Im Reich der Bücher

Die Leipziger Buchmesse ist der wichtigste Frühjahrstreff der Buch- und Medienbranche und versteht sich als Messe für Leser, Autoren und Verlage. Sie präsentiert die Neuerscheinungen des Frühjahrs, aktuelle Themen und Trends und zeigt neben junger deutschsprachiger Literatur auch Neues aus Mittel- und Osteuropa. Durch die einzigartige Verbindung von Messe und „Leipzig liest“ – dem größten europäischen Lesefest – hat sich die Buchmesse zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Die Leipziger Buchmesse 2016 mit dem Lesefest Leipzig liest findet vom 17. bis 20. März auf dem Leipziger Messegelände sowie im gesamten Stadtgebiet statt. Es werden rund 2.000 Aussteller, über 250.000 Besucher und mehr als 2.500 Journalisten erwartet. Im Verbund mit der Leipziger Buchmesse öffnet die Manga-Comic-Con (MCC) in Halle 1. Parallel dazu findet die 22. Leipziger Antiquariatsmesse statt.

 

Spiel mit den Codes: Comic Romane als literarische Erzählform

Interview mit Professor Dr. Bernd Dolle-Weinkauff, Institut für Jugendbuchforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Comics waren im Land der Dichter und Denker lange verpönt oder wurden zumindest belächelt. Mittlerweile gibt es kaum eine Buchhandlung in Deutschland ohne Comics, Manga oder Graphic Novels im Sortiment. Wie erwachsen sind gezeichnete Geschichten heute? Welches erzählerische Potenzial bieten Comic-Romane? Wo steht die deutsche Comic-Szene heute? Diese und weitere Fragen stellten wir Professor Dr. Bernd Dolle-Weinkauff vom Institut für Jugendbuchforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Frage: Sind Comics und Graphic Novels erwachsen geworden oder hat sich nur die mediale Wahrnehmung verändert?

Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Tatsächlich erschienen die ersten Comics Ende des 19. Jahrhunderts in verschiedenen nordamerikanischen Tageszeitungen. Sie richteten sich an Erwachsene und einige der ersten, wie Winsor McCays „Little Nemo in Slumberland“ (1905), waren ausgesprochen kunstvoll gestaltet. Bereits aus der Sicht der Zeitgenossen bahnte sich hier etwas Neues und Großes an, das mit der bis dahin erschienenen konventionellen Literatur mindestens mithalten konnte. Erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts folgten dann die Comic-Hefte, in den USA comic books genannt, die auf das junge Publikum zielten und Seriengeschichten präsentierten. Angeführt wurden sie von den Superhelden-Comics, die den Ruf des Comics als Kinder- und Jugendbuch begründeten. Ende der 60er Jahre kamen die ersten französischen und italienischen Comics für Erwachsene in deutscher Übersetzung bei uns auf den Markt. Es sind diese romanhaften Erzählungen in Schrift und Bild, die in der Gegenwart das Bild des ambitionierten Comic für alle Generationen prägen. Spezielle Comic-Hefte für Kinder- und Jugendliche sind dagegen in der Bedeutung in den Hintergrund getreten.

Frage: Wie definieren Sie Graphic Novels im Unterschied zum Comic?

Der Begriff Graphic Novel taucht nicht erstmals bei Will Eisner auf, aber er hat ihn popularisiert. Der berühmte amerikanische Zeichner veröffentlichte 1978 ein Buch mit vier Kurzgeschichten über das Leben der Menschen in der Bronx als ein abgeschlossenes Werk unter dem Titel „A Contract with God. A Graphic Novel“. Die Bezeichnung war eher eine Verlegenheitslösung, es ging gar nicht um eine präzise Beschreibung der Gattung, sondern um das Neue: das abgeschlossene, stilistisch und erzählerisch originelle Werk in Buchform. Comic Book wäre also für Will Eisners Buch passender gewesen, aber so hießen ja schon die Comic-Hefte. Heute benutzen Kritiker, Verleger und Autoren den Begriff Graphic Novel, um einen Comic als ein ambitioniertes Werk kenntlich zu machen und diesem ein Qualitätssiegel zu verleihen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich dann erst, ob es sich um einen Comic-Roman oder eine andere Form von graphischer Literatur handelt.

