Ich muss Euch noch etwas erzählen. Ausgerechnet am Abend des 13. Februar, an dem vor 71 Jahren die Stadt lichterloh brannte, bin ich ohne Licht erwischt worden. Bevor ich zur Menschenkette in de Innenstadt fuhr, wo ich ein großes Polizeiaufgebot annahm, fuhr ich schnell noch zum Elbepark, um mir eine neue Fotospeicherkarte zu holen.

Auf dem Rückweg am Stadtrand, hielt mich dann auf der taghell erleuchteten Straße plötzlich ein Polizeistreifenwagen, neben dem Radstreifen neben mir herfahrend, an. Zwei Polizisten stiegen aus. Einer verlangte meinen Personalausweis. Wozu?, fragte ich. Er erklärte, ich habe eine Ordnungswidrigkeit begangen, da ich ohne Licht fuhr. Das koste mich 20 Euro. Mein Hinweis auf die taghelle Straße nützte nichts. Die nahe gelegene Fahrradwerkstatt hatte schon geschlossen. Mist. Mein mobiles Fahrradlicht war vor kurzem samt Klebeband vom Lenker gestohlen worden. Als wäre es nie da gewesen ohne jede Spur. Ich kam noch nicht dazu, mir ein neues zu holen. Zumal es jetzt wieder länger hell ist draußen. Der Polizist sagte, als ich ihm von dem Lichtdiebstahl erzählte: Ich könne ja Anzeige erstatten oder ans neue Radlicht dann einen Aufkleber anbringen: „Bitte nicht stehlen!“ Ich musste mir das Lachen verkneifen.

Der Polizist fragte mich, ob ich das Bußgeld annehme. Widerstrebend sagte ich ja. Ich wollte den Ehrgeiz der Ordnungshüter nicht noch mehr anstacheln. Dann wünschten sie mir auch noch eine „Schöne Nacht!“

Die werde ich haben, dachte ich wütend, mit all den anderen, die endlich auch wieder schöne Dinge erleben wollen. Und nicht jeden Montag abend grölende Horden auf dem Theaterplatz oder am Elbufer, die bestimmen wollen, wer in dieser Stadt leben darf und wer nicht. Mir fiel ein, wie erstaunlich oft die Polizei im Dunkeln tappt, wenn es um rechtsextreme Straftäter geht. Sie würden sich immer wieder der Festnahme entziehen, erklärte die Polizei unlängst erst auf eine Anfrage im sächsischen Landtag und dann im Radio. Wo sie doch sonst hinter allem her sind. Schon komisch. Da werden die Flüchtlingsgegner und rechten Straftäter selbst zu Geflüchteten immer auf der Hut vor der Polizei. Unfassbar.

Als ich zu Fuß in der Innenstadt ankam, war die Menschenkette längst vorbei. Keine Polizeisperren. Nur ein paar Polizeiwagen standen an diesem 13. Februar am Rande des Neumarkts und einige blaue Sirenen flimmerten von der anderen Elbseite herüber. Auf dem Platz vor der Frauenkirche leuchtete ein Lichtermeer aus Kerzen. Ich stellte zwei rote Kerzen neben die vielen anderen ins Lichterband vor der Kirche, weit hinten in den Sand, damit der Wind sie nicht gleich wieder ausblies. Einige Helfer zündeten die erloschenen Lichter wieder an. Manche Kerzengläser trugen Namen. Lieselotte, geboren 1929, las ich auf einem Einweckglas. Ob sich noch jemand an sie erinnert? Am großen Gedenkstein vor der Frauenkirche lag neben einigen heruntergebrannten Teelichtern ein roter Rosenstrauß mit einem Kärtchen, goldbemalt war darauf zu lesen: „Wenn ihr uns sucht, sucht in euren Herzen. Haben wir dort eine Bleibe gefunden, leben wir in euch weiter.“

Vor der Kirche sang eine Menschengruppe das Lied „Dona nobis…“ Die Melodie flog zu mir herüber und den anderen Menschen, die still auf das Lichtermeer, aus dem weiße Rosen und Margariten wuchsen, schauten. Ein Abend so ruhig und friedlich wie lange nicht. Andererseits kam mir die wider Erwarten derart leere Innenstadt auch etwas unheimlich vor. Waren die Menschen weggeblieben, weil sie Chaos und Unfrieden befürchteten und das Gedenken in Stille in ihren Stuben bevorzugten?  Wo sie aber auch keiner sehen konnte als Anteilnehmende und die Kraft des Zusammenstehens miterleben. Unterwegs waren an diesem 13. Februar rings um den Neumarkt hauptsächlich Besucher der Stadt, Touristen. Sie liefen an den Restaurants entlang, saßen drinnen beim Candle-light-Dinner und betrachteten die Auslagen der Geschäfte. Ala ginge sie dieser 13. Februar überhaupt nichts an. Als sei das allein ein Tag der Dresdner. Ist das wirklich so?, überlegte ich während ich mit der Straßenbahn unbehelligt nachhause fuhr und mein Rad zurückbrachte. Ein Lichtblick: Um Mitternacht hörte ich in den Radionachrichten, dass an diesem 13. Februar rund 13 000 Einwohner in einer Menschenkette entlang der Alt- und Neustädter Seite zusammenstanden und die Stadt friedlich umschlossen. Wenigstens für einen Augenblick.

Macht was draus.
Bis zum nächsten Mal!

Eure Lara Finesse

 

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