Ich war einmal: Ein großes Spiel mit Dresdnern und ihren Geschichten im Kleinen Haus

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Die jüngste Produktion der Bürgerbühne im Kleinen Haus des Staatsschauspiel Dresden ist eine ganz besondere.  Ein bewegender und bewegungsreicher Abend treppauf, treppab quer durch Zeit- und Lebensräume voll berührender Lebensgeschichten zum Staunen, Lachen, Weinen, Nachdenken von jung und alt einander erzählt ist unter Regie von Lissa Lehmenkühler zu erleben. Vielleicht etwas viel auf einmal – drei Stunden lang – von unterschiedlicher Erzählkraft und Intensität, aber jeder Zuschauer kann ja spontan entscheiden, wie viele Geschichten-Runden  er drehen und wie sehr er sich auf dieses besondere Erzähltheater einlassen möchte.

Ausführliche Rezension folgt.

Real Bodies: Blicke in den menschlichen Körper

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Die Ausstellung „Real Bodies“ – eine Reise in die Welt des echten, menschlichen Körpers ist erstmals in Deutschland, in Dresden zu sehen im Sarrasani Trocadero Theater-Zelt am Wiener Platz (noch bis 31. Juli).

Eingangs steht ein menschlicher Körper im Lebensrad. Kraftvoll und fragil zugleich wirkt die weiß und rot schimmernde, erhaltene Hülle aus Knochen und Muskeln. Einer anderen Gestalt sprießen Skelettmuskelstränge wie Flügel aus Armen und Beinen. Da sieht man den biegsamen Körper eines Artisten an einer Metallstange. Eine sitzende Gestalt mit Metallprothese am Kniegelenk. Eine grazile Tänzerin.

Faszinierende und berührende Blicke auf echte Körper und ihr Inneres, die buchstäblich unter die Haut gehen, zeigt vorerst nur in Dresden die Ausstellung „Real Bodies“ im Sarrasani Trocadero Theater-Zelt. Entwickelt wurde sie von italienischen Wissenschaftlern gemeinsam mit der Universität Padua anhand gespendeter Körperorgane. Die Ausstellung veranschaulicht als großes lebensechtes Lexikon, wie fein verwoben Gehirn, Herz, Kreislauf, Atmung und Verdauung sind. Zu sehen sind kranke und gesunde Organe, wie z.B. eine Raucherlunge. Nur Augen können nicht konserviert werden. Offen und direkt, aber ganz natürlich und ohne Effekthascherei begegnen einem die Körpermodelle, so dass die anfängliche Scheu und Skepsis angesichts ausgestellter menschlicher Körper sich verliert von Raum zu Raum.

Eine Mischung aus Neugier, Bewunderung und Ehrfurcht vor diesem so transparenten wie unergründlichen Wunder der Natur stellt sich ein. Schönheit, Vollkommenheit und Vergänglichkeit des Lebens und die Frage was Menschen einander hinterlassen treffen hier eindringlich aufeinander. Hinterher überwiegt bei aller Nachdenklichkeit die Freude am Leben zu sein, lockt das Café mit strahlend blauem Himmelszelt zum Verweilen nach dem Ausstellungsbesuch mit südlichen Leckereien.
Es gibt Führungen durch die Ausstellung mit Medizinstudenten auch für Familien und Gruppen.

Tickets & Infos erhältlich unter Tel.: 0700 – 727  727 264 und im Internet: http://www.real-bodies-dresden.de

Fotos: Pressestelle Real Bodies

 

 

Vogelflug: Kalligrafie auf Fotografie im Hole of Fame

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 Kalligrafie-Zitate:

Ich wasche meine Federn und Flügel in der Frühe in der Quelle des reinen Regens.  (Bizhan Taraghi)

Öffne deine Flügel. Ich bin auf dem Weg. (unbekannt)

Das Beisammensein von Herzen ist wertvoller als eine gemeinsame Sprache. (Rumi)

Das Leben ist das Baden in dem Teich von heute. (Sohrab Sepehri)

Das Leben ist ein sonderliches Gefühl, was nur der fremde Zugvogel versteht. (Sohrab Sepehri)

Setze den Derwischtanz an. Lege die Kleider (die Last der Bindungen) ab und Tanze. (Hafez)

Heute ist alles auf dem Boden/der Erde unter meinen Flügeln. (Naser Khosro)

Der Himmel gehört mir. (unbekannt)

Ausstellung

„Having the same Feeling is better than having the same Tongue“ bis 15. Mai im Hole of Fame. Geöffnet: Mo bis So von 16- 20 Uhr

