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Kategorien-Archiv: Theater

Theater Junge Generation lädt geflüchtete ukrainische Kinder und Jugendliche zum Theaterspielen ein

18 Freitag Mär 2022

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Kultur, Projekte, Theater, Zwischenmenschliches

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Orr der Begegnung für „Phantastische Welten“: Das Theater-Spiel-Angebot wird bereits rege genutzt im Theater Junge Generation. Foto: Marco Prill

Wöchentliches Theater-Spiel-Angebot für geflüchtete ukrainische Kinder und Jugendliche im tjg.

Ab sofort gestaltet und betreut das tjg. theater junge generation in Kooperation mit dem Kolibri – Kinder- und Elternzentrum e.V. an zwei Vormittagen in der Woche ein Theater-Spiel-Angebot für geflüchtete ukrainische Kinder und Jugendliche. Vier Theaterpädoginnen der tjg.-Theaterakademie und weitere Mitarbeiter*innen des Hauses laden die Kinder und Jugendlichen im Alter von 6 bis 18 Jahren, die über den Kolibri e.V. ins Theater kommen, ein, gemeinsam mit ihnen in zwei alterspezifischen Gruppen Theater spielen, Geschichten zu erfinden oder mit Bewegung und Tanz die Bühne zu erforschen.

Das Thema „Phantastische Welten“ bietet einen Ort der Begegnung und der Gemeinschaft sowie die Möglichkeit methodisch vielfältig und sprachlich niedrigschwellig in einen szenischen Austausch miteinander zu treten. Bereits zu den ersten beiden Angeboten kamen mehr als 60 Kinder und Jugendliche.
In einem Statement des Theaters zu den Ereignissen in der Ukraine heißt es: „Die Mitarbeiter*innen des tjg. fühlen sich allen Kindern und Jugendlichen dieses Landes verbunden und werden ganz besonders denen beistehen, die vor dem Krieg in der Ukraine flüchten und bei uns Schutz suchen.“ Mit dem neuen Theater-Spiel-Angebot möchte das Haus dazu einen Beitrag leisten.

Text: Norbert Seidel

tjg. theater junge generation
Kinder- und Jugendtheater Dresden
~ theatre for children and young audiences
Kraftwerk Mitte 1
~ 01067 Dresden
Postanschrift
~ Postfach 12 00 20 ~ 01001 Dresden
Tickets und Info +49 351 3 20 42 777
~ tjg-dresden.de

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Premiere „Alles Beste!“ – 25 Jahre Comödie im Schnelldurchlauf

15 Dienstag Mär 2022

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater, Zwischenmenschliches

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Im Humorlabor brüten Prof. Thalius (Christian Kühn) und seine Assistentin Betty Eureka (Dorothea Kriegl) immer neue Ideen aus, um das Publikum zum Lachen zu bringen. Humor ist bekanntlich die beste Medizin!

Märchenspaß für klein und groß: Hexe Baba Jaga und Weihnachtsgans Auguste, die als Lieferdienst angeflogen kommt und eine tragende Rolle im Hexenhaus spielen soll.


Die Spielleidenschaft kennt keine Grenzen über alle Sprachfehler hinweg: Eine Liebeserklärung ans Theater ist der Komödienklassiker „Pension Schöller“. Fotos: Robert Jentzsch

Schräger Humor mitten ins Herz

Mit viel Spiellust, Leidenschaft und wandlungsreich brachten die Vollblutschauspieler Dorothea Kriegl und Christian Kühn die Highligths des Hauses auf die Bühne im Jubiläunsprogramm „Alles Beste! – 25 Jahre Comödie im Schnelldurchlauf“, das am Sonnabend Premiere hatte im größten sächsischen Privattheater.

Die Bühne ähnelt einem Versuchslabor mit allerlei Gerätschaften, Kaffeemaschinen und rot flimmernden Lämpchen. Dazwischen eilt ein Mann mit Wuschelfrisur, verschmitztem Blick und weißem Kittel umher, zeigt seine Wunderwelt und wie sie entsteht: die „Pointenschleuder“, den “Gagomat“, die „Spaßbremse“ und einen „Brutkasten“, in dem neue Ideen reifen. „Komik entsteht aus Konflikten!“, erklärt der Humorforscher Professor Thalius (Christian Kühn). Und seine Assistentin Betty Eureka (Dorothea Kriegl) findet „ein wenig Anzüglichkeit gar nicht verkehrt“.

Als Vollkomödianten-Duo lassen sie nichts unversucht und ziehen alle Register, um ihr Publikum witzig und originell, lustig nachdenkend über ernsthafte Dinge, zum Lachen zu bringen. Und wie sie das schaffen! Ihr schräger Humor aus dem Leben geholt trifft mitten ins Herz. Mit viel Spiellust, Leidenschaft und wandlungsreich spielen sie zu zweit 25 weitere Rollen in schnellem Perücken- und Kostümwechsel und bringen Highlights aus der Geschichte des Hauses – dem mit 650 Plätzen größten sächsischen Privattheater – auf die Bühne. Das Jubiläums-Programm „Alles Beste! – 25 Jahre Comödie im Schnelldurchlauf“ erlebte am Sonnabend seine Uraufführung. Regie führte Christian Kühn, Schauspieler, Stückautor und seit 2012 der künstlerische Leiter der Comödie Dresden. Er ist erfreut, dass er noch zusammen mit Schauspielgrößen wie Herbert Köfer („Rentner haben niemals Zeit“), Ursula Karusseit („Kalendergirls“), Ingeborg Krabbe und Wolfgang Winkler auf der Bühne stehen konnte.

Die Comödie, mit der Dresden seit 1945 erstmals wieder ein Komödienhaus bekam, holte mit der Eröffnung 1996 gezielt die alten Oststars ins Haus wissend: Das ist schon die halbe Miete! Sie alle sind noch einmal kurz mit ihren Auftritten auf die Bühnenleinwand projiziert, zu sehen. Auf der Drehbühne wechseln amüsant und temporeich Stücke, Figuren und Handlungsorte. Da treffen sich und streiten im „Witwenclub“ vor den Gräbern ihrer Männer die tieftraurige Doris und die immer noch lebenslustige Lucille. Kämpfen Kriegl und Kühn komisch-dramatisch mit Sprechfehlern im Komödienklassiker „Pension Schöller“. Taucht Egon Olsen mit seinem neuesten Plan bei Erich Honecker auf in der kuriosen „Andersum-Wende-Revue“.

Strapaziert Kühn in „Gretchen 89 FF“ als hochambitionierte Dramaturgin die Lachmuskeln, die ihre Darstellerin mal „geschlechtsneutral“, buchstäblich nichts sagend und mal wie ein „tibetanischer Flusskiesel“ säuseln lässt. Im „Tussipark“ managen sie als Frauen cool per Handy Haushalt, Männer, Kinder und gehen als Männer in der Midlifekrise in Seilen gefangen neue Wege. Herrlich komisches und großes Gefühlskino zelebrieren Kriegl und Kühn, das gipfelt im Streifzug durch bekannte Filmszenen, mit witzig-liebevollen Abschiedssprüchen in der Wüste aus „Der englische Patient“, köstlich sächselnden Dialogen zwischen „Pretty Woman“ und ihrem Verehrer im Hotelzimmer bis zum ruppig-strengen Tanzlehrer und seiner naiv-gutwilligen Tanzpartnerin in „Dirty Dancing“.

