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Kategorien-Archiv: Theater

Unterwegs: Planwagentour der Theatergruppe „Spielbrett“ führt in die Sächsische Schweiz

11 Donnerstag Jul 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Projekte, Theater, Unterwegs, Zwischenmenschliches

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Mit Pferdewagen, Drahteseln und dem neuen Sommertheater-Stück, Shakespeares „Sturm“ im Gepäck zieht die Dresdner Theatergruppe „Spielbrett“ als fahrende Schauspielertruppe wieder über Land auf ihrer diesjährigen Planwagentour, die weit und breit einzigartig ist. Fotos (4): Tanja Grünert

Mit Pferdewagen und Spielleidenschaft unterwegs wie zu Shakespeares Zeiten

Die Theatergruppe „Spielbrett“ aus Dresden geht wieder auf Planwagentour in die Sächsische Schweiz vom 29. bis 27. Juli.

Der Planwagen ist vollbeladen mit Requisiten, die helle Leinenplane bemalt mit der Route und die zwei Pferde ziehen den Karren im Schritttempo. Dahinter radeln die Darsteller in bunten Sachen auf Drahteseln mit Satteltaschen und Rucksäcken hinterher, hinaus aus der Großstadt, über Dorfstraßen und auf weiter Flur. Die Gruppe „Spielbrett“ geht bald wieder auf ihre traditionelle, einwöchige Planwagentour durch die Sächsische Schweiz vom 20. bis 27. Juli. Im Gepäck für das Sommertheater hat sie dieses Jahr „Shakespeares Sturm“.

„Ein Sturm, eine Insel, eine gestrandete Regierung und ein gestürzter Herzog als Herrscher über das Eiland“, so kündigt die Gruppe das Stück an. In dem nicht ganz zufällig die Helden und Heldinnen sich in einem Labyrinth aus Magie, Gewalt, Intrigen, aber auch Liebe wiederfinden. Luftgeister kommentieren das Geschehen mit aktuellen Bezügen. „Eine fahrende Schauspielertruppe, die durch die Lande zieht wie zu Shakespeares Zeiten und das schon seit vielen Jahren, das ist deutschland- und europaweit einmalig“, weiß der Schauspieler, Regisseur und künstlerische Leiter von „Spielbrett“ seit der Gründung 1985, Ulrich Schwarz. Dem man seine 77 Jahre nicht ansieht und der noch längst nicht ans Aufhören denkt. Dazu mache es ihm zu viel Spaß. Sie zeigen urwüchsiges, sinnlich, poetisches, unterhaltsames und intelligentes Volkstheater mit großer Leidenschaft, Spielfreude und Humor an verschiedenen Orten. Insgesamt acht Vorstellungen stehen auf dem Programm.

Der Start mit dem Planwagen vom Pferdehof Schmidt aus Loschwitz ist am 20. Juli, um 10 Uhr am Blauen Wunder. Erster Spielort dann abends, 20 Uhr im Schlosspark Graupa vor einer uralten Eiche. Weiter geht`s über Schloss Weesenstein, Struppen, Gohrisch am Dorfteich, Königstein am romantischen Malerwinkel, Bad Schandau, Hohnstein bis nach Dürröhrsdorf-Dittersbach als letzter Tourstation.

„Die Spieler ziehen in Kostümen und mit Musik, Akkordeon und Gitarre, lautstark jeweils in den Ort ein und werben für die Vorstellungen. Bei der Planwagentour geht es um den Schauwert, aber auch um Langsamkeit und Genießen für Akteure wie Zuschauer“, so Ulrich Schwarz. Sie fallen überall auf. „Mindestens 50 Prozent der Leute fühlen sich durch den Planwagen angezogen.“ Als Spielkulisse dient ein Bühnengestell, an dem bemalte Bühnenbilder und manchmal auch Türen hineingehängt werden. Bekannte Künstler gingen mit „Spielbrett“ auf Planwagentour ihre ersten Schritte, so Regisseur Schwarz, wie der inzwischen verstorbene Schauspieler und Kabarettist Olaf Böhme als „Falstaff“ oder die Sängerin und Liedkabarettistin Anna Mateur. Elf Spieler in Doppelbesetzung sind derzeit dabei im Alter von 20 Jahren bis Anfang 70. Sie arbeiten als Lehrer, Ärztin oder in der IT-Branche. Ein Koch fährt auch mit, der für Speis und Trank sorgt. Beim Frühstück und abends nach der Vorstellung sitzen die Spieler an einer großen Tafel zusammen, wird gequatscht und gefeiert. Die Planwagentour wird privat finanziert. Übernachtet wird unterwegs in Turnhallen und Schulräumen in Schlafsäcken.

„Die Planwagentour ist noch nie gefördert worden weder von der Stadt Dresden noch vom Land Sachsen. Obwohl wir doch in Sachsen bleiben und Kultur in den ländlichen Raum bringen“, so Ulrich Schwarz. Er als künstlerischer Leiter und die Organisatoren der Tour bekommen ein Honorar. Und die Gruppe „Spielbrett“ erhalte eine geringe Förderung von der Stadt pro neue Inszenierung. Die Planwagentour wechselt jährlich, neben der Sächsischen Schweiz führt sie auch ins Osterzgebirge und nächstes Jahr wieder an die Märkischen Seen mit immer anderen Shakespeare-Stücken. „Meist kommen um die 100 Besucher pro Vorstellung. Letztes Jahr am Schloss Lauenstein waren es sogar 200 Zuschauer“, so Schwarz. Nächstes Jahr im Herbst feiert die mehrfach preisgekrönte Gruppe „Spielbrett“ ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum mit einem Theaterfestival unter dem Motto „Danke Volk!“ im Theaterhaus Rudi in Dresden.

Text (lv)

http://www.spielbrett.info

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Sommertheater: Premiere „Das Spiel von Liebe und Zufall“ nach Marivaux im Innenhof des Japanischen Palais

22 Samstag Jun 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater, Zwischenmenschliches

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Das Spiel von Liebe und Zufall
Komödie von Pierre Carlet de Marivaux
in einer Fassung von Lily Sykes. Foto: Sebastian Hoppe

Leidenschaftliches Versteckspiel der Gefühle

Mit viel Komik, Spielfreude und Doppelsinn kommt das diesjährige Sommertheater-Stück „Das Spiel von Liebe und Zufall“ nach der Komödie von Pierre Carlet de Marivaux des Staatsschauspiels Dresden Open Air im Innenhof des Japanischen Palais auf die Bühne. Noch bis 30.6. zu erleben!

„This is not a Love Song!“, singt die junge Frau gleich zu Beginn mit rauer, lasziver und jazzig kraftvoller Stimme. Sie trägt eine große schwarze Schleife im Haar, kurze Hosen und Feinstrumpfhosen und Sonnenbrille. Wen wundert`s! Silvia (selbstbewusst: Sarah Schmidt) soll gegen den Willen ihrer Mutter Madame Orgon (Nadja Stübiger) mit dem jungen Edelmann Dorante verheiratet werden. Die schrill und extravagant wie eine Diva in dunklem Rüschenkleid und weißer Hochfrisur umherwirbelnde alte Dame hat mit mal salbungsvoller, mal tiefer, dunkler Stimme geschäftstüchtig ihre eigenen Pläne und möchte ihr marodes Unternehmen durch die Heirat sanieren und in feine Kreise aufsteigen. Doch Silvia, ihre Tochter mit der großen, braven schwarzen Schleife denkt gar nicht daran. Ihre Karriere als Sängerin ist gerade erfolgreich angelaufen und sie ist gern Single. Ihr Bruder Mario ist ein etwas einfältiger, aber auch durchtriebener Scherzbold und Muttersöhnchen, dafür mit eigenen Marotten (herrlich komödiantisch: Viktor Tremmel). Er hat auch ein Auge auf Lisette geworfen, ist aber chancenlos. Lisette (keck und vorlaut: Leonie Hämer), die persönliche Assistentin von Silvia mit der rötlichen Wuschelmähne, die an eine Fellkappe erinnert, weißer Bluse, Weste und schwarzen Pluderhosen, hätte hingegen nichts gegen eine Heirat, sie träumt von Liebe und Glück am besten mit einem wohlhabenden Mann.