„Having the same Feeling is better than having the same Tongue“  ist eine 35-teilige Gemeinschaftsarbeit des iranischen Kalligrafen Hamid Khademi und des Dresdner Fotografen Silvio Colditz.
Aus dem langjährigen Foto-Projekt „Tiere in der Stadt“ von Silvio Colditz wurden 35 verschiedene Fotografien von Vögeln ausgewählt, die vom Meister der Shekasteh-Kalligrafie Hamid Khademi mit passenden Gedichtsauszügen kalligrafisch kommentiert und illustriert wurden. Die persischen Textzeilen sind sowohl mit deutschen Übersetzungen, als auch mit persischer Druckschrift versehen. So wird es dem Betrachter ermöglicht, nicht nur der meisterhaften Textauswahl zu folgen, sondern auch eine Idee der kalligrafischen Umsetzung des Textes als Grafik zu erlangen.

Text: Hole of Fame, Königbrücker Straße 39. www.holeoffame.de

Fotos zur Ausstellung (lv)

Hamid Khademi wurde 1961 im Iran geboren und lebte seit zwei Jahren in Dresden. Der Linguist und Lyriker lehrte als Dozent an der Universität von Isfaheran. Er übersetzte mehr als 80 Bücher aus dem Englischem ins Persische, darunter zahlreiche deutsche Klassiker.
Hamid Khademi war Meister der Shekasteh-Kalligrafie, eine Stilart die nur sieben persische Meister beherrschen. Er studierte diesen Stil bei mehreren namhaften Meistern und erhielt zahlreiche Auszeichnungen des Iranischen Kalligrafen Bundes. Als Meister des Shekasteh-Stils war er über 30 Jahre auch als Lehrer tätig.
Hamid Khademi starb am 16.4.2016.

Silvio Colditz, geboren im Erzgebirge, lebt in Dresden. Fotograf, Lyriker, Herausgeber der Literaturzeitschrift „Der Maulkorb“, (Mit-)Organisation von Festivals und Straßenfesten, Off-Spaces, Konzerten, Lesungen und Ausstellungen. Zahlreiche Doppelausstellungen, u.a. mit David Campesino, Alwina Heinz, Dirk Fröhlich oder Jaqueline Muth.
www.wortartefakte.blogspot.com

 

Premiere Volpone: Nicht Liebe, sondern Geld macht blind!

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Die Komödie Volpone oder Der Fuchs von Ben Jonson/Stefan Zweig eröffnete die neue Spielzeit in der St. Pauli Theaterruine.

Totgesagte leben länger. So ergeht es auch „Volpone oder der Fuchs“. Die Komödie von Ben Jonson, ein Zeitgenosse und Rivale Shakespeares, hatte frei bearbeitet von Stefan Zweig am Freitagabend Premiere und eröffnete zugleich die neue Spielsaison in der St. Pauli  Theaterruine am Königsbrücker Platz im Hechtviertel.

Er hasst Mitleid, doch er liebt den Applaus. Noch mehr versteht es der reiche venezianische Geizkragen Volpone (grandios: Olaf Nilsson) andere hereinzulegen, um noch mehr zu ergattern und zu glänzen. Listreich spielt er den Todkranken, sobald die habgierigen Nachbarn und Erbschleicher bei ihm auftauchen, zitternd und röchelnd auf edlen Polstern auf dem Rollenbett liegend und die geschenkten Goldstücke rasseln wie Herzschläge an seinem Ohr. Volpone hält die um seine Gunst Buhlenden zum Narren, verspottet und verachtet sie – ehrliche Schufte wären ihm lieber! – zugleich für ihre Geldgier und Heuchelei und bringt sie erbarmungslos gegeneinander auf. Seine drei gewitzt-gerissenen Diener (Carola Pohlan, Jens Döring und Jan Dietl), genannt die Schmeißfliegen, mit spitz pastoralen Hüten helfen ihm überall schmarotzend bei seinen immer neuen, hinterhältig-boshaften Streichen.

Auf die Bühne kam ein raffiniertes Possenspiel voller Witz, Lug und Trug und unschöner Wahrheiten über Geld und wohin es den Menschen treibt, turbulent und nah am Publikum inszeniert unter Regie von Jörg Berger und in farbenfrohen Kostümen im Stil der Commedia dell`arte (Ausstattung: Veronika Knigge und Linn Seifert). Manchmal etwas übertrieben gespielt und mit einigen drögen juristischen Textpassagen, umschmeicheln und streiten die Nachbarn erbittert komisch, um im Testament Volpones als alleiniger Erbe zu stehen. Darunter Frau Geier, die eitel-geldlüsterne Notarin (Angela Huth). Der rasend eifersüchtige Kaufmann (Karl Weber) führt seine junge schöne und arglose Frau (Susanne Hilpert) gar selbst Volpone zu, der danach vor Lebenslust strotzt, und bezichtigt sein Täubchen hinterher der Untreue.

