XJazz Edition Festival: Konzert mit Anna Mateur in den Landesbühnen Sachsen in Radebeul

Antidiva mit Leidenschaft zu Kunst und Musik aller Spielarten:
die Sängerin Anna Mateur. Foto: David Campesino

PROTOKOLL EINER DISKO

Bei dem Konzert im Rahmen des XJazz Edition Radeebeul-Festival 2019 gastiert die Sängerin ANNA MATEUR mit den Musikern SAMUEL HALSCHEIDT (GITARRE) und KIM EFERT (GITARRE) am 15. Juni, um 20 Uhr auf der Hauptbühne der Landesbühnen Sachsen in Radbeul.

„Kunst ist alles ist Kunst ist alles ist Kunst ist alles ist Musik.“ In ihrem neuen Programm macht Anna Mateur nichts anderes als sonst, nur anders. Also Lieder. Und Cover. Und Chaos. Sprich Kunst. Hier nun eine Kurzübersicht über das zu Erwartende:

Umgeben von virtuosen Musen fegt die Antidiva erneut über die Bühne. Sie tanzt. Sie schreit. Sie spontant. Sie macht Musik. Viel Musik. Und Pausen. Denn Pausen sind auch Musik. Geben sie sich ihren Gefühlen hin. Selbst wenn sie diese nicht verstehen. Schmelzen Sie. Wie Plastik. Wenn alle mit machen, ist das sogar sozial. Wenn keiner mitmacht, stirbt ein Cis. Alles ist Kunst. Alles ist Musik. Sogar Sie. Und Anna. Und so. Anna Mateur Anna Maria Scholz aka Anna Mateur, geboren 1977 in Dresden, studierte Musik, hätte sich aber lieber für Grafik oder Schauspiel beworben. Nach Kindspause und Studium vereint sie nun alles Musische in ihren Programmen.

Seit 2003 tourt sie als Sängerin, Texterin, Schauspielerin und Zeichnerin mit ihrer Formation „Anna Mateur and the Beuys“ im deutschsprachigen Raum. Preise gab es dafür; unter anderem den Deutschen Kleinkunstpreis 2008, den Salzburger Stier 2009 und den Bayerischen Kabarettpreis 2010. 2015 gewann die Künstlerin den begehrten Publikumspreis „Marlene“ in Weimar. Sie schreibt Bühnenprogramme, Songtexte und Radiokolumnen, zeichnet ihre Geschichten live auf Folien, Haut, Tische und Wände. Ihre Leidenschaft gilt Systemen zwischen Ordnung und Chaos. 2015 veröffentlichte Anna Mateur mit dem Wehwehchenatlas ihr erstes Buch. 2017 wird sie Förderpreisträgerin der Stadt Dresden und gewinnt erneut den Publikumspreis „Marlene“ in Weimar.

Zudem veröffentlicht sie eine neue Hörschnitzel CD bei „Voland und Quist“. Wenn sie nicht mit ihrem aktuellen Programmen „Protokoll einer Disko” (Besetzung Kim Efert, Samuel Halscheidt oder Christoph Schenker) oder Mimikri (Besetzung Andreas Gundlach) unterwegs ist, lebt und spinnt sie im Tal unter Ahnungslosen. XJAZZ Edition Radebeul – Kurzbeschriebung des Projekts Das „XJAZZ Edition Radebeul“-Festival geht in das 4. Jahr: Mittlerweile ist es wohl viel mehr als die kleine Schwester des Berliner „XJAZZ Festival“. Dabei steht „XJAZZ“ für viele verschiedene Soundwelten und genreübergreifende Vielfalt. Jazz wird gewürzt mit Soul, Latin, Afro-kubanischen Elementen und elektronischen Beats.

Radebeul als Weinstadt mit dem ortsansässigen weltbekannten Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer als Schirmherr bietet für dieses progressive Jazz-Festival den optimalen Nährboden. Ziel ist es, die schöne Kulisse der Radebeuler Weinberge, Weingüter und Kirchen für ein Zusammentreffen der lokalen und internationalen Jazzszene zu nutzen und es gleichzeitig einem bunten Publikum zugänglich zu machen. Im Mittelpunkt steht das teils progressive Musik-Erlebnis für Jung und Alt, die Konfrontation der Musiker mit ungewohnten Konzert-Settings und Erstbegegnungen, das Vernetzen der Jazzszene und die schöne Kulisse der Kleinstadt. Musikalische Inhalte und Wein-Kleinstadt-Idylle können sich hierbei auch gern kontrastieren.

Text: Petra Grubitzsch/LB

Landesbühnen Sachsen GmbH Meißner Straße 152 01445 Radebeul Tel.: +49 351 89 54 203 Mobil : 0160 88 20 685 Fax: +49 351 89 54 2 01 E-Mail: presse@landesbuehnen-sachsen.de Web: www.landesbuehnen-sachsen.de

Lesung: Wort-Gewitter mit Thilo Krause im Landhaus

„Was wir reden, wenn es gewittert“

Zur nächsten Lesung im Rahmen der Reihe Literarische Alphabete – Lesungen im Landhaus (Stadtmuseum) liest der Autor und Huchelpreisträger Thilo Krause (Dresden/Zürich) aus seinem gleichnamigen Gedichtband am 12. Juni, um 19:30 Uhr auf der Wilsdruffer Straße 2.

Seine Gedichte sind Wahrnehmung und Konzentration, ein Meditieren beim Tun: beim Kochen, Spazieren oder Reisen. Bei aller Einfachheit der Worte sind Klang, Rhythmen und Bilder das, was aus der Beobachtung ein Gedicht macht: „Draußen blitzt es. / Drinnen hält sich träge der Sommer. / Dosen, Flaschen, Müll glimmen im Farn“. Mit dem in der Schweiz lebenden Thilo Krause ist eine besondere Stimme für die deutschsprachige Literatur zu entdecken. (Text: Verlag)

Eine Veranstaltung des Literaturforum Dresden e.V. in Kooperation mit den Museen der Stadt Dresden. Gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur- und Denkmalschutz und der Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung.

Anreise: Linien 1, 2, 3, 4, 7, 12, 62, 75 Pirnaischer Platz
Die Lesung ist barrierefrei zugänglich.