Frage: Wie unterscheidet sich die literarische Erzählform gezeichneter Geschichten wiederum von einem traditionellen Roman oder von Novellen?

Das Zusammenwirken von Bild und Schrift schafft natürlich Besonderheiten. Die Geschichten operieren simultan mit verbalen und piktoralen Codes, mit Wörtern und mit Bildern. Dies bietet Raum für das Spielen mit den Codes: Mal treibt eher das Bild die Geschichte voran, mal die Schrift. Dabei müssen Schrift und Bild nicht zwangsläufig die gleiche Geschichte erzählen: Interessant wird es ja gerade dann, wenn absichtsvoll Brechungen entstehen, wenn Raum bleibt für unterschiedliche Deutungen, Rätsel, Ironie und dergleichen. In ihrer engen Verzahnung sind jedoch beide Komponenten unverzichtbar für das Verständnis der Erzählung. Über die Visualisierung wird eine Anschaulichkeit und Suggestionskraft erreicht, die in der auf rein sprachliche Mittel beschränkten Literatur nicht möglich ist.

Frage: Was ist das Besondere an der deutschen Comic-Szene?

Deutschland ist seit Jahrzehnten ein Comic-Import-Land. Die meisten hierzulande veröffentlichten Comics liegen als Übersetzung vor. Das hat den Vorteil, dass Leser Anregungen aus aller Welt bekommen und aus einer reichen Auswahl schöpfen können. Insbesondere die Bedeutung der Manga ist seit 20 Jahren gewaltig. Die internationalen Zeichner haben einen dementsprechend großen Einfluss auf deutsche Künstler. Diese müssen sich wiederum dem internationalen Wettbewerb mit seinem hohen Niveau stellen, um mitzuhalten. Das hat zum heute exzellenten Niveau deutscher Zeichner und Autoren beigetragen. Seit 10 bis 15 Jahren erfahren immer mehr Künstler wie etwa Ralf König, Reinhard Kleist, Felix Görmann (Flix), Isabel Kreitz unter anderem auch internationale Anerkennung. Wobei sich für meine Begriffe die jungen Künstler in Deutschland, insbesondere die Mangaka, manchmal zu sehr an internationalen Vorbildern orientieren. Ich würde mir noch mehr Eigenständigkeit von ihren Werken wünschen, das ist oft aber bloß eine Frage der Entwicklung.

Autobiografisches Erzählen liegt weltweit im Trend, es ist geradezu eine typische Begleiterscheinung des Phänomens Graphic Novel. Diesen Trend greifen in Deutschland besonders viele – vor allem junge – Künstler auf. Mit Mitte zwanzig einen Blick zurück auf das Leben zu werfen, ist auf den ersten Blick verwunderlich. Andererseits haben diese Künstler gerade erst die sehr schwierige Übergangszeit der Pubertät und Adoleszenz gemeistert. Sie reflektieren daher diese Phase ihres Lebens und stellen sie in den Mittelpunkt ihres Erzählens.

Frage: Wagen Sie eine Prognose zur Entwicklung der Comic-Szene in Deutschland?

Wir haben in den letzten Jahrzehnten die ersten Grundlagen für eine lebendige deutschsprachige Comic-Szene gelegt, um in Zukunft international eine immer größere Rolle spielen zu können. Es haben sich sowohl Verlage als auch Künstler herauskristallisiert, die zunehmend Beachtung in der Comic-Welt finden. Hinzu kommt die Nachwuchsförderung, wobei es sehr wichtig geworden ist, dass arrivierte Künstlerinnen und Künstler wie Anke Feuchtenberger, ATAK, alias Georg Barber, Hendrik Dorgathen, Ute Helmbold oder Henning Wagenbreth unter anderem an Hochschulen unterrichten, um ihr Wissen und Können weiter zu geben.