Ein alter Wucherer (Matthias Starke) enterbt seinen  weniger cleveren Sohn (Lutz Koch) zugunsten Volpones. Absurdkomischer Höhepunkt der doppelzüngigen Maskerade ist die Gerichtsszene, bei der jeder Opfer und Täter ist. Am Ende drehen Volpones Diener den Spieß um und ist er selbst der Narr und Betrogene. Fazit: Nicht Liebe, sondern Geld macht blind! Viel Beifall.

Nächste Vorstellungen: 18.6., 20 Uhr und 19.6., 17 Uhr.

Kartenvorverkauf und Information:

Theaterbüro, Hechtstraße 32, 01097 Dresden

Tel.: (0351) 272 14 44

http://www.pauliruine.de

Inszenierungs-Fotos: Astrid Rabe

Wiederentdeckt: der Lößnitz-Maler Karl Sinkwitz

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Malerei und Grafik zeigt zum 130. Geburtstag des Künstlers eine Gedenkausstellung in der Stadtgalerie Radebeul

In warmen und erdigen Farbtönen schweift der Blick über die Lößnitzhänge, schlängeln die Uferstraße und die Elbe bei Kötzschenbroda unter türkisblauem Himmel. Stehen Leute an einer Anlegestelle mit Fähre und Segelschiffen. Wandert das Licht über saftiges Grün, Gartenlauben, Terrassen, Villengebäude und Bauernhäuser. Eine alte Dorfansicht von Kötzschenbroda mit hellen Ziegeldachhäusern, davor Baumreihen, Ziehbrunnen, Litfasssäule, Leiterwagen und umhertollende Kindern auf dem Anger ist auch als Plakat in der Ausstellung erhältlich. In diesen Bilderlandschaften wechseln luftig-heitere, klare und neblig-verhaltene Farbstimmungen in den Kohlezeichnungen auf getöntem Papier und farbigen Pastellen.

Beim Betrachten vergisst man, dass sie aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts stammen. Unter dem Titel „Ringen um Licht und Gestaltung“ sind derzeit Malerei, Zeichnungen, Graphiken, Entwürfe und Dokumente anlässlich des 130. Geburtstages des Künstlers Karl Sinkwitz in einer Gedenkausstellung in der Stadtgalerie Radebeul in Altkötzschenbroda 21 zu sehen. Sie versammelt so prägnante wie feinsinnige und detailreiche Ansichten von Landschaften, Orten und Menschen in den teils bröckligen Originalrahmen. Neben Blättern der Lößnitzlandschaft und dem Meißener Elbtal finden sich Blicke auf die Bautzner und Nürnberger Altstadt, ländliche Szenen mit Blumenwiesen, Baumgruppen, Kirschenpflücker in Gauernitz, eine muntere Schafherde und Meer, Möwen und Steilküste an der Ostsee. Zu sehen sind heiter-beschwingte und dunkle, schmerzliche Momente eines vielseitigen Malerlebens in bewegter Zeit. Es ist die erste Einzelausstellung, die dem Künstler bisher zuteil wurde.

Ist von den Lößnitz-Malern die Rede, fallen einem sofort Namen wie Paul Wilhelm, Karl Kröner und Theodor Rosenhauer ein. In den Kreis dieser um 1900 geborenen Künstlergeneration gehört auch der heute fast vergessene Karl Sinkwitz. Er wurde am 9. April 1886 in Niederlößnitz geboren und interessierte sich schon in jungen Jahren für Architektur, Kunst, unternahm Malreisen und Rucksackwanderungen rund um Dresden, Pillnitz bis nach Böhmen. Er absolvierte die Kunstgewerbeschule in Dresden und war von 1909 bis `1914 freischaffend als Gebrauchsgraphiker tätig. Im Sommer desselben Jahres muss der Maler zum Kriegsdienst und erleidet 1915 eine Beinverletzung.

Blätter aus seinem Skizzenbuch, im französischen Ort Cirey entstanden, zeigen ihn zusammen mit anderen Soldaten in grauen, rot umrandeten Uniformen eng zusammen gepfercht im Mannschaftsraum, in angespannter Ruhe, rauchend oder auf der Pritsche ein Buch oder Zeitung lesend. Über „Parux im Stellungskrieg“, 1914 erzählt eine Zeichnung mit zwei hinter einem Holstapel verschanzten Soldaten mit Gewehren, ringsum brennende Häuser, tote Soldaten und in der Mitte eine hell erhaben aufragende Kirche. In der friedlichen Weite der Landschaft erinnert daran auf leuchtend gelber Flur ein Feldgrab mit Holzkreuz.