Text: Patrick Beck

Siehe auch den Beitrag über die Lesung: „Was wir reden, wenn es gewittert“ auf
meinwortgarten.com

http://www.literaturforum-dresden.de

Gastspiel: „In dieser Stadt muss man singen“ mit Melanie Haupt im Dresdner Comedy & Theater Club


Zeitlose Großstadt-Lieder: Melanie Haupt & Jonathan Bratoeff bringen Chansons von Hildegard Knef auf die Bühne im Dresdner Comedy & Theater Club.

Swingende Chansons

Sie ist Schauspielerin, Sängerin und Bühnenpartnerin von Kabarettist Bodo Wartke: Melanie Haupt zeigt ihr neues Programm, einen Abend mit Liedern von Hildegard Knef gemeinsam mit Jonathan Bratoeff an der Gitarre am 14. Juni, um 20 Uhr im Dresdner Comedy & Theater Club auf der Hauptstraße 13.

Hildegard Knef hat mit einfachen Worten eine große Tiefe erreicht. Ihr Humor und ihre Schlagfertigkeit waren legendär. Sie war vielleicht die interessanteste deutsche Künstlerin. Ehrgeizig und begabt. Ein Star. Völlig drüber und völlig normal.

Ihre unglaublichen Erfolge katapultierten sie zeitweise in den Größenwahn. Doch mit ihrem Berliner Humor fiel sie immer wieder auf den Boden. Ihrer Zeit weit voraus, passte sie in keine Schublade. Als der Deutsche Film keine Rollen mehr für sie hatte, erfand sie einfach in den 60er Jahren im Alleingang das Deutsche Chanson neu. Großartige Lieder. Zeitlos und vielschichtig.
Und deswegen finden wir: IN DIESER STADT muss man singen.
So wie viele andere ihrer Chansons.

Jonathan Bratoëff hat die Musik im Swing-Style arrangiert und begleitet Melanie Haupt an der Gitarre. Ein besonderes Zusatz-Gastspiel der großartigen Schauspielerin, Sängerin und Bühnenpartnerin von Bodo Wartke (u.a. in „Antigone“).

Ort: DRESDNER COMEDY & THEATER CLUB im Gewölbekeller im Kügelgenhaus, Hauptstraße 13 // 01097 Dresden-Neustadt, Fußgängerzone am Goldenen Reiter
Telefon 0351-46 44 877  // www.comedytheaterclub-dresden.de

Text + Foto: Heike Jack/DRESDNER COMEDY & THEATER CLUB

Premiere „Der Stripper“ in der Comödie Dresden


Alles nur Spaß und Show… Doch warum dann die Heimlichtuerei?! Sissy fällt aus allen Wolken, als sie erfährt, dass ihr Freund Johannes Stripper in einem Nachtclub ist. Fotos: Robert Jentzsch

Prickelnder Humor für mehr Liebe und Frieden

Nicht nur die Klamotten, sondern auch manche Lügen und Vorurteile fallen in der sommerlich leichten, reichlich komischen Show-Komödie „Der Stripper“, die am Freitagabend Premiere feierte in der Comödie Dresden.

Er sieht zum Anbeißen aus. Groß, gut gebaut und intelligent. Endlich hat Sissy Mr. Right gefunden! Merkwürdig nur, dass er abends oft weg muss. Sissy fällt aus allen Wolken, als sie herausfindet, dass der Medizinstudent am Wochenende keine Nachtschichten im Altersheim hat, sondern sich für Geld auszieht für Frauen jeden Alters. Da schlagen die Gefühls-Wogen hoch in der witzig-pikanten
Show-Komödie “Der Stripper“ von Ingmar Otto, der auch Regie führte. Die Premiere war am Freitag abend in der Comödie Dresden.

Passend zu den sommerlich heißen Temperaturen kam die Inszenierung mit viel Lust und Liebe, prickelndem Humor und vollem Körpereinsatz auf die Bühne. Zwischen biederen Hausfassaden mit weißen Gardinen funkeln abends Leuchtschlangen und auf dem bunt flimmernden Laufsteg in Kreuzform im Nachtclub „Diamonds und Perls“ steigt die Stimmung, wenn die fünf knackigen Tänzer zu heißer Musik ihre Klamotten abwerfen. Ein Teil der Zuschauer sitzt mit auf der Bühne. Sissy (brav-adrett: Saskia Dreyer) hat keine Lust mehr, diesen „Na bei Euch läuft`s wohl nicht so“-Blicken“ auf Partys ausgeliefert zu sein, weil ihr Freund Johannes (mehr der nette Junge von nebenan als verführerisch: Marius Bechen) so wenig Zeit für sie hat.

Brenzlig wird es, als Sissys lebenslustige Mutter (mit rauchig-verruchter Stimme: Michaela Hanser) ihn als Stripper wieder erkennt. Sie ist Politesse und steht auf junge Männer. Sissy traut ihren Augen nicht, als sie Johannes im Nachtclub sieht. Zuerst denkt sie, er sei dort mit seinen Kollegen, schwule Altenpfleger, die sich Striptease ansehen. Noch schlimmer als die Wahrheit, dass ihr Freund selbst strippt, ist für sie, dass er sie angelogen hat. Sehr schön die Szene, in der Sissy und Johannes einander gegenüber sitzen, zuerst jeder für sich tanzen und dann Rücken an Rücken, sehnsuchtsvoll (Choreografie: Patrick Nitschke). Reizvoll, als die schüchterne Sissy auf einem Stuhl mit verbundenen Augen sitzt und sie mal zaghaft, mal herzhaft zugreift, wenn die Tänzer sich ihr nähern. Am Schluss becirct sie selbst auf der Bühne die Zuschauer in schimmerndem Kleid wie eine Meernixe und mit Babybauch.

Die Stripper um Nachtclubchef Lou (cool-egoistisch: Sebastian Smulders) ziehen singend und tanzend alle Register, um den Laden vor der Pleite zu retten. Sie tragen mal schwarze, scharfe Klamotten mit Patronengürtel, agieren mal wie Krieger aus einem Fantasyfilm, als fesche Matrosen, Indianerhäuptling, mit Bauhelm und Basecup und in Karohemden und Jeans, posieren oberkörperfrei und im Stringtanga zu heißen Klängen von Rock, Pop bis Schlager. Ein Höhepunkt der Show ist der Auftritt der schillernden Dragqueen Wanda Wonder (Michaela Hanser) und des Nachtfalters Lollo in schwarzen Lackhosen (wandlungsstark: Jan Bastel in mehreren Rollen auch als Porno, Tiger, Andrew und Verkäufer).  Deftig-humorvoll ihr Lied: „Ficken für den Frieden…“  Die Botschaft des Abends: „Make love, not war!“ einschließlich geschwenkter Regenbogenfahne für bunte Vielfalt war eindeutig und bekam reichlich Beifall.