Vom Märchenspaß mit Hexe Baba Jaga und Weihnachtsgans Auguste, über fantasievolle Figuren aus Willie, dem Weiihnachtsstollenmusical, heiter-frivole Stripeinlagen aus „Ganze Kerle“ und „Landeier“, dem fröhlichen Wirbelwind Alfons Zitterbacke bis zu Gruselhumor mit einer Hitler-Parodie aus dem Stück „Rubbeldiekkatz“ reichte die Bandbreite im Jubiläumsprogramm der Comödie Dresden. Als musikalische Gäste sorgten in Videoeinspielungen die Firebirds mit zündendem Rock`n`Roll, das Zwingertrio mit dem Ohrwurm „Ein Freund, ein guter Freund…“ u.a. für Stimmung und einen flotten Blick hinter die Theaterkulissen gab es mit Mimeclown Rainer König.

Krönender Abschluss dieses Humor-Marathons war Kriegls und Kühns „Dinner for one“ mit vielen illustren Zitaten aus anderen Komödien. Leichtigkeit ist oft das Schwerste!, weiß Comödien-Leiter Christian Kühn. Fröhlichkeit braucht es in diesen Zeiten dringender denn je. „Menschen, die wir zum Lachen bringen, vergessen uns nicht so schnell.“ Dafür gab es reichlich Beifall vom Publikum.

Text (lv)

http://www.comoedie-dresden.de

Umwerfend komisch-kämpferisch: Egon Olsen hat einen neuen Plan und da kann Erich Honecker nicht Nein sagen in der „Andersrum-Wende-Revue“.‚
Heiter-frivole Stripeinlagen zeigten die beiden als „Ganze Kerle“ und „Landeier“.

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Premiere „Mädelsabend“ im Boulevardtheater

07 Montag Mär 2022

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Musik, Tanz, Theater

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Witzig, wild und romantisch: Beim „Mädelsabend“ wird nach Herzenslust gefeiert, gequasselt und der quirlige Pizzabote sorgt für extra Stimmung mit Gitarre und viel Schmelz in der Stimme. Foto: Robert Jentzsch

Pure Lust am Leben

Ein musikalisches Gefühlsfeuerwerk von frech, flott, verträumt, verrückt bis leise nachdenklich entzünden vier Freundinnen beim „Mädelsabend und es hat Zoom gemacht“. Die Musikkomödie feierte am Sonntagabend Premiere im Boulevardtheater Dresden.

Sie lieben, lachen, lästern und verführen. Himmeln mal den schönen Fremden und mal den Mann im Mond an. Die vier Freundinnen Hannah, Mel, Emmi und Siri lassen nichts aus. Kein Herz bleibt ungerührt, kein Auge trocken bei ihrem witzig, wilden wie romantischen „Mädelsabend und es hat Zoom gemacht“ (Buch: Michael Kuhn und Anni Lech, Regie und Bühnenbild: Olaf Becker). Die neue Musikkomödie mit den größten deutschen Hits hatte am Sonntagabend Premiere im Boulevardtheater Dresden.

Mit viel Lebenslust, Humor, Charme und Frauenpower singen, spielen, tanzen und umgarnen die vier Damen das Publikum. Hannahs Mann ist gerade auf Geschäftsreise und die Gelegenheit günstig. Mit den Mädels feiert es sich am besten, kann man ungehemmt quatschen über das Leben, die Männer und andere Sorgen. Als Kulisse dient Hannahs schickes Appartement in einem alten Fabrikgemäuer mit weißer Sofaecke und Hausbar. Das verwandelt sich im Handumdrehen zur Bühne, wo die Mädels mit Prosecco anstoßen, lauthals ihre Lieblingslieder singen, dabei all ihre Träume, Frust, Ängste und Sehnsüchte herauslassen und nachdenken über Frauenrollen von Hausfrau, Nutte bis Hippie.

Da hat jede Freundin ihren großen Auftritt und teilen sie Freude und Leid: die unbeschwert-lebensfrohe Hannah (Stefanie Bock), die rothaarige Mel (Laura Mann), die sich nach außen cool und sexy gibt, die romantische und fürsorgliche Emmi im roten Kleid (Samantha Skopiak) und die taffe, energische Siri (Anne Berndt). Zwischendurch taucht Hannahs Mitbewohner Tom (Daniel Tille) auf, der noch Single ist, alberne und anstößige Sprüche über Frauen reißt und sich in Siri verguckt hat. Witzig die Szene, als er die künstliche Frauenstimme Siri am Handy um Rat fragt, woran man erkennt, dass man verliebt ist. Und die echte Siri hört es mit im Hintergrund und reagiert anders als gedacht.

Für noch mehr Knistern und Stimmung sorgt der quirlige Pizzabote Fabrizio (Joyello Sabatelli), der außerdem noch Gitarre und Saxofon dabei hat, viel Schmelz in der Stimme und sein schwarzes Haar lang wallen lässt, um beim Mädelsabend dabei zu sein. Und er hilft mit, das passende Lied für Hannahs Mutter Anita zu ihrem 60. Geburtstag zu finden. Dabei entzünden die Mädels ein musikalisches Gefühlsfeuerwerk vom Feinsten, von frech, flott, verträumt, verrückt bis leise nachdenklich. Bekannte Ohrwürmer aus Schlager, Rock und Pop waren zu hören: Von „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“, „Männer sind Schweine“, dem Hit „Männer“ von Grönemeyer, „Ein Bett im Kornfeld“ bis „Wie weit ist es bis ans Ende dieser Welt“ gab es in wechselndem Licht von rot, blau, knallig pink bis strahlend gelb für jede Gefühlslage das passende Lied.

Die Stimmung sprang schnell auf die Zuschauer über, die kräftig mitsangen, tanzten und applaudierten. Reichlich Beifall für einen stimmungsreichen Abend, der Wärme, Kraft und Zuversicht in schwieriger Zeit hochhält bis zum Schlusssong: „Eins kann uns keiner nehmen und das ist die pure Lust am Leben“.

Text (lv)

Nächste Termine: 8. März, 19.30 Uhr, 18. und 19.3, 19.30 Uhr, 20.3., 16 Uhr und 21.3., 19.30 Uhr.

http://www.boulevardtheater.de

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Premiere „Die Laborantin“ von Ella Road im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden

14 Sonntag Nov 2021

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater, Zwischenmenschliches

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Nichts Menschliches ist mir fremd?! War einmal. Erst der Kampf gegen das Virus. Erprobung von Covid-Impfstoffen mit modernen medizinischen Verfahren wie Genom Editing und Crispr (einer Art Gen-Schere, mit der sich Gene zielgerichtet herausschneiden und verändern lassen). Und bald komplett designte Menschen?! Dem geht die Gruselkomödie mit realen Bezügen „Die Laborantin“ mit Karina Plachetka in der Titelrolle nach. Foto: Sebastian Hoppe

Im Selbstoptimierungsrausch

Das Streben nach Perfektion, Freiheit von jeglichem Kranksein und Schmerzen durch totale Gesundheits-Überwachung wird düster grotesk auf die Spitze getrieben und wirft viele Fragen auf zu Möglichkeiten und Grenzen moderner Medizinforschung im Stück „Die Laborantin“ von Ella Road im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden,

Sag mir deine Blutwerte und ich sage dir voraus, woran du erkranken wirst und wer du bist! Davon hängt alles, Wohl oder Weh ab im Stück “Die Laborantin“ von Ella Road (Übersetzung aus dem Englischen von John Birke). Die deutschsprachige Erstaufführung der auf einem dokumentarischen Text basierenden fiktiven Geschichte  mit realen Bezügen war kürzlich im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Ein Mann und eine Frau begegnen sich auf einem Krankenhausflur und kommen sich näher. Eigentlich eine banale Story, die überall passieren kann. Ihre Brisanz erhält sie durch die besondere Situation und das Umfeld der Figuren. Schon das zufällige Kennenlernen der beiden ist nicht mehr möglich in der Welt, in der sie leben. Das Private wird politisch in dieser Liebesgeschichte.

