatz mit weitem Blick
auf die sanft hügelige eigentümliche Lausitzlandschaft
efeuumwucherte Bäume recken ihre dunklen Zweige
wie Traumwächter in kahler Ödnis
in den regengrauen Dezemberhimmel ein paar Meter weiter
feiern sie ihr eigenes Fest in wogender Pracht hoher
und winziger Tannen und vieler zauberhafter
Gewächse auf dem Hutberg

LV
25.12.2024

Stiller Glanz

Ein Schwingen und Klingen
in aller Stille im Glanz der Regentropfen
der auf Zweige fällt
Federbüschel aufgefächert in alle Richtungen
wie Strahlen Segel Sensoren recken sich
an jungen Kiefern wie grünes Lametta
die dünnen Stämmchen kaum ein Finger breit
tragen lange Zapfenketten mit dem Duft
von frischem Baumharz in der Luft
und an den Fingern
aufgereiht stehen die Bäumchen
Blautannen Fichten und ein Nadelhaariger
im Drahtgehäuse einen Zweig heraus gereckt tastend
auf der Lichtung inmitten der hohen Tannenbäume
ihre Zweige wiegen herab zu den Winzlingen
die ihre weichen samtgrünen Arme ausbreiten
und winken
die nie im Lichterglanz von Weihnachtsstuben stehen
werden
sie wurzeln wogen und glänzen hier draußen
im Freien
unter hohen Baumwipfeln
Feiern ihr eigenes Fest
mit den vielen anderen sie umarmenden Nadel- und
Blätterspitzen und wundervollen Gewächsen
aus unzähligen Rhododendronbüschen wachsen
schon Blütenzepter mit Flügelblättern
die winzigen Knospen fest umschlossen
vor den Nachtfrösten
ein letztes Blatt hält sich an einem kahlen Zweig
gegenüber ein kugeliges Geflecht aus Geäst und Laub
wie ein Traumfänger oder Höhle für Getier
unter gewölbtem Blätterdach eine Bank
und uralte steinerne Stufen von Bäumen und
Büschen gesäumt führen auf verschwiegenen
vertrauten Wegen
nach oben zur Freiterrasse
vor der Hutberggaststätte hält ein Rentierschlitten
mit dem Weissbärtigen im roten Mantel Rast vor dem Fest
schon auf dem Heimweg ertönt ein leises Miau
kommt aus dem Gebüsch ein schwarz weißes Fellknäuel
hervor die Fellige stromert gern umher und versteckt
sich im großen Zaubergarten wie ich als Kind
sah sie erst zwei Mal von nahem
doch es ist als ob wir uns schon lange kennen
sie wohnt hier oben neben dem dem Lessingturm
futtert schmiegt sich an mich schnuppert an den
Weihnachtszweigen und sieht mir
beim Abschied lange nach
Ich komme wieder flüstere ich ihr zu
nie war ich diesem Ort näher

LV
26.12.2024

Gebrauchswert

In Gebrauch besiegelt vieles
ohne gebraucht zu werden
Braucht man was man liebt
oder liebt was man braucht
Brauchen oder nicht
bemisst den Wert
wie in den Spiegel sehen
zu sich hon oder weg im
Gebrauchtwerden
eintauchen oder niedersinken
losgerissen von der Nabelschnur
der Verbindungen des Vertrauten und Gewohnten
der Gewissheiten
ins Stocken geraten das Hingeben

Schöpfe aus dem Meer der Worte
dem Grund auf dem ich stehe
verliere ich sie bin ich verloren
Braucht es viel wenig oder Nichts
weiter zu gehen
die Härte und Tiefe der Verwurzelung
in einem wieder zu sehen

Hab ich die Kunst zu leben verlernt
weil ich ohne Kunst nicht sein kann
Braucht nicht nur volle Bäuche
braucht Bräuche Mensch zu bleiben

LV
11.12.2024

Alle Texte + Fotos: Lilli Vostry

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Eine Weihnachtsgeschichte in Bildern in der Galerie Holger John in Dresden

26 Donnerstag Dez 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Bildende Kunst, Lebensart, Projekte, Zwischenmenschliches

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Bühne frei für die Kunst. Die weiße Leinwand füllte sich nach und nach mit einer illustren, witzig-wundersamen Figurenschar, die der Künstler und Galerist Holger John spontan und fantasiereich, nebenher erzählend, vor den Augen der Besucher zeichnete.