Der taucht auch auf in Gestalt von Dorante  (sanft und edelmütig: Jakob Fließ), der jedoch seine Kleider tauscht mit Arlequin, seinem Butler (cool, derb und großspurig, draufgängerisch: Oliver Simon), da auch Dorante eine arrangierte Ehe missfällt und um seine zukünftige Braut heimlich auf die Probe zu stellen. Das Gleiche hat auch Silvia im Sinn, die mit Lisette die Kleider und Rollen tauscht. Das führt zu einem herzergreifend komischen wie dramatischen Verwirrspiel der Gefühle mit allen Höhen und Tiefen, um herauszufinden, für wen das Herz abseits aller Maskerade und sozialem Status denn nun wirklich schlägt, in der diesjährigen Sommertheater-Inszenierung des Staatsschauspiels Dresden „Das Spiel von Liebe und Zufall“. Die bekannte Komödie von Pierre Carlet de Marivaux ist in einer Fassung und unter Regie von Lily Sykes derzeit als Open Air-Aufführung im Innenhof des Japanischen Palais in Dresden zu erleben.

Die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler agieren allesamt mit viel Komik, Leidenschaft und Spielfreude in diesem anfangs etwas zäh über Liebe und Ehe dialogisierenden, im zweiten Teil dann spannenderen und aberwitzigen Verkleidungs- und Kuppelspiel, mit galant eingestreuten, französischen Worten aus dem Mutterland der Liebe und Wortwechseln in Alltagssprache, manchmal sehr salopp und in breitem Sächsisch, begleitet von einer Band mit vier Musikern mit bekannten Rock- und Popklassikern, eigenwillig und witzig vorgetragen von den Darstellern. Eine Kleiderstange, Grünpflanzen und Lampenschirme genügen, mit denen man sich flugs in Schale wirft, jemand anders wird oder sich versteckt und tarnt, um die anderen Mitspieler zu beobachten und im entsprechenden Moment einzugreifen, um das Gefühlsfeuer weiter zu entfachen bis der Schwindel auffliegt, Wut, Enttäuschung, Ängste und Sehnsüchte sich breitmachen und die sich zueinander hingezogen fühlenden und passenden Paare am Ende doch noch finden. Als Kulisse und Spielfläche dient eine große Holzwand mit Empore, in rotes und nachtblaues Licht getaucht und Holzboden davor, mit Fenstern und auf und zu fliegenden Türen, gegen die die Darsteller reihum rennen, vor den Kopf gestoßen werden, sich daran stoßen wie an den Etiketten und einen Weg heraus suchen. Reichlich Beifall gab es vom Publikum für einen vergnüglichen Theaterabend mit einigen nachdenklichen Momenten, wie man den wahren Wert eines Menschen hinter der Fassade erkennt und was das mit Liebe und Zufall oder tieferem Sinn zu tun hat.

Text (lv)

Nächste Aufführungen: 23.6., 19 Uhr; 26.6., 27.6., 28.6., 29.6., 20 Uhr und 30.6., 19 Uhr

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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Premiere „Das Schloss“ von Franz Kafka im Schauspielhaus Dresden

07 Dienstag Mai 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater, Zwischenmenschliches

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Verführen und Vermessen von menschlicher Leidenschaft, Macht und Ohnmacht: als Landvermesser K. (Moritz Kienemann) und seine Geliebte, Frieda (Kaya Loewe), dazwischen der mit dem Amtsschimmel erprobte, zwielichtige Wirt und Gemeindevorsteher (Holger Hübner). Foto: Sebastian Hoppe

Grotesker Kampf gegen Despoten in Luftschlössern

Reichlich komisch-absurd, bilderstark, intensiv und eindringlich mischen sich Traum- und reale Welt in der Inszenierung von Franz Kafkas „Das Schloss“ im Schauspielhaus Dresden.

Über der dunklen Bühne schwebt ein weiß gleißendes Gebilde wie ein riesiges Loch oder Heiligenschein. Aus der Tiefe dringt unsichtbar, lautes Seufzen, Ächzen und Knarren als drehe und winde sich dort die uralte Erdmutter. Der Vollmond steht am Sternenhimmel, davor erhebt sich ein hoher, verschachtelter Bau wie eine Trutzburg aus grauen Kästen, schwarzen Fensterhöhlen und käfigartigen Gerüsten. Mit der Drehbühne drehen sich die grau gekleideten Figuren, Männer mit Fellmützen, Frauen mit Kopftüchern mitsamt ihren monotonen Verrichtungen im Kreis. Daraus sticht in leuchtend gelbem Overall ein nächtlicher Wanderer heraus, ein junger Mann namens K., der sich zum gewünschten Landvermesser erklärt, nachdem er nach längerer Reise ein Dorf erreicht hat. Er braucht eine Erlaubnis zum Übernachten von den Schlossherren und will so schnell wie möglich seiner Arbeit nachgehen. Doch es ist schon Mitternacht, und nicht nur um diese Zeit keiner da oder zu sprechen im Schloss für die Dorfbewohner. Warum haben Sie mich dann geweckt?!, wundert sich K.

So absurd, traumwandlerisch, eben kafkaesk ist das ganze Stück „Das Schloss“ von Franz Kafka. Nach seinem 1922 entstandenen, unvollendeten Roman, der 1926 postum von Max Brod veröffentlicht wurde, kam die Inszenierung unter Regie von Maxim Didenko am vergangenen Sonnabend auf die Bühne im Schauspielhaus Dresden. 2022 emigrierte er aus Russland und lebt und arbeitet nun in Deutschland. Das Schloss ist seine erste Arbeit am Staatsschauspiel Dresden. Er schafft es für die Dauer von fast drei Stunden, die nicht nur düstere, sondern auch sehr skurrile, geheimnisvolle und anspielungsreiche Traumwelt Kafkas kurzweilig, einfallsreich und spannend mit viel eigenem Deutungsspielraum für die Zuschauer lebendig werden zu lassen.

Zu erleben war reichlich komisch-groteskes, bilderstarkes Theater auf mehreren Spielebenen, mit Körper-Schattenspiel und Videoprojektionen und viel Spielleidenschaft des Schauspielerensembles. Das Ganze wirkt wie ein Albtraum und eine Selbstbefragung von K. zwischen Schlafen und Wachen, surreal und real, zeitlos, intensiv und eindringlich vor gespenstiger Kulisse, gegen die er immer wieder ankämpft, gegen Unfreiheit und Despoten, gegen Willkür und das Wirrwarr unsinniger, sich selbst widersprechender Vorschriften und überbordender, lebensfremder Bürokratie, die Menschen klein halten, von selbstständigem Denken und Handeln abhalten. Ihm begegnen Stumpfsinn, blinde Ergebenheit und Gleichgültigkeit, in die K. einbricht und die Dorfbewohner aus ihrer Ruhe und Gewohnheiten reißt. Er ist ein Fremder, Eindringling und Sonderling, den sie misstrauisch anschauen, da er an seinem Vorhaben festhält, persönlich im Schloss vorzusprechen, bevor etwas Schriftliches auf dem endlosen Aktenweg verloren geht. Damit zieht er Spott, Ärger und Abwehr der Alteingesessenen auf sich, was für ein anmaßendes, vermessenes, wahnwitziges Unterfangen von Einem, der nichts ist! Man staunt, lacht, bangt und hofft mit K. als Landvermesser bis zum Schluss, dass er doch noch etwas ausrichten kann, dass es nicht nur leere Luftschlösser voll unerfüllter Wünsche und Träume bleiben.
Viel Beifall und Bravos für einen leidenschaftlichen, wild verwegenen, kafkaesken Theaterabend.