Außerdem begegnet man mehreren Selbstbildnissen in Öl auf Leinwand von Karl Sinkwitz, die ihn als jungen und reifen Mann mit aufmerksam-offenem Blick und in einer Aktstudie in der Natur selbstbewusst im Adamskostüm vor der Staffelei stehend zeigen. Neben Porträts seiner Frau Charlotte ist eine berührende Bleistiftzeichnung des früh verlorenen ersten Kindes zu sehen sowie Porträts der danach geborenen zwei Söhne, der jüngere ist seit 1945 vermisst. Der 1925 geborene Sohn Bernhard starb 2011 in Radebeul. Karl Sinkwitz starb nur 47jährig nach längerem Krankenhausaufenthalt im November 1933 in Großschweidnitz. Seine letzte Ruhestätte fand er in Radebeul.

Mit dieser Ausstellung dankt die Stadt Radebeul postum Bernhard Sinkwitz sowie der Erbengemeinschaft für die großzügige Schenkung von Werken aus dem Nachlass des Malers und Graphikers Karl Sinkwitz an die Städtische Kunstsammlung Radebeul. Dort sind überdies Spenden für die stark restaurierungsbedürftigen Bilder willkommen. Bilder von Karl Sinkwitz befinden sich außerdem in den Museen in Görlitz, Zittau und Bautzen.

Am letzten Ausstellungstag am Sonntag, dem 8. Mai um 16 Uhr sind Kunstfreunde herzlich zu einer Sonderführung mit der Galerieleiterin Karin Baum durch die Bilderwelt von Karl Sinkwitz in der Stadtgalerie Radebeul eingeladen.

Die nächste Ausstellung zeigt ab 20. Mai unter dem Titel „Fährtensuche“ neue Bilder und Objekte von Andreas Hanske.

 

 

„Terror“ im Schauspielhaus

22932_terror1ama391-2 Anklägerin Nelson (Christine Hoppe)

Leben auf der Waagschale

Darf der Staat Dutzende töten, um Zehntausende zu retten?

Um die Abwägung von Leben gegen Leben im Anti-Terror-Kampf dreht sich „Terror“ von Ferdinand von Schirach im Schauspielhaus Dresden. Dieses außergewöhnliche Gerichts-Theaterstück zwingt den Zuschauer nicht nur zur moralischen Reflexion, sondern zur persönlichen Entscheidung: Darf Terrorabwehr auch Leben nehmen oder nicht? Kurz vor Ende des Verhandlungstheaters dürfen und müssen die Besucher per Hammelsprung und Mehrheitsentscheidung abbestimmen, wie das Stück endet…

Gerichtsprozess im Theater

Aufgebaut hat von Schirach sein dialektisches-didaktisches Stück als Gerichtsverhandlung: Angeklagt ist Major Lars Koch (Jonas Friedrich Leonhardi), der als Eurofighter-Pilot einen entführten Airbus mit 164 Passagieren an Bord abgeschossen hat – um den Sturzflug auf ein Stadion mit 70.000 Menschen darinnen zu verhindern. Und: Koch schoss gegen den ausdrücklichen Befehl der Verteidigungsministerin und seines Vorgesetzten Christian Lauterbach (Tom Quaas).

Das kleinere Übel?

Das war eine vernünftige Güterabwägung, die Wahl des kleineren Übels, meint Kochs Verteidiger Biegler (Ben Daniel Jöhnk): Die Menschen im Flugzeug wären wenige Minuten später beim Aufschlag des Airbus‘ in die Münchner Arena in jedem Fall gestorben – durch den Abschuss aber habe Major Koch Zehntausende gerettet.

Spielt das Militär mit falschen Karten?

Aber: Stimmt das wirklich?, fragt Anklägerin Nelson (Christine Hoppe). Hat das Militär nicht vielmehr zu sehr auf ein gewaltsames Ende der Entführung gesetzt und deshalb gar nicht erst versucht, das Stadion zu räumen? Und selbst wenn: Hatte der Eurofighter-Pilot überhaupt das Recht, Gott zu spielen und das Leben der 164 gegen das der 60.000 aufzuwiegen?

Leider leidet die Inszenierung an einem Ungleichgewicht: Allzu sehr schubst das Stück den Zuschauer dahin, Koch zu verurteilen, allzu schwach lässt von Schirach den Verteidiger Biegler im Vergleich zur Staatsanwältin argumentieren und agieren. Zudem legt er Koch und Biegler Argumente wie „Es ist eben Krieg“ in den Mund, die beim (vor allem ostdeutschen) Zuschauer automatische Abwehrreflexe mit Blick auf den umstrittenen US-Antiterrorkampf auslösen. Damit zerstört er das Gleichgewicht der Argumentation, programmiert die Entscheidung des Publikums.