Text (lv)

http://www.comoedie-dresden.de

Kunst: offen in Sachsen – Farb-Spaziergänge bei Christa Günther in Radebeul

„Kunst ist das: dass man die Dinge immer wieder neu sieht“ (W. Kentridge), steht auf einer Ansichtskarte, die eine Farblandschaft von Christa Günther zeigt. Sonnenlicht, Grün und rote Farbspuren durchziehen das Bild, das sie „Tabula Rasa III“ nennt. Die Farben flirren und pulsieren, fließen immer wieder neu und anders ineinander auf den Leinwänden. Vielleicht spielt der Bildtitel darauf an?

In ihre Bilderwelt eintauchen und zuschauen, wie ein Bild sich malt, können Besucher beim diesjährigen 15. Kunst: offen in Sachsen. Während der Pfingsttage vom 8. bis 10. Juni öffnen Künstler sachsenweit ihre Ateliers, Arbeits- und Ausstellungsräume und laden ein zum Schauen, Staunen und Entdecken und natürlich auch zum Erwerben von Kunst.
Christa Günther öffnet ihr Atelier in der Alten Schuhfabrik auf der Gartenstraße 72A in Radebeul an diesen Tagen ebenfalls von 10 bis 18 Uhr. Wie ein Bild sich malt, können die Besucher von 15 – 16 Uhr bei ihr erleben. Eine lustige Figur, aus einer Staffelei zusammengesetzt mit bunt bekleckstem, weißem Shirt und bemalter CD als Kopf weist den Weg zum Atelier von Christa Günther in der zweiten Etage der Alten Schuhfabrik in Radebeul. Ein saniertes, helles Gebäude mit roten Klinkersteinen. Seit 2006 hat Christa Günther hier ihr Atelier. Nebenan haben Peter und Karen Graf ihre Ateliers und eine Tür weiter der Künstler Matthias Kistmacher. Im Gebäude sind außerdem ein Architekturbüro und ein Fuhrunternehmen tätig.

Christa Günther ist bereits zum 13. Mal bei „Kunst: offen in Sachsen“ dabei.
„Für mich ist Malen etwas ganz Zärtliches, das der Seele gut tut. Etwas erschaffen, bei dem man alles um sich herum vergisst, das ist das Schönste am Malen“, sagt die Künstlerin. 1998 hängte Christa Günther ihren Job an den Nagel. Sie unterrichtete viele Jahre als Lehrerin Deutsch und Musik und hat drei Kinder alleine großgezogen. Während einer Waldorfpädagogik-Ausbildung in Stuttgart kam sie zur freien Kunst und seither lässt der Umgang mit Farben sie nicht mehr los. Sie besuchte Kurse im riesa efau in Dresden, bei Sandor Doro, Frank Herrmann und Maksa, einer Hamburger Künstlerin. “Sandor Doro hat mich in die Abstraktion gebracht“, sagt sie.

Malen sei auch ein Spaziergang nach innen. Die Farbe Blau, die für das Unbewusste und die Seele steht, taucht facettenreich in ihren Bildern auf, die sie Farbschicht um Farbschicht mit Pinsel, Spachtel und Rakel aufträgt. Dabei entstehen faszinierende Farbspiegelungen, fließende, ineinander greifende, sich durchdringende, überlagernde, rissig-brüchige und lichtvoll changierende Farbräume mit Titeln wie „Mia Volta“ (griech.: Spaziergang) oder „Phanta Rei“ (Alles fließt). Angeregt von der Natur und Reiseeindrücken. Sie macht sich keine Skizzen, sagt Christa Günther, sondern malt rein aus dem Gedächtnis, der Erinnerung. Ihre mal pastellfarbenen, mal kraftvoll leuchtenden Bilderlandschaften wirken oft auch wie erinnerte Träume, halb konkret, halb verschwommen in der Ferne aufleuchtend. Und lassen dem Betrachter viel Spielraum, eigenen Empfindungen und Fantasien nachzugehen.

Während das Bild auf der Leinwand Form annimmt, ist es mucksmäuschenstill im Atelierraum, hört man nur den Spachtel sacht über die Fläche streichen. Ein spannendes Erlebnis auch für Julius (7), der mit seiner Oma, einer ehemaligen Lehrerkollegin von Christa Günther, hergekommen ist. „Das Gelb sieht aus wie eine Banane mit Nase und das Rot wie ein tanzender Weihnachtsmann“, sagt er. Die Künstlerin und die anderen Erwachsenen schmunzeln. Sie dreht das Bild um, dann sieht es wieder anders aus.

Sie öffnet gern ihr Atelier. „Ich merke, wie die Leute reagieren auf meine Kunst, es ergeben sich Gespräche und wenn ich ein Bild verkaufe, ist das ein schöner Nebeneffekt“, sagt sie. Die Besucher können nach dem Bilderbummel auch Wein aus eigenem Anbau ihres Freundes, der Winzer ist, verkosten. Rotburgunder und Zweigelt stehen bereit. Auf der Staffelei im Atelier trocknet inzwischen das kleine Ölbild. „Jetzt lasse ich es einfach laufen. Mal sehen wie es in einer Stunde aussieht. Dann kann ich noch mal drüber gehen“, sagt Christa Günther. Fünfzehn Besucher hatte sie am Sonnabend im Atelier innerhalb einer Stunde, weiß sie anhand der von draußen nach drinnen in eine Schale gewanderten Steine, Reisemitbringsel. Sie lächelt glücklich.

Bilder von ihr sind auch in der derzeitigen Ausstellung der Künstlergruppe „Radebeuler Kunstspuren“ im Foyer der Landesbühnen Sachsen in Radebeul vor den Vorstellungen zu sehen (noch bis 23. Juni).  Die 15 KünstlerInnen öffnen ihre Ateliers wieder für Besucher am 15. September, von 10 – 18 Uhr.

Text + Fotos (lv)

http://www.christaguenther.de

Eine Übersicht der Künstler, die ihre Ateliers über Pfingsten für Besucher öffnen, steht unter http://www.kunst-offen-in-sachsen.de

Musiker Ulrich Thiem las aus „Die Spieluhr“ von Ulrich Tukur bei Büchers Best


Zauber der Musik und Worte: der Musiker Ulrich Thiem las aus Ulrich Tukurs Novelle „Die Spieluhr“ und spielte Cello-Improvisationen bei seiner gut besuchten Lesung bei Büchers Best in der Neustadt.