Kunst hautnah und voller Überraschungen

Neugierig und gespannt wie die Zuschauer vor der weißen Leinwand war auch der Zeichner und Galerist Holger John, der beim Advent im Barockviertel in der Rähnitzgasse an einem Sonnabendnachmittag wie ein Zauberkünstler aus dem Nichts eine Fülle witzig-skurriler Figuren – vom Mondmann als Reverenz an C.D. Friedrich, eine schlummernde Venus, Ilse Bähnert als Schokoladenmädchen bis zum „sächsischen Beisshasen“ und einer entschleunigten „Loschwitzer Rennschnecke“ – mit flottem Strich auftauchen ließ in seiner sehr eigenen Weihnachtsgeschichte mit viel Dresdner Lokalkolorit.

Nebenher erzählte er ebenso direkt, unverblümt, unterhaltsam und pointiert Geschichten aus seinem bewegten Künstlerleben, über den aufgeblasenen Kunstmarkt und echte, lebendige Kunst, die etwas wagt, über Hoh-, Tief und Überflieger in der Kunst und Freude an der Spontanität wie sie Kinder haben und der kleine „Fritzi“ griff sogleich als Erster in der Runde zum Filzstift und zeichnete einen Regenschirm und ein Hausboot auf das große weiße Blatt. Mit dabei war außerdem Thomas Preibisch vom „Institut für gute Laune“ in der Neustadt, der eine Blume malte als Symbol für viele weitere erblühende Ideen, wenn viele Leute zusammen Kunst machen.

Natürlich durfte auch Johns karierte Katze nicht fehlen, die für Chaos, Ungewöhnliches und Eigensinn steht und das Markenzeichen eines neuen, besonderen KulturFestivals auf der Wiese vorm Japanischen Palais ist und nächstes Jahr wieder stattfinden soll, so Initiator Holger John. Das etwas andere, wild fantasievolle und fröhliche Adventsbild kann besichtig werden in der derzeitigen Ausstellung voll stillem Zauber mit Zeichnungen von Silke Höppner in der Galerie Holger John in der Rähnitzgasse 17 in Dresden.
Nach der Kunstaktion sammelte er Spenden für den Kindergarten Rabe in der Nähe der Waldschlößchenbrücke.

Text + Fotos (lv)

Geöffnet hat die Galerie Di bis So 14 bis 19 Uhr.

http://www.galerie-holgerjohn.de

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Über uns

Willkommen in diesem reichhaltigen Garten der Künste – Hier blüht Euch was! Hier wächst vieles, Schönes und Dorniges, Auffälliges und Verborgenes, Seltenes und Seltsames nebeneinander. Hier erfahrt Ihr das Neueste aus der Dresdner Kultur- und Kunstszene in aller Eigenart und Vielfalt. Sitzt man auf der Gartenbank mit namhaften und weniger bekannten Kulturmenschen und Menschen mit Ideen und Visionen aus anderen Lebensbereichen. Zeigen Künstler beim Atelier-Besuch ihre neuesten Werke, bevor sie in der Ausstellung hängen und erzählen, welche Bilder sie nie ausstellen würden. Wird Neues aus der Bühnen- und Bücherwelt vorgestellt, Augen- und Ohrenschmaus weitergegeben. Es gibt ein Traumtagebuch, für die Bilder der Nacht und Lebensträume. Es ist Platz für Poesie und Kurzprosa, Reisereportagen, Beiträge über das Leben mit anderen Kulturen, über Lebensart und Zwischenmenschliches. Es werden WortRaritäten gesammelt und Wort-Rätsel mit geheimnisvollem Inhalt gelüftet. Und nun: Schaut Euch um, entdeckt, genießt und lasst Euch anregen von der Fülle an Kulturgewächsen. Und vor allem: Bleibt schön neugierig und empfehlt meinwortgarten weiter.
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Lilli Vostry