Persönliche Lebensvorstellungen und Werte sind restriktiven Regeln der Selbstoptimierung durch die Gesellschaft unterworfen, die hart und konträr aufeinander prallen in dieser Inszenierung unter Regie von Adrian Figueroa.
Auf die Bühne kam das Szenario einer Dystopie mit abwechselnd grotesk-komischen, düsteren und beklemmenden Videobildern und Szenen (Videoprojektion: Victor Morales) mit endlos scheinenden Krankenhausfluren, blutrot aufleuchtenden Lämpchen, unheilvoll kreisenden schwarzen Vögeln am Himmel und Avataren, künstlich-menschlichen Mischwesen mit bizarren Maskengesichtern auf der Leinwand.

Spannend, unheimlich und eindringlich in Szene gesetzt, werden die Versprechen, Versuche und Folgen der modernen Medizin für das künftige menschliche Zusammenleben näher beleuchtet. Damit geht die in England lebende Autorin Ella Road mit ihrem Szenario noch hinaus über den Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh, der das Bild einer Diktatur entwirft, in der Gesundheit erste Bürgerpflicht ist.

Eingangs erscheint auf der Leinwand das Bild einer Politikerin, die sich vehement für die Genomforschung ausspricht. Ihr Kopf wird immer größer bis er wegkippt wie eine künstliche Attrappe, begleitet von grell lauten, elektronischen, brodelnden und glucksenden Klängen (Musik: Miguel Toro). Eine ebenso verlockende wie gruslige Vorstellung zugleich sind die medizinischen Versuche, in die menschlichen Gene einzugreifen, aus unserem Blut „lesen“ und Vorhersagen für die Zukunft treffen zu können. Keine Krankheiten mehr, makellose Körper und bald auch komplett designte Menschen?!

Mittendrin in diesem Dilemma des absurd auf die Spitze getriebenen Selbstoptimierungswahns stehen Bea, die Laborantin (ehrgeizig-idealistisch: Karina Plachetka) und ihr vermeintlicher Traummann Aaron, der ein Doppelleben führt im Zwiespalt mit den äußeren Zwängen und daran zerbricht (beeindruckend: Simon Werdelis). Sie müssen sich behaupten in einer Welt, in der die Blutwerte über alles entscheiden, welchen Job, Partner, sozialen Status man bekommt. Es gibt nur noch zwei Arten von Menschen: “High-Rater“ mit hohem Rating und „Low-Rater“ mit niedrigen Werten. Die erbarmungslose Auslese treibt das Paar zu einem Versteckspiel, bei dem Gefühle wie Schmerz, Schwäche und Trauer um Verluste ausgeblendet werden. Sie werden immer missmutiger und misstrauischer, erschöpfter und ihre Bewegungen immer mechanischer, starrer.

Bis der schönen Schein ihres sorgfältig konstruierten Lebens als Scherbenhaufen vor ihnen liegt. Bea verdient mit gefälschten Bluttests viel Geld, ihre Freundin Char (Laina Schwarz) ist „Low-Rater“ durch eine unheilbare Erbkrankheit und wird zur glühenden Aktivistin gegen Ratismus und Ausgrenzung. Bedrückend die Szene, in der Bea im Schattenspiel hinter einer roten Wand ein schwarzes Brautkleid anzieht, als sie nach vorn tritt ist es weiß. Am Ende verliert sie alles, ist der andere plötzlich nichts mehr wert, weil er nicht die optimalen Blutwerte hat.

Als bodenständig lebenserfahrener Hausmeister der Klinik, der lustige Anekdoten von Familienfeiern und spielenden Kindern im Garten erzählt, wirkt Holger Böhme wie aus einer anderen Zeit und parodiert erfrischend den Perfektionswahn in einer Zigarettenpause mit Bea. Doch dann wurde alles anders. Sein gärtnernder Bekannter weinte wegen etwas krummer Gurken und erstickte schließlich an einer großen, glatten Tomate. Ein packender Theaterabend, der viele ethische Fragen aufwirft über lebenswertes Leben, Gesund- und Krankheit und Verletzlichkeit, die zum Menschsein dazu  gehören. Viel Beifall vom Publikum.

Text (lv)

Nächste Termine: 16.11., 19.30 Uhr und 21.11., 19 Uhr im Kleinen Haus, Glacisstraße 28.


Wenn die „richtigen“ Blutwerte entscheiden: Ist man von einem Moment zum anderen Gewinner oder Verlierer von Job, Karriere, Partnerschaft, sozialem Status in der Gesellschaft. Char (Laina Schwarz) macht diese Erfahrung und die „Laborantin“ mit selbst durchschnittlichen Blutwerten (Karina Plachetka) profitiert von diesem ungeheuren „Selbstoptimierungs“-System durch gefälschte Bluttests. Foto: Sebastian Hoppe

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Das Spiel mit dem Unsichtbaren – 36. Internationale PantomimeTheaterFestival im Theaterhaus Rudi

09 Dienstag Nov 2021

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Kultur, Projekte, Theater

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Pantomime hat viele Facetten: Anton Adassinsky vom Derevo Laboratorium, Michael Meinel, Vorsitzender des Mimenstudio Dresden e.V. und der „Vater der Dresdner Pantomime“ Ralf Herzog in Vorfreude auf das Festival der stummen Kunst. Foto: Veranstalter

Von Artistik bis Slow Motion – Die verblüffende Vielfalt der „Kunst ohne Worte“


Das 36. Internationale PantomimeTheaterFestival Dresden bietet  vom 10. bis 14. November viel Abwechslung und Unterhaltung im Theaterhaus Rudi, Fechnerstraße 2a in Dresden und sucht gleichzeitig Unterstützung bei seinen Fans. 

Pantomime ist die Grundlage vieler darstellender Künste und beeinflusst ungezählte Facetten des modernen Bewegungstheaters. Neben dem klassischen Spiel, das vor allem durch Altmeister Marcel Marceau bekannt wurde, zählen auch Tanztheater, Maskenspiel und Artistik dazu. Vom 10. bis 14. November 2021 macht der Mimenstudio Dresden e.V. diese Vielfalt erlebbar und lädt zum 36.Internationalen PantomimeTheaterFestival Dresden ein. Hier kann man in elf Vorstellungen die faszinierende Vielfalt an Spielarten der „Kunst ohne Worte“ entdecken. Der gastgebende Mimenstudio Dresden e.V. begrüßt in diesem Jahr zehn Ensembles bzw. Solokünstler aus vier Nationen.