Spannendes Spiel mit Wirklichkeit und Fantasie

Die Magie von Musik, Malerei und Sprache verbinden sich in der Lesung des Cellisten Urlich Thiem aus Ulrich Tukurs Novelle „Die Spieluhr“ am Pfingstsonntag, um 19.30 Uhr in der Yenidze.

Sie haben einiges gemeinsam. Die gleichen Namens-Initialen, die Magie der Kunst und Musik verbindet sie. Nach einem Konzert lernte Ulrich Thiem den Schauspieler Ulrich Tukur kennen. Er schenkte seiner Frau „Die Spieluhr“. Thiem nahm das Büchlein in die Hand und las und las. Ihn faszinierte die „Mischung aus Fiktion und Realität, Verrücktheiten und Verwirrungen bis zur Auflösung“, erzählte Ulrich Thiem bei seiner Lesung mit Cello-Improvisationen im Buchladen Büchers Best auf der Louisenstraße in der Neustadt.

„Die Wirklichkeit ist der Schatten der Kunst“, zitiert er aus dem Buch. Es ist ein spannendes Spiel mit Wahrnehmung, Wirklichkeit und Fantasie. Es wirke wie eine Anrufung der verborgenen Seele der Menschen und Dinge, so Thiem. Eine Beschwörung des Mysteriösen.

Auf wundervoll verwirrende Weise verbindet die Novelle „Die Spieluhr“ von Tukur die Lebenswege zweier ganz verschiedener Menschen, des Gelehrten und Freigeistes Wilhelm Ude, der aus der preußischen Enge entflieht, nach Paris geht und dort eine Galerie eröffnet und der Putzfrau Serafine, die betörende Blumenstilleben malt. Sie treffen sich in ihrer Sehnsucht nach einer schöneren Welt, die wohl nur in der Kunst zu haben ist, heißt es im Buch.

Ulrich Thiem entführt die Zuhörer mit dieser geheimnisvoll-entrückten Geschichte und bezaubernder Cello-Musik, abwechselnd zart und expressiv, in die undurchdringlichen Gefilde zwischen Wirklichkeit und Traum. Die nächste Lesung findet am Pfingstsonntag, am 9. Juni, um 19.30 Uhr unter der Yenidze-Kuppel statt.

Text + Fotos (lv)


Hüter der Wunder im Bücherreich von Büchers Best: Ladenkater „Musashi“.

BuchSalon: „Liebe ist immer ein Ernstfall“


Ernsthafte Unterhaltung im BuchSalon. Die neuesten Bücher sächsischer Autoren wurden vorgestellt (im Bild v. li n. re.) von Michael Bittner, Michael Hametner und Karin Grossmann. Andrea O`Brien, die Leiterin des Literaturhauses Dresden und eine Vertreterin vom Sächsischen Literaturrat luden zu der Veranstaltung ein.

Von „Puppenkino“ bis „Tarantella“

Ein Liebesroman, ein Schelmenroman voller Aphorismen, rätselhafte Kalendergeschichten und ein südlich heißblütiger Abenteuerroman wurden lebhaft diskutiert im BuchSalon im Literaturhaus Dresden.

Was macht ein gutes Buch aus? Muss man alles verstehen? Wie verrätselt kann es sein? Wie schwer oder leicht darf Unterhaltungs- bzw. ernste Literatur sein, um kritikwürdig zu sein? Darüber wurde lebhaft diskutiert im „BuchSalon“, der bisher Bücherbörse hieß, veranstaltet vom Sächsischen Literaturrat e.V. am Donnerstagabend im Literaturhaus Dresden in der Villa Augustin am Alberplatz.

Im Streitgespräch über Neuerscheinungen sächsischer Autoren waren diesmal Michael Bittner, freier Autor, Karin Grossmann, Literaturredakteurin bei der Sächsischen Zeitung und Michael Hametner, Literaturkritiker und viele Jahre bei MDR Kultur.
Auf dem Tisch ein Stapel Bücher, ganz unterschiedlich in der Machart, Inhalt, Form und Anspruch, die im Buchladen sehr weit voneinander stehen würden.

Vorgestellt wurden „Puppenkino. Kalendergeschichten“ (Connewitzer Verlagsbuchhandlung) des Leipziger Autors Thomas Böhme, der auch einige Texte daraus las. Von Volker Braun „Handstreiche“ (Suhrkamp), Daniela Krien „Die Liebe im Ernstfall“ (Roman, Diogenes) und Jens-Uwe Sommerschuh „Tarantella“ (Roman, salomo publishing).

Ladies first oder lag es am Thema? ging es zuerst um „Die Liebe im Ernstfall“, den zweiten Roman der in Leipzig lebenden Autorin Daniela Krien, Jahrgang 1975. Ihr erster Roman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ (2011, Graf Verlag München) erzählt eine heftige, unmögliche Liebesgeschichte in einem Dorf nahe der deutsch-deutschen Grenze im Sommer 1990. Alle emotionalen Grenzen niederreißend.
In ihre neuen Roman geht es um fünf Frauen um die 40 auf der Suche nach dem Glück, für das sie einiges in Kauf nehmen, so Karin Grossmann. „Sie kämpfen gegen Vorurteile, trauen sich neue Lebensformen zu und gehören zum Mittelstand.“ Wie sich die Lebenslinien der Frauen kreuzen, über ihr Leben mit Männern und Kindern und ohne sie, erzählt vor dezent politischem Hintergrund der Nachwendezeit und neuen nationalistischen Tendenzen dieses Buch.

„Liebe ist immer ein Ernstfall, sonst ist es nämlich keine“, sagt Karin Grossmann über den Buchtitel. Es sei ein lebensnahes Buch, so Michael Bittner, auch wenn er es etwas konservativ findet. Dass alles seine Grenzen hat und zu viel Freiheit auch nicht gut tue, das habe ihm etwas Unbehagen bereitet. „Das ist kein Unterhaltungsroman, da wird schon tief in die Menschenkenntnis gegangen“, begründet Michael Hametner seine Empfehlung für das Buch.

