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Kategorien-Archiv: Theater

Lebensfreude & Genuss contra Ignoranz beim Gastspiel „Chocolat“ mit Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer & Les Manouches Du Tannes im Schauspielhaus Dresden

04 Donnerstag Jan 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Kultur, Lebensart, Poesie, Theater, Zwischenmenschliches

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Unfreiwillige Verführung zu Genuss & Lebensfreude: als krass sittenstrenger, lebensfremder Dorfpfarrer und lebensfrohe Genießerin begeisterte das Schauspieler-Paar Harald Krassnitzer und Ann-Kathrin Kramer, begleitet von beschwingten Klängen von Les Manouches Du Tannes die Zuschauer im Schauspielhaus Dresden. Foto: Gia Carlucci Staufer

Genuss für Geist und Sinne

Ebenso reiz- wie spannungsvoll im Wechsel von Lebenslust, Streit über Moral und Werte, Humor und Gänsehaut und beschwingt-fröhlichen Klängen kam „Chocolat“ nach dem Roman von Joanne Harris in einer Aufführung mit Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer und den Musikern von Les Manouches Du Tannes auf die Bühne im Schauspielhaus Dresden.

Schon das Wort klingt verlockend. Es zerschmilzt auf der Zunge wie die Süßigkeit. Sie löst nachweislich Glückshormone und Wohlbefinden aus. Wer wollte ernsthaft etwas dagegen haben?! Doch ausgerechnet im Heimatland von Genuss und feinem Geschmack, in einem kleinen Ort in Frankreich, sorgen die kleinen Schokoladen-Köstlichkeiten für Aufregung, Argwohn, Anfeindung und Turbulenzen. Dabei geht es um weit mehr als nur um „Chocolat“ im Roman von Joanne Harris aus dem Jahr 1959, der als sinnebetörende Romantikkomödie und Märchen für Erwachsene unter Regie von Lasse Hallström im Jahr 2000 ein großer Kinoerfolg war. Mit Juliette Binoche in der Hauptrolle der jungen, alleinerziehenden Mutter, die auf dem Kirchplatz eines südfranzösischen Dorfes in einem leerstehenden, verfallenen Haus eine Patisserie eröffnet, einen kleinen Tempel für feinste Schokoladen. Und damit auf Missfallen beim Dorfpfarrer stößt, der alles unternimmt, ihre Chocolaterie zu verbieten und sie wieder aus dem Ort zu vertreiben.

Eine ebenso reizvolle wie heikle Geschichte mit Blick auf aktuelle Konflikte in der Welt, wo Ablehnung, Ausgrenzung, Hass und Gewalt gegenüber anderen Kulturen und Lebensvorstellungen zunehmen und der Sinn für Schönes, Verbindendes verlorengeht bzw. leidet. Am Neujahrstag kam „Chocolat“ nun als Gastspiel mit Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer sowie Les Manouches Du Tannes auf die Bühne im nahezu ausverkauften Schauspielhaus Dresden. Manche hatten sicher noch den in sinnlichen Bildern schwelgenden Kinofilm „Chocolat – Ein kleiner Biss genügt“ vor Augen. Ein Wagnis also für das Schauspieler-Paar Kramer und Harald Krassnitzer, die vor allem auf die Lust und Kraft der Worte, wandlungsreiches Spiel der verschiedenen Figuren mittels Stimme setzten und großartig begleitet wurden mit Musik im Stil des Sinto-Gitarristen Django Reinhardt mit mal beschwingten, fröhlichen, sanften, leisen und wehmütigen Klängen des Musikerquartetts um den Akkordeonisten Valentin Butt und den Geiger Roland Satterwhite.   

Die Geschichte gewinnt sogar an Spannung, Dramatik und Biss, da das Schauspieler-Duo sich ganz auf die gegensätzlichen Lebensweisen, Ansichten und Eigenarten der zwei im Mittelpunkt stehenden Figuren konzentriert. Vor sparsamer Kulisse, einem zwischen Chocolaterie und sakralem Kirchenraum hin und her wechselnden Bühnenbild und bunten Lämpchen bei den Musikern, spielt Ann-Kathrin Kramer die selbstbewusste, lebensfrohe Genießerin Vianne Rocher freundlich-gelassen, mit sanfter Stimme und bezauberndem Lächeln, so dass auch der Dorfpfarrer hin und her gerissen ist zwischen ihrer Ausstrahlung und verhexter Verführung mit ihren Schokoladen. Im Film ist es allerdings nicht der Dorfpfarrer, sondern der erzkonservative, sittenstrenge und asketische Bürgermeister Comte de Reynaud, der die Geschicke im Ort lenkt und die Bewohner in seinem Sinne versucht zu beeinflussen. Harald Krassnitzer spielt den Moralapostel zwischen Humor und Gänsehaut grotesk überzogen, wetternd und wutschnaubend, buchstäblich krass überall Laster und Verfall von Bräuchen und Werten witternd und dann wieder wehleidig und verbittert an sich und der Welt leidend. Da Vianne ihren Laden während der Fastenzeit eröffnet, nicht in die Kirche geht und alleinerziehende Mutter ist, offen und frei heraus lebt und mit ihrer herzlichen Art auch noch andere Dorfbewohner ansteckt, sieht er sie zunehmend als Widersacherin.

Über die Hintergründe der beiden derart konträr aufeinander treffenden Figuren erfährt man in dieser Aufführung leider wenig. So wirkt die Schärfe der Streitigkeiten teils übertrieben, altbacken, platt bis unverständlich. Der Gipfel der Unmoral ist für ihn erreicht, als ausgerechnet am „höchsten kirchlichen Feiertag, am Ostersonntag“ ein großes Schokoladenfest im Dorf stattfinden soll. Ostern sei doch ein Fest der Freude und was an Schokolade so schlimm sei?!, fragt Vianne den Dorfpfarrer heiter-spöttisch und fügt hinzu: „In diesem Ort ist genug Platz für uns beide!“ 

Doch die alte, noch immer lebenslustige Armande und Stammgast in Viannes Chocolaterie, weiß es besser: „Sie vertreiben jeden, der ihnen nicht passt! Passen Sie auf!“, rät sie Vianne. Das Geschehen eskaliert bei einer Geburtstagsfeier der alten Dame, die sie mit ihren Gästen am Fluss Tannes zusammen mit einer Gruppe Umherreisender ausklingen lässt. Dort verliebt sich Vianne in den Zigeuner Roux, den Johnny Depp im Kinofilm „Chocolat“ spielt, der als Figur gar nicht vorkommt in der Bühnenfassung, obwohl dies die Geschichte zusätzlich anheizt. Nachts geht ein Boot von ihnen in Flammen auf, inmitten der im Nachtblau gelb tanzenden Lichter und noch eben fröhlicher Musik. Doch es kommt noch ärger und tragikomischer. Der Dorfpfarrer fühlt sich als Versager, da er die Ehe von Josephine und ihrem prügelnden und trinkenden Ehemann nicht retten kann und bricht wütend, da sie jetzt bei Vianne untergekommen ist, nachts in ihren Laden ein und richtet eine Verwüstung an. Doch stärker als sein Groll ist die Intensität des Duftes und Aromas all der süßen Köstlichkeiten, die ihn überwältigen und hemmungslos kostet er die „verbotenen Früchte“. Köstlich Krassnitzers Schilderung der Szene im Schokoladenrausch, angewidert, verstört, schwärmerisch und begeistert zugleich mit spitzem Mund. Glückselig, schlafend und mit schokoladenverschmiertem Mund in den Auslagen im Schaufenster findet Vianne ihn am nächsten Morgen und weckt ihn.

Sie betrachtet ihn mit gütigem Lächeln und beim großen Schokoladenfest am Schluss wagen der Dorfpfarrer und die charmante Genießerin gar noch ein Tänzchen miteinander zu fröhlich-unbeschwerter Caféhaus-Musik. Zwei wie Feuer und Wasser. Kann das gut gehen?! Zumindest ist es ein leises Hoffnungszeichen für mehr Offenheit, Toleranz und Mitgefühl in einer Welt voller Gegensätze, in der es noch viele Orte gibt, die darauf warten, dass der Wind sich dreht und in der auch Wohlhabende bedürftig sein können. Viel Beifall vom Publikum gab es für dieses sanft, feinsinnig und nachdenklich die Sinne kitzelnde Theatererlebnis.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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Gastspiel „Chocolat“ von Joanne Harris mit Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer & Les Manouches Du Tannes

29 Freitag Dez 2023

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Theater

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Genuss contra Enthaltsamkeit: Das Schauspieler-Paar Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer streiten höchst vergnüglich in der Komödie „Chocolat“ bei ihrem Gastspiel am 1. Januar 2024, 19.30 Uhr im Schauspielhaus Dresden. Fotos: Stefan Nimmesgern

Die Verführerin und der Grantler

„Chocolat“ mit Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer kommt in einer Mischung aus Schauspiel, Lesung und Konzert auf die Bühne im Schauspielhaus Dresden.