Text (lv)
Mehr Text zu den Figuren und Darstellern folgt.

Nächste Termine: 8. und 13.5., 19.30 Uhr

http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Vermessen der eigenen Wünsche und Ziele zwischen Traum und Realität: Olga (Gina Calinoiu), die mit ihren klugen Gedankenflügen K. (Moritz Kienemann) anzieht und anstachelt, weiterzugehen. Foto: Sebastian Hoppe

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Gruppe Spielbrett

21 Sonntag Apr 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Projekte, Theater, Zwischenmenschliches

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Eine Szene aus der Inszenierung „Jubiläum – Eine Geisterstunde“ von George Tabori, aufgeführt von der Theatergruppe „Spielbrett“ unter Regie von Ulrich Schwarz. Foto: Tanja Grunert

Ein Spiel-Platz der Toten

Mit bissigem Witz und viel Kraft erzählt das Stück „Jubiläum – Eine Geisterstunde“ von George Tabori über den Umgang mit jüdischem Leben und Kultur in Vergangenheit und Gegenwart.

Die Akteure sind sehr stolz, mitteilen zu können, dass die Theatergruppe Spielbrett e.V. mit seiner Inszenierung „Jubiläum – Eine Geisterstunde“ von George Tabori für den Deutschen Amateurtheaterpreis 2024 des Bundesverbands Deutscher Amateurtheater nominiert ist. Die nächste Möglichkeit, diese Inszenierung zu sehen, ist der 9. Juni, 19 Uhr im Theaterhaus Rudi. Fechnerstraße 2a in Dresden.

George Taboris „Jubiläum“ feierte am 28. und 29. Januar 2023 in einer Aufführung der Theatergruppe Spielbrett unter Regie ihres künstlerischen Leiters Ulrich Schwarz Premiere im Theaterhaus Rudi in Dresden. Diese Inszenierung führt auf einen ganz besonderen Friedhof. Die letzte Nacht Geisterstunde auf einem Friedhof, der morgen eingeebnet werden soll für einen Spielplatz. Die Toten feiern Abschied und machen ihn schon jetzt zu ihrem Spiel-Platz. Da treffen der Musiker mit seiner Frau und der behinderten Nichte auf ein schwules Paar. Sie alle haben eines gemeinsam: sie sind alle Juden, ob sie wollen oder nicht. Und jeder hat seinen besonderen Tod gehabt, wohlgemerkt: nach der Hitler-Diktatur. Nun werden sie – wie so oft – geweckt durch den Grab schändenden Neonazi, der sonst dem unsterblichen Totengräber zur Hand geht.

Erinnern, was man vergessen möchte

Das Erinnerungsspiel beginnt: Die Toten wollen die letzten Chance nutzen: Sie feiern ihre vergangenen Jubiläen, damit diese nicht totgeschwiegen werden. Die Stichworte für ihre Geschichten liefert ihnen die Gegenwart – auch die Wut des Neonazis und
die Gleichgültigkeit des Friedhofsgärtners. Scheinbar finden sie erst dann Frieden, wenn sie an das erinnern, was sie lieber vergessen würden. Können sie erlöst werden? Wird ihr Fest des menschlichen Lebens das Totschweigen beenden? Und wurde in Auschwitz doch nur Brot gebacken?


Humor und Geschichte?

Taboris Humor, seine Kalauer und Schlüpfrigkeiten sind alles andere als politisch korrekt. Aber sie lösen die moralische Verkrampfung, die sich zwanghaft einstellt, wenn sich Deutsche mit ihrer Vergangenheit beschäftigen. Für Spielbrett ist es nicht der erste Ausflug in die Vergangenheit. Nach der „Deutschland-Trilogie“ (2006-2009) und dem „Heimatabend“ (2016) – möchte Spielbrett der deutschen Geschichte und Gegenwart erneut auf die Finger schauen. Denn das Thema Antisemitismus gehört noch lange nicht der Vergangenheit an: Erst jüngst schrieb DIE ZEIT, dass ‚Du Jude‘ zu den häufigsten Schimpfwörtern auf deutschen Schulhöfen gehöre. Spielbrett will mit Taboris bissigem Witz, seiner Kraft und dem herrlich politisch Unkorrektem seines Stücks zeigen, dass Erinnern vor dem Verfall schützt – auch vor dem moralischen.
„Jeder wirkliche Humor ist schwarz.“ (George Tabori).

Weitere Informationen gibt es unter http://www.spielbrett.info.

Text: Claudia Leutemann/ Öffentlichkeitsarbeit bei der Gruppe „Spielbrett“

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Premiere „Achtsam morden“ – Krimikomödie in der Comödie Dresden

21 Sonntag Apr 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater, Zwischenmenschliches

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Immer ruhig und gelassen bleiben, nur nicht nervös
werden bei der Verbrecherjagd: Der Anwalt Björn Diemel (Ronald Spiess) übernimmt immer mehr die Rolle seines spurlos verschwundenen Mandanten, dem Mafiabos Dragan in dieser Krimikomödie. Ihm zur Seite in mehreren Rollen Benjamin Hille und Daniela Michel. Foto: Robert Jentzsch

Rasant komisches Spiel um Leben und Tod

Für Lachen und Gänsehaut mit viel schwarzem Humor, Action und schnellem Rollenwechsel sorgt die Krimikomödie „Achtsam morden“ in der Comödie Dresden.

Seelenruhig steigt der Mann im Dunkeln aus seinem schwarzen Schutzanzug. Björn Diemel ist ein erfolgreicher Anwalt, 42, und hat noch nie einen Menschen umgebracht. Doch dann vertritt er einen schuldigen Mafiaboss als Mandanten und steht bald selbst mitten im Schlamassel. Dabei setzt er um, was er gerade in einem Achtsamkeitsseminar gelernt hat, zu dem ihn seine Frau drängte, um Beruf und Familie wieder in Balance zu bringen, allerdings handelt er anders als erwartet. „Achtsam morden“ – ebenso paradox wie schwarzhumorig geht es zu in der Krimikomödie nach dem Bestsellerroman von Karsten Dusse, der aus einer Juristenfamilie kommt. Die Premiere in der Bühnenfassung von Bernd Schmidt war letzte Woche in der Comödie Dresden.

Vorher muss man aufpassen, nicht in die blutroten Fußspuren am Eingang und im Foyer zu treten. Dort sitzt am Premierenabend auf einem Podest eine Frau, Kristin Voß, in weißen Sachen mit einer Klangschale in der Hand und singt mit sanfter Stimme unbeirrt vom regen Besuchergewimmel. Auf der Bühnenmitte prangt groß das Wort „Kanzlei“, davor steht im Schatten einer Hauswand eine Buddhafigur und orange leuchtet der Raum gegenüber. Der Achtsamkeitstrainer (sachlich nüchtern: Benjamin Hille) wirkt beruhigend auf den Anwalt (clever-abgeklärt: Ronald Spiess) ein und bringt ihm ein paar grundlegende Lektionen bei wie den Atem spüren, einfach leben ohne zu bewerten und liebevoll zu sich selbst sein. Und gibt ihm ein Ratgeber-Buch mit: „Entschleunigt leben auf der Überholspur“.

