Naturbilder 280

Ausreißer

Die Zeit reißt
was ich bin
aus mir heraus
Zeiger zählen jeden Wimpernschlag
bringen mich
um eines Tages egal
wie spät ist es

gleich viel wie schnell oder langsam
ich atme gehe liege stehe oder
falle in nachtwache Träume
in denen ich endlose Zeiträume
durchstreife abstreife Zeit die sich in Nichts
auflöst

in Räumen die sich weiten
wie Zerrspiegel
aus Gestern und Morgen
vor meinem inneren Auge
steht die Zeit niemals still
schließt sie mein Herz auf und zu
rastlos pochen Sekunden wachsen schwinden
ins Lebensmuster verhakte Maschen

Die Zeit reißt sie wieder auf
es vergeht kein Tag
an dem die Zeit nicht Reißaus
nimmt vor mir ich ihr nacheile
die mich eben noch morgenrotsüß anlächelte
schon wieder amselflötend entwischt
mit den letzten Sonnenflecken des Tages
will ich die Zeit in die Arme schließen eins mit ihr werden

Zeiger und Herzpochen
ohne lähmende Schläge
die widerhallen in dunklen endlosen Gängen
zeitloser Labyrinthe
ohne Fenster und Türen
versperrte Erinnerungen
winden sich lassen sich
nicht aufhalten

die Zeit gibt der Welt ein Gesicht
stetig neue Schlagzeilen
Munition
der Zeitgeist schürt die Wunden
verjubelt die Pflaster
keine Zeit mehr zum Wachsen und Reifen
immer auf der Überholspur
erfreut mich jedes Mal der Bus
der mit aufgemalten Blumen
vorbeifährt die blaugelbe Sternenblüte
würde ich am liebsten pflücken

Die Zeit reißt
was ich bin
aus mir heraus
Schnell immer schneller
Senkrechtstarter
Überflieger über Nacht
Erfolg wieder weg
verflogen
abgestürzt

Kein Ort Nirgends zum Sichergehn
die Zeit rollt den Berg hinan
die Welt kugelt im freien Fall
ihr entgegen hält nirgends an
dreht sich weiter und weiter
so weit sie kann
im weltumspannenden Netz
twittert orakelt verrannt in Endlosschleife
übersehen den Moment vorhin

Die Zeit reißt
was ich bin
aus mir heraus
Time is money
Time is honey
ruft der Zeitforscher Geißler
den alles Beschleunigern zu
den Fetischisten der Gleichzeitigkeit
gierig jede freie Minute Verschlingern
im Multitasking die Zeit Bezwingern
alles aus ihr herausholen
Zeit gewinnen Zeit totschlagen
mit den Uhren schweigen
die Mobiltelefone klingeln
lassen alles vernetzt und verzweckt jederzeit
erreichbar kommt und geht die Welt
zu uns nach Haus geht unter
im Meer der Möglichkeiten

landen manchmal ungerufen Bildschirmperlen
wie das Video wo ein Hund auf einer Schildkröte steht
und von ihr vorwärts bewegt wird
auf einer Straße irgendwo am anderen Ende der Welt

Während die Zeit
mir wieder ausreißt
Was ich bin
bleibt

Lilli Vostry
17./18.5.2015

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Labyrinth der Träume

Der Traumwächter mit der Harlekinskappe
steht auf verlorenem Posten
alle stürzen an ihm vorbei
mitten ins Vergnügen
mit Lichtgeschwindigkeit
durchs Lichter Labyrinth

überspringen die Traumfänger
im Sternengarten Wandelgänge
und Umwege: man verirrt sich
und geht bei Tag fehl
im Land der Träume stehen alle Wege offen
die Zeit still hinter Glas gebannt

steigen aus alten Koffern wunderliche Gestalten
lüften ihre Geheimnisse und Erinnerungen:
der Mann der allen lächelt und zuwinkt
eine Krone an langen Fäden hervor fischt die ihn einschnüren
die Frau im weißen Kleid mit den Federn im Haar
und rot aufgespanntem Regenschirm wankend auf einer Leiter
bei ihren ersten Flugversuchen verteilt sie Federn an die Umstehenden

die Träumerin die es nachts
wie das wogende kleine Schiff neben ihr
aufs offene Meer hinaus treibt
oder der Mann mit der Laterne
der von einem Land erzählt wo Menschen wie Vögel
fliegen und in Baumhäusern mit Himmelsleitern wohnen
der die anderen im Labyrinth fragt
nach dem Weg dorthin

Lilli Vostry
6.7.2014

 

 

 

 

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