CHOCOLAT ist ein betörendes Märchen für Erwachsene, eine klassische Srewball-Komödie, mit der mitreißenden Live-Musik im Stile Django Reinhardts. Die Geschichte: Eine junge, alleinerziehende Mutter eröffnet am Kirchplatz eines kleinen, südfranzösischen Dorfes eine Pâtisserie, einen kleinen Tempel für feinste Schokoladen. Für den Dorfpfarrer ist diese Art der „Verführung“ absolut inakzeptabel. Rigoros verbietet er den Mitgliedern seiner Gemeinde jeden Umgang mit der jungen Frau – und wird zu ihrem großen Gegenspieler.

Auf äußerst amüsante Weise prallen zwei Lebenshaltungen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die Abneigung gegen alles Fremde auf der einen Seite, Offenheit und Genuss auf der anderen. Erzählt wird diese Geschichte von einem virtuosen Quartett um den Akkordeonisten Valentin Butt und den Geiger Roland Satterwhite – und von dem faszinierenden Schauspieler-Paar Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer. Sie zählt seit mehr als zwanzig Jahren zur Crème der deutschsprachigen Filmschauspielerinnen. Er verkörpert seit vielen Jahren den wunderbaren Wiener TATORT-Kommissar. Der Grantler und die charmante Verführerin – zwei Figuren, die den beiden sympathischen Schauspielern geradezu auf den Leib geschneidert sind. Eine faszinierende Mischung aus Schauspiel, Lesung und Konzert.

Dauer der Aufführung: ca. 2 Stunden.
Eine Pause.Text: Staatsschauspiel Dresden
Text: Staatsschauspiel Dresden

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Chocolat von Joanne Harris mit Ann-Kathrin Kramer, Harald Krassnitzer & Les Manouches  Du Tannes.

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Premiere „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden

10 Dienstag Okt 2023

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Theater, Zwischenmenschliches

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Zwischen Traum- und realer Welt: Was ist echt, was eingebildet? Fragt das Stück „Der Sandmann“ nach der Erzählung von E.T.A. Hoffmann im Kleinen Haus. Hier eine Szene mit Jonas Holupirek und Nadja Stübiger. Fotos: Sebastian Hoppe

Aufrüttelnde Traumgeister

Ein bilderstarkes, berührendes und beunruhigendes Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit, Sehen, Erkennen und dem Zwiespalt von innerer und äußerer Freiheit ist die Inszenierung „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Ein Labyrinth aus schwarz-weißen und farbigen Linien überzieht die Bühne. Rot, blau, grün und gelb, abwechselnd schlängelnd und starr wie Gitterstäbe ragen in den Raum. In der Mitte steht ein Metallgerüst, ein Turm. Ein Mann mit weißgrau zauseligem, schulterlangen Haar geht auf und ab und schiebt, verrückt die Wände hin und her als könne er die Wirklichkeit dadurch verändern. Vor der Wand werden Türen auf und zu gestoßen in eine andere, rätselhafte Traumwelt. Auf einer Videoleinwand erscheinen immer wieder groß die Gesichter der Darsteller, Frauen und Männer in dunklen Anzügen, das Haar zurückgekämmt und geisterhaft weiße Gesichtszüge mit großen dunkel und rot geränderten Augen. Sie erzählen abwechselnd die seltsame Geschichte des Studenten Nathanael, dessen Begegnung mit dem Wetterglashändler Coppola in ihm Erinnerungen an offensichtlich traumatische Kindheitserlebnisse wachruft.

Wundersam, geheimnisvoll und unheimlich zugleich, voll schwebend, verlockender und düsterer Bilder, sphärischer Klänge und ergreifend schöner, dunkler und gefühlvoller Poesie kam die surreale Traumerzählung „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann in einer Inszenierung unter Regie von Sebastian Klink, Bühne und Kostüme: Gregor Sturm, Livekamera: Christian Rabending und mit Livemusik von Friederike Bernhardt auf die Bühne. Die Premiere war am vergangenen Sonnabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Hoffmanns 1816 erschienene Erzählung „Der Sandmann“ ist seine bekannteste, sie stammt aus dem Zyklus „Nachtstücke“ und wird der Schwarzen Romantik zugeordnet. Doch es ist weitaus mehr als ein Schauermärchen, gehört zu den vieldeutigsten und am häufigsten untersuchten Texten der deutschsprachigen Literatur, ohne ihn zweifelsfrei ergründen zu können. Das macht den Reiz dieser Erzählung bis heute aus.

Ein junger Mann mit sandfarbenem Wuschelhaar (Jonas Holupirek), der in seiner neugierig-aufsässigen und lausbubenhaften Art etwas an den Struwwelpeter und feinsinnig-verträumt an den Kleinen Prinzen von Saint du Exupéry erinnert, steht da auf der Bühne. Im dunklen Mantel, der auf der Rückseite wie eine Leinwand mit Klaviertasten und farbig bemalt ist und oberkörperfrei, erzählt der Student Nathanael und angehende Künstler rückblickend über ein gravierendes, ihn nie wieder loslassendes Kindheitsereignis. Er liebte schauerliche Geschichten über Zauberer, Hexen und Däumlinge, „der Sandmann“ zog ihn auf die Spur des Abenteuerlichen. Nachtbilder steigen auf, Erinnerungen an jene zwiespältige Figur, die den Schlaf und die Träume bringt, aber auch Sand in die Augen streut, wenn die Kinder nicht schlafen wollen. Erzählt die Mutter (Gina Calinoiu) mal besonders gruslig, mal beschwichtigend, den Sandmann gebe es gar nicht wirklich. Doch Nathanael wartet auf ihn und will ihn sehen. Zumal er des nachts Geräusche im Haus hört, jemand klopft an die Tür. Er erzählt von den Besuchen des vermeintlichen Sandmann Coppelius, den er zusammen mit seinem Vater bei deren alchemistischen Experimenten im Labor heimlich beobachtet, wie eine blaue Flamme aus dem Herd schießt und er sieht mechanische Wesen, ohne Augen und Körper, die an Puppen erinnern.

Er wird von Coppelius entdeckt und verfällt danach in eine Art Todesschlaf. Der Schrecken erreicht seinen Höhepunkt, als bei einer Explosion im Versuchslabor mit lautem Knall, Rauch und rot loderndem Licht Nathanael seinen Vater mit schwarz verkohltem Gesicht findet. Er will den Tod des Vaters rächen und glaubt im Wetterglashändler Coppola jenen Advokaten Coppelius wiederzuerkennen. Seine Verlobte Clara (auch als Schwester und Olimpia abwechselnd sanft, mitfühlend und abweisend kalt: Ursula Hobmair) und sein Freund Lothar, ihr Bruder (salopp-lebenslustig: Friederike Bernhardt) versuchen ihm sachlich und aufmunternd seine düsteren „Einbildungen“ auszureden, der Vater sei durch seine eigene Unvorsicht ums Leben gekommen und nicht durch Coppelius. Doch es hilft nichts. Nathanael zieht sich immer mehr zurück, daran ändern auch lange Briefwechsel und ein inniger Tango mit Clara nichts. Er verfällt immer mehr in Schwermut und dunkel abgründige Dichtung und verliebt sich sehnsuchtsvoll-schwärmerisch und verzweifelt in die ebenso schöne wie unerreichbare Olimpia, ein Mädchen, das er eines Tages im Fenster gegenüber mit einem Fernrohr sieht mit seltsam leerem Blick.

Clara und Nathanael entfernen sich immer mehr voneinander. Sie hält ihn bald für einen „Geisterseher“. Tatsächlich wandelt der Geist seines unruhevollen Vaters (Torsten Ranft) des nachts weiter im Haus umher und zitiert Verse von Edgar Allan Poe mit schwarzen, ungerührt dasitzenden und krächzenden Raben, die fortfliegen nimmermehr… Nacheinander fahren sie wie in einem Fahrstuhl hinauf auf den Turm hinter Glas, der ihnen aber auch keine neuen Aussichten bringt, sondern nur einen neuerlichen Blick in den Abgrund. Am Schuss liegen unzählige Gläser auf der Bühne verstreut und ein umgestürztes, schwarzes Kreuz wie ein großer, dunkler Vogel.