Urteil per Hammelsprung

Nach den Plädoyers schickte der Vorsitzende Richter (Burghart Klaußner) die Theaterbesucher in die Pause, forderte sie auf, nach ihrer Rückkehr ihr Urteil zu fällen: Wer Koch als Mörder verurteilt sehen will, geht durch die Tür mit der Aufschrift „Schuldig“, andernfalls durch die „Nicht schuldig“-Tür – und die Einlass-Damen zählen bei diesem als „Hammelsprung“ bekannten Verfahren mit. Der Kiepenheuer-Verlag dokumentiert übrigens die Abstimmungsergebnisse aller Aufführungen deutschlandweit hier im Internet….

Der letztlich doch etwas verhaltene Beifall mag einerseits durch das angesprochene Ungleichgewicht der Argumente erklärbar sein, aber auch auf die grundsätzliche Schwäche, die das Grundkonstrukt einer möglichst authentischen Gerichtsverhandlung im Theatersaal mit sich bringt: Das sehr formale Procedere lässt eben nur wenig Spielraum für schauspielerische Glanzlichter – „Terror“ ist mehr Verstandes- als emotionales Theater.

Autor: Heiko Weckbrodt/oiger.de

-> „Terror“ im Staatsschauspiel Dresden, Theaterstraße 2, nächste Vorstellungen: 6., 11. und 17. Mai 2016

Regie Burghart Klaußner
Bühne Bernhard Siegl
Kostüm Marion Münch
Licht Jürgen Borsdorf
Dramaturgie Beret Evensen

Bildunterschriften:

Pilot Lars Koch (Jonas Friedrich Leonhardi, Mitte) räumt den Abschuss ein, argumentiert aber: Ich musste diesen Airbus vom Himmel holen, um Zehntausende zu retten. Und sein Verteidiger Biegler (Ben Daniel Jöhnk) sagt: Ja, manchmal können wir nicht anders und müssen das kleinere Übel wählen.
Foto: David Baltzer, Staatsschauspiel Dresden

Anklägerin Nelson (Christine Hoppe) vertritt als Staatsanwältin die Rechtsposition des Verfassungsgerichtes. Und das hat entschieden: Der Staat darf auch im Anti-Terror-Kampf nicht Leben gegen Leben abwägen, spricht: Der Staat darf zivile Flugzeuge, die Terroristen in ihre Gewalt gebracht haben, nicht abschießen lassen. Foto: David Baltzer, Staatsschauspiel Dresden

Amphitryon an den Landesbühnen Sachsen

Humorvolles Spiel um Schein und Sein

 

Frau Nacht schiebt einen kugelrunden Mondkinderwagen am Sternenhimmel entlang. Sie ist, gespielt von Anke Teickner, die Komplizin des Gottes Jupiter, der in Gestalt des Feldherrn Amphitryon eine Liebesnacht mit dessen Frau Alkmene verbringt.
Was ist Wahrheit und was bleibt vom Ich, wenn ein Anderer den eigenen Platz einnimmt? Dem geht die Komödie „Amphitryon“ von Molière nach, die an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Premiere hatte.   Zu erleben ist eine Verwechslungskomödie voll doppelbödigem Witz, Leichtigkeit und Tiefsinn über Schein und Sein, Liebe, Betrug, Wahrheit und Selbsttäuschung unter der Regie von Peter Kube. Eine Tür und ein Bett markieren Besitz und Begehrlichkeiten, wer gerade drinnen oder draußen steht, wie sich alles ins Gegenteil verkehrt und nichts mehr selbstverständlich ist.

Der kraftprotzende Feldherr Amphitryon (Sascha Gluth) kommt nach siegreicher Schlacht nicht in sein eigenes Haus und sucht erbittert das Geheimnis um seinen Doppelgänger (galant-gerissen: Matthias Henkel) zu lüften, der seine ahnungslose Frau Alkmene verführte (gefühlsstark: Julia Vincze). Er will nicht als ihr Gatte, sondern als Geliebter gesehen werden, der in Leidenschaft zu ihr entbrennt und verwirrt sie damit vollends. Denn beide sind ihr stets eins gewesen. Nun erlebt sie diese Trennung leibhaftig. Als sie ihm von letzter Nacht vorschwärmt und er sich an nichts erinnern kann und alles bestreitet, zieht sie sich verletzt und wütend zurück, zweifelt an seiner Liebe. Bald wissen beide nicht mehr, was Traum und Wirklichkeit ist. Amphitryon stürmt los, um seine Mannesehre zu rächen.