Volker Braun, der unlängst seinen 80. Geburtstag feierte, stellte Hametner als einen großen Lyriker der sächsischen Dichterschule, Prosaautor, Essayist und Dramatiker vor. Sein neuer Band „Handstreiche“ sei eine Art Schelmenroman aus der Nachwendezeit der DDR über einen ehemaligen Vorzeigearbeiter namens Flick, der unbedingt arbeiten will und sich als Maschinenstürmer betätigt, sagt Michael Bittner. Das Buch enthalte viele Aphorismen. Er mag diese Form. „Oft stecken da mehr Einfälle drin als in manchem Roman.“ Es sei aber womöglich schwierig für jüngere Leser, die manche zeithistorische Hintergründe und Anspielungen nicht verstehen.

Dieser Flick erscheine wie ein „Don Quichotte des Sozialismus“, sagt Hametner über Brauns Buchhelden. Inhaltlich gehe es um das Scheitern, den Verlust von Utopien und die Unfähigkeit, sich mit der kapitalistischen Wirklichkeit abzufinden und um die Zukunft oder das Verschwinden von Arbeit. Mann kann es auch als literarischen Abschiedsgruß von Volker Braun lesen. „Mit 80 muss man auf einiges gefasst sein. Außer man heißt Martin Walser“, so Hametner. „Man liest die Texte länger als Daniela Krien. Drei bis vier auch nur, sonst verschwimmt es“, meint Karin Grossmann zu Brauns „Handstreichen“. „Die Gesellschaft, in der wir leben, wird im Handstreich genommen. Man kann sie jedoch nur in Raten lesen“, ergänzt Hametner. „Ein ganz schmaler Band, der es in sich hat.“

Ganz anders hingegen die skurril-hintergründigen, mehr oder weniger packenden Kalendergeschichten unter dem Titel „Puppenkino“ von Thomas Böhme. 366 Miniaturen, eine Kurzgeschichte für jeden Tag, enthält das Buch des gebürtigen Leipziger Autors. Böhme war der erste Preisträger des Literaturförderpreises des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst (2006). Mal ganz sachlich, konkret und surreal bis rätselhaft kommen die Episoden Böhmes daher, der als schrulliger Geschichtenerzähler mit schwarzem Schlapphut auftrat, ganz in seine Geschichtenwelt versunken, kaum aufblickend. Da geht es wie in der Titelgeschichte „Puppenkino“, wo Kinder Filmszenen mit Puppen nachspielen, um die Grenzen von Spiel und Realität, Spaß und Ernst, kippt Schönes, Fröhliches in Morbides, Raues und Zerstörerisches. Mal sind es Spielzeug, Gegenstände, mal Lebewesen, Situationen und Orte, die er beschreibt und reflektiert.

Für jeden Tag eine Verwunderung, löst es das ein?, fragt Hametner in die Runde. „Mehr ein Staunen über Alltägliches, woraus sich eine Geschichte entwickelt“, so Karin Grossmann. „Manchmal einfach nur eine schöne Beobachtung. Wie von den Elstern, die die Ringe im Nest zählen.“ Es seien Geschichten, wo man erst mal rätselt, surreal wie Träume oder Märchen, meint Michael Bittner, die man auch nicht gleich verstehen müsse. „Wie eine Anleitung zum Fantasieren, die auch die Einbildungskraft stärkt.“
Witzig fand er eine Geschichte, in der Kinder keine „schwarzen Wörter“ mehr sagen dürfen, um andere anzuschwärzen, die dann aber unflätige Kraftausdrücke verwenden. Ein Seitenhieb auf die „Sprachpolizei“ und ihre teils unsinnigen Änderungsversuche. Manchmal hatte er den Eindruck, dass in den Texten Böhmes etwas zum Geheimnis gemacht wird, so Hametner. Dennoch habe er sie gern gelesen.

Am neuen Roman „Tarantella“ von Jens-Uwe Sommerschuh schieden sich die Geister. Man kann es als Roadmovie lesen oder als klassische Heldengeschichte, sagt Karin Grossmann. Der Erzähler Giovanni habe  Abenteuer, Mutproben zu bestehen und kommt knapp mit dem Leben davon, um eine schöne Frau, Mimi, zu erringen. Als einen schön ironischen Satz aus dem Buch nennt sie: „In Palermo gab es keine Zeugen. Das war gut für die durchschnittliche Lebenserwartung.“ Hübsch seien außerdem die Anspielungen zu Opernfiguren, dem französischen Schriftsteller Boris Vian und die Ausführungen zur Cosa Nostra heute wusste sie so noch nicht.

Michael Bittner hat „Tarantella“ „streckenweise gern gelesen, vor allem über das Leben in Sizilien und wie er Figuren und Charaktere zum Leben erweckt.“ Der Roman habe aber auch „einige Schwächen“. Er fragte sich, was der Ausflug nach Siracus soll, das erschließe sich nicht. Der böse Gegenspieler Giovannis werde z.B. nie zum Charakter und verschwinde irgendwann aus dem Roman und es kommen neue Bösewichter. Die Sexszenen findet Bittner „nicht gelungen“. „Ich würde sagen, es ist ein misslungenes Buch.“ Michael Hametner ist „Tarantella“ „150 Seiten zu lang“. Vieles findet er „belanglos, wenn es seitenlang über das Wetter, Gott, Glauben und die alten Griechen, um Züngeln, Küssen und Katzen geht.“ Das Buch sei nicht unelegant geschrieben, so Hametner, aber es muss doch um etwas gehen. Er findet außerdem, dass solche „Unterhaltungsliteratur für die Literaturkritik kein Gegenstand“ sei. Diese Haltung findet Karin Grossmann „arrogant“.“Auch Literatur, die mich unterhält, kann ich mit Maßstäben messen. Wie ist die Sprache, die Figuren…“

In anderen Ländern wie den USA gibt es gar keine Einteilung in Ernste- und Unterhaltungsliteratur. Ein ernsthaftes Buch kann ebenso unterhaltsam, soft daherkommen wie umgekehrt. Ideal, wenn Leichtigkeit und Tiefsinn, Lesevergnügen und Aha-Effekt zusammenkommen. Entscheidend ist, dass mich die Geschichte packt, hineinzieht, ich in andere Gedankenwelten reisen, etwas für mich entdecken kann. Das ist schon viel, wenn das ein Buch schafft.