Es steht auch einiges auf dem Spiel. Seine Frau Katharina (energisch: Daniela Michel) im roten Mantel droht mit Scheidung und dass er seine kleine Tochter Emily nie wieder sieht, wenn sein Job ihm weiter wichtiger sei und sie nur noch streiten. Doch kaum ist der Anwalt mit Emily gestartet zu dem Ausflug ins Wochenendhaus am See, kommt ein Anruf von Mafiaboss Dragan. Auf einem Parkplatz kamen sich bei der Übergabe zwei Drogenhändlerbanden in die Quere, es gab zwei Tote­. Ein Bus mit Schulkindern traf gerade in dem Moment dort ein und sie filmten eifrig mit ihren Handys die Verbrecher, hielten das Ganze wohl für eine Actionszene. Der Anwalt soll die Sache nun für Dragan regeln, sonst werde es seine Tochter nicht überleben. Er fungiert als Erzähler, rollt an der Wand eine Täterkartei mit Fotos aus und erklärt dem Publikum die  Zusammenhänge. Dennoch fällt es schwer, die Übersicht zu behalten und die Achtsamkeit bei der Verbrecherjagd wird absurdum geführt. Eine Schauspielerin und zwei Schauspieler bringen achtzehn Figuren in rasant komischem Rollen- und Kostümwechsel auf die Bühne und entführen mit viel schwarzem Humor und brutalem Gossenjargon ins Verbrechermilieu.

Nachdem Dragan spurlos verschwunden ist, übernimmt der Anwalt seine Rolle und erteilt den anderen Bandenmitgliedern seine Anweisungen. Er wird immer abgebrühter, hartgesottener und fühlt sich frei, atmet tief und übersteht mit einem Lächeln jede heikle Situation. Etwa wenn eine Frau von der Mordkommission Verdacht schöpft und ihn befragt, z.B. zu dem gefundenen Finger mit Siegelring von Dragan in der Nähe des Anwaltgrundstücks. Boris, ein Russe im Pelzmantel und seine Geliebte setzen den Anwalt außerdem unter Druck und wollen Dragan sehen. Ein gnadenlos komisches Spiel auf Leben und Tod voller Verwicklungen und überraschender Wendungen ist diese Inszenierung unter Regie von Ingmar Otto. Absurd und traurig zugleich die Szene, in der die Gauner getarnt als Beteiligungsgesellschaft einen Kindergarten übernehmen, auf den kleinen Kinderstühlchen sitzen, einer gerissener als der andere, kichern und sich Schläge androhen und ihre nächsten Coups planen. Die Frau vom Anwalt ist happy, dass sie doch noch den heiß begehrten Kitaplatz für Emily bekommt und auch die Kriminalbeamtin arrangiert sich für einen Platz für ihren Sohn. Bei der abschließenden Explosion, bei der einer der Gauner hochfliegt, spritzen rote Luftschlangen ins Publikum. Für Lachen und Gänsehaut abwechselnd sorgt diese eigentlich todernste Komödie. Viel Beifall gab es dafür zur Premiere.

Text (lv)

http://www.comoedie-dresden.de

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Premiere „Fräulein Else“ nach Arthur Schnitzler an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul

20 Samstag Apr 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater, Zwischenmenschliches

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Viermal Else wie sie leibt und lebt. Inszenierungsfoto mit: Veronika Petrovic, Julia Rani, Sandra Maria Huimann, Maria Sommer (v. l.) Foto: Carsten Beier

Reizvolles Spiel mit Rollenbildern

Das Stück „Fräulein Else“ nach Arthur Schnitzler ist auch bei der 10. Langen Nacht der Dresdner Theater am Sonnabend, dem 20. April auf der Studiobühne der Landesbühnen Sachsen in Radebeul zu sehen. 22 Theater in und um Dresden laden die Besucher zwischen 16 und 23 Uhr zu einer bunten Mischung aus S chauspiel, Oper, Musical, Tanz, Puppentheater und Lesungen ein und zeigen im Stundentakt jeweils 30-minütige Kostproben aus ihrem Repertoire. Begonnen im Schauspielhaus Dresden, dort liegen auch Programmhefte aus, mit Abschlussparty dort ab ca. 23.15 Uhr bis zum Theaterhaus Rudi mit After Show Party mit Tam Tam Comony ab 22 Uhr. Karten gibts jeweils vor Ort.

Im warmen Bühnenlicht tanzen übermütig vier Frauen auf die Bühne. Ihre Körperschatten zeichnen sich auf der weißen Wand ab. Sie bewegen sich um ein Gehäuse, eine Art Salon, Versteck oder Käfig mit Ritzen zum Hineinlunsen, geheimnisvoll und etwas unheimlich. Eine von ihnen mit brünettem, halblangen Haar, roten Lippen  und geschminktem Bijoubärtchen und schulterfreiem, schwarzweiß geblümten Kleid und Glacéhandschuhen (stolz, verletzlich, im Zwiespalt ihrer Gefühle: Sandra Maria Huimann) verliest einen Brief ihrer Mutter aus Wien, der sie mitten in den Ferien im Süden ereilt. Ihr Vater steckt in Geldnöten und nur seine Tochter Else könne ihn vor dem Kriminal retten, wenn sie den ebenfalls im Kurort weilenden Kunsthändler Herr von Dorsday um Geld bittet. Sie will ihrem Vater helfen, doch ist bestürzt über die Bedingung Dorsdays: Er leihe ihr das Geld, aber nur, wenn er sie eine Viertelstunde nackt ansehen könne.

Auf der Grundlage von Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“, die er 1924 veröffentlichte als inneren Monolog einer 19-jährigen Frau aus gut bürgerlichen Verhältnissen und das Problem der materiellen Abhängigkeit von Frauen thematisierte, entstand eine Stückentwicklung unter Regie von Jan Meyer mit vier Schauspielerinnen. Die Premiere war im Januar auf der Studiobühne der Landesbühnen Sachsen in Radebeul. Mit Textpassagen von Schnitzler, ergänzt um eigene Sichtweisen und Erfahrungen kam ein spannendes, berührendes wie provokantes Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit über alte und neue Frauenrollen-Bilder, den Umgang mit Körperlichkeit, Nacktheit und  weiblichen Wünschen und Identität in einer immer noch männlich geprägten Gesellschaft auf die Bühne.

Gleich viermal Else war zu erleben mit all ihren Träumen, Ängsten, Zweifeln, Begabungen und Eigenarten. Vier verschiedene Frauentypen sprechen, agieren, ergänzen sich und überlegen, was zu tun ist. Ob sie das anstößige Angebot annehmen oder nicht. Da ist die brave, adrette, romantische Dame im weißen Kleid  mit Sonnenschirmhut (Maria Sommer), die sinnlich, verführerische und mutige, die es mit dem Geldgeber und Angreifer aufnehmen will (Julia Rani), die kluge und sensible (Sandra Maria Huimann) und die elegant, burschikos kokette mit männlichen und weiblichen Attributen spielende Frau im Nadelstreifenanzug, weißem Hemd, schwarzer Schleife und hochgestecktem rötlichen Haar (Veronika Petrovic). In jeder von ihren steckt auch ein Teil der anderen. Viele Facetten von Frausein.

Zuerst lehnen sie das Geld-Angebot empört ab. Sie seien nicht käuflich! Im nächsten Moment rennen sie aufgeregt, kichernd umher und träumen, was mit dem Geld alles anfangen könnten, studieren, reisen, sich einen Geliebten nehmen und nackt auf dem Marmorboden liegen… Sie spielen verschiedene Möglichkeiten und Szenarien durch. Das Spiel mit Blicken, keusch, naiv, reizvoll und wütend, sich nicht für Geld zu verkaufen. Dann wieder steht Else, die wohlbehütete Tochter (Sandra Maria Huimann) wie erstarrt vor Angst und Abneigung, ausgeliefert den männlichen Blicken, an der Wand. Die anderen Darstellerinnen stehen um sie herum und legen besitzergreifend die Hände um ihren Körper und taxieren dessen Wert. Grotesk-komisch die Szene, in der die Frauen sich vor einen weißen Sarg stellen und vorstellen, Else wäre tot, um der Misere zu entgehen oder den Skandal, wen man mehr bedauern würde, ihren Vater oder den Kunsthändler, die durch ihren Tod in schlechten Ruf gerieten. Wie es ihr geht ist egal.