Er brennt darauf, das Geheimnis zu enthüllen und fürchtet es gleichzeitig noch mehr als den Tod. Als betrachte er sein eigenes Spiegelbild, steht er dem anderen Amphitryon gegenüber, streiten sie mit Schwert und Fäusten, wer der Echte ist. Aus den Fugen gerät auch das Verhältnis zwischen Herr und Knecht, als Merkur (Michael Berndt-Cananà) die Gestalt des Dieners annimmt. Er tritt als windiger, großmäuliger Grobian auf, der seine Rolle eisern durchzieht.

Doch Diener Sosias (gewitzt: Grian Duesberg), der zuerst im Publikum sitzt und per Handy-Anruf auf die Bühne gerufen wird, durchschaut bald das doppelte Spiel und verteidigt wacker sein Ich, auch wenn er Schläge einsteckt. Und auch seine Frau Cleanthis (temperamentvoll: Sophie Lüpfert) ist sauer auf ihn, weil er sie beschimpft und vernachlässigt und er fühlt sich zu Unrecht beschuldigt, war es doch der Andere, der ihm Gesicht und Namen stahl.
Jupiter und sein Diener Merkur flüchten als es ihnen zu brenzlig wird in den Himmel. Während Sosias wütend und erleichtert den Vorhang zuzieht. Letztlich bleibt doch nur, sich selbst zu vertrauen.
Herzlicher Beifall.

Gedanken zum Stück aus dem Programmheft:

„Alles entgleitet sich selbst, alles macht sich über seine eigene Wahrheit lustig, alles schlägt sich auf die Seite der Verführung. Diese Besessenheit, die Wahrheit zu enthüllen, zur nackten Wahrheit vorzustoßen, die durch alle unsere interpretierenden Diskurse geistert, die obszöne Besessenheit, das Geheimnis zu lüften, steht in genauer Entsprechung zur Unmöglichkeit, jemals dorthin vorzustoßen.“ Jean Baudrillard

Nächste Vorstellungen: 20.5., 19.30 und 10.6., 20 Uhr

 

Abschied vom Operettenhaus Leuben mit der „Lustigen Witwe“

Humorvoller Wettstreit um Geld und Liebe

Die Dame in Schwarz kann sich ihrer vielen Verehrer kaum erwehren. Als humorvoller Wettstreit um Geld und Liebe voll überraschender Wendungen feierte die Operette „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár am Freitag abend Premiere in der Staatsoperette Dresden. Zugleich war es die letzte im traditionsreichen Haus in Leuben, denn die Staatsoperette zieht bald um, in die neue Spielstätte im Kraftwerk Mitte.

Die Bühne ist in kühlen Metalltönen gehalten mit großen neonfarbenen Schaufenstern, hinter denen elegant gekleidete Damen und Herren wie ausgestellt stehen (Bühnenbild und Kostüme: Christof Cremer). Im Stil eines Entertainers führt der Kanzlist Njegus (Jannik Harneit) durch das Geschehen, schnipst mit dem Finger und die in der Pose erstarrte feine Gesellschaft bewegt sich. Man lacht, trinkt, tanzt, balzt, betrügt, spioniert und intrigiert in flottem Wechsel zu betörenden Walzerklängen in diesem lustvoll-komischen Verführungsspiel über die Macht des Geldes, hinreißend gesungen und gespielt vom Sängerensemble, Chor, Ballett und Orchester unter der musikalischen Leitung von Andreas Schüller.

Die schöne reiche Witwe Hanna Glawari (mit viel Esprit: Vanessa Goikoetxea) ist umschwärmter Mittelpunkt insbesondere der Herren, die ihr scharenweise nachlaufen und sie heiraten wollen. Doch alle sind nur hinter ihren geerbten 20 Millionen her. Nur Graf Danilo (galant:Nikolay Borchev) spielt nicht mit. Er kennt Hanna bereits als sie noch arm war und liebt sie, will aber nicht als Mitgiftjäger dastehen. Sie lockt ihn mit den Waffen einer Frau, indem sie sich dem Schein nach auf andere Heiratskandidaten einlässt. In einem goldenem Pavillon täuscht sie ein heimliches Rendez-vous mit dem Verehrer Rosillon (Markus Francke) vor, um seine Geliebte, die Ehefrau des Barons nicht zu komprimittieren.

Nach anfangs schleppender Handlung bekommt die Inszenierung von Sebastian Ritschel im zweiten Teil deutlich mehr Schwung und Spannung, steigert sich die Musik von zart-romantisch, feurig bis beschwingt mit köstlichen Ohrwürmern über Lust und Leid von Frauen und Männern, bei denen die Damen und Herren des Chors auf und abmarschieren an der Bühnenrampe, sich anpreisen und humorvoll über das andere Geschlecht herziehen. Voll kess-verruchtem Witz und Charme dann als Höhepunkt: der Besuch der feinen Gesellschaft im vermeintlichen Kabarett Maxim`s mit tollen Tanzeinlagen der Grisetten, lebensfroher Waschfrauen, die ihre Verehrer im Frack reizen und abservieren und das Publikum begeistern. Reichlich Beifall für einen verführungsreichen Abend mit Happy End und etwas Wehmut, da der Abschied vom alt vertrauten Operettenhaus naht. Damit steigt aber auch die Vorfreude aufs neue Theater: Die erste Premiere dort wird Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt“ am 17. Dezember sein.