Lilli Vostry

Ich bin als Freie Journalistin (Wort/Foto) seit 1992 in Dresden tätig. Schreibe für Tageszeitungen und Monatsmagazine vor allem Beiträge über Bildende Kunst, Theater, soziale Projekte und Zwischenmenschliches. Außerdem Lyrik und Kurzprosa. Bisher vier BilderGedichtKalender zusammen mit Künstlern veröffentlicht. Fernstudium Literarisches Schreiben im Herbst 2022 erfolgreich abgeschlossen, Schriftstellerdiplom. Kindheitstraum erfüllt. Fotografiere gern Menschen, Landschaften, besondere Momente.

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TOP-BEITRÄGE & SEITEN

  • Die Sprache des Steins: Ausstellung zum Abschluss des Internationalen Bildhauer-Symposiums auf dem Campus der Fachhochschule Dresden
  • Restaurace "Babicka" eröffnet mit tschechisch-böhmischer Küche in Pirna
  • BilderAlbum: Bilder & Klänge für alle im KlanGLaboR
  • "Mut schöpfen": Kurzgeschichte & Dialog-Szene "Wenn aus Liebe Gewalt wird"
  • Premiere "Leonce und Lena" nach Georg Büchner auf der Bürgerbühne im Kleinen Haus
  • Ausstellung "Mittendrin" von Peter Pit Müller & André Uhlig im Sächsischen Weinbaumuseum Hoflößnitz
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  • Ausstellung "Gotthardt Kuehl. Ein Lichtblick für Dresden" auf Schloss Burgk Freital
  • Ein Abend für Thomas Brasch im Minckwitzschen Weinberghaus in Radebeul

Top-Beiträge & Seiten

  • Premiere "Ein Sommernachtstraum" von William Shakespeare im Innenhof des Japanischen Palais in Dresden
  • Wo der Humor wilde Blüten treibt - Das Kleine Welttheater in Radebeul
  • Premiere "Achtsam morden" - Krimikomödie in der Comödie Dresden
  • Von Monet, van Gogh zu Klimt: Kunst in Bewegung in multimedialer Ausstellung
  • Ausstellung "Zauberhaft" von Rita Goldschmidt in der Galerie mit Weitblick in Radebeul
  • Herbst & Weinfest Radebeul: Feuriges Finale in Labystan & Verleihung des Wandertheaterfestival-Publikumspreises
  • Bücher-Schatzkiste: "Der Federndieb" von Kirk Wallace Johnson
  • Viel Glanz, berauschende Musik, Tanz und Theater vom Feinsten beim Hollywood-Bühnenball im Stadttheater Döbeln
  • Staatsschauspiel Dresden erhält ZukunftsGut-Preis 2018 der Commerzbank-Stiftung
  • Neue Lyrik: Was ist Liebe & Mutters Hände

Aktuelle Beiträge

  • Opera en miniature: „Abu Hassan“ – Musiktheater mit Puppen im Schloss Lauenstein
  • Letzte Gelegenheit in die fantastische Welt im Lügenmuseum Radebeul einzutauchen
  • „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ – Vielleicht bringt die 25. Vorstellung Glück!
  • Klangwanderung & Konzert mit Agnes Ponizil & Anne Kathrin Wagler an zwei Klavieren beim Musiksommer Bärenstein
  • Start in die neue Spielsaison im Mittelsächsischen Theater: José Luis Gutiérrez dirigiert das Orchester mit viel Schwung
  • Wunderreiche Welt & unbequeme Wahrheiten: dem Lügenmuseum Radebeul droht die Räumung
  • Gastspiel „Manche mögen`s heiss“ in Hoppes Hoftheater in Weissig
  • BilderAlbum: Konzert im Milchschafhof Bärenstein & Ausstellungen beim Musiksommer
  • Ausstellungs-Eröffnung: „Wenn Farben Liebe machen“ mit Malerei von Oliver Estavillo in der Galerie Holger John in Dresden
  • Neue Lyrik: Gedichte von Zoe Nora Goerges

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