Dann drehen sie den Spieß um. Else (Julia Rani) steht als Mann auf dem Sarg wie einem Podest, den intensiven Blicken und abfälligen Sprüchen der Frauen ausgeliefert, die ihm sagen, was er machen soll  und erfährt selbst wie es ist, mit Blicken ausgezogen zu werden. Die Frauen erzählen auch von eigenen Erfahrungen, wenn jemand näher kommt als gewollt oder abends allein an der Haltestelle zu stehen. Dann gehen die Frauen in die Offensive und wollen sich wild entschlossen nicht nur Dorsday nackt zeigen. sondern auch allen anderen in der Hotelhalle. Dann sind sie damit nicht allein. Huimann sagt, sie ziehe sich jetzt aus, bewegt die Fingerspitzen in den langen weißen Glacéhandschuhen, doch lässt ihr Kleid an. Ein sinnliches Spiel mit der Vorstellungskraft des Zuschauers und es gibt ihr die Macht über ihren Körper zurück. Sie entscheidet, wie weit sie geht.

Zum Schluss rücken die anderen Frauen an sie heran, bilden einen Kreis um sie wie um sie zu schützen und rufen erstaunt „Else“! Es bleibt offen, ob sie sich nackt zeigt. Viel Beifall gab es vom Publikum für einen ambitionierten, emotionsreichen Theaterabend mit viel Stoff zum Weiterdenken.

Text (lv)

Termine: 20.4., 19, 20 und 21 Uhr bei der Langen Nacht der Theater.

http://www.landesbuehnen-sachsen.de

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Premiere „Mamma Medea“ von Tom Lanoye im Schauspielhaus Dresden

11 Donnerstag Apr 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater, Zwischenmenschliches

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Eine Geschichte voller Licht und Schatten: den antiken Mythos um Medea, die liebende, zornige, aufbegehrende Frau, Mutter und Kindesmörderin holt die Inszenierung „Mamma Medea“ in einer Fassung von Tom Lanoye eindrucksvoll, berührend, beklemmend und bilderstark in die Gegenwart im Schauspielhaus Dresden. Foto: Sebastian Hoppe

Ein Schritt über die Grenze befreit oder tötet

Vom Gefühl des Fremdseins und Umgang mit Fremden erzählt das Stück „Mamma Medea“ nach dem antiken Mythos von Euripides als bilderstarke, fern-morbide und zeitgenössische Tragödie mit grotesken Passagen unter Regie von Lilja Rupprecht im Schauspielhaus Dresden.

Eine Treppe, umrahmt von Säulen, führt nach oben ins Nichts. Unten stehen zwei Männer in weißen Gewändern und weiß geschminkten Gesichtern wie lebende Tote, geisterhaft, aus einer fernen Zeit und zitieren einen Text „Vor dem Schritt“ von Thomas Melle zur Einstimmung auf das Stück „Mamma Medea“ von Tom Lanoye. Es geht um Grenzen, außen und innen und das Gefühl der Fremdheit, vor sich selbst und anderen. Und Grenzen zu überschreiten, im Außen oder die in dir drin. „Unsichtbar, tödlich, da drüben, paar Meter… Vielleicht wird es ganz leicht. Es ist nur ein Schritt, eine Tat. Wird sie vielleicht deren Leben befreien oder es zerstören…“

Oben auf der Treppe, ins Licht der Scheinwerfer gerückt, steht Medea (stolz, schön und entschlossener Blick: Henriette Hölzel). Sie trägt ein graues Kleid aus Flicken, das Oberteil eng geschnürt und die roten Arme gebunden, die Hände mit Binden umwickelt und das Haar unter einem grauen Tuch verborgen. Unten steht Jason (trocken humorvoll: Matthias Reichwald), der charismatische Fremde, in schwarzer Jacke, breitschultrig, heldenhaft, tatendurstig und direkt, salopp bis poltrig im Ton, in Alltagssprache. Er rennt, reist um die Bühne im Eiltempo durch die Zeit. An seiner Seite Frontis und Melas, die Söhne von Medeas Schwester Chalkiope (sorgenvoll-gramgebeugt: Christine Hoppe), die mit Jason nach Kolchis zurückkehren, in ihre Heimat und um das Goldene Vlies zu holen für Zeus, den obersten Gott der Griechen. Dort trifft Jason auf Medea, beide fühlen sich voneinander angezogen, ein dunkler Rest Unsicherheit bleibt. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt, denn in ihrer Heimat droht dem Fremden der Tod. Medea hilft Jason mit ihren Zauberkräften, stärkender Medizin aus Heilkräutern beim Bestehen der Prüfungen und beim Raub des Vlieses, wird dadurch zur Verräterin an Land und Familie, flieht mit ihm und heiratet ihn.

In seiner Heimat scheitert die erhoffte Thronbesteigung. Das Paar lebt mit seinen Kindern im Exil im griechischen Korinth. Medea wird selbst zur Fremden und soll ausgewiesen werden. Jason geht fremd und will ehrgeizig eine neue Existenz aufbauen und dazu eine Jüngere, Kreusa, die Tochter des Königs Kreon von Korinth heiraten. Medea fühlt sich betrogen und verraten, sie hat für Jason alles aufgegeben und weiß, mutterseelenallein, nicht wohin mit sich und ihren Kindern. Eine verhängnisvolle Liebesgeschichte, die Schatten und Not von Anfang an begleiten, die viel begehrt, fordert und verlangt vom anderen, das Feuer immer neu zu schüren sucht, sich wehrt, widersetzt und schutzlos dem anderen ausgeliefert, wütend, verletzt, blind auf Rache sinnt und grausam endet.

Der berühmte, antike Mythos um Medea, die liebende, zornige und aufbegehrende Frau, Mutter und Kindesmörderin aus Verzweiflung nach der Trennung ihres Mannes Jason kam nach Euripides` Drama Medea in einer zeitgenössischen Fassung von Tom Lanoye aus dem Flämischen von Rainer Kersten übersetzt als bilderstarke Tragödie mit ironisch grotesken Passagen unter Regie von Lilja Rupprecht auf die Bühne. Mitte Februar war die Premiere der Inszenierung im Großen Haus des Staatsschauspiel Dresden.

Die Gesichter von Medea und den anderen Figuren sind kalkweiß, wie bröckliger Putz, der Staub der Geschichte liegt auf ihnen. Ihre Lippen sind rot und blutverschmiert später ihre Hände. Im Stück geht es um den Umgang mit Fremden, den Kampf verschiedener Kulturen ebenso wie den Kampf der Geschlechter, zwischen Mann und Frau, immer noch aktuell und erschreckend brisant die Auseinandersetzungen bis in die heutige Zeit  angesichts der neuen, gerade vom EU-Parlament beschlossenen Gesetze, welche die Asylverfahren in Europa verschärfen und die Grenzen dichter machen sollen vor Flüchtlingen.

Bildermächtig, berührend, beklemmend, eindringlich und erschütternd in der Ausweglosigkeit des Konflikts und Unversöhnlichkeit der Beteiligten fesselt einen diese Inszenierung, stellt viele Fragen und lässt den Zuschauern viel Raum für eigene Deutung und Nachdenken.

Im zweiten Teil der Aufführung sind Medea und Jason als modernes Paar, allein, mit ihren Kindern und der Rivalin und gegenseitigen Schuldvorwürfen zu sehen. Kleidung, Kissen und Müllsäcke liegt bunt verstreut auf der Bühne wie Zwischenstationen von Flüchtenden. Eine Sirene tönt schrill. Medea trägt jetzt ein helles, schulterfreies Kleid, selbstbewusst und gibt nicht klein bei. Enttäuscht, verlassen und verletzt von ihrer großen Liebe bleiben ihr nur Klagen. Sie nennt ihn feige und einen Hampelmann, der die Karre in den Dreck fuhr. Sie sei hysterisch, kontert er. Die Leute kennen sie nicht, sie mache ihnen Angst! Behauptet Jason, in weißem Hemd mit hohem Kragen und schwarzer Hose. Er fühlt sich von ihr in die Enge gedrängt. Sie will ihm ihre Kinder nicht als Beute da lassen. Er beteuert, es werde ihnen an nichts fehlen in der Familie und mit ihrer neuen Mutter.