Ein bilderstarkes, fantastisches, berührendes, beunruhigendes und tragikomisches, philosophisches Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit, über Sehen, Wahrnehmen und Erkennen im Zwiespalt von innerer und äußerer Welt und Freiheit, die ständig miteinander ringen brachte „Der Sandmann“ mit auf die Bühne im Kleinen Haus. Ein Stück darüber, was passiert, wenn kindliche Neugier, Fantasie und Entdeckerlust unterdrückt werden und nicht ausgelebt werden dürfen, Begabungen, Intuition und Vorstellungskraft sich nicht kreativ, schöpferisch entfalten können, sondern Ängste und Schatten übermächtig werden und die Kraft der Fantasie innerlich gefangen nimmt und gegen einen selbst zerstörerisch wirkt. Bei aller Mehrdeutigkeit eine klare Aufforderung, den eigenen Augen und Sinnen für das Wahre, Schöne zu vertrauen in einer Welt voller Verlockungen und Unsicherheit. Viel Beifall gab es dafür vom Premierenpublikum.

Text (lv) http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Stelldichein der Nachtgeister: Auf dem Bild Nadja Stübiger, Torsten Ranft und Gina Calinoiu.

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Premiere „Die Dreigroschenoper“ im Schauspielhaus Dresden

08 Sonntag Okt 2023

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater, Zwischenmenschliches

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Ein Mann mit vielen Gesichtern: Zuhälter, Verbrecher, Außenseiter, Anführer eines Aufstandes der Unzufriedenen und gar Aufsteiger zum Kurfürsten von Sachsen ist Macheath, Mäcky Messer (in der Titelrolle: Jannik Hinsch), in der Inszenierung der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill unter Regie von Volker Lösch im Schauspielhaus Dresden. Foto: Sebastian Hoppe

Aufstand der Unzufriedenen

Bestürzend komisch, düster, albtraumhaft und grotesk zugespitzt, aufrüttelndes Polittheater über Macht, Ohnmacht und Machtmissbrauch in sozialen Krisenzeiten ist zu erleben in der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill  (Musik) unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann in einer Bearbeitung des Staatsschauspiels Dresden mit zusätzlichen Texten von Lothar Kittstein. Die Premiere war am Freitagabend im Schauspielhaus Dresden.

Es beginnt gleich mit einer Prügelszene. Eine Frau mit blondem Haarknoten und ein dunkelhaariger Mann in blauen Kostümen, rotem Schlips und Socken, schlagen zu barocken Klängen mit blauen Knüppeln auf einen jungen Mann in buntbraunen Hosen, schwarzer Lederjacke und Stiefeln am Boden ein, weil er ungefragt als Redner auf einer Wahlkampfveranstaltung von ihnen sprach und die Show vermasselte. Die beiden beschimpfen ihn als „hirnloses A…loch“ und reichen ihm ein bieder beiges Kostüm samt vorhängendem Bauch, das er künftig bei den Protesten tragen soll. Als er nicht mehr reden darf und auch noch seine Springerstiefel hergeben soll, zieht er entrüstet ab. Die beiden im blauen Kostüm, man ahnt es, gehören zur Führungsspitze der „Perspektive für Deutschland“ und befinden sich mitten im Wahlkampf. „Wenn wir siegen, dann wird aufgeräumt und Politik für das Volk gemacht!“, tönt die Frau vollmundig. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Sie pusten blaue Luftballons auf, trällern belustigt abfällig vom „Mond über Soho“, sie haben Wichtigeres zu tun, der Wahlkampf ruft!

Sie tragen zwar elegante, blaue Anzüge, geben sich sonst so sauber, doch hier nehmen sie kein Blatt vor den Mund und lassen an ihrer Herkunft, Jargon und Manieren von der Straße erst gar keinen Zweifel aufkommen: der erwerbsmäßige Bettlerkönig und Geschäftsmann Jonathan Peachum (Philipp Grimm) und seine Frau (Sarah Schmidt) versuchen sich auf politischem Parkett, teilen kräftig aus, geben sich patriotisch und freiheitsliebend und bekämpfen gleichzeitig zänkisch und unerbittlich alles und jeden, der anders denkt und handelt als sie selbst. Das bunt schillernde und schrille Milieu aus der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill, 1928 in Berlin im Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt und seither ein erfolgreicher und vielgespielter moderner Klassiker auf den Theaterbühnen, wird übernommen und in die Gegenwart versetzt.

Außerdem unternimmt die Inszenierung des Staatsschauspiels Dresden unter Regie von Volker Lösch mit einer Bearbeitung des Stücks den Versuch, die „Dreigroschenoper“ in „einen aktuellen politischen Kontext zu rücken“, steht dazu im Programmheft mit Blick auf die textlichen Einschübe des Autors Lothar Kittstein, um „neue und aktuelle Assoziationen zu schaffen“ mit dem Einverständnis der Brecht-Erben. Ein politisches Zeitstück war es immer und im Original, in den großartigen, zeitlosen Songs über menschliche Glücksuche und Gier, die dies verhindert, ist eigentlich alles gesagt. An dieser Grundaussage ändert auch diese Neuauflage der „Dreigroschenoper“ – eine bissig spöttische Revue über das Leben im Kapitalismus, über Heuchelei und Scheinmoral nichts. Vom Haifisch-Song über „Soldaten wohnen auf den Kanonen“, „Ja mach nur einen Plan…“ über das Leben, das nur ein Selbstbetrug ist bis zu „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“ sind Musik und Texte voller Witz, Ironie, mitreißend, kraftvoll, zeitlos aktuell und tragen auch diese Aufführung, kess, flott, jazzig, galant, heiter, wehmütig und schmissig begleitet von einem exzellenten Musikerensemble an Akkordeon, Altsaxofon, Klarinette, Klavier, Posaune, Trompete u.a. (musikalische Leitung: Michael Wilhelmi).

Neu an dieser Inszenierung ist, dass Sprache und Spielweise noch derber, rauer, radikaler sind, die Figuren recht klischeehaft und Karikaturen ihrer selbst und somit nicht wirklich ernst zu nehmen. Damit gehen jedoch der tatsächliche Ernst der Situation und Tiefgang verloren und die Chance zu einer echten Auseinandersetzung mit der Gefahr einer zunehmenden politischen Radikalisierung in der Gesellschaft. Hingegen fehlt es nicht an haarsträubenden, platten und hohlen Parolen von rechtsaußen und leeren Versprechen von „Friede, Freiheit, Selbstbestimmung, keine Diktatur!“, wenn nur die „richtigen Männer“ an die Macht kämen. Das Ganze mutet wie ein schlechter Scherz oder grusliger Albtraum an, inszeniert als bitterböse und bestürzend komische, düstere und grotesk zugespitzte Satire und Polittheater über Macht, Ohnmacht und Machtmissbrauch in sozialen Krisenzeiten, Unsicherheit, Ängste, Verfall von Werten und Suche nach Orientierung und Halt, Stillbleiben oder Aufstehen für soziale Gerechtigkeit.

Da klingt der Ruf nach einem „starken Führer, der die zerrissene Seele heilt“ verlockend. Da wird erst insgeheim und bald ganz offen, ungehemmt der Aufstand der Unzufriedenen geprobt, vor der barock steinernen Zwinger-Kulisse mit versiegtem Brunnen. Auf der Hochzeitsfeier von Macheath (Jannik Hinsch), dem gerissen-galanten Gauner, Zuhälter, Außenseiter und Möchtegernheld und seiner ihm verfallenen Braut Polly Peachum (Henriette Hölzel), der pinkfarben gekleideten, punkig rebellischen Tochter, die sich gegen ihre rigoros radikalen Eltern wehrt, lassen die Gäste ordentlich Dampf ab, wird Macheath ihr Anführer und gar zum Kurfürsten von Sachsen ernannt. Der sitzt großspurig, majestätisch mit grinsender Miene vor dem Zwinger, mal großzügig, als könne ihn nichts erschüttern oder etwas anhaben, mal poltrig, wütend und Abweichler eiskalt gegen die Steinstufen tretend wie den kauzigen, etwas vorlauten Walter (Sven Hönig) oder den vorpreschenden, gewalttätigen Matthias (Viktor Tremmel) zurechtweisend. Der windig-korrupte Polizeichef Brown (Thomas Eisen) ist Macheaths bester Freund, noch aus Zeiten in der Fremdenlegion in Afrika, warnt ihn vor Polizeikontrollen, liefert den radikalen, nationalistischen Aufständischen in schwarz-gelben Sachen die Waffen, verhaftet sie widerwillig als „terroristische Vereinigung“ und auch die hasserfüllt hetzenden Peachums kommen mit einem „blauen Auge“ davon.