Das Festival beginnt mit einer Gala, in der sich verschiedene Künstler des Festivals vorstellen. Am Sonntag ist eine Familienvorstellung für Kinder ab vier Jahren geplant, und am Samstagabendabend lädt der „Vater der Dresdner Pantomime“ Ralf Herzog zum Mitmachen ein beim beliebten Impro–Abend. „Nachdem wir das Festival 2020 Corona–bedingt absagen mussten, gehen wir erneut an den Start“, so der Vorsitzende des Mimenstudio Dresden e.V. Michael Meinel. „Wir freuen uns, dass fast alle Künstler wie vor einem Jahr geplant dabei sein werden und bieten sogar elf statt zehn Vorstellungen an. Mit dem Ticketkauf sollte man nicht so lange warten, denn wegen der 3G–Regel haben wir nur 50 von 100 möglichen Plätzen zur Verfügung.“

Eine Gala bildet den Auftakt für eine spannende Reise durch die Spielarten der Pantomime 

Den Auftakt bildet am 10.11. eine Gala–Show, in der die angereisten Künstler jeweils einen Ausschnitt aus ihren Programmen zeigen und Appetit machen auf den Besuch des Festivals. Ob das Tanztheater „DirtzTheatre“ mit zum Leben erweckter Puppe (entfällt leider!) oder ein wortloser Western um den rachedurstigen „Django“ mit dem „Knalltheater“ – die Kunst des Bewegungstheaters ohne Worte ist so vielschichtig wie unterhaltsam. Das Theatro Continuo kombiniert Körper–, Puppen– und visuelles Theater, und Nabil Zanabili gibt mit drei Ausschnitten aus seinem Soloprogramm einen spannenden Einblick in seine Kunst.

Freunde von Comedy sind in der Vorstellung von Benoit Turjman („Les Transports Publics“) genau richtig, der als „französischer Mister Bean“ gilt. Oder man besucht den Abend des Duos Mimikry, das Comedy mit Schwarzem Humor verbindet. Handstandkünstler Moritz Lucht beeindruckt mit seinen akrobatischen Ausdrucksformen, wenn er zwischen zwei Stühlen fast in den Wahnsinn ge-
rät. Der tschechische Ausnahme–Pantomime Radim Vizvary bündelt viele Genres in seiner Kunst. Er macht gleich dreifach erlebbar, was Pantomime heute alles kann: in seinem Soloprogramm, einer Kindervorstellung und einem Workshop.

Das Tanztheater des Derevo Laboratoriums ist mit dem Tänzer Anton Adasinskiy und der Cellistin Ekaterina Gorynina dabei und ihrem Stück „Reinheit“ zum Thema der Musik von Johann Sebastian Bach (So., 14.11., 18 Uhr).


Handstand lernen oder mit einem Objekt agieren –Workshops für jedermann sind geplant

Begleitend werden am Wochenende drei Workshops über 2 bis 3 Stunden für jedermann angeboten, für die sich theateraffine Laien für je 15 bzw. 10 Euro anmelden können. „Es ist uns wichtig, dass das Festival Vorstellungen und Workshops unter einem Dach vereint“, erklärt Michael Meinel. „Das war schon 1982 ein Anliegen, als das Festival von Ralf Herzog und Rainer Petrovski in Dresden gegründet wurde. Der fachliche Austausch der Künstler hat das Genre international immer voran gebracht.“

Beispielsweise kann man sich in der Kunst des Handstands üben, unterrichtet von Moritz Lucht, der Akrobatik und Pantomime auf faszinierende Weise verbindet. Oder man beschäftigt sich im Workshop von DirtzTheatre mit einem selbst gewählten Objekt und versucht, durch seine Nutzung fantasievolle Geschichten zu kreieren. Und im Workshop von Beniot Turjmen geht es darum,
mit dem Unsichtbaren zu spielen und durch Illusionen und Verwandlung Neues zu erzählen.

Bereits ab 5. November gibt es drei Workshops mit Anton Adasinsky vom Derevo Laboratorium. Neben einem 13–stündigen Kurs zum Thema Körperarbeit gibt es am 9.11. einen zweistündigen Workshop zum Thema Rhythmus und Bewegung, an dem auch Kinder ab 8 Jahren teilnehmen können.


„Der Verein organisiert das Festival im Ehrenamt und freut sich dieses Jahr mehr denn je über Unterstützung“, so Michael Meinel. „Daher sind wir den verschiedenen Einrichtungen der Kulturförderung sehr dankbar, zumal wir durch die Platzbegrenzung weniger Tickets verkaufen können. Wer uns darüber hinaus helfen möchte, findet in den Vorstellungen eine Spendenbox und auf der Homepage unser Spendenkonto. Außerdem freuen wir uns über ehrenamtliche Hilfe, zum Beispiel für den Fahrdienst oder als Volunteer in der Organisation.“

Text + Fotos: Sabine Mutschke

Tickets für das Pantomimefestival gibt es bei SAX–Ticket, bei Reservix und angeschlossenen
Vorverkaufsstellen. Die Tickets kosten 17,70 Euro (Abendkasse 20 Euro), ermäßigt 14 Euro
(AK 15 Euro). Anmeldungen für die Workshops nimmt der Verein Mimenstudio Dresden e.V. direkt entgegen unter info@mimedresden.de. Teilnahmegebühr für die 3 Workshops am 9. und 10.11.21: Erwachsene 15 Euro / Kinder, Schüler, Azubis, Studierende 10 Euro
Workshops
vor Beginn des Festivals vom 5. – 9.11.21
Details
über die drei Workshops mit dem Derevo Laboratorium vom 5. bis 9.11.
(Dauer
13 /5 /2 Stunden, Preis 100 /80 /15 Euro) findet man auf  http://www.mimedresden.de


Kontakt


36. Internationales PantomimeTheaterFestival Dresden vom 10.11. bis 14.11.2021

Koordination und Künstlerische Leitung: Michael Meinel

Träger: Mimenstudio Dresden e.V.

info@mimedresden.de

T +49 (0)151 55 61 98 99


Das diesjährige Festival wird gefördert durch

–
Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
– Amt für Kultur und Denkmalschutz der LH Dresden

– Stadtbezirksamt Dresden–Pieschen

– Ostsächsische Sparkasse Dresden

– Bund Deutscher Amateurtheater

– Institut francais Berlin

– Lions Hilfswerk Dresden Semper e.V.

Spendenkonto des Mimenstudio Dresden e.V. bei der Ostsächsischen Sparkasse Dresden:
IBAN: DE61 8505 0300 3120 0009 99 / BIC: OSDDDE81

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Wiederaufnahme: „Stummes Land“ von Thomas Freyer im Staatsschauspiel Dresden

12 Dienstag Okt 2021

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Kultur, Theater

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Eigenes und Fremdes: Vier einstige Schulfreunde stellen fest, wie sehr sie sich mit
ihren Idealen und Ansichten voneinander entfernt haben. Foto: Sebastian Hoppe

Im Kreislauf der Geschichte

Von alten und neuen Vorurteilen, Ängsten, Unsicherheiten und dem Überwinden der Sprachlosigkeit erzählt spannend, grotesk-komisch und schmerzlich nahegehend das Stück „Stummes Land“ von Thomas Freyer in der Regie von Tilmann Köhler. Heute, 12.10. und 13.10., 19.30 Uhr wieder im Kleinen Haus in Dresden zu sehen.

Im Dunklen stehen sie, zwei Männer und zwei Frauen kämpferisch mit Hockern in der Hand, auf der Bühne. Das Publikum sitzt ringsherum um die SchauspielerInnen und den sie an der Gitarre begleitenden Musiker Matthias Krieg. Das Licht geht an, vier Menschen treffen sich in der ostdeutschen Kleinstadt  wieder, in der sie zur Schule gegangen sind. Sie begrüßen sich freundlich, fragen sich was sie so machen und trinken aus Wasserflaschen „Wein“. Etwas argwöhnisch fragt Daniel, der durch die Welt jettende Managertyp (Benjamin Pauquet) ob das Lamm ist, das Esther (nach außen strahlend erfolgreich: Fanny Staffa) zubereitet hat. Er nennt Soska (Oliver Simon) einen Griesgram und ein Teil von ihm sei immer kampfbereit. Und Laura (Karina Plachetka) wird den schusseligen Fleck von Kindertomatensoße auf ihrer Bluse nicht los und wünscht sich in ihrem blaugemusterten Kleid, einmal unbekleckert das Haus zu verlassen. Anfangs können sie noch über ihre Marotten und Eigenarten lachen, doch bald wird der Ton ernster, härter, skeptischer und lauernder als auf einmal ein Rassismus-Vorwurf im Raum steht.