Ihre zwei Kinder tauchen vor ihnen auf, spielen auf der Treppe und ahnen nichts von der Gefahr. Auf einer Leinwand hinter ihnen sieht man Projektionen, ein Wirrwarr aus schwarzen Linien wie Gewitter, flackendes Licht und Flammen. Dazu stumpf hämmernde Schlagzeug-Klänge. Medea steht ungerührt da mit ihrem eigenen Schmerz und Wut als er vor ihr hilflos steht und weint. Erst als Jason so hilflos, schwach und verletzlich sich zeigt, wird das ganze Drama offensichtlich. Beide sind Opfer und Täter zugleich und haben jeder eine Verantwortung für das was passiert. Sie stehen sich gegenüber, im Halbdunkel erkennbar ihre Körperumrisse. Da sie keine Lösung finden, schreiten beide zu der unfassbaren Tat. Medea und Jason führen ihre Kinder hinaus und hinter der weißen Leinwand fallen Schüsse. Kein Schrei.

„Wo die Worte versagen, wo die Sätze entgleisen. Wo die Silben in alle Richtungen schießen. Geh jetzt, geh. Hinein ins Sperrgebiet deiner eigenen Fremde. Da vorne, tödlich, paar Meter, tief innen.“ Zitieren die zwei geisterhaften Gestalten vom Anfang den Schlussmonolog von Thomas Melle. Viel Beifall vom Premierenpublikum für eine Inszenierung, die unter die Haut geht und nicht so schnell loslässt mit ihren vielen offenen Fragen.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Nächste Termine: 11. und 30.4., 19.30 Uhr im Schauspielhaus Dresden.

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Premiere „Match me if you can“ – eine Datingkomödie in der Comödie Dresden

22 Montag Jan 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Theater, Zwischenmenschliches

≈ Ein Kommentar


Erstes Date mit der Traumfrau und dem Traummann aus dem Internet. Da sind Überraschungen und manch pikantes Geheimnis aus dem echten Leben vorprogrammiert. Foto; Robert Jentzsch

Turbulentes digitales Doppel-Spiel um Lust und Liebe

Nichts ist wie es auf den ersten Blick scheint in der haarsträubend komischen Datingkomödie „Match me if you can“ in der Comödie Dresden.

Bei Lisa und Martin hat es online gefunkt, so dass sie sich endlich im realen Leben treffen wollen. Die Vorfreude und Spannung steigen. Doch das Kribbeln im Bauch endet im Desaster, da beide ihre Profilfotos derart geschönt haben, dass sie einander nicht erkennen und das erste Date ganz anders verläuft als erwartet. Vom Flirten und Anbandeln im digitalen Zeitalter erzählt die turbulente Datingkomödie „Match me if you can“ von Nina Hartmann und Gregor Barcal, die am Freitagabend Premiere in der Comödie Dresden hatte.

Eine urige Kneipe, die „Alte Laube“ mit kuriosen Sammelstücken an den grünen Wänden und Flimmerlampe wirkt schon fast antiquiert als Begegnungsort. Zwei Gitarren an der Wand spielen automatisch, wenn man näherkommt, Schlager und fordern auf: „Tanze Samba mit mir…“ und schmachten: „Du bist so heiß wie ein Vulkan“, so dass man unweigerlich mitwippt und je öfter es angeht und man alleine ist, sich genervt wegdreht.

Lisa (verwöhnt-abenteuerlustig: Britta Boehlke) sitzt in pinkfarbenem Overall, Pumps und orangener Plastikhandtasche auf einem rustikalen Holzhocker am Tisch und wartet auf ihr Date. Ein supersexy Typ, 1,93 Meter groß, mit dem sie seit einigen Wochen heiß chattet, schwärmt sie am Handy ihrer Freundin vor. Doch er lässt auf sich warten. Den Mann, der stattdessen hereinkommt, mittelgroß, kräftig, graumelliertes Haar und Brille, ignoriert sie. Als er sie sieht, fühlt er sich wie vom Blitz getroffen und möchte am liebsten umkehren. Und schickt Lisa eine Absage per SMS sein bester Freund wäre gerade betrogen worden von seiner Freundin und er müsse ihn jetzt trösten. Sie liest es und ist sauer, dass Martin (als schüchterner Möchtegern-Verführer: Alexander Wipprecht) sie versetzt hat.

Er gibt sich ihr nicht zu erkennen und so beginnt ein haarsträubend komisches Doppel-Spiel, bei dem beide Datingpartner sich gegenseitig auf den Leim gehen, immer neue Überraschungen, Missverständnisse und manch pikantes Geheimnis aus dem echten Leben ans Licht kommen in dieser Komödie unter Regie von Katja Wolff. Ungeschönt, ungeniert, offen und direkt von Anfang an lassen Lisa und Martin dabei, zunächst ahnunglos und dann noch mal auf Reset zurückspulend, allen Frust, Wünsche und Sehnsüchte über den gesuchten Traumpartner heraus.

Er hört mit, wie sie auf ihn schimpft und tausend Gründe erfindet, warum er nicht zu ihrem Date kommen kann. Martin verteidigt ihn und tischt ihr eine Lüge nach der anderen auf, die darin gipfeln, das sei gar nicht sein Handy sondern von seinem besten Freund. Beide bieten sich kräftig Paroli, wie bei einem Boxwettkampf fliegen Vorwürfe, Ausflüchte, Spottgelächter und klare Ansagen hin und her, statt romantischem Rendez-vous und verführerischen Blicken mit Mister Knister und Missis Twister. Er ist auch charmant und ehrlich und sie nicht so tiefgründig und cool wie sie tut, wenn sie Männer auf Tinder wegwischt im Handumdrehen. Ein Schock für sie ist, als sich herausstellt, wer der „osterzgebirgische Wildhengst“, ihr neuester Kandidat im Chat in Wirklichkeit ist. Ein lustvolles Sahnehäubchen auf dem vermasselten Date sind die Gesangs- und Tanzeinlagen, darunter ein Ohrwurm aus der Rocky Horror Show und der Lovesong Je`taime im Schummerlicht. Viel Beifall vom Publikum, das auf heitere Weise vor den Tücken des digitalen Datings gewarnt wird.

Text (lv)

http://www.comoedie-dresden.de

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Premiere „Maria Stuart“ – Trauerspiel von Friedrich Schiller in den Landesbühnen Sachsen

18 Donnerstag Jan 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Theater, Zwischenmenschliches

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Zwischen Übermut und Verzweiflung: „Maria Stuart“, gespielt von Karoline Günst, ist Hoffnungsträgerin und tragische Figur zugleich im Spiel um Macht und Wahrhaftigkeit. Fotos: René Jungnickel

Von der Liebe zur Macht und der Ohnmacht des Herzens

Ein Wechselbad der Gefühle über Gefangen- und Freisein, Recht und Willkür, Begehrtsein und Aufbegehren durchlebt und -leidet das Publikum in der Inszenierung des Trauerspiels „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller in den Landesbühnen Sachsen in Radebeul.