Nächste Vorstellungen: 10. und 11.5., 19.30 Uhr in Leuben

 

 

St. Pauli Ruine: Sommer der Träume

Bühne frei für Komödien, Konzerte und Musiktheater voller Witz und Leidenschaft in dem urigen alten Kirchgemäuer am Königsbrücker Platz im Hechtviertel.

Geizhälse werden lustvoll entlarvt und Faust rockt in der neuen Spielzeit in der St. Pauli Theaterruine. Unter dem Motto „Der Sommer der Träume“ lockt ab Anfang Mai wieder romantisches und komisch-hintergründiges Sommertheater voller Träumereien, Visionen, Sehnsüchte und Wünsche.
Insgesamt sieben Inszenierungen, darunter zwei Premieren kommen auf die Bühne in dem urigen alten Backsteingemäuer am Königsbrücker Platz im Hechtviertel.

„Es wird wieder eine Mischung aus Bewährtem und Experimentellem zu sehen sein“, sagt Jörg Berger, Regisseur und Vereinsvorsitzender der Theaterruine. Nach dem Ausbau vor drei Jahren mit wetterfestem Glasdach hat sich auch die Akustik verändert, was sprechtechnisch nicht immer leicht ist für die Spieler, da sie im gesamten Gemäuer interagieren und ohne technische Unterstützung auskommen müssen. „Wir sind immer noch in der Kennenlernphase des Raums, was hier sein Zuhause finden will“, so Berger. Für Musiktheater und Konzerte von Bands wie Chören sei er vom Klang gut geeignet. Entsprechend viele finden sich im Spielplan bis Mitte Oktober.

Eröffnet wird die Saison am 6. Mai um 20 Uhr mit der Premiere von „Volpone oder Der Fuchs“, einer Komödie von Ben Jonson, einem Zeitgenossen und Rivalen Shakespeares in einer Bearbeitung von Stefan Zweig. In diesem turbulenten und fabulierfreudigen Stück, so Berger, führt der reiche Kaufmann Volpone mit Hilfe seiner gerissenen Diener die habgierigen Erbschleicher an der Nase herum. Kostüme und Ausstattung sind angelehnt an die Commedia dell`arte und auch etwas skulptural. Als nächstes hat „Faust rockt!“, ein  Schauspiel mit Rockmusik von Manfred Tauchen frei nach Goethes Klassiker „Faust I“ am 4. Juni um 20 Uhr Premiere in der Theaterruine. Erzählt wird über den  alternden Faust, der in Auerbachs Keller sitzt, trinkt und von ewiger Jugend, Frauen und seinem Durchbruch als Dichter träumt. Während Mephisto, genannt „Bubi“ gern ein böser Teufel wäre, was jedoch nicht so einfach ist, da er mit einem zu freundlichen Naturell gesegnet ist. „Dabei gibt es eine Umkehrung aller Figuren in dieser Inszenierung und sie endet auch nicht als Tragödie“, verrät Berger.

Da wird es auf der Bühne eng mit rund 20 Spielern und Chorsängern. Und noch fehlt es an Ausstattung und Bühnenbild für „Faust rockt!“ Doch Berger ist zuversichtlich, dass sich dafür noch eine Lösung findet.

Rund zehn neue Darsteller verstärken seit diesem Jahr das Theaterruinen-Ensemble. Da ist viel Neugier und Lust am Spiel dabei. Anders ginge es auch gar nicht. Denn die Spieler binden sich für drei Jahre an die Theatertruppe. Mit Proben, Aufführungen und nicht selten auch Einlassdienst abends erfordert das auch viel Freizeit. „Es ist auch eine Tankstelle. Man steckt viel Energie hinein, aber bekommt auch viel mit und jede Aufführung entschädigt für alle Mühen durch den Spaß den man zusammen hat“, sagt Karl Weber, ein „Urgestein“ der Theaterruine. Er steht natürlich auch bei den beiden Premieren auf der Bühne, in „Faust rockt“ gibt er den Herrgott im Kampf zwischen Gut und Böse.

Die Spieler werden tatkräftig unterstützt von den Helfern des Vereins mit rund 100 Mitgliedern. Sie kümmern sich um alles selbst vom Bühnenaufbau, Umbau über Schminken bis zu Techniktransporten. Seit dieser Saison hat das Theaterensemble endlich eine Stelle für technische Betreuung.

