Kinder planschen gern durch Pfützen und entdecken darin die Welt wundersam verwandelt. Diesen Effekt nutzt die Künstlerin Sabine Eichler in ihrem Kunstprojekt mit ihrem Objekt „Pfütze“, auf einem Handwagen an der Leine ist sie damit unterwegs und hält dabei entstehende Begegnungen, Spiegeleien und neue Selbsterkenntnisse mit anderen Menschen in Fotografien und Videofilmen fest. Zurzeit ist sie zu Gast im Atelier von Kati Bischoffberger. Beide Künstlerinnen hatten viel Spaß wie man sieht – die „Pfütze“ steht für Offenheit, Fantasie, ist ein Mittel zur Kommunikation und bringt Menschen zusammen. Text + Fotos (lv)

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Zieh’ mir den Himmel über Land

Sabine Eichler bespielte mit Installationen, Fotografien und Videos die Galerie Drei auf der Prießnitzstraße. Zurzeit ist die Künstlerin mit ihrer „Pfütze“-Installation im Atelier von Kati Bischoffberger auf der Oschatzer Strasse 5 zu Gast.

„Je langsamer, desto mehr Blume“, sagt die Künstlerin Sabine Eichler. Was zunächst als ebenso absurde wie poetische Aussage überrascht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als passender Sinnspruch für die vielgestaltige Kunst Eichlers, die nach einer Buchbinderlehre im Abendstudium an der HfBK sowie an der Burg Giebichenstein in Halle studiert hat. Unlängst waren ihre Arbeiten in der Ausstellung „Ich zieh den Himmel über Land“ in der galerie drei zu sehen.

Vor einigen Jahren stieß Eichler im Roman „Stechapfel“ der Finnin Leena Krohn auf jene symbolhafte Szene eines kleinen Jungen, der voller Verzückung eine Pfütze als Mittel der Spiegelung von Welt und damit als Bild für einen neuen Blick auf das Leben entdeckt. Derart angestachelt, baute Eichler 2017 aus Presspappe, Bauschaum und schwarzer Folie eine erste eigene „Pfütze“, die sie fortan auf einer Art Handwagen montiert an der Leine auf Ausflüge, Reisen und Besuche bei Freunden mitnahm.

Für die Künstlerin ist die der Literatur entlehnte, abstrahierte „Pfütze“ Spiegel und Lupe, Kunstobjekt und Objektkunst, Wegbegleiter und Wegweiser in einem. Sie ist ein Vehikel für Perspektivwechsel, eine ständige Objekt – ja beinahe Subjekt – gewordene Erinnerung daran, dass nichts als gegeben oder neutral missverstanden werden sollte – das Meiste, das uns umgibt, ist gemacht und veränderbar – wie seine Deutung.

Die Künstlerin hat das Objekt „Pfütze“ während der Fertigung im Atelier fotografiert sowie in der Folge in Kombination mit den unterschiedlichsten Gegenständen und Menschen: Während der Zeit der bislang größten Corona-Beschränkungen hierzulande liefen Leute mit jener „Pfütze“ im Schlepptau durch die Dresdner Innenstadt und den Großen Garten. Man kann sich vorstellen, dass das Ziehen eines ein Meter langen, flachen und mit Wasser gefüllten Objekts an einer Hundeleine die eigene Bewegung verändert, verlangsamt und folglich auch unseren Blick auf die Welt – den der anderen sowieso. In dieser beinahe meditativen Reflexionsübung mit angeleinter „Pfütze“ liegt viel Komik und ein großes, geradezu befreiendes Potenzial.

Als Ausstellung funktioniert das Ganze mal mehr, mal weniger. Da die Künstlerin im Normalfall nicht anwesend ist, um das eigene Werk zu erklären und zu kontextualisieren, müssen Anliegen, Idee und Umsetzung aus den Arbeiten heraus funktionieren und sich allein durch sie vermitteln. In den Räumen der Galerie wird die Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksmittel und Medien, derer sich Sabine Eichler für ihr Projekt bedient hat, deutlich, ebenso wie ihre Fantasie und das Radar für menschliche Begegnungen, die sich während des Projekts ergaben, es befeuerten und ihm ihre Prägung gaben.

Die großen Fotodrucke im Untergeschoss geben einen Eindruck von den Frauen unterschiedlichen Alters und Hintergrunds, die Eichler in den letzten Monaten getroffen hat und die mit der „Pfütze“ jeweils andere Erfahrungen machten – weil sie ihre je spezifische Lebenssituation an das Objekt heran- und ins Projekt hineintrugen. Diese Aufnahmen haben, ebenso wie der Film mit einer der Protagonistinnen, vor allem dokumentarische, weniger künstlerische Qualität. Andere Fotografien überzeugen als Bilder an sich, wie die absurden Kombinationen von „Pfütze“ und Plastiktiger an ihrem Ufer, weil hier leichtfüßig alle Größenverhältnisse und Realitätsebenen ausgehebelt werden, sodass klar wird: Alle Sinnzuweisung ist eine Abstraktion und funktioniert stets im Verhältnis zu anderen derartigen Interpretationsleistungen. Ebenso poetisch wie sinnfällig ist die beinahe monochrome, ins Riesenhafte gesteigerte Nahaufnahme der „Pfütze“ und ihrer Spiegelungen. Als programmatisch offenes Bild erlauben sie mannigfaltige Deutungen, weil wir hier nicht sicher sein können, was wir eigentlich sehen – die Welt, ihr Spiegelbild, beider Umkehrung oder nur das, was wir sehen können und zu sehen glauben.

Von Teresa Ende
Kunsthistorikerin
(Dieser Beitrag erschien am 16.9.2020 in der DNN und wurde von Sabine Eichler freundlicherweise zur Verfügung gestellt für meinwortgarten.com )

Die Ausstellung von Sabine Eichler war bis 19. September in der galerie drei, Prießnitzstraße 43 zu sehen. 

http://www.sezession89.com


„Die Pfütze“ als Spiegel, Kunstobjekt und Ort der Begegnung: Kati Bischoffberger vor ihrem Atelier, wo das Kunstprojekt von Sabine Eichler zurzeit vorgestellt wird.

Atelier