Gleich zu Beginn bricht das Gerangel um die Macht los, werden auf der dunklen Bühne Podeste lautstark umgeworfen, herrscht Aufruhr. Besorgt und unruhig steht eine ältere Frau in grauem Kleid dabei. Alles andere als gastfreundlich war der Empfang für die Hilfe suchende Maria Stuart und ihre Amme, die in England Zuflucht suchten bei Königin Elisabeth, einer Verwandten Marias. Nach der Flucht aus ihrer Heimat, wo die schottische Königin einer Mitschuld an der Ermordung ihres Ehemanns bezichtigt wird, wird sie jedoch festgenommen und eingesperrt. All ihr Bitten und Flehen auf Befreiung und Gnade bleibt unerhört. Immer zwischen Hoffen und Bangen, Wut, Schmerz und Verzweiflung hin und her gerissen, durchlebt und leidet das Publikum ein Wechselbad der Gefühle mit der Titelheldin „Maria Stuart“ in dem Trauerspiel von Friedrich Schiller, das am vergangenen Sonnabend Premiere hatte in den Landesbühnen Sachsen in Radebeul.

Aus einem übergroßen, aufklappbaren Reisekoffer, ihrem Gefängnis mit karger Einrichtung, tritt Maria Stuart (stolz, unverzagt und kraftvoll: Karoline Günst) heraus und setzt sich obendrauf, rebellisch, fast übermütig und fragt, ob sie schon verurteilt ist. Ihre Amme (gütig und großherzig: Anke Teickner) beruhigt und tröstet sie und trägt eine Geige mit sich, als wiege sie ein Kind. Die wird Maria später spielen, in Momenten der Liebe und größter Bedrängnis. Drei Musiker (Berthold Bauer, Kevin Knödler und Simeon Hudlet) begleiten außerdem das Geschehen und lockern es abwechslungsreich auf mit Trompete, Kontrabass und Gitarre, mal leise, wehmütig, mal rockig, bluesig und feurig wie Flamencoklänge. Wenn Maria Stuart aufbegehrt und ungeduldig auf und ab gehend auf Königin Elisabeth wartet. Das ist lang, zäh und erfordert viel Zuhör- und Durchhaltevermögen auch von den Zuschauern, bis die Handlung an Spannung gewinnt und die Geschichte einen packt und ergreift. Es wird viel geredet, palavert und gestritten in langen, wortreichen Mono- und Dialogen in dieser dreistündigen Inszenierung unter Regie von Landesbühnenintendant Manuel Schöbel. Maria glaubt an das Gute, Wahre und Schöne bis zuletzt. Doch als lebensfrohe wie gläubige Katholikin ist sie der protestantischen Königin Elisabeth (kühl kalkulierend: Julia Vincze) suspekt. Da die Stuart auch noch selbst den englischen Thron beansprucht, stellt sie eine Gefahr dar für Elisabeth. Ihre Gefolgsleute unternehmen alles für ihren Machterhalt und verfolgen eigene Interessen, die einen mit Intrigen, andere diplomatisch, sachlich oder versuchen Elisabeth von den Vorteilen einer Ehe zu überzeugen.

Das geschieht eindrucksvoll in mal hartnäckigen, trockenen bis witzig-absurden Wortgefechten der Kontrahenten um Elisabeth und Maria, die sich gegenseitig überbieten mit aufgeblasenem Gerede ins Mikro. Die Bühne ist in stimmungsvolles Licht getaucht von nachtblau, tiefrot bis lichtvoll, frühlings- und hoffnungsgrün. Haften bleiben vor allem diese bilderstarken, prägnanten Szenen. Wenn Maria plötzlich ihr Gefängnis einen Moment im Freudentaumel verlässt und neu erblüht. Wenn die Gefolgsleute einen Kreis um Königin Elisabeth bilden, sie schützen und zugleich abschirmen von der Welt draußen, der Wirklichkeit. Allen voran ihr machtgierig, eitler und heuchlerischer Berater, Baron von Burleigh (Alexander Wulke). Er führt einen erbitterten Disput mit Maria Stuart über Recht und Gesetz. Einen Moment später fegt er die Gesetzakte mit dem Schwert vom Pult, trinkt aus einem Zinnbecher, reicht ihr auch einen vermeintlich höflich und schleudert seinen Becher wütend in ihre Richtung. Unerschrocken, besonnen und sachlich versucht Amias Paulet, Ritter und Hüter der Maria (Matthias Avemarg) Unheil von ihr abzuwenden und zu schlichten. Mortimer, sein Neffe (Maximilian Bendl) will hitzköpfig und stur hingegen Maria Stuart gewaltsam befreien. Galant und listig verspricht er bei einer Teestunde mit Elisabeth, die Sache mit der Stuart zu regeln. Dabei hat er ein Attentat auf Elisabeth vor. Robert Dudley, Graf von Leicester (innerlich zerrissen: Moritz Gabriel) warnte ihn davor und verrät ihn.

Leicester, der ehrgeizig-aufstrebende Geliebte der Königin Elisabeth und Ex-Liebhaber von Maria Stuart, will sie retten und spielt mit dem Feuer. Mal trifft er sich heimlich mit Maria, die Geige in der Mitte, nah beieinander, mal steht er im Prunkgemach der Königin und verführt sie. Dann löst Elisabeth ihre kunstvolle Haarkrone, ihr langes, rotes Haar fällt offen herab auf ihr weißes, tief ausgeschnittenes Kleid. Solche Momente, wo sie einfach nur Frau sein kann und dies genießt, sind selten. Sie ist Herrscherin eines Landes, was ihr Herz will und ihre Sorgen, interessieren keinen. Doch sie regiert gern. Schlau und mit scharfer Zunge und Verstand, auch mit Ironie, bietet sie den Männern in Anzügen um sie herum Paroli. In ihrer orangenen, schicken Kostümjacke, die sie lässig und selbstbewusst an- und auszieht, kurz innehält und loslegt zur nächsten Runde im Macht-Spiel, wirkt diese Elisabeth von Julia Vincze wie eine moderne Karrierefrau, entschlossen und energisch.

Spannend die Szene, als die zwei Frauen und Rivalinnen sich dann endlich gegenüberstehen als dramatischer Höhepunkt in Schillers Stück. Denn im echten Leben sind die beiden Königinnen sich nie begegnet. Elisabeth staunt, dass sie keine gramgebeugte Frau vorfindet, sondern Maria Stuart ihr stolz, schön, klug und aufbegehrend gegenübertritt. Sie steht mal zwischen den Pfeilern einer Regalwand, in der Hocke, richtet sich wieder auf und steckt ihren Kopf durch ein Dreieck in der Wand. Geht hindurch und steht in ihrem schwarzen, weiß durchlässigen Kleid im Licht mit dem Rücken zur Wand. Elisabeth in Kostümjacke, Hosen und Stiefeln kommt gerade von der Jagd, sieht neugierig, ergriffen und wütend zugleich auf ihre Gegnerin, die kein bisschen unterwürfig ist und sie herausfordert. Es gibt keine Versöhnung!, ruft die Stuart ihr entgegen. All ihr Zorn und Leidenschaft über die lange Gefangenschaft und Unrecht brechen aus ihr heraus. Maria glaubte, dass sie sich wie zwei Königinnen auf Augenhöhe begegnen könnten. Doch zu viel ist schon geschehen und beide Frauen können nicht an sich halten, keine der anderen trauen oder um Schutz bitten. Das ist die Tragik dieser Geschichte und visionäre Botschaft des Stücks, dass dies eines Tages doch möglich wird, dass zuerst die Herzen und Mitgefühl sprechen statt Gewalt, Gegensätze und Feindseligkeiten.

Es sind zwei starke und verletzliche Frauen in einem ungleichen Kampf, die eine frei, die andere gefangen, im Bannkreis der Macht. Der Preis dafür ist hoch. Maria Stuart bezahlt mit ihrem Leben. Elisabeth unterzeichnet widerwillig das Todesurteil im Zwiespalt aus gekränkter weiblicher Eitelkeit, Eifersucht und Angst um ihre Macht, wird aber zeit ihres Lebens von Zweifeln geplagt ob es die richtige Entscheidung war und sie steht am Ende allein da. „Maria Stuart“ ist ein zeitlos spannendes Stück über Macht und Ohnmacht, Recht und Unrecht, Freiheit, Willkür und Wahrhaftigkeit und Umgang mit dem politischen Gegner. Davon erzählt die anspruchsvolle, bewegende, aber in der Intensität von Bildern und Spiel nicht durchweg schlüssige, ambivalente und durchaus streitbare Aufführung in den Landesbühnen. Viel Beifall bekamen vor allem die beiden Königinnen zur Premiere.