Etwas verwunderlich die kleine Zuhörerrunde, darunter mehrere Autoren, beim BuchSalon. Ob es an der sommerlichen Hitze lag, dass viele lieber im Freien, in ihren Gärten waren. Wo man ja auch Bücher mit hin nehmen kann. Lesen hat auch viel mit Innehalten, Muße zu tun, was in der heutigen, schnelllebigen Zeit offensichtlich auch nicht mehr selbstverständlich ist.

Bleibt nur zu hoffen, dass die nächsten BuchSalons mehr Aufmerksamkeit und Besucher finden. Denn angesichts der Fülle auf dem Literaturmarkt ist es auch ein (Zeit)Gewinn, wenn man die Perlen und auch streitbare Bücher mit allem Für und Wider an einem Abend in offen-freundlicher Atmosphäre, Geist und Gaumen erfrischend, vorgestellt bekommt.

Text + Fotos (lv)

Weitere Infos unter http://www.saechsischer-literaturrat.de


Leichtigkeit und Tiefsinn großartig verbunden: zeitlos schöne Gedichte von Erich Kästner wie „Sachliche Romanze“.

Junges Theater: Premiere „Kopfsache & Herzenstraum“ in der JugendKunstSchule Dresden


Auf dem Sprung ins Leben. Junge Leute erzählen, was sie vom Leben wollen.

Wenn die Gefühle kopf stehen

Die Jugendtheatergruppe der JugendKunstschule Dresden hat unter Leitung von Jo Gerbeth ein Stück zu den wichtigen Fragen des Lebens erarbeitet.

Was ist das Wichtigste im Leben? Wie weit kann ich gehen? Wo sind meine Grenzen? Was sind meine Bedürfnisse? Was ist Liebe? Eben all‘ die Fragen, die einen jungen Menschen an der Schwelle des Erwachsenseins beschäftigen.

Die jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspieler im Alter von 14 bis 18 Jahren haben das Stück aus vielen interessanten Puzzleteilen zusammengesetzt: Theaterszenen, die gerade wichtig sind; Zitate aus Büchern, die beeindruckten, verbunden mit etwas Musik; einem ungewöhnlichen Stück Filmmaterial und sehr persönlichen Bildern.

Das Leben ist schön und dennoch sind manchmal die wichtigsten Herzensangelegenheiten einfach nur Kopfsache.

Spieldauer ca. 60 Minuten. Keine Pause. Ab 12 Jahre.

Kartenvorbestellungen unter Telefon 79688510 oder info@jks.dresden.de

Premiere: Sonnabend, 15.06.2019, 19 Uhr
weitere Vorstellung: Sonntag, 16.06.2019, 18 Uhr

Text + Foto: Victoria Braun/JKS

Alle Infos auch im Internet unter www.jks-dresden.de

Premiere „Demokratie von unten“ im Kleinen Haus


Ein Stück Geschichte, hochaktuell: Wie geht man mit Unzufriedenheit, Konflikten und verschiedenen politischen Meinungen um? Zeitzeugen vom Herbst 89 erinnern sich.


Bilder von den Bürgerprotesten mit Polizeigroßaufgebot im Oktober 89 und Nachdenken von Zeitzeugen auf der Bühne, wie Mitregieren von unten möglich ist. Fotos: Sebastian Hoppe

Aufbruchstimmung und Clownstränen

Wie kam es zu den Bürgerprotesten im Herbst 89 und was ist aus den Ideen von einst geworden? Das fragt die szenische Lesung „Demokratie von unten“ von Esther Undisz und lässt bekannte und unbekannte Zeitzeugen zu Wort kommen. Die Uraufführung war am Sonntagabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Die Bühnenwand steht in Schieflage. Davor marschiert eine Menschenschlange, die sich gegenseitig hält, angeführt von einer Frau im Clownskostüm. Sie reißt fröhlich und entschlossen die Arme hoch. Sie haben bange Tage erlebt, voller Angst und Ungewissheit, wie es mit ihnen und ihrem Land DDR weitergeht. Als der Protest auf der Straße immer lauter wurde, konnten sie nicht mehr still zusehen. Einerseits ein Stück Geschichte, andererseits hochaktuell, geht es nicht nur um den Herbst `89 in Dresden in der Aufführung „Demokratie von unten“.

Die szenische Lesung von Esther Undisz hatte eine Woche nach der Wahl zum Europaparlament und den Kommunalwahlen Uraufführung am Sonntagabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Die Regisseurin Esther Undisz führte fast ein Jahr lang Interviews mit unbekannten und bekannten Zeitzeugen. Es ging ihr vor allem um die Motive, die sie zu Handelnden werden ließen. Vor der schrägen Bühnenwand steht ein Wachturm aus Holz mit Leiter. Auf den klettern einzelne Akteure und erzählen, wie sie jene Tage im Oktober und die Grenzöffnung erlebten.

Ein Clowns-Paar, gespielt von Daniel Séjourné, der auch am Klavier und Hardrock auf der Gitarre spielt und Oda Pretzschner, begleitet das Geschehen. Er berichtet als Polizist, Detlef Pappermann von den Demos auf der Prager Straße, wo es chaotisch zuging und er auf Bitte der zwei Kaplane Andreas Leuschner und Frank Richter, der auch als Zeitzeuge auftritt, den damaligen OB Berghofer anrief. Der sollte die Situation deeskalieren. Er tat es: „Okay, ich geh anrufen… Reden ist besser als knüppeln:“

Die Clowns stellen naive Fragen, was ein mündiger Bürger eigentlich ist und darf, sie ziehen rückblickend mit zu den Demos auf der Prager Straße, klopfen mit den Zeitzeugen gemeinsam rhythmisch-kraftvoll auf den Boden und stellen sich mit den festgenommenen Demonstranten mit Händen und Füßen zur Wand. Und sie erleben, wie weh Kompromisse tun können, damit es demokratisch bleibt.

Ernste, traurige, dramatische, aber auch absurdkomische Momente, in denen nichts mehr geht und alles möglich scheint, wo neuer Mut und Hoffnung wachsen, wechseln sich ab in dieser bewegenden wie spannenden Aufführung. Die Rufe „Keine Gewalt!“ und „Wir bleiben hier“ der Demonstranten am 8. Oktober 89, von Polizei eingekesselt, gehen immer noch unter die Haut. Zu sehen sind Originalfilmaufnahmen jener Oktobertage, von der aufgebrachten Menge im Hauptbahnhof, wo die Züge mit Ausreisewilligen nach Prag durchfuhren und manche versuchten aufzuspringen und Fotos von der protestierenden Menschenmasse und Polizei mit Schutzhelmen und Schlagstöcken auf der Prager Straße.