Alle fühlen sich angegriffen und widersprechen, verteidigen sich bis sie es nicht mehr aushalten und sich Luft machen. Ein ebenso packender wie emotionsreicher, grotesk-komisch inszenierter Kreislauf zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist die Inszenierung „Stummes Land“ von Thomas Freyer in der Regie von Tilmann Köhler. Die Premiere war am 25. September vor einem Jahr im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Die vier einstigen Schulfreunde sitzen nicht nur mit Abstand am Tisch, sie haben sich auch im Leben und in ihren Ansichten voneinander entfernt. Laura stellt fest, wie sehr  sich die Heimat verändert hat. Vielleicht etwas zu schnell, meint Esther. Sie fühlt sich wohl hier, hingegen stören sie „übermalte Wände und Geschichte“. Soska erzählt von einem jungen Türken, den er mit seinem Besuch fest im Blick hatte, ihn beobachtete und belauschte hinter der Tür. Die Angst hocke hinten im Kopf, erklärt Soska. Und fragt die anderen, ob sie den Mut hätten, sich so zu zeigen wie sie sind?!

„Die Worte hallen noch in den Räumen zwischen den Gedanken“, das beunruhigt Soska. Erschrecken über diese Gedanken, über Eigenes und Fremdes, Vorurteile und Ängste, die sie auslösen. Denken wie die Väter. „Wo, wenn nicht hier, können wir uns diese Grässlichkeiten von der Seele reden!“, fordert er die anderen zu Ehrlichkeit zu sich selbst heraus. Einer nach dem anderen erzählen sie ihre Geschichte über versteckten, ungewollten oder unverhohlenen Alltagsrassismus. Doch wann beginnt er, wann sind die Vorwürfe berechtigt oder übertrieben, eingebildet?

Berührend und bedrückend zugleich die Schilderung von Laura, die einen Blick für Diskriminierung und Ungerechtigkeiten habe wie sie sagt und sich in einem Verein für geflüchtete Frauen engagiert. Doch eines Tages sah sie vor ihrem Haus einen Mann, der in der Mülltonne wühlte und dachte, was will der da, in unserem Müll?! Sie schämt sich für diesen Gedanken und hält sich die Hände vors Gesicht.

Dann ein lauter Knall. Eine tote Gestalt in dunkler Metallfolie fällt von der Bühnendecke. Die vier zerren an ihr und finden ein Paket mit Inschrift: Berlin 1961, August, Mauerbau. Eine Zeitreise beginnt, zurück in die frühere DDR und davor die Zeit des Nationalsozialismus. Die vier Jugendfreunde schlüpfen in die Rolle ihrer Eltern, erzählen von den politischen Ereignissen und wie sie sich verhielten und zeigen sie mit dem Blick der Kinder. Ideal, Verklärung, Gerüchte und Wirklichkeit, das Rot der Arbeitermacht, Streit, Verrat, Bespitzelung und Gewalt prallen drastisch zugespitzt aufeinander. „Ich bin noch zu jung, ich weiß von alldem nichts!“, wird immer wieder betont. Manches konnte oder will man nicht wissen. Bis hinein in die Gegenwart. Schwelt das Unausgesprochene, Empfundene, Erlebte und Beklagte weiter. Doch die Spannungen sind spürbar. Die Stimmen der Toten und Lebendigen vereinen sich und verhallen.

Immer lauter, offener und hasserfüllter reden die einstigen Jugendfreunde bis zu offener Gewalt mit umgestürztem Tisch und Stühlen.

„Da braut sich was zusammen. Da kommt was auf uns zu. Die Toten fliegen hoch. Sie trinken aus dem Himmel jetzt…“, bricht die Angst offen aus ihnen heraus. Sie fühlen sich verdrängt. „Von den Rändern zieht die Fäulnis längst zu uns…“ Die Darsteller gehen im Kreis und rufen den Zuschauern ihre beunruhigenden, düsteren Befürchtungen zu als wären es Tatsachen. Und man möchte sich am liebsten wegdrehen, aufstehen und weglaufen. Weg aus dieser dunklen Schwarzmalerrunde.
Doch wohin steuert die Entwicklung?, die spannende Frage bleibt offen. Das dürfen die Zuschauer für sich weiterdenken.

Die vier Unruhegeister mit weiß geschminkten Gesichtern schweben zum Schluss davon in einem Metallkäfig. „Und morgen früh ist alles weg… Es ist alles nur ein Spiel, es sind nur Gedanken. Wir reden hier nur ins Dunkle“, sagen die vier SchauspielerInnen zum Schluss. Schminke, Kostüme. Alles nur ein Job. Sie betonen es wie um sich vom Gesagten zu distanzieren. Doch wie weiß man, wie es in einem Menschen aussieht, wo die Ironie aufhört und der Ernst beginnt?! Viel Beifall gab es vom Premierenpublikum für einen Theaterabend mit viel Stoff zum Nachdenken, bitterkomisch und mit den Klischees spielend, herausfordernd, um hinter die Fassade zu schauen. Geschichte und Wirklichkeit und ihre Zusammenhänge differenziert zu betrachten und die Sprachlosigkeit zu überwinden, wenn jemandem egal woher, Unrecht geschieht.

Text (lv)

Nächste Aufführungen: 12. und 13. Oktober, 19.30 Uhr und 31.10., 19 Uhr im Kleinen Haus

http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Die Gespenster der Vergangenheit lassen nicht los.
Foto: Sebastian Hoppe

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Premiere „Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie“ im Schauspielhaus Dresden

09 Samstag Okt 2021

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater

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Was zählt? Worin investieren? Lust und Frust, Ideale und Wirklichkeit, Gemeinschaftssinn und Geschäftemacherei prallen rasant und aberwitzig aufeinander in der Tartuffe-Inszenierung von Volker Lösch. Fotos: Sebastian Hoppe

Der Gott des Kapitals

Werte, Geld, echte und behauptete Gemeinschaft kommen grotesk-komisch und mit vielen Denkanstößen auf den Prüfstand in Volker Löschs Inszenierung „Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie“ frei nach Molière von Soeren Voima im Schauspielhaus Dresden. Ein großartiges Stück genau zum richtigen Zeitpunkt!

Lautes Wehklagen ist aus dem Theaterraum bis ins Foyer zu hören. Jammernd wirft und wälzt sich ein Mann auf der Bühne vor dem Vorhang auf den Boden. Kopfschüttelnd, wutschnaubend kriecht er umher als suche er etwas. Steht auf und schaut stumm, fragend ins Publikum. Er trägt einen roten Pulli, schwarze Lederjacke. Jeans und halblanges, wirres Haar. Er sei Sozialdemokrat, behauptet er. „Ich bin kein Ausbeuter!“, macht er sich in einem minutenlangen Monolog Luft. Orgon hat schwer an seiner Erblast zu tragen. Wenn er nicht schleunigst die Mietschulden seiner Freunde im Haus eintreibt, will seine Mutter ihn enterben und alles der Kriegsgräberfürsorge spenden!