Text (lv)

Nächste Vorstellung: So., 21.1., 19 Uhr in den Landesbühnen Sachsen in Radebeul.

http://www.landesbuehnen-sachsen.de


Glanz und Schatten der Macht: Königin Elisabeth (Julia Vincze) und ein vermeintlicher Vertrauter, Mortimer (Maximilian Bendl), der ein Attentat gegen sie plant, um Maria Stuart zu befreien.

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Premiere „Piaf. Mythos, Rausch und Wirklichkeit“ im Schauspielhaus Dresden

08 Montag Jan 2024

Posted by Lilli Vostry in Aktuelles, Lebensart, Musik, Theater, Zwischenmenschliches

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Die Stimme der Liebe

Wie soll man etwas beschreiben, das tief von innen herauskommt?! „Ich singe einfach!“, sagt Edith Piaf lächelnd auf die Frage eines Reporters. Am Anfang der Aufführung ist ihr Gesicht in Großaufnahme auf dem Bühnenvorhang zu sehen. Ob in ihrem Leben Glück oder Unglück überwogen habe? „Das gleicht sich aus“, antwortet  die Sängerin. Sie würde genau dasselbe Leben wieder wählen. Wenn sie nicht Sängerin sein könnte, was wäre sie dann? „Tot“, sagt sie. Auf ihr bewegtes, rastloses Leben mit allen Höhen und Tiefen, Licht- und Schattenseiten schaut „Piaf – Mythos, Rausch und Wirklichkeit“, ein Theaterabend von Laura Linnenbaum. Die Premiere war im November im Schauspielhaus Dresden. Im Halbdunkel der Bühne geht sie (grandios in der Titelrolle Betty Freudenberg), geplagt von Schmerzen, im weißen Nachthemd umher und mit den Erinnerungen steigen die dunklen Geister der Vergangenheit auf.

„Non, je ne regrette rien“ – Nein, ich bereue nichts!, sagt sie und singt die Piaf am Ende ihres Lebens. Sie liebte ihr schreckliches Leben, die Menschen und ihr Publikum. Und sie sang darüber, sang sich die Seele aus dem Leib und manchmal buchstäblich um ihr Leben. Die Musik, ihre Lieder hielten sie aufrecht. Klein, zart von Gestalt im schlicht schwarzen Kleid und gekräuseltem Haar hält sie sich am Mikro fest und mit ihrer großen, hellen, warmen und tiefen, kraftvollen Stimme verzaubert sie alle. Mit der sie zu Tränen rührt wie in „La vie en rose“, einer Hymne auf das Leben, lebensfroh, mitreißend und wehmütig auch ihre anderen, bekannten Songs wie „Padam… Padam“, „Milord“, „Sous Le Ciel de Paris“, „La Bohème“ oder „Mon Dieu“. Ihr Gesang trägt sie und ihr Publikum fort in eine andere Welt. Voller Träume, Liebe, Leidenschaft, Sehnsucht, Schmerz und Verzweiflung sind ihre Lieder wie ihr Leben. Mit viel Hingabe, stark und verletzlich, ergreifend, erschütternd und berührend erzählt und spielt Betty Freudenberg markante Stationen aus dem Leben der Piaf. Begleitet wird sie auf einer Drehbühne von vier weiteren Schauspielerinnen und Schauspielern (Jannik Hinsch, Henriette Hölzel, David Kosel und Raiko Küster) und einem Mädchen (Clara Dobberstein), die eindrucksvoll, mit Witz, Charme, Strenge, Esprit, Euphorie und Dramatik, verschiedene Seiten ihres Ich und innere Stimmen der Sängerin zeigen und Menschen, die ihr auf ihrem Weg begegneten. Sie zeigen sie als Kind, als junge Frau, Braut, gefeierte Sängerin ebenso wie Liebende, Manager und Künstlerfreunde. Beeindruckend und bewundernswert, wie die Piaf sich immer wieder aufrafft, selbst antreibt und nie den Glauben an sich verliert. Damit macht sie sich und anderen Mut, nie im Leben aufzugeben. Herzlicher Beifall vom Premierenpublikum.

Text (lv)
Mehr Text zur Aufführung folgt.

Nächste Vorstellungen: 8.1. und 17.1., 19.30 Uhr, Schauspielhaus

http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Zwischen Verzauberung und Verzweiflung: Sie lebte und liebte das Leben pur bis zur Neige mit aller Freude, Traurigkeit und Schmerz. „Die Stimmen vieler singen in mir“, sagte Edith Piaf und diese nehmen facettenreich Gestalt an auf der Bühne. Fotos: Sebastian Hoppe

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Lilli Vostry

Ich bin als Freie Journalistin (Wort/Foto) seit 1992 in Dresden tätig. Schreibe für Tageszeitungen und Monatsmagazine vor allem Beiträge über Bildende Kunst, Theater, soziale Projekte und Zwischenmenschliches. Außerdem Lyrik und Kurzprosa. Bisher vier BilderGedichtKalender zusammen mit Künstlern veröffentlicht. Fernstudium Literarisches Schreiben im Herbst 2022 erfolgreich abgeschlossen, Schriftstellerdiplom. Kindheitstraum erfüllt. Fotografiere gern Menschen, Landschaften, besondere Momente.

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  • Ein Abend für Thomas Brasch im Minckwitzschen Weinberghaus in Radebeul

Top-Beiträge & Seiten

  • Viele Facetten & Blicke von Frauen auf die Welt: Im Literaturkreis der Stadtbibliothek Radebeul-Ost im Kulturbahnhof bieten sie reichlich Gesprächsstoff
  • Premiere "Die Weihnachtsgans Auguste" im Boulevardtheater Dresden
  • Kurzgeschichte: Die Frau an der Haltestelle
  • Schönes bleibt: Gedichte zur Erinnerung
  • Schönes bleibt: Kleine Komödien
  • Ausstellung "Landschaften, Frauen, Tod und TV" von Hans Scheib im Einnehmerhaus Freital
  • Premiere "Fidelio" an den Landesbühnen Sachsen
  • Vorlesetag virtuell: Das Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten" in 13 Sprachen unter dem Motto "Europa und die Welt"
  • Ausstellung "Klang in Bronze gegossen zum 150. Geburtstag des Künstlers Richard Guhr in den Richard-Wagner-Stätten Graupa
  • Erlesene Kostbarkeiten: 25. Leipziger Antiquariatsmesse auf der Leipziger Buchmesse

Aktuelle Beiträge

  • Neue Katzen-Lyrik: Im Lichtzimmer
  • Neue Lyrik: Kerzenflamme & Alles aus Liebe
  • Neue Lyrik: Kindheitswege. Zwischen Gestern & Heute
  • Neue Gedichte vom Meer in HerbstFarben
  • Opera en miniature: „Abu Hassan“ – Musiktheater mit Puppen im Schloss Lauenstein
  • Letzte Gelegenheit in die fantastische Welt im Lügenmuseum Radebeul einzutauchen
  • „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ – Vielleicht bringt die 25. Vorstellung Glück!
  • Klangwanderung & Konzert mit Agnes Ponizil & Anne Kathrin Wagler an zwei Klavieren beim Musiksommer Bärenstein
  • Start in die neue Spielsaison im Mittelsächsischen Theater: José Luis Gutiérrez dirigiert das Orchester mit viel Schwung
  • Wunderreiche Welt & unbequeme Wahrheiten: dem Lügenmuseum Radebeul droht die Räumung

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