Die einzig Ruhe und Gelassenheit bewahrende inmitten dieses wutentbrannten, kämpferischen Gegeneinanders ist Jenny (Anna Katharina Muck), Exgeliebte von Macheath, desillusioniert und Schamanin mit unheilvollen Vorahnungen. „Du redest national, aber fühlst es nicht, kalt wie ein Reptil“, sagt sie trocken zu Peachum. Man sehe nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, zitiert sie an anderer Stelle den Kleinen Prinzen von Saint du Exuperý. Macheath sei das Schiff, das eines Tages kommen wird und die Stadt beschießt, sagt Jenny voraus. Aus Eifersucht über seine Untreue hat sie seinen Aufstands-Plan verraten. Wie ein gefallener Kapitän liegt Macheath am Ende auf den Knien und bittet das Publikum um Verzeihung und er möge ihnen eine Lehre sein. Grotesk genug, seine stärksten Widersacher, die Peachums in den blauen Anzügen, gewinnen am Schluss die Wahl und lassen Mäcky Messer frei, der sich als Kurfürst von Sachsen auf Schloss Moritzburg zurückzieht und eine lebenslange Rente erhält. Wasser sprudelt aus dem Brunnen im Zwinger, den die Aufständischen besetzt halten und die Brecht-Worte rufen: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“ Und sie wollen endlich auch ein Stück vom Kuchen der Mächtigen abbekommen. Am Ende der Aufführung sagte ein Mitspieler und junger politischer Aktivist, Jakob aus Zwickau eindringliche Worte, den rechtsradikalen Tendenzen entgegenzuwirken und ans Publikum gerichtet: „Wer schweigt, stimmt zu.“
Viel Beifall gab es zur Premiere für eine wagemutige, packende  und streitbare Aufführung mit viel Stoff zum Nachdenken und für Gespräche.

Text (lv)

Nächste Termine: 13. und 25.10., 19.30 Uhr

http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Prunkvolle Kulisse, strahlend blauer Himmel und unzufriedene Menschen, die um ihren Wohlstand und Freiheit bangen und sich dagegen wehren. Foto: Sebastian Hoppe

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Premiere „Peer Gynt“ nach Henrik Ibsen im Kleinen Haus

10 Sonntag Sept 2023

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Projekte, Theater

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Peer Gynt
eine Produktion der Bürger:Bühne mit Dresdner Jugendlichen auf einem Trip in den Sozialen Medien
nach Henrik Ibsen
in einer Fassung von Joanna Praml und Dorle Trachternach. Foto: Sebastian Hoppe

Internet als Bühne

Sie wollen alle nur das Eine: Peer Gynt sein. Die Hauptrolle spielen, alle Blicke und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Trollkönig, der im Internet regiert, erfüllt ihnen all ihre Wünsche. Sie können sein, wer immer sie sein wollen, sich ein neues Ich zulegen… Doch woran erkennt man Kopie und Original, wer und wie man wirklich ist?! Das erkunden zehn Dresdner Jugendliche auf einer witzig-fantasievollen Selbst-Suche zwischen virtueller Welt und echtem Leben in der Inszenierung Peer Gynt“ nach Henrik Ibsen (Regie: Joanna Praml), mit der am Donnerstagabend die neue Spielzeit im Staatsschauspiel Dresden eröffnete.

Text  (lv)Mehr Text zur Aufführung demnächst.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Wieder zu sehen am 28.9., 19.30 Uhr im Kleinen Haus.

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Premiere „Lulu“ von Frank Wedekind im Schauspielhaus Dresden

10 Sonntag Sept 2023

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater, Zwischenmenschliches

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Wer führt, wer verführt: „Lulu“ als Mann, gespielt von Simon Werdelis, erlebt alle Licht- und Schattenseiten des Begehrtwerdens. Foto: Sebastian Hoppe

Liebe am Abgrund

Intensives Körpertheater und reizvolle Blicke und Perspektivechsel auf Frau- und Mannsein verführen, schockieren und begeistern in der Inszenierung „Lulu“ von Frank Wedekind in der Regie von Daniela Löffner, die am Sonnabend Premiere im Schauspielhaus Dresden hatte.

Die Spiegelwand mit Blick ins Publikum wird mit schwarzer Farbe eingestrichen, davor tastet eine nackte Gestalt entlang mit den Händen, Gesicht und Körper färben sich hell und dunkel. „Lulu“ hinterlässt Abdrücke, Spuren bei jedem den sie anfasst, weckt Verlangen, Sehnsüchte und Leidenschaft. Begehrt, bewundert und geschmäht, weil sie keinem allein, nur sich selbst gehören will. Ein intensives Spiel mit Körper, Haut, Berührung, Verführen und Verführtwerden, purer Hingabe und käuflicher Liebe, Schönheit und Schamlosigkeit, ein Tanz auf dem Vulkan, der begeistert, aber auch ausgehalten werden will, ist diese dreistündige „Lulu“-Inszenierung von Frank Wedekind in der Regie von Daniela Löffner mit Simon Werdelis in der Hauptrolle, der sieben weiteren Schauspielern gehörig den Kopf verdreht mit mal verschmitzt jungenhaft grinsendem Charme, naiv liebenswertem, arglosen Wesen, Nähe und Geborgenheit suchend, kess, lebenshungrig, zart, fragil, verletzlich und offensichtlich zu schön und gut für diese Welt. Packendes, spannendes und berührendes Theater mit reizvollen Blicken und Perspektivwechseln auf Frau- und Mannsein, wenn die Grenzen von beiden verfließen und sie sich zeigen mit allen Licht- und Schattenseiten. Reichlich Beifall gab es zur Premiere am Sonnabend im Schauspielhaus Dresden.

Text (lv)

Mehr zur Aufführung demnächst.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Nächste Aufführungen: 18.9., 19.30 Uhr; 1.10., 19 Uhr.

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Spielzeiteröffnung im Staatsschauspiel Dresden: Überraschende Rollen-Wechsel

04 Montag Sept 2023

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Fotografie, Genießen, Theater, Zwischenmenschliches

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Spaß am Theater & Spiel mit dem Zufall: Viel Vergnügen schon vor der großen Saisonvorschau hatten Lilli Vostry, die regelmäßig Stücke rezensiert auf mein wortgarten.com und diese zwei ebenso spielfreudigen Herren. Danke für die schönen und coolen Fotos!

Von Männerfantasien und männlicher Sexualität erzählt das Stück „Lulu“ von Frank Wedekind. Mit Simon Werdelis in der Hauptrolle in der Inszenierung  von Daniela Löffner, die am 9.9. Premiere im Schauspielhaus Dresden hat. Fotos (2): Sebastian Hoppe

Lust am Wandel und neuen Perspektiven

Reichlich Stoff zum Träumen, Reiben und Nachdenken bietet mit  Klassikern und Gegenwartsstücken über Verführer, Abenteurer, Kriegsherren und Visionäre von „Peer Gynt“, „Lulu“, „Die Dreigroschenoper“ bis zu Kafkas „Das Schloss“ die neue Spielzeit im Staatsschauspiel Dresden.

Vorn in der ersten Reihe lebhaftes Getuschel. Eine Frau, professionelle Theatergängerin, reicht ihrer Kollegin Schokolade und schwärmt für Matthias Reichwald. Eine weitere in der Kritikerinnenrunde beschwört die Theatergötter, ob sie mal vorbeikommen können. In der Seitenloge schnarcht laut ein Mann schon vor Vorstellungsbeginn. Ist das etwa der Experte für Findungsprozesse, der da geräuschvoll auf sich aufmerksam macht?! Dann sorgt auch noch eine Biene für Aufregung, die angeblich die Ankleiderin von Lulu-Darsteller Simon Werdelis gestochen habe. Der Tierarzt sei auch noch über das Bein des Schauspielers gestolpert… Theater hält immer Überraschungen parat, es spielt mit Erwartungen und Unerwartetem. Das macht seinen Reiz aus. Träume, Liebe, Lügen, Wahrheiten, Widersprüche, Wünsche und Wunderliches in buntem Reigen und stetem Wechsel kommen auf die Bühne.