Acht Zeitzeugen auf der Bühne und eine eingespielte Stimme (von Susanne Altmann, Kunsthistorikerin) erinnern sich, wie sie die Ereignisse im Oktober 89 erlebten und wie diese sie veränderten. Sie lesen aus ihren Gedächtnisprotokollen und stellen Situationen von damals nach. Einer von ihnen, der Schauspieler Thomas Förster verliest noch einmal die Resolution der Unterhaltungskünstler, die er am 4. Oktober 89 nach der Vorstellung im Kleinen Haus verlas: „Wir wollen in diesem Land leben, und es macht uns krank, tatenlos mitansehen zu müssen, wie Versuche einer Demokratisierung kriminalisiert werden.“ Erst Stille. Dann tobten die Leute, sprangen auf, klatschten und jubelten. Zwei Tage später verkündete das Schauspielensemble in einer eigenen Resolution, nun aus seinen „Rollen herauszutreten, die Situation im Land zwingt uns dazu.“ Der Schriftsteller Mario Göpfert erzählt, was ihm widerfuhr nach seiner Festnahme am 7. Oktober zusammen mit vielen anderen Demonstranten, die ohne Haftbefehl in die Justizvollzugsanstalt nach Bautzen kamen.

Michael Schaarschmidt war Bausoldat, da er sich eine Totalverweigerung mit drohendem Knast nicht zutraute. Den Demonstranten schloss er sich an, weil er sich „nicht mehr verstecken wollte“. Die Einführung eines zivilen Friedensdienstes war eine zentrale Forderung. Er und Jens Nitsche, die sich in Bautzen kennenlernten, arbeiten heute in einem Verein im Täter-Opfer-Ausgleich zusammen, „was so viel bedeutet, wie acht Stunden am Tag für gesellschaftlichen Frieden zu sorgen.“ Silke Körner stammt aus Hamburg und erlebte die Turbulenzen des Mauerfalls mit ihrem Mann in Ostberlin mit, wo sie mit auf die Mauer am Brandenburger Tor kletterten und es plötzlich egal war, ob man aus Ost oder West kam. Sie singt mit jazziger Stimme den Song „On change my heart“ von Joe Cocker, der im Oktober 89 ein Konzert unweit vom Großen Garten gab, seither heißt der Platz dort Cockerwiese.

Als prominenter Augenzeuge erzählt Herbert Wagner, ehemals Sprecher der aus Bürgern gebildeten „Gruppe der 20“, die den Dialog mit OB Berghofer anschob und später OB von Dresden, von heiklen Momenten, als der Dialog auf der Kippe stand. Von der Angst vor Konflikten und Blutvergießen bei der Demo zur Stasi mit Besetzung ihres Hauptgebäudes auf der Bautzner Straße. Sein Resümee: „Die erste geglückte friedliche Revolution in Deutschland bleibt ein Wunder.“ Herzlicher Beifall für einen besonderen Theaterabend, der an die Aufbruchstimmung im Herbst 89 erinnert, an die vielen Ideen, Meinungsstreit und Miteinander all der Träumer und Mutigen, die es braucht, um Veränderungen herbeizuführen.

Text (lv)

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BilderAlbum: Auf ins Wild-West-Abenteuerland! Karl-May-Festtage in Radebeul

Lebendige Zeitreise in die Welt Karl Mays und echtes Indianerleben

Abenteuerlich, erlebnisreich, urwüchsig und fröhlich-unbeschwert ging es zu zwischen Western-Ranch, Indianerland und Geschichtenbasar bei den 28. Karl-May-Festtagen in Radebeul.

Der Radebeuler „Lößnitzdackel“ wird zum Santa-Fe-Express, der fröhlich schnaufend mit Blick auf die Weinberge durch den Lößnitzgrund fährt, voller Entdecker, vorbei am Westerncamp, Little Tombstone bis ins Indianerland. Wo auf einer Waldlichtung mehrere Indianerstämme ihre Gesänge, Lieder, Tänze und Bräuche zeigen. Wunderbar.
Turbulent und schön war`s gestern zum Kindertag. Lauter strahlende Gesichter.

Heute am Sonntag locken bei den diesjährigen Karl-May-Tagen im Radebeuler Lößnitzgrund (noch bis 18 Uhr) nochmals abenteuerliche Wild-West-Stimmung und viel Kultur von Westernmusik über orientalischen und indischen Tanz und feurige Klänge vom Balkan bis zum Geschichtenbasar mit türkischem Schattentheater für kleine und große Besucher.

Bei sommerlich warmem Wetter, umgeben von hohen Bäumen kann man auf dem Platz „Kleine Feder“ eintauchen in die indianische Kultur und Lebensweise. Die Zuschauer sitzen rings um ein Holzpodest. Am Rande der Bühne stehen weiße Tipis. Die vier Tänzer der White Mountain Apache Tribe aus Arizona sind erstmals in Radebeul zu Gast, schließlich steht diesmal der legendäre Apachenhäuptling Winnetou aus den Karl-May-Filmen im Mittelpunkt. „Doch die echten Indianer sehen schon etwas anders aus, da müssen wir ein paar Illusionen nehmen“, sagt schmunzelnd Kerstin Groeper, Indianerroman-Autorin, die die Vorführungen moderiert. Sie tragen keine langen, schwarzen Haare und Stirnband, sind weder alle groß noch gertenschlank und ziehen nicht nur Ledersachen und Stiefel an, sondern auch Weste und weißes Hemd und Turnschuhe. Einige von ihnen tanzen barfuß.

„Die Apachen gehören zu den wildesten Indianern überhaupt“, sagt sie und fragt die Kinder, ob sie ein bisschen Angst hatten bei ihrem Auftritt. Nein, lautet ihre Antwort. Sie schauen fasziniert zu wie die Großen, einige sind wie Indianermädchen und -jungen gekleidet, und dürfen sogar mit den Indianern zusammen tanzen und bewegen sich wie sie. Nur ein paar Kleinere fingen an zu weinen bei den lauten, wilden Rufen und Gebärden. „Sie haben das böse Gesicht geübt. Sie spielen nur“, erklärt Kerstin Groeper. Die Mountain Apache Tribe tragen Lederwesten auf nackter Haut, Oberarme und Gesicht sind mit schwarzen und weißen Streifen bemalt. Sie tragen bemalte Schilde mit Vogelfedern und Speere. Mit dem Gebrüll erschreckten die Apachen ihre Feinde, die spanischen Eroberer, die nach Gold in ihrem Land suchten. Die Tänze geben ihnen Kraft und Macht für Geist und Körper und mit einem Gebet machten sie sich unsichtbar für Feinde bei Kämpfen, erzählt sie.