Da ist guter Rat teuer und ein Wettlauf mit der Zeit, ihren Wirrnissen, Widersprüchen auf der Suche nach einem Ausweg beginnt. Das ist ebenso spannend wie streitbar und grotesk-komisch inszeniert in der Komödie „Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie“ von Soeren Voima nach Molière und nach Kapital und Ideologie von Thomas Piketty in der Regie von Volker Lösch. Die Uraufführung war am Abend vor der Bundestagswahl im Schauspielhaus Dresden. Ein brisantes und hochaktuelles Stück über Wahrheit, Wirklichkeit und Werte, echte und falsch verstandene Gemeinschaft und wohin dies führt in Zeiten der Krise, kam mit „Tartuffe“ auf die Bühne.

Die Neufassung von Molières Komödie, die fast durchgehend gereimt ist, versetzt Tartuffe in die Gegenwart und blickt im Zeitraffer anhand von dokumentarischen Filmaufnahmen und mit Musik von Rio Reiser bis Reinhard Mey auf die Geschichte der vergangenen 40 Jahre in Deutschland in drei Stunden. Die Handlung spielt von 1980 bis in die Gegenwart.

Auf einer Drehbühne mit der Kulisse eines alten Hauses mit labyrinthartigem Treppenhaus wird das wildromantische Leben der Bewohner einer Wohngemeinschaft heftig durcheinander geschüttelt. Die blättrigen Wände zieren Plakate von Che Guevara und Lenin. Bierkästen stapeln sich. Die Kommunebewohner teilen alles, Wohnraum, Sex, Freuden und Nöte. Zwei Frauen und ein Mann vergnügen sich auf der Dachterrasse. Es wird lebhaft diskutiert über Sex, Politik und Ideologie.

Orgon (Jannik Hinsch) ist hin und her gerissen zwischen seinen Freunden und ihren Ideen, zwischen Chaos und Verfall des Hauses und diesen aufzuhalten. Er ruft seinen Studienfreund Tartuffe zu Hilfe, mit dem er die Wohngemeinschaft durcheinander wirbelt. Sie und ihre Werte seien out. Nur noch Stillstand und Mief. Mit großspurigen Versprechungen und Sprüchen wie „Kapital als Sprungbrett“ sehen, lockt Tartuffe die Kommunebewohner, einen nach dem anderen aus ihrer Abwehrhaltung und bringt sie mit berauschenden Mittelchen und Partys dazu, beim Spiel ums große Geld mitzumachen.

Tartuffe treibt alle an und hintergeht alle, nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Philipp Grimm spielt beängstigend gut den Aufschneider, Einflüsterer, Demagogen mit mal spitzbübisch, närrisch grinsendem und mal militant diktatorischem Gebaren, in weißen Hosen, Stiefeln und schwarzer Lederjacke mit Uniformklappen, dunkel gegeltem Haar und Schnauzbart. Tartuffe versteht sich blendend mit Orgons Mutter (Thomas Eisen), einer üppigen, wütend geifernden, geldgierigen und ordinären ältlichen Blondine im leopardengefleckten Kleid mit „Führerkomplex“, die zu allem bereit ist. Herrlich seine Parodie des Hits „Live ist Live“ mit übertriebenem Pathos unter dem halb geschlossenen Vorhang, als Cousin West und Ost sich umarmen nach der deutschen Wiedervereinigung. Wehmütiger Rückblick auf die Umbruchszeit 89 und nach dem Mauerfall, die ersten Schritte in die Freiheit.

Als Onkel Cléante (Oliver Simon) aus dem Osten, kurz Klaus genannt, von dem sozialen Wohnprojekt hört, hält sich seine Begeisterung in Grenzen. Aus so einem großen Wohnprojekt kommt er gerade her und hat die Nase voll davon ebenso wie von den vollmundig versprochenen „blühenden Landschaften“ aus der Ära Kohl. Als gelernter DDR-Bürger spricht er warnende Worte: „Liberalismus, Marktwirtschaft, politische und wirtschaftliche Freiheit gehören zusammen. Die persönliche Freiheit des einzelnen ist außerdem unverzichtbar.“ Es gehe um einen sozialen und moralischen Wettbewerb.

Tartuffe stellt spöttisch die Macht-Frage: „Pflaume oder Kaktus sein!“ Wie im Rausch unterschreiben die Kommunebewohner in schicken Anzügen als Businessmen Verträge, nehmen teure Kredite auf für den Kauf der eigenen Wohnung, erwerben Immobilien in Amerika, feiern, prassen und verlieren alles beim Börsencrash 2008.

Tartuffe lässt sich nicht aufhalten, er wird immer fetter und dreister, hemmungsloser bis er schließlich ganz oben auf der Dachterrasse steht. Er predigt und hält eine Lobrede aufs Geld wie ein Gott des Kapitals. Und beteuert, dass es nur am Geld fehle, dass die Welt so ist wie sie ist. Für alle reiche es eben nie! In Löschs Inszenierung wird Tartuffe zum knallharten Verfechter neoliberaler Ideologie und Wirtschaftspolitik.

Einen fröhlich unbekümmerten Rap über das Glück des Flow, bei dem alles fließt, man alles um sich herum vergisst und pure Energie bekommt, setzt Damis, der Tantralehrer (Yassin Trabelsi) dagegen, der größtenteils nackt umherläuft. Neue Spielregeln und Gesetze fordert eine Frau in orangener Latzhose (Eva Lucia Grieser): „Unsere Hausgemeinschaft wird aus der Krise lernen, alles andere wäre verrückt!“

Dann taucht auch noch überraschend Tartuffe`s Nachwuchs, eine kleine, kesse Göre (Lara Otto) auf, die ihr Erbe von ihm einfordert. Und der Verführer wird selbst zum Verführten, nachdem Orgons Frau Elmire (leidenschaftlich rebellisch: Henriette Hölzel) mit ihm ein kleines „Tischfeuerwerk“ vollführt hat, während ihr Mann unter dem Tisch belauscht wie Tartuffe wirklich über ihn denkt. Anders als bei Molière reitet kein helfender Retter am Schluss herbei, sondern Tartuffe verschwindet im goldenen Fahrstuhl mit einem Schrei in der Tiefe.

Danach treten die zehn SchauspielerInnen nacheinander in Privatsachen auf die Bühne und reden in einem ausführlichen ökonomischen Diskurs, verfasst von dem französischen Ökonom Thomas Piketty, über soziale Ungleichheit, deren Ursachen. neoliberale Ideologien, welche die Sozialsysteme verdrängen, während die Spaltung der Gesellschaft in arm und reich immer größer wird durch maßlose Konzentration von Eigentum in wenigen Händen. Das ließe sich ändern, indem z.B. die progressive Vermögenssteuer für Konzerne erhöht werde, die immer weniger Steuern zahlen. Eine gerechte Umverteilung der Steuereinnahmen von Konzernen auf die Gesellschaft zu ermöglichen und die Lasten der Pandemie gerechter zu verteilen. Dadurch würde ein konstruktiver Wettbewerb zwischen den Unternehmen um das profitabelste und engagierteste bei der sozialen Umverteilung entstehen.

Mit dieser Tartuffe-Inszenierung bezieht Regisseur Volker Lösch („Die Dresdner Weber“, 2005 und „Das Blaue Wunder“, 2019), der bekannt dafür ist, brenzlige Themen mit sozialem Zündstoff auf die Bühne zu bringen, klar Haltung und legt den Finger in die Wunde der Gesellschaft. Ein starkes, packendes, ebenso desillusionierendes wie visionäres Stück mit vielen Denkanstößen, das einlädt zum Diskutieren und neue Wege zu gehen. Viel Beifall und Bravo-Rufe gab es dafür zur Premiere.