Reichlich Stoff zum Anschauen, Freuen, Mitlachen oder -leiden, Reiben und Nachdenken für Publikum wie Akteure bietet die neue Spielzeit 2023/24 im Staatsschauspiel Dresden. Insgesamt 22 Premieren, davon sieben Uraufführungen stehen im Spielplan. Einen Vorgeschmack gab es bei der großen Saisonvorschau am Sonnabend im Schauspielhaus Dresden. Bevor die Zuschauer über den roten Teppich in das mit bunten Luftballons geschmückte Theatergebäude schritten, konnten sie nachmittags beim Eröffnungsfest ein vielfältiges Programm mit Workshops, Lesungen, Abenteuerparcours, Führungen hinter die Theaterkulissen und Live-Musik des Tango-Trios Río Mar mit südamerikanischen Klängen und Tangomelodien von Astor Piazolla zum Zuhören und Tanzen erleben und genießen. Intendant Joachim Klement freute sich mit dem Publikum unter Applaus, dass das Staatsschauspiel Dresden auf dem 2. Platz nach dem Maxim-Gorki-Theater Berlin gelandet ist in einer Kritikerumfrage zu den besten Inszenierungen in der Fachzeitschrift „Theater heute“. Er sei eigentlich kein Phrasendrescher, doch das müsse er jetzt sagen: „Wir machen Theater am Puls der Zeit.“ Man kann es auch als Ansporn und Aufbruch für Neues sehen. „Wir wollen Lust machen auf das Kommende in dieser Spielzeit“, so Klement.

Ein schöner Einfall dieser Saisonvorschau, kurzweilig, erfrischend und aufschlussreich in Szene gesetzt vom Ensemble unter Regie von Hausregisseurin Lily Sykes, war der Blick von außen auf das Theater. Der Wechsel von Darstellern zu Zuschauern und Kritikern, die Notizblöcke und Stifte zücken, sich über die Stücke und das Gesehene unterhalten. „Es kommt immer auf die Perspektive an, alles ist im Fluss“, sagt eine der Schauspielerinnen. Dann wird wie in einem Kaleidoskop wieder alles durcheinander geschüttelt. So kommt es, dass kein Mann, sondern eine Frau, Henriette Hölzel den gewieften Bettlerkönig Peachum spielen wird in der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill, die in einer Bearbeitung des Staatsschauspiels Dresden unter Regie von Volker Lösch am 6. Oktober Premiere hat im Großen Haus. Den Mäcki-Messer-Song singt im schwarzen Anzug, Fliege, weißem Hemd und Sonnenbrille Torsten Ranft, galant und gerissen zugleich. Wenig später beteuert er: „Kinder, ich bin nicht der Sandmann“ im roten Schummerlicht in einer Szene aus dem Grusel-Stück „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann. Das Messer ist auch das Stichwort für „Woyzeck“ von Georg Büchner, gespielt von Marin Blülle, der in einer Videoaufnahme vor einer Berghütte am Tisch sitzt, zu heimeligen Heidi-Klängen die scharfe Klinge in die Kamera hält und sagt: „Damit lässt sich nicht nur Brot abschneiden!“ (Premiere am 2.12., Regie: Lily Sykes, Kleines Haus).

„Lulu“, die schöne und verhängnisvolle Männerverführerin, wird erstmals von einem Mann, Simon Werdelis in der Hauptrolle gespielt im Staatsschauspiel Dresden. Er erscheint nackt, mit einem Blumenstrauß vor der Körpermitte, auf der Bühne. Stattlich, schön, muskulös, ein Prachtbild von einem Mann. Ihm gegenüber in einer Reihe andere Männer, dickbäuchige, schmale, große, kleine, in schwarzen Unterhosen stehen sie andächtig da, huldigen ihm und nehmen eine Blume in Empfang im Vorbeigehen auf die andere Seite. Romantisch, ironisch und anrührend zugleich ist diese Szene aus der Lulu-Inszenierung von Daniela Löffner, die zweimal wegen der Corona-Pandemie verschoben werden musste und nun endlich Premiere feiert am 9. September im Schauspielhaus.

Ein Junge stürmt auf die Bühne und behauptet „Peer Gynt“ zu sein. Ein weiterer Jugendlicher kommt trommelnd dazu und erzählt das Gleiche, ein Mädchen erklärt sie sei Peer Gynt und es werden immer mehr… Wie der Außenseiter und Träumer können sie in der Anonymität des Internets der Realität entfliehen und behaupten zu sein, wer immer sie wollen. In einem Theaterprojekt mit Dresdner Jugendlichen begibt sich Regisseurin Joanna Praml auf eine Reise in jene Parallelwelt der Sozialen Medien und erkundet, welche Gefahren und Möglichkeiten digitale Ichs bereithalten. Die Inszenierung „Peer Gynt“ frei nach Henrik Ibsen eröffnet am 8. September im Kleinen Haus die neue Spielzeit des Staatsschauspiels Dresden. Um materiellen und ideellen Reichtum geht es in „Was wir erben“, einem Projekt mit Menschen, die ein Erbe antreten, ausschlagen oder vermachen von Romy Weyrauch (Premiere am 14.10., Kl.H.) Tobias Rausch sucht für sein Stück „Do It Yourself“ an der Bürgerbühne im Kleinen Haus Leute, die etwas selbst in die Hand nehmen, basteln, nähen, ihr Auto noch selbst reparieren bis hin zu Selbstversorgern, die nicht mehr in den Supermarkt gehen. Ein Infotreffen findet am 14. November im Kl.H. statt.

Im Stück „Ajax“ holt Thomas Freyer in einem Auftragswerk für das Staatsschauspiel Dresden den antiken Helden in die Gegenwart und verknüpft sein Schicksal mit der Geschichte eines Familienvaters im 21. Jahrhundert vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges (Premiere am 28.10., Regie Jan Gehler, im Kl.H). Ein weiterer großer Stoff, der die Archaik des Ursprungs mit dem Hier und Jetzt verbindet, ist „Mamma Medea“ in einer Neuerzählung von Tom Lanoye des Mythos um die liebende Frau und Kindsmörderin (Premiere am 23.2., Regie Lilja Rupprecht im Schauspielhaus Dresden). Als Kriegsherr, Eroberer und Frauenheld kommt Napoleon Bonaparte im Gedenkjahr 210 Jahre Schlacht bei Dresden als grellkomischer Selfmademan, der es noch mal so richtig krachen lässt bis zur endgültigen Niederlage in Waterloo, mit dem inbrünstig geschmetterten, gleichnamigen Abba-Welthit auf die Bühne. Die dokufiktionale Revue von Tom Kühnel hat am 26.1. Premiere im Kl.H.

Ein zauberhaftes, lustiges und spannendes Abenteuer lockt mit dem Stück mit dem Zungenbrechtitel: „Der Satanararchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ von Michael Ende in einer Fassung von Philipp Lux , der auch Regie führt in dieser Geschichte für kleine und große Zuschauer in der Adventszeit. Im roten Bühnenlicht stehen vor einem brodelnden Kessel der Geheime Zauberrat Beelzebub Irrwitzer, verkörpert von Ahmad Mesgarha in blauem Glitzerkleid und Turban und seine Tante, die Geldhexe Tyrannia Vamperl, mit weißer Perücke und dunklem Anzug, gespielt von Anna Katharina Muck und erweisen sich einmal mehr als erzkomödiantisches, unschlagbar komisches und streitfreudiges Duo sehr zur Erheiterung des Publikums. Wird es dem hohen Rat der Tiere und seinen zwei Abgesandten, dem Kater Maurizio und dem Raben Jakob gelingen, ihren satanischen Wunschpunsch, mit dem sie ihre Missetaten planen, außer Kraft zu setzen und eine Katastrophe zu verhindern? Wie sie es schaffen, darauf darf man gespannt sein in diesem höllischen Spaß und Theatervergnügen (Premiere am 4.11. im Schauspielhaus).

Geheimnisvoll und mit viel hintergründigem Humor geht es zu im „Ministerium der Träume“ nach dem Debütroman von Hengameh Yaghoobifarah in einer Spielfassung von Regisseurin Monique Hamelmann. Eine Frau im grünen Kleid und schwarzen Stiefeln lässt cool aufdringliche Anrufer, die sie aus ihrer Einsamkeit retten wollen, abblitzen. Im Hintergrund ist eine Frauenstimme zu hören, Stöhnen, Seufzen und gequälte Laute begleiten das Gespräch zwischen Mutter, Schwester und Tochter der Toten, die rätseln, warum sie verschwunden ist, ob es wirklich ein Unfall, Selbstmord oder Mord war. Die Geschichte um die Türsteherin Nasrin in einem queeren Club in Berlin und ihre Familie, die Anfang der 80er Jahre aus einem Teheraner Luftschutzbunker nach Deutschland floh, erzählt vom Großwerden in einer Welt von Vorurteilen, Ausgegrenztsein, aber auch sich eine Wahlfamilie aufzubauen und an die eigenen Träume zu glauben (Premiere am 10.9. im Kl.H.).