Immerhin 153 Veranstaltungen mit Vermietung, darunter 99 Theateraufführungen und 28 Gastspiele und Konzerte mit insgesamt rund 10 000 Besuchern fanden letztes Jahr in fünfeinhalb Monaten in der Theaterruine statt. Ein enormer Kraftaufwand für die ehrenamtliche Theatertruppe. Dieses Jahr ist es etwas weniger mit 75 Theateraufführungen. Auch weil der Bedarf in der Sommerzeit nicht so groß ist und die Zuschauernachfrage an Veranstaltungen dann im Herbst wieder wächst.

Bei den vielen Konzert-Gastspielen ist für jeden Geschmack etwas dabei:  Paul Hoorn und Freunde spielen ihr Liederprogramm „Weit von hier – hier vor meiner Tür“ am 22. Mai. Das Musiker-Duo „Café del Mundo“ aus Köln kommt am 30. Juni und die Serkowitzer Volksoper ist vom 11. bis 13. Juli mit ihrem Musiktheater-Stück „Entführung auf dem Jahrmarkt“ zu Gast.

Tickets für die Veranstaltungen in der Theaterruine kosten 15/erm. 10 Euro an der Abendkasse und im Vorverkauf 14/9 Euro. Do ist Theatertag mit ermäßigtem Eintritt.

Theaterbüro: Tel. (0351) 272 14 44, Fax: (0351) 272 14 66
mail: st-pauli@gmx.de

Inszenierungs-Foto: Volpone oder Der Fuchs

Weitere Informationen zum Programm: http://www.theaterruine.de

Wonnemonat-Gedichte

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Blütentanz

Bei dir vergesse ich
den Lärm der Welt
verlier mich ganz
an die Klänge
in mir
sie springen zu dir

du spielst mir nichts vor
spielst nur für dich
bis sich unsere Blicke
fangen
hin und her treiben
in einem Meer aus Tönen

fliege ich und sehe
die tanzenden Blütenblätter
vom Baum fallen
der seine Zweige wie Arme ausbreitet
und rede mir ein
das alles wäre kein Traum

Lilli Vostry
01.05.2016

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Blütenflug

Kaum erblüht
pflückt der Wind
die weißen Blütensterne
breiten sie ihre Blätter
zum Flug aus

Keiner hält sie
Keiner fängt sie auf

Unbeschwert
endet die Fülle
fallen weiße Flügel ins Gras

atme ich den Duft
lege mir das Tuch um
weiße Blüten eingewebt

ein Geschenk von dir
als der letzte Schnee fiel
die ersten Blüten ohne dich trieben

L.V.
März 2014

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Blütenfluss

In den weißen Blütenfluss
steigen mit dir
entblättern
enthäuten
alles was uns
trennt

aufschwingen
in die farbensatten Baumkronen
treiben lassen von Ast zu Ast
lachend versinken
mit den Lockrufen
der Vögel

L.V.
Mai 2014

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Beflügelt

Das erste Sonnenbad
in der Menge
der lächelnd vorbei
hechelnden Haltlosen
auf der Laufstegpromenade

verliert sich die Eile
in der Weile
schwenkt der Blick
über die steinerne Bank
versinkt starr vor Glück

umfächelt vom Farbgeflirr
der Flügel lautloser Lust
zweier Schmetterlinge
die sich nach ihrem Spiel
meine Schulter
als Landeplatz
erwählt haben

L.V.
Juni 2014

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Das Standbild

Einmal der Größte sein
über alles hinweg
sehen

ohne übersehen zu werden
auf der Lebensleiter
anderen einen Treppenvorsprung
voraus auf den Stufen
hinauf oder unter
die Brücke

oben auf dem kahlen Steinsockel
stehst du –
der Eroberer triumphierend
vor der Blätterkrone
Herrscher im sonneglänzenden Taubendreck
der berühmte Unbekannte
lebendes Standbild
in Heldenpose

strahlst auf dem Erinnerungsfoto
ohne Blitzlichtgewitter
fürs Familienalbum

L.V.
April 2015

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Tagträume

Hier ruft das Leben
dort bist du
Nachts tauch ich ins Netz ein
in deine Welt

und tagträume in meiner
in der nichts mehr ist
wie immer

Im Rauschen der Bäume
höre ich deine Stimme
ohne sie zu kennen
trage deine Wort mit mir
wie angeschwemmtes Treibgut

Deine Worte schmelzen
auf der Zunge
wie saftig rote Melonenscheiben
die schwarzen Kerne
zerrinnen in mir

L.V.
Juni 2015

Fotos (lv)