Text (lv)

Nächste Aufführungen: 17.10., 19 Uhr und 30.10., 19.30 Uhr im Schauspielhaus Dresden.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Tartuffe und Wunschkonzert als herausragende Inszenierungen beim Berliner Theatertreffen und beim Sächsischen Theatertreffen dabei

Gute Auswahl! Im Staatsschauspiel Dresden ist die Freude groß, da zwei Inszenierungen im Jahr 2022 sowohl zum Berliner Theatertreffen als auch zum Sächsischen Theatertreffen eingeladen wurden. Im Haus der Berliner Festspiele wird am 21. und 22. Mai 2022 DER TARTUFFE ODER KAPITAL UND IDEOLOGIE, inszeniert von Volker Lösch, als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen im deutschen Sprachraum zu sehen sein. Das Sächsische Theatertreffen 2022 findet in diesem Jahr am Theater Plauen-Zwickau statt. Am 13. Mai 2022 wird im Vogtlandtheater Plauen der Beitrag des Staatsschauspiels Dresden WUNSCHKONZERT + WARUM LÄUFT HERR R. AMOK?, inszeniert von Lilja Rupprecht, gezeigt.

 

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„Luftholen – in der Stadt!“ – ein musikalisch-theatralischer Rundgang

07 Donnerstag Okt 2021

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Kultur, Lebensart, Musik, Projekte, Theater, Unterwegs

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Alles erzählt etwas… Titelplakat von Annette von Bodecker zu „Luftholen – in der Stadt!“ Ein musikalisch-theatralischer Rundgang in Dresden.

Geschichten an Orten zwischen Gestern und Morgen

„Luftholen – in der Stadt! Stadtspaziergang“. Rund 15 KünstlerInnen laden an ca. sieben Haltestationen zu einem musikalisch-theatralischer Rundgang am 10. Oktober, um 14 Uhr ein. Je nach Bedarf auch schon um 11 Uhr der erste Rundgang. Eintrittfrei! Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes „Dresden Open Air-Kultursommer 2021“.

Nach den erfolgreichen Vorstellungen „Luftholen“ in der Dresdner Heide Stechgrund am 27. Juni 2021 kommt nun ein Pendant in der Stadt. Ausgangs- und Endpunkt ist der Bahnhof Neustadt. „Wir haben meistens unsere Ziele im Kopf und gehen von A nach B. Sich Zeit lassen und in der eigenen Stadt auf Entdeckung gehen – das ist der Stadtspaziergang“, sagt die Initiatorin und freischaffende Schauspielerin Regina Felber.

Orte zwischen gestern und morgen. Orte wie der Friedhof. Vor Häuser-Fassaden stehen bleiben. Unter einem Brückenbogen oder in einem Garagenplatz einfach mal verweilen. Alles erzählt etwas. Es gibt einen Briefwechsel, der vor 250 Jahren so locker und leicht geschrieben ist als wäre er von heute. Von einer Schriftstellerin, deren Grab auf dem Friedhof Innere Neustadt zu finden ist.

Wie melden wir uns heute von unterwegs? Wie schicken wir Nachrichten? – Hier werden unterschiedliche Geschichten, mal musikalisch, mal theatralisch zu sehen und zu hören sein. Es ist keine historische Stadtführung, sondern ein Spaziergang, bei der Aktionen an ungefähr 7 Haltestationen mit etwa 15 Künstlern stattfinden.

Die Aktionen sind assoziativ, die Orte sprechen für sich. Es wird die Möglichkeit geben, ein Picknick zu genießen. Das Wetter kann leider nicht geplant werden, darum empfiehlt es sich, entsprechend der Witterung im Herbst sich zu kleiden.

An mögliche Überdachungen während der Strecke ist gedacht. Ungefähre Dauer: etwa 2 Stunden. Ebenso an die Durchführbarkeit in der aktuellen Situation. Kleine Gruppen von 20-25 Personen werden die Strecke entlang geleitet. Durch eine online- Anmeldung ist eine Verteilung auf 14 und 16 Uhr, damit auch die Kontaktrückverfolgung, falls dies notwendig sein sollte, gewährleistet ist.

Ein 11 Uhr-Rundgang wird bei Bedarf zusätzlich angeboten werden.

Infos und Anmeldung: https://luftholen.regina-felber.de

Welche Künstler sind dabei?
Von der Schauspielerei: Julia Henke, Regina Felber und Robby Langer, der Unterhaltungskünstler Joachim Lippmann, die Musiker Neo Stateman, Matthias Macht, von der Musikhochschule Dresden Sujin Lee und Inkyu Park, die Tänzerin Sabine Jordan…um einige zu nennen

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Premiere „Leonce und Lena“ nach Georg Büchner auf der Bürgerbühne im Kleinen Haus

02 Samstag Okt 2021

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Kultur, Theater

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Raus aus der Enge im Zimmer, ständigen Streaming, hinaus auf die Bühne und ins Leben… Fotos: Sebastian Hoppe

Das Leben wieder spüren

Um Ausbruch aus der Enge, Veränderung, Vergänglichkeit und Lebenssinn geht es in absurd-komischen, traurigen und berührenden Szenen und Liedern in der Inszenierung „Leonce und Lena“ nach Georg Büchner mit zehn jungen SpielerInnen der Bürgerbühne im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Auf einer Leinwand erscheinen sprechende Gesichter mit starrer Miene in weißen Halskrausen. Die jungen Darsteller halten Schilder mit den Namen ihrer Figuren in die Kamera und kündigen eine digitale Livestream-Aufführung wegen Corona an. Doch dann kommt alles anders. Mit ebenso viel Spiellust wie Wut im Bauch und Wagemut durchbrechen sie die „Automaten-Version“ aus „Leonce und Lena“ in lebendiger Interaktion gemeinsam mit dem Publikum. Frei nach dem Lustspiel von Georg Büchner in einer Fassung von Joanna Praml und Dorle Trachternach eröffnete die Inszenierung der Bürgerbühne am Freitagabend im Kleinen Haus die neue Spielzeit im Staatsschauspiel Dresden.

Ein herunter fallender Stein bringt die Sache ins Rollen. Die zehn jungen Spielerinnen und Spieler haben genug von nur digitalen Gesichtern und zuhause sitzen. Einer reißt die Leinwand weg. Zunächst zögernd, dann immer ungestümer ist der Ausbruch aus der gähnenden, lähmenden Langeweile und das Leben wieder spüren. Als Kulisse dient ein Metallgerüst mit vergitterten Zimmern. Spielend erobern sich die Jugendlichen von der Bühne aus die Welt und tun all das, was sie über ein Jahr während der Pandemie nicht konnten. Rausgehen, reisen, etwas gemeinsam mit anderen erleben und kreiern, sich ausprobieren.

Sie spielen Leonce und Lena, aber vor allem sich selbst, offen, ehrlich und witzig-ironisch. Sie streiten, feiern, flirten und jeder will einen Leonce oder eine Lena für sich finden. Die frisch Verliebten, Kasimir Pretzschner und Flavia Berner, trennen sich und finden wieder zusammen. Lustig und unbeirrt wirbelt als Valerio und „Bachelor von Oberloschwitz“ Christian Göhler umher und spielt faszinierend Cello. Für  Heiterkeit sorgt der ständig seine Hose suchende, einsame König (Danny Mlaouhia).