Was wir als schön oder sexy empfinden und woher die Bilder stammen, die diese Vorstellungen und Erwartungen prägen, diesen spannenden Fragen geht das Kollektiv Turbo Pascal in „Hey Sexy!“ nach und gründet dazu einen alternativen Nachtclub im Kleinen Haus, der die BesucherInnen einlädt, diese Bilder und Erzählungen von Sexyness in einem sicheren und achtsamen Raum gemeinsam zu hinterfragen und neu zu erfinden. Für das Theaterprojekt werden Menschen zwischen 18 und 99 Jahren gesucht, die Lust haben, sich mit diesem Thema jenseits von Schönheitsidealen und Geschlechterrollen zu beschäftigen oder auch schon Erfahrungen in diesem Feld mitbringen. Ein Infotreffen dazu findet am 5. September im Kl.H. statt. Die Uraufführung ist am 1.12.

Außerdem kommt „Das Schloss“ nach Franz Kafkas Roman, der unvollendet blieb und erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, auf die Bühne. Der schnarchende Herr in der Loge schreckt nach lauten „Aufwachen!“-Rufen von der Bühne hoch wie aus einem Albtraum, getroffen vom flackerndem Schein einer Taschenlampe.  Eine Frau fragt ihn im Beamtenton, wer er sei und was er wolle. Seine Antwort, er sei ein Landvermesser, hält sie für vermessen. Landstreicher träfe es wohl besser. Die ebenso absurd-abgründige wie düster visionäre Geschichte einer Gesellschaft voller Regularien, Zwang und Unfreiheit des Individuums wird inszeniert von Maxim Didenko, der 2022 aus Russland emigrierte, nun in Deutschland lebt und arbeitet und erstmals Regie führt im Staatsschauspiel Dresden (Premiere am 4.5. 2024 im Schauspielhaus).

Auf eine fantastische, bilderreiche und philosophische Reise zwischen Traum und Albtraum ins Ungewisse nimmt „Atlantis“, ein Musik-Theaterabend von Sebastian Hartmann und Musiker PC Nackt die Zuschauer mit (Premiere am 27.1. im Schauspielhaus). Einen Glanzpunkt des Abends setzte ein Lied von Edith Piaf, der bezaubernden, großartigen Sängerin, der Betty Freudenberg im dunklen Kleid und braunen Locken, zart und kraftvoll zugleich Stimme verleiht. In einem Rückblick auf ihr bewegtes Leben singt sie ihren bekannten Chanson La Vie en Rose mit tiefer, warmer Stimme über den Traum vom Glücklichsein so ergreifend, dass einem die Tränen kommen. Premiere von „Piaf“- Mythos, Rausch und Wirklichkeit ist am 25.11. unter Regie von Laura Linnenbaum im Schauspielhaus. Auf die Kraft der Musik setzt auch „Musikalisiert Euch!“ – ein Sing-Wettstreit für Dresdens Zukunft von Bernadette La Hengst. Die Musikerin und Theatermacherin hilft Menschen, ihre Stimme zu erheben und ihre Utopien für die Stadt in musikalischer Form auf die Bühne zu bringen. Ein Infotreffen dafür findet am 27. Februar kommenden Jahres im Kleinen Haus statt. Die Uraufführung ist am 20. Juni 2024.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Schöne & schmerzliche Wahrheiten unverhüllt aus dem „Ministerium der Träume“ nach dem Roman von Hengameh Yaghoobifarah. Im Bild die Schauspielerin Nihan Kirmanoglu.

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Premiere „Sylvia und Sybille“ nach Christa Winsloe im Kleinen Haus

28 Mittwoch Jun 2023

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater, Zwischenmenschliches

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Der Traum vom Fliegen… Im Zwiespalt der Gefühle zwischen schwebender Leichtigkeit, Lebenslust und Übermut und starren Konventionen von Familie und gesellschaftlichen Rollenbildern hin und hergerissen… Von einer ungewöhnlichen Liebesbeziehung erzählt die Aufführung „Sylvia und Sybille“ (mit Leonie Hämer und Fanny Staffa) unter Regie von Daniela Löffner im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Foto: Sebastian Hoppe

Beeindruckendes Ping-Pong der Gefühle

Emotionsreich voller leiser, lauter, komischer, trauriger, sinnlicher und berührender Szenen und Momente kam die Inszenierung „Sylvia und Sybille“ nach Christa Winsloe in einer Überschreibung von Daniela Löffner auf die Bühne im Kleinen Haus.

Zwei Frauennamen im Stücktitel sind selten im Theater. “Sylvia und Sybille“ nach Christa Winsloe erzählt in einer Überschreibung von Regisseurin Daniela Löffner eine ungewöhnliche und spannungsreiche Liebesgeschichte. Eine Mutter beginnt eine Affäre mit der Freundin ihres Sohnes. Sylvia ist 16, Sybille 46. Der große Altersunterschied und ihre, unkonventionelle, leidenschaftliche Beziehung verschärfen die Situation. Zur Entstehungszeit Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts war das Stück ein Skandal. Wie gehen Familie und Gesellschaft heute mit derartigen Tabubrüchen und gleichgeschlechtlicher Liebe um? Fragt die Inszenierung die im Mitte Mai Premiere im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden hatte.

Die Zuschauer sitzen rings um die Bühne und können das Geschehen von allen Seiten betrachten. Die Darsteller spielen und schauen abwechselnd zu.
Zu Beginn sieht man einem jungen Paar beim Tischtennis zu. Minutenlang. Wenig aufregend. Bald fliegen wie beim Ping-Pong des Balls auch die Gefühle, Wut, Schmerz und unerfüllte Sehnsüchte, lange aufgestaut, heftig hin und her zwischen Erwachsenen und jungen Leuten. Nach und nach erfährt man aus ihren Wortwechseln oder mehr  –gefechten die familiären Bezüge, Hintergründe und erlebten Tragödien der einzelnen Figuren und wie sie zueinander stehen. Das Mädchen in den kurzen Hosen, Lilly (lebensfroh-selbstbewusst: Mina Pecik) und ihr Freund Henry, Bruder von Sylvia (Jakob Fließ) bekämpft seine Trauer um den Tod der Mutter mit Aggressivität gegenüber seinem Umfeld. Passt ihm etwas nicht, schlägt er wie verletzt wild um sich, wandelt sich Zärtlichkeit in Gewalt. Seine Schwester Sylvia (nach außen cool: Leonie Hämer) trägt nur dunkle Klamotten, fühlt sich von allen unverstanden und will nur ihre Ruhe.

Mit ihrem Vater (egozentrisch und wehleidig: Hans-Werner Leupelt) zofft sie sich ständig. Die harmoniesüchtige Hausfreundin Maike (Christine Hoppe) kann die Risse in der Familie nicht kitten. Erst lächelnd und dann zunehmend genervt wehrt Sylvia die Annäherungsversuche von Fritz (tragikomisch: Daniel Séjourné) ab, der erst naiv gutmütig im bunten Streifenpulli und dann als feurig romantischer, wutschnaubend verstoßener Liebhaber in weißem offenen Hemd und schwarzer Hose auftritt. Er malt ihr eine schöne Zukunft aus und will mit ihr irgendwohin, weit weg von allem, was dunkel und banal ist. Beim Abendessen bei Fritz zuhause lernt Sylvia Sybille kennen, einer verwitwete Modedesignerin, attraktiv und elegant in weißem Anzug (mal herb dandyhaft und gefühlvoll weiblich im lindgrünen Kleid: Fanny Staffa) kennen, die so ganz anders ist, ihr zuhört, ihren Schmerz versteht. Bei der sie endlich wieder aufblüht und ganz sie selbst sein kann.

Scheu, sinnlich, berührend und schmerzlich schön erlebt das Publikum gemeinsam mit Sylvia und Sybille hautnah alle Facetten ihrer Liebe mit allen Höhen und Tiefen, Widersprüchen, Lust und Verzweiflung, die an gesellschaftlichen Rollenbildern und Normen scheitert. Wunderschön die Szene, bei der Sylvia auf einem funkelnden Kronleuchter wie auf einer Schaukel übermütig schwingt und Sybille sie anschiebt, auffängt und aus ihrer Traurigkeit zurück ins Leben holt. Verlockend schwebende, weiße Tücher wandeln sich zu Seilen, Fesseln und schwarzes Klebeband spannt sich bis in die Zuschauerreihen einschneidend. Da suchen die jungen Leute Geborgenheit und Vergnügen, tanzen im Drogenrausch, aus Infusionsbeuteln inhallierend wie Patienten auf der Intensivstation und wird mit vorgehaltener Pistole knallhart gefragt: Wer bist du und wofür stehst du?!