„Sie tanzen, um Frieden und Harmonie zu bringen, denn wir gehören alle zusammen als Menschen“, so lautet die Botschaft der Montain Apache Tribe. Zuerst sprach ein Tänzer feierlich ein Gebet für ihre Ahnen, für die Tiere, für alle Menschen und Indianer, die hier in der Gegend lebten und gestorben sind. Eine solche Zeremonie wurde erstmals abgehalten bei den Karl-May-Festtagen. Die Apachen seien überrascht von der Herzlichkeit, mit der sie willkommen geheißen wurden von den Besuchern.

Jedes der indigenen Völker habe eine eigene Schöpfungsgeschichte, die in ihren Geschichten, Liedern und Tänzen lebendig gehalten und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Apachen in Arizona haben eine eigene Stammesregierung. Heute ist eine Frau die Stammespräsidentin und gibt es neun Berater aus den jeweiligen Destrikten. Während früher alle Häuptlinge männlich waren. Sie haben auch Casinos und Glücksspiel, wo die Weißen ihr Geld lassen und die Apachen sich ihr Land Stück für Stück zurück kaufen, erzählte einer der Tänzer.

Die Le-La-La Dancers der Kwakwaka`wakw Nation aus Kanada, die seit 31 Jahren überall auf der Welt von China, Australien bis Neuseeland auftreten, sorgten mit ihren farbenfrohen Gewändern, urwüchsigen Gesängen zu Trommelklängen und Masken-Tänzen, oft humorvoll, für Begeisterung bei den Zuschauern. Die kanadische Regierung verbot diese alten indianischen Tänze bis 1951. Doch die Indianer haben sie dennoch bewahrt, es hat sie stärker gemacht und sie tanzen sie heute noch, erzählt Kerstin Groeper. Darunter ein „Raben- und ein Grizzlybärentanz“, ein Tanz über ein wildes, im Wald hausendes Ungeheuer und eine riesige Frau mit Korb auf dem Rücken, eine Hexe, die Kinder mitnimmt, die allein unterwegs sind.

Abschließend zeigen sie einen Friedenstanz, würdevoll-erhaben und aus einer Rassel herausgelassen, lassen sie unzählige weiße Federn in die Welt hinaus fliegen.

Aus Kanada stammt auch der Sänger, Maskentänzer, Schnitzkünstler und Geschichtenerzähler Ed. E. Bryant, er gehört der Tsimshian Nation an, die vorrangig an der Nordwestküste und in der Provinz British Columbia lebt. Von ihm stammen die farbenfrohen Totempfähle am Eingang ins Indianerreich, einen hat er auch für das Karl-May-Museum in Radebeul geschnitzt. Es sei kein Marterpfahl, erklärt er, sondern erzählt die Geschichte des jeweiligen Häuptlings und Tiere wie Bär oder Adler symbolisieren die Kraft und den Geist, mit dem sie zusammen getroffen sind.
Er singt mit der Handtrommel archaische, naturverbundene, kraftvolle Weisen, auch ein Lied zu Ehren der Lachse, die die Bewohner an der Küste ernähren und ein Lied zur Erinnerung an seinen verstorbenen Vater.

Zusammen mit Kindern aus dem Publikum tanzt Ed. E. Bryant Tänze, die verschiedene Tiere wie Adler, Rabe, Orka, Wolf und Wal repräsentieren und bewegt sich wie diese. Er trägt einen Feder-Fächer und eine rot-blaue Decke mit gesticktem Adler und breitet die Arme wie Flügel aus, übermütig umherwirbelnd.

Auf Karl Mays Geschichtenbasar wehen bunt orientalische Tücher auf Leinen. In einem Zelt ist türkisches Schattentheater mit dem Figurenkünstler Hüseyin Kücük zu erleben. Er trägt eine rote Kappe mit schwarzer Kordel und aufgemalten Zwirbelbart. Er erzählt von den Abenteurern Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, die mit dem Orientexpress in Mays Büchern den Tigris hinauffuhren und in einem kleinen anatolischen Ort landeten, im Hamam ein Bad nahmen und nebenan war ein Schattentheater. Mit gewitzten und naseweisen Figuren, einer sehr biegsamen Bauchtänzerin und auch Hodscha Nasreddin taucht auf samt bockigem Esel. Schließlich gelingt es ihm doch aufzusteigen, wenn auch rückwärts. „Ab und zu muss man die Lauf- und Blickrichtung wechseln“, sagt er aufmunternd.

Auf eine Zeitreise gehen die Besucher, während sie am Westerncamp „White Horse“ mit Siedlerwagen und aufgehängten Wäschestücken vorbei spazieren, gestaltet vom 1. Radebeuler Country & Westernclub e.V., die auch mit Lassowerfen und Stuntshows für Westernstimmung sorgen. Frauen in langen Kleidern mit Reifröcken spazieren auf dem Bahndamm in der Abendsonne, wo die immer noch mit Festbesuchern voll beladene Kleinbahn am Weißen Ross einfährt. Während weiter vorn, unterhalb der Weinberge ein Indianer, braungebrannt, mit Federhaube und bemaltem Gesicht, wie aus Karl Mays Büchern entstiegen, lächelnd über die unbeschwerte Stimmung an den Händlerständen mit Kunsthandwerklichem aus Peru und den Westernkneipen vorbei schlendert.

Am Bahndamm auf einer Wiese grasen friedlich zwei Pferde, „Otto“ und „Alice“, stellt ihre Besitzerin vor. Sie haben heute schon viele Kinder erfreut, die mit ihnen eine Runde drehen durften. Ausspannen können auch die zwei Ponys vor ihrer Kutsche nach dem warmen Tag. Ein Mann aus dem Westerncamp steht versonnen mit seinem Pony auf der Wiese und schaut auf die Leute auf dem Bahnsteig, als kämen sie aus einer anderen Welt. Der „Lößnitzdackel“ schnauft fröhlich weiter, zurück ins Festgelände.

Text + Fotos (lv)