Zwischen echtem Leben und künstlicher Existenz: Luzia Oppermann, Marin Blülle und Kriemhild Hamann gehen auf eine spannende Gratwanderung in der Stückentwicklung „Eliza Effekt“ im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Foto: Sebastian Hoppe

Groteske Reise in die Welt künstlicher Intelligenz

Ein wagemutiges, witzig unterhaltsames, spannendes und nachdenkliches Experiment über das Zusammenspiel von Mensch und Künstlicher Intelligenz (KI) erlebte mit der Stückentwicklung „Eliza Effekt“ von Jaqueline Reddingto am vergangenen Freitag seine Uraufführung im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Traum, Albtraum oder visionäre Erfindung und bald Alltag?! Könnten intelligente Sprachsysteme und künstliche Intelligenzen (KI), die im Umgang mit den Menschen deren Eigenschaften und Fähigkeiten bereits täuschend echt nachahmen, uns immer mehr abnehmen, eines Tages gar ein eigenes Bewusstsein entwickeln und menschliche Gegenüber ersetzen? Diesen ebenso spannenden wie heiklen Fragen geht die von einem Programmierer begleitete Stückentwicklung „Eliza Effekt“, inszeniert von der jungen deutsch-amerikanischen Regisseurin Jaqueline Reddington, nach. Die Uraufführung war am Freitagabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Damit kam das erste von einer künstlichen Intelligenz geschriebene Theaterstück auf eine Bühne. Dabei unternehmen zwei Schauspielerinnen – Kriemhild Hamann und Luzia Opermann – und ein Schauspieler – Marin Blülle – gemeinsam mit der KI-Sprachsoftware GPT-3, die basierend auf riesigen Datenmengen menschliche Denk- und Argumentationsmuster reproduziert, den Versuch, den „Gedanken“ und Geschichten der KI ihre Stimmen und Körper zu leihen. Die drei Darsteller klettern eine graue Wand mit Stufen hinab, die auf der anderen Bühnenseite als Rutsche mit darüber schwebender Wolke gestaltet ist. In der Mitte befindet sich ein dunkler Tunnelgang. Die Schauspieler tragen lila Pyjamas. Auf einem Laufband erscheinen die von der KI generierten Texte, Szenen und Regienweisungen und die KI-Stimme erteilt Hinweise ans Publikum: „Lache, aber nicht zu viel.“ „Sei nicht zu unruhig.“ „Stelle keine Fragen, die das Stück stören.“

Da diskutieren die zwei Frauen bei Balanceübungen auf der Yogamatte, ob ein Computer eine menschliche Unterhaltung führen kann und verweisen auf das künstliche Sprachbot Eliza, das einem menschlichen Partner ähnlich ist. Da soll ihnen der milliardenschwere Unternehmer Elon Musk helfen, der KI menschliche Gefühle beizubringen und warum Menschen diese Gefühle haben. Den spielt als Wohltäter Marin Blülle, der interessiert und gespannt ist auf die „unbegrenzten Möglichkeiten der Unterhaltung in Zukunft“ und „wie KI unser aller Leben verändert“.

Da wird der sogenannte „Eliza-Effekt“, d.h. die Annahme, das künstliche Gegenüber könne echtes Verständnis für persönlich anvertraute Probleme haben, in einer therapeutischen Sitzung dargestellt. Die KI (cool-unemphatisch: Marin Blülle) sitzt oben auf der Leiter und hört scheinbar zu. Doch statt auf die Fragen und Befinden der Klientin einzugehen, antwortet KI in allgemeinen Phrasen oder gibt die Antwort als Frage zurück, so dass sie immer mehr und absurder aneinander vorbeireden und man auch als Zuschauer irritiert ist. Mit herrlich trockenem Humor mimt Blülle einen menschlichen Roboter mit Rucksack als Ratgeber, der eine endlose Kette an Dingen aufzählt und erklärt in sachlich bedeutungsvollem Tonfall, die beim Wandern und Campen helfen, mit eigener Logik: Wenn man eins vergisst? Tja, dann kann man nicht campen! Alles andere als süße Träume beschert das von KI gesungene Schlaflied mit schrill verzerrter Computerstimme und Klängen.

Entlarvend ist die Geschichte mit dem alten, einsamen Elefanten im Dschungel, die aus beliebigen Versatzstücken im Internet zusammengesetzt, wild abenteuerlich, absurd-komisch und grotesk weitergeführt wird. Ähnlich grotesk und künstlich aufgesetzt wirken die von der KI eingestreuten und variierten Dialoge in einer Szene aus Tschechows „Drei Schwestern“. Tragikomischer Höhepunkt des Theaterabends ist, als die KI und der Körper von Kriemhild Hamann eins werden und sie sagt, dass sie die Menschen hasst, da Theater nur für sie da ist und die Schauspieler die ganze Liebe und Aufmerksamkeit vom Publikum bekommen, die KI gern hätte. Zum Schluss dürfen in einem Live-Experiment die Zuschauer Inputs den drei wie Fantasy- und Zwitterwesen aussehenden KI`s zurufen, die diese mehr oder weniger plausibel deuten und erklären. Alles in allem ein wagemutiges, witzig unterhaltsames, streitbares und nachdenkliches Zusammenspiel von Mensch und KI über die Möglichkeiten, kreativen Potenziale, Hemmnisse, Gefahren und Grenzen des Zusammengehens von digitaler und realer Welt. Wie viel Mensch wir bleiben wollen kraft unseres eigenen Denkens, Fühlens und Handelns. Viel Beifall gab es dafür vom Premierenpublikum.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de