In einfallsreichen und eindringlichen, lauten, leisen, schrillen, komischen und traurigen Szenen und großartig, packendem Spiel vor allem der beiden Hauptdarstellerinnen kam die Geschichte auf die Bühne. Reichlich Beifall gab es dafür vom Publikum.

Text (lv)

Letzte Vorstellung vor der Spielzeitpause: 30.6., 19.30 Uhr im Kleinen Haus.

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Sommertheater: „Der Diener zweier Herren“ nach Carlo Goldoni im Innenhof des Japanischen Palais

20 Dienstag Jun 2023

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Theater, Zwischenmenschliches

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Wettstreit der Leidenschaften… Komik und Dramatik nah beieinander… Wer ist Gewinner, wer Verlierer… Das wechselt ständig… aber alle fiebern gemeinsam mit, wenn Dynamo Dresden spielt… Hinreißend komödiantisches Sommertheater bietet die Inszenierung „Der Diener zweier Herren“ nach Carlo Goldoni vom Staatsschauspiel Dresden zurzeit im Innenhof des Japanischen Palais. Foto: Sebastian Hoppe

Das Leben als Glückslotterie

Um Liebe und Geschäft, Business und Moral, List, Lüge und echte Gefühle dreht sich alles in der rasant komischen Verkleidungs- und Verwechslungskomödie „Der Diener zweier Herren“ nach Carlo Goldoni in modernisierter Textfassung. Mit viel Witz, Streitlust, Dance-Hits der 90er Jahre und Lokalkolorit im Jahrmarktsbuden-Ambiente inszeniert, kam zweieinhalb Stunden deftig-direktes, pralles Sommertheater unter Regie von Rafael Sanchez auf die Bühne in dieser Inszenierung des Staatsschauspiels Dresden im Innenhof des Japanischen Palais. Höchst vergnüglich!

Als „Mr. Bombastic“ aus dem gleichnamigen Hit, mit cool-ergrautem Charme und zugleich geschäftstüchtiger Moralapostel namens Pantalone dei Bisognosi, der versucht seine Tochter Clarice unter die – möglichst vermögende – Haube zu bringen, zieht Ahmad Mesgarha alle Register. Besonders reizvoll, da die als „freche Göre“ genannte, aufmüpfige Tochter Clarice von der wie er schon reiferen Schauspielkollegin Anna-Katharina Muck verkörpert wird, die lebenslustig, temperamentvoll, kratzbürstig und leidenschaftlich dramatisch um ihren Liebsten Silvio (verzweifelt-komisch: Philipp Lux) kämpft. Mit dunkler Wuschelperücke, Lederjacke und lila Hose gibt er den südlichen Liebhaber als feurig eifersüchtigen, verwöhnten, eitlen und wehleidig-unverstandenen Trottel. Sein Vater Dottore Lombardi (cool-gelassen: Moritz Dürr) wirkt klein und zäh wie ein Fels in der Brandung, lässt alle Anfeindungen seines Widersachers Pantalone galant und spitzfindig zugleich abprallen und beide entlarven sich bei ihren Wortduellen gegenseitig. Für Verwirrung und Überraschungen sorgt die in Männerkleidern auftretende Beatrice (kess-selbstbewusst und kraftvoll: Ursula Hobmair), die ihren Geliebten Florindo (finster-verwegen: Thomas Eisen) sucht, der unter Verdacht steht, den Bruder Beatrices ermordet zu haben.

Da werden lustvoll genüsslich Mann-Frau-Geschlechterrollen durcheinander gewirbelt auf, vor und hinter der Jahrmarktsbuden-Kulisse. Da fliegt ein roter Herzballon hoch in die Lüfte, unaufhaltsam, unerreichbar. Und wird die Regenbogenfahre gehisst am Balkon vor dem barocken Gemäuer am Japanischen Palais. Da hagelt es Liebesschwüre, Flüche, Kose- und Schimpfworte, Küsse und Vorwürfe von allen Seiten. Da werden Briefe überbracht, heimlich geöffnet, gelesen und mit Kaugummi wieder zugeklebt. Mittendrin eilt Truffaldino (zwiespältig voller Ironie: Raiko Küster) als Diener zweier Herrn hin und her, anfangs naiv, unsicher, gestresst, bald immer gerissener, abgebrühter und dreister, um es allen recht zu machen. Er wechselt Kleidung und Haarmoden nach Belieben und angepasst an die Situation und Vorgesetzte. Mal fühlt er sich als Glückspilz mit gleich zwei Jobs, meint zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Doch immer in Eile und der Angst, aufzufliegen, verstrickt Truffaldino sich immer mehr in seine Lügengeschichten, gerät immer mehr in Bedrängnis bis das Lügengebäude zusammenbricht, platzt wie eine Seifenblase. Ihm zur Seite steht die ihn bewundernde und anhimmelnde, naiv-liebenswerte Smeraldina, die lässig auf einem Motorradroller hereinfährt (Betty Freudenberg). Schön wie die beiden sich näher kommen, mit hungrigem Magen sich die leckersten Speisen ausmalen und immer mehr Lust aufeinander bekommen.

Lakonischer Begleiter des turbulenten Geschehens, Zuhörer, Tröster und Lachender Dritter ist der Imbisshändler Brighella (voll südlicher Heiterkeit und Gelassenheit, mit zurückgekämmtem dunklem Haar und Bart sehr authentisch: Holger Hübner). Im zweiten Teil gewinnt die zweieinhalbstündige Aufführung noch an Tempo, Spannung und Intensität. Klangreich musikalisch begleitet von den in der Losbude sitzenden Musikern der Banda Communale. Zu erleben ist ein äußerst spielfreudiges Ensemble, jeder geht auf in seiner Rolle und zeigt was Geld, Liebe, Glück, Erfolg wert sind und was der Einzelne bereit ist dafür zu tun. Alles hat seinen Preis. Und als alle Maskerade fällt, finden sich am Schluss der Komödie doch noch glückliche Paare. Reichlich Beifall vom Publikum.

Text (lv)

Nächste Termine: 22.6. und 23.6., jeweils 20 Uhr. Letzte Vorstellung: 09.07., 19 Uhr

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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Figuren-Zauber bei der Kasperiade in Radebeul

20 Dienstag Jun 2023

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Musik, Tanz, Theater, Zwischenmenschliches

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Fantasiereiches Puppenspiel
mit Händen und Füßen

Bei der 36. Kasperiade Radebeul war vom klassischen Kasperletheater, fast akrobatisches Körpertheater bis zu lebendigen Tanzpuppen alles dabei zum Vergnügen von kleinen und großen Besuchern. 3 000 Zuschauer kamen.

Riesenhafte Zwerge und zauberhafte Dinosaurier tummelten sich auf der Hauptstraße. Mit roten, spitzen Hüten und langen Hosen wandelten zwei Stelzenläufer umher, machen Späße und wiesen Besuchern den Weg zu den Spielstätten. Zur 36. Kasperiade verwandelte sich Radebeul-Ost wieder zur kunterbunten Freilichtbühne ein Wochenende lang, veranstaltet und gefördert vom Kulturamt der Stadt. Sechs Puppentheater zeigten in Höfen und Gassen rings um die Hauptstraße und den Radebeuler Kultur-Bahnhof ihre humor- und fantasievoll erzählten Märchen und Geschichten.

Zu erleben war Puppenspielkunst in großer Bandbreite vom klassischen Kasperletheater bis zum originellen Fußtheater. Mit Sonne und Regen im Wechsel, was die Stimmung keineswegs trübte. Schirme auf- und zugespannt, Regenkapuzen aufgesetzt, Augen und Ohren weit auf, lauschten klein und groß vergnügt dem fröhlichen Figurenzauber und der Straßenmusik, lauschig unter Bäumen, Caféstühlen und gelben Sonnenschirmen auf der Wiese vorm Kultur-Bahnhof. Für abwechslungsreiche Klänge sorgten die Kapelle Krambambuli, das Trio VagabunT und Die Elbzigeuner. Mitten auf der Hauptstraße an der Eiche steht eine Puppenbühne, die sich bei näherem Hinsehen als umgebauter Campinganhänger entpuppt. Golden bemalt, mit Guckfenster und rotem Vorhang zum Auf- und Zuziehen.