Absurd-komische, traurige, melancholische, laute und leise, nachdenkliche Szenen, Lieder und Klänge, italienische Schmuseschlager und wild rockige Musik begleiten in schnellem Wechsel die Fragen der Jugendlichen nach dem Lebenssinn, Veränderung und Vergänglichkeit. Die Aufführung ist intensiv, spontan und einfallsreich. Ein großartiger Start, symbolhaft auch für die Kraft und Magie des Theaters, in die neue Spielzeit des Staatsschauspiels Dresden. Viel Beifall und stehende Ovationen gab es vom Publikum.
Die nächsten Vorstellungen von „Leonce und Lena“ sind am 3. Oktober, 19 Uhr  (bereits ausverkauft, evt. Restkarten an der Abendkasse) und am 14. Oktober, 19.30 Uhr im Kleinen Haus.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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Dolce Vita: Radebeuler Weinherbst mit Wandertheater & Musik

01 Freitag Okt 2021

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Genießen, Kultur, Lebensart, Musik, Theater

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Kabaret Kalashnikov: Humor & Lebensfreude unter freiem Himmel beim Radebeuler Weinherbst auf dem Dorfanger in Altkötzschenbroda. Foto: Andrzej Lazowski


Beschwingt & romantisch: Auf dem nostalgischen Theaterkarussell im Festgelände schlagen kleine und große Herzen höher. Foto: Claudia Hübschmann

„Dolce Vita“ – Das süße Leben mit reichlich Kultur und Rebensaft

Radebeul feiert den sächsischen Wein. das internationale Theater und das „süße Leben“. Unter dem Motto „Dolce Vita“ findet in diesem Jahr vom 1. bis 3. Oktober der Radebeuler Weinherbst statt.

Als dezentrale kleinteilige Veranstaltung wird das Fest mit Aufführungen internationaler Wandertheater und Musik bereichert, bei dem Elemente des beliebten Herbst- und Weinfestes zu finden sind.

Drei Tage lang können die Besucher auf mehreren Veranstaltungsinseln rund um den historischen Dorfanger in Altkötzschenbroda das Zusammenspiel aus Theater, Musik, Wein und Kunst erleben. Winzer und Weinbauvereinigungen bieten frischen  Federweißen und erlesene Weine aus den Anbaugebieten Sachsen und Saale-Unstrut an. In gemütlicher Atmosphäre können Weinliebhaber die edlen Tropfen genießen und mit den Winzern ins Gespräch kommen.

Theatergruppen und Solokünstler zeigen eindrucksvolle Inszenierungen für Jung und Alt, die von Schauspiel über Clownerie bis hin zu Figurentheater und Comedy reichen.
Beim Kabaret Kalashnikov verschmelzen hochklassige Akrobatik, schräger Humor und knallige Balkan Beats zu einer turbulenten Show, die alle Genre-Grenzen sprengt – eine phantastische Mixtur direkt aus dem Berliner Underground. Von der Straße auf die Bühne geht es für Matiz alias Flash Gonzalez aus Chile. Der subtile Clown präsentiert keine großen, magischen Illusionen, vielmehr beruht sein Zauber in den kleinen,
liebevollen Details aus denen eine mitreißende Komik resultiert. Ohne Plan und ohne Worte, dafür mit waghalsigen Kunststücken, schrägen Improvisationen und einer Portion frischem Humor interagiert das belgische Clowns-Duo OKIDOK mit dem Publikum. Nur in weißen Unterhosen bekleidet, repetieren sie kurzerhand die Menschwerdung vom Primaten zum Homo Sapiens.

Tierisch wird es auch mit dem Niederländer Pieter Post und seiner Performance „The Turtle – Doing nothing is hard work“. Auf der Suche nach der Bedeutung der Faulheit führt er die Zuschauer auf eine epische und humorvolle Reise mit einem langsamen Beginn, bizarren Stunts und einem spektakulären Ende.

Auf dem Kirchplatz laden nationale und internationale Musikgruppen zum Feiern und Tanzen ein. Kristin Amparo und John Runefelt aus Schweden bringen mit Charisma, soulig-samtigem Gesang und grandioser Bühnenpräsenz den Jazz nach Radebeul. Das dänische Quartett Brothers Moving gilt als eine der einflussreichsten Straßenbands und rockt mit ihrem Mix aus Blues, Folk Rock und Funk weltweit die Gehwege. Mit virtuoser Spielwut zaubert Thomas Putensen immer neue Stücke auf seinem Klavier und wechselt von sanftem Blues zu Rock’n’Roll oder Klassik. Wo der Hüne aus dem Norden auftaucht, herrscht ausgelassene Stimmung und das Publikum darf kräftig mitsingen.

Zur Musik von Duo Draak dreht sich auf dem Platz vor dem Kuffenhaus das nostalgische Theaterkarussell von Georg Traber (Schweiz). Bei den schwungvollen Runden verschwimmen Alltag und das bunte Treiben gleichermaßen und auch erwachsene Fahrgäste verspüren noch einmal die Freude und Unbeschwertheit ihrer Kindheit. Zur Kinderkirmes auf den Streuobstwiesen warten Spiele und Abenteuer auf alle kleinen Gäste. Dort können sie nach Herzenslust herumtoben, die Umgebung auf dem Rücken eines Esels erkunden und anschließend am prasselnden Lagerfeuer handgemachten Klängen lauschen. Zudem lockt der Rummel wieder viele
Familien auf die Festwiese.

Auf der Elbwiese installieren Richard von Gigantikow und sein internationales Künstlerteam – im Rahmen des Projektes „Kunst am Fluss“ – einen unverwechselbaren Skulpturengarten. Mit ihrem Labyversum erschaffen sie auf dem Radebeuler Weinherbst einen Ort der Begegnungen und der Wunder.

Und auch in den Radebeuler Weingütern wird es an dem Veranstaltungswochenende unterhaltsam. In idyllischer Lage umgeben von Weinreben können die Besucher kulinarische Genüsse und Live-Musik erleben. So lädt unter anderem das Haus Steinbach zu einem gemütlichen Weinabend mit Live-Musik von Erik Jorgal, bei dessen melodischen und ruhigen Songs die Gäste in Tagträumen schwelgen.

Wie bereits im letzten Jahr, wird der Weinherbst eintrittsfrei sein. Das Publikum ist herzlich aufgefordert in den Hut der Künstler zu spenden. Durch notwendige Besucherzahlbeschränkungen kann es an den einzelnen Veranstaltungsorten eventuell zu Wartezeiten kommen.

Mehr Informationen:
http://www.weinfest-radebeul.de
http://www.facebook.com/weinfestradebeul


„Kunst am Fluss“ mit Skulpturengarten & Labyversum auf den Streuobstwiesen in Altkö. beim Radebeuler Weinherbst. Foto: Claudia Hübschmann

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Lilli Vostry

Ich bin als Freie Journalistin (Wort/Foto) seit 1992 in Dresden tätig. Schreibe für Tageszeitungen und Monatsmagazine vor allem Beiträge über Bildende Kunst, Theater, soziale Projekte und Zwischenmenschliches. Außerdem Lyrik und Kurzprosa. Bisher vier BilderGedichtKalender zusammen mit Künstlern veröffentlicht. Fernstudium Literarisches Schreiben im Herbst 2022 erfolgreich abgeschlossen, Schriftstellerdiplom. Kindheitstraum erfüllt. Fotografiere gern Menschen, Landschaften, besondere Momente.

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  • Start in die neue Spielsaison im Mittelsächsischen Theater: José Luis Gutiérrez dirigiert das Orchester mit viel Schwung
  • Wunderreiche Welt & unbequeme Wahrheiten: dem Lügenmuseum Radebeul droht die Räumung

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