Die Bänke davor sind alle besetzt. Dort lachen, staunen und begleiten die Kinder lebhaft die Geschichte von Puppenspieler Christian Bahrmann über Kasper und den Dinosaurier, einem grasgrünen, krokodilähnlichen und kulleräugigen Stofftier, der plötzlich in der Küche steht. Der durch Zaubersalz kleiner oder größer wird und sich entsprechend mehr traut. Die Kinder zählen auf, was der kleine Dino namens Konstantin alles lernen soll: „Sprechen, laufen, Fußball spielen, Radfahren, Fernsehen…“ Ei, ei, ei,  sagt der dazu. Ein Ei taucht auch auf, das wegläuft und nicht in die Pfanne gehauen werden will. Der Dino lässt sich nicht mehr klein und niedlich zaubern und schaut neugierig in die Welt. Zu den Kindern, die jetzt schlauer und mutiger als vorher hoffentlich sind, sagt Bahrmann.

„Uns hat das Stück gut gefallen“, sagt Max, 34 Jahre. Söhnchen Leon, elf Monate, sitzt auf seinem Schoß und lacht verschmitzt. Seine Schwester Elena, drei Jahre, läuft vor zur Puppenbühne. „Wir sind zum ersten Mal bei der Kasperiade und haben im Internet davon gelesen“, sagt seine Frau Kristin, 34 Jahre. Die junge Familie aus Dresden hat einen Ausflug hierher unternommen. „Es ist alles dabei von Musik, Karussell bis Puppenspiel“, freut sie sich. Sie haben außerdem an der Lotterie eines Tierschutz-Vereins teilgenommen und am Glücksrad beim Förderverein des Karl-May-Museums eine Eintrittskarte für ein Kind gewonnen. An einem Bücherstand konnte man in seinen vielen Abenteuergeschichten stöbern. Die jungen Tänzerinnen und Tänzer vom MuNo-DanceStudio traten exklusiv für die Kasperiade als „lebendige Puppen“ auf in ihrer Show und begeisterten mit mal anmutigen und romantischen Tanzszenen bis zu cool-kraftvollem HipHop und Breakdance sowohl Jungen wie Mädchen. Gegenüber im Hof vom Weinhandel Andrich, umgeben von rankenden Weinreben und lustigen Holzfiguren draußen und im Fenster, hat in einer offenen Scheune Anne Klinge ihr Bühnenpodest aufgebaut. Sie spielte im Sitzen und Liegen, mit Händen und Füßen, aus denen die Figuren hervorwuchsen, mit Stoff umhüllt, Wuschelhaar und Knollennase das Grimmsche Märchen „Der gestiefelte Kater“ vor vollen Rängen.

Für ihr fast akrobatisches Körpertheater, einfallsreich mit viel Witz und Spielfreude erzählt, bekam sie reichlich Applaus und Münzen in den Hut von den faszinierten Zuschauern. Anne Klinge verblüffte die Zuschauer auch noch mal mit ihrem Fußtheater zur Kasperiade-Gala mit einem Best-of der Künstler am Samstagabend, humorvoll moderiert von Kultopa Arnold Böswetter alias Franz Lasch. „Sie kommt aus einem kleinen Ort in Thüringen und ist weltweit die einzige Künstlerin mit dieser Spieltechnik. Wir freuen uns, dass sie bei der Kasperiade dabei war“, sagt Helmut Raeder, künstlerischer Leiter. Rund 3 000 Besucher kamen an beiden Tagen zu dem eintrittfreien Puppentheater-Festival, mehr als letztes Jahr, da das Wetter diesmal zum Glück weniger heiß war.

Text + Fotos (lv)

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Über uns

Willkommen in diesem reichhaltigen Garten der Künste – Hier blüht Euch was! Hier wächst vieles, Schönes und Dorniges, Auffälliges und Verborgenes, Seltenes und Seltsames nebeneinander. Hier erfahrt Ihr das Neueste aus der Dresdner Kultur- und Kunstszene in aller Eigenart und Vielfalt. Sitzt man auf der Gartenbank mit namhaften und weniger bekannten Kulturmenschen und Menschen mit Ideen und Visionen aus anderen Lebensbereichen. Zeigen Künstler beim Atelier-Besuch ihre neuesten Werke, bevor sie in der Ausstellung hängen und erzählen, welche Bilder sie nie ausstellen würden. Wird Neues aus der Bühnen- und Bücherwelt vorgestellt, Augen- und Ohrenschmaus weitergegeben. Es gibt ein Traumtagebuch, für die Bilder der Nacht und Lebensträume. Es ist Platz für Poesie und Kurzprosa, Reisereportagen, Beiträge über das Leben mit anderen Kulturen, über Lebensart und Zwischenmenschliches. Es werden WortRaritäten gesammelt und Wort-Rätsel mit geheimnisvollem Inhalt gelüftet. Und nun: Schaut Euch um, entdeckt, genießt und lasst Euch anregen von der Fülle an Kulturgewächsen. Und vor allem: Bleibt schön neugierig und empfehlt meinwortgarten weiter.
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Lilli Vostry

Lilli Vostry

Ich bin als Freie Journalistin (Wort/Foto) seit 1992 in Dresden tätig. Schreibe für Tageszeitungen und Monatsmagazine vor allem Beiträge über Bildende Kunst, Theater, soziale Projekte und Zwischenmenschliches. Außerdem Lyrik und Kurzprosa. Bisher vier BilderGedichtKalender zusammen mit Künstlern veröffentlicht. Fernstudium Literarisches Schreiben im Herbst 2022 erfolgreich abgeschlossen, Schriftstellerdiplom. Kindheitstraum erfüllt. Fotografiere gern Menschen, Landschaften, besondere Momente.

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TOP-BEITRÄGE & SEITEN

  • Die Sprache des Steins: Ausstellung zum Abschluss des Internationalen Bildhauer-Symposiums auf dem Campus der Fachhochschule Dresden
  • Restaurace "Babicka" eröffnet mit tschechisch-böhmischer Küche in Pirna
  • BilderAlbum: Bilder & Klänge für alle im KlanGLaboR
  • "Mut schöpfen": Kurzgeschichte & Dialog-Szene "Wenn aus Liebe Gewalt wird"
  • Premiere "Leonce und Lena" nach Georg Büchner auf der Bürgerbühne im Kleinen Haus
  • Ausstellung "Mittendrin" von Peter Pit Müller & André Uhlig im Sächsischen Weinbaumuseum Hoflößnitz
  • Premiere "Die Laborantin" von Ella Road im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden
  • Premiere "Einige fühlen den Regen, andere werden nass" & Festivaltag mit Stücken von Jugendlichen im Theater Junge Generation
  • Ausstellung "Gotthardt Kuehl. Ein Lichtblick für Dresden" auf Schloss Burgk Freital
  • Ein Abend für Thomas Brasch im Minckwitzschen Weinberghaus in Radebeul

Top-Beiträge & Seiten

  • Viele Facetten & Blicke von Frauen auf die Welt: Im Literaturkreis der Stadtbibliothek Radebeul-Ost im Kulturbahnhof bieten sie reichlich Gesprächsstoff
  • Premiere "Die Weihnachtsgans Auguste" im Boulevardtheater Dresden
  • Kurzgeschichte: Die Frau an der Haltestelle
  • Schönes bleibt: Gedichte zur Erinnerung
  • Schönes bleibt: Kleine Komödien
  • Ausstellung "Landschaften, Frauen, Tod und TV" von Hans Scheib im Einnehmerhaus Freital
  • Premiere "Fidelio" an den Landesbühnen Sachsen
  • Vorlesetag virtuell: Das Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten" in 13 Sprachen unter dem Motto "Europa und die Welt"
  • Ausstellung "Klang in Bronze gegossen zum 150. Geburtstag des Künstlers Richard Guhr in den Richard-Wagner-Stätten Graupa
  • Erlesene Kostbarkeiten: 25. Leipziger Antiquariatsmesse auf der Leipziger Buchmesse

Aktuelle Beiträge

  • Neue Katzen-Lyrik: Im Lichtzimmer
  • Neue Lyrik: Kerzenflamme & Alles aus Liebe
  • Neue Lyrik: Kindheitswege. Zwischen Gestern & Heute
  • Neue Gedichte vom Meer in HerbstFarben
  • Opera en miniature: „Abu Hassan“ – Musiktheater mit Puppen im Schloss Lauenstein
  • Letzte Gelegenheit in die fantastische Welt im Lügenmuseum Radebeul einzutauchen
  • „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ – Vielleicht bringt die 25. Vorstellung Glück!
  • Klangwanderung & Konzert mit Agnes Ponizil & Anne Kathrin Wagler an zwei Klavieren beim Musiksommer Bärenstein
  • Start in die neue Spielsaison im Mittelsächsischen Theater: José Luis Gutiérrez dirigiert das Orchester mit viel Schwung
  • Wunderreiche Welt & unbequeme Wahrheiten: dem Lügenmuseum Radebeul droht die Räumung

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