Frage: Nicht nur die Comic-Szene fragt sich, wohin die Reise geht. Der gesamte Buchmarkt wünscht sich neue Leser. Gibt es Erkenntnisse, ob jugendliche Fans von Manga, Comics und Graphic Novels über die gezeichneten Geschichten an traditionelle Literatur herangeführt werden?

Das ist schwierig zu beantworten – jedenfalls sind wir in der Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft ganz überwiegend der Meinung, dass Literaturangebote aufgrund ihrer ihnen jeweils inne wohnenden Qualität beurteilt werden sollten und nicht danach, ob sie zu anderen Texten, die von anderen vielleicht mehr geschätzt werden, ‚hinführen’. Die noch in der Literaturpädagogik der 50er/60er Jahre sehr verbreitete Vorstellung vom „Hinauflesen“ zur „eigentlichen“ Literatur haben wir weitgehend ad acta gelegt. Ich vermute aber sehr stark, dass die beträchtliche Horizonterweiterung durch die neuen Strömungen des Comic nicht ohne Folgen für die Ausdifferenzierung der Leseinteressen des Publikums bleibt: wer einmal, sei es durch Manga oder Comics, sei es durch Bilderbücher, Filme oder andere Medien, durch die Vielfalt des Angebots ‚infiziert’ wurde, den wird es so schnell nicht wieder los lassen …

Frage: Warum ist Ihre Stelle am Institut für Jugendbuchforschung angesiedelt?

Das hat einen einfachen historischen Hintergrund. Anfang der 60er Jahre richteten sich Comics noch überwiegend an Kinder- und Jugendliche. In dieser Zeit fing das Institut für Jugendbuchforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität an, ein Comic-Archiv aufzubauen. Das Comic-Archiv beherbergt mittlerweile circa 60.000 überwiegend deutschsprachige Comics, Manga und Graphic Novels aus den Jahren 1945 bis heute. Auch als der Trend zum Erwachsenencomic aufkam, haben wir hier keine künstliche Grenze gesetzt, gesammelt wurden und werden Comics für alle Generationen. Die Sammlung ist mit Abstand die umfangreichste wissenschaftliche Sammlung dieser Art im deutschsprachigen Raum. Als Kurator dieser Sammlung setze ich mich seit Jahrzehnten mit deren Inhalt wissenschaftlich auseinander. Zu den Sammlungen des Instituts gehört zudem die Bibliothek für Jugendbuchforschung mit rund 200.000 Kinder- und Jugendbüchern vom 16. Jahrhundert bis heute, in deren Bestand sich zahlreiche Bilderbücher und Bildgeschichten, der Vorläufer der Comics also, aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert finden.

Herr Prof. Dolle-Weinkauff, vielen Dank für das Interview.

ComicSalonDW-Copyright Bernd Glasstetter.jpg

Über die Manga-Comic-Con (MCC)
Die zweite Auflage der Manga-Comic-Convention 2015 verzeichnete mehr als 93.000 Besucher. Die MCC findet im Rahmen der Leipziger Buchmesse statt und ist von Donnerstag bis Sonntag zwischen 10.00 und 18.00 Uhr geöffnet. Halle 1 ist Manga, Comics, Games und Cosplay gewidmet, in Halle 2 lädt die Fantasy Leseinsel ein. Buchkunst und Grafik sind in Halle 3 zu finden, die Bereiche Graphic Novel sowie die Independent Verlage in Halle 5.

Text und Fotos: Pressestelle Leipziger Buchmesse

 

 

Liebe kennt kein Lebensalter

Ein älteres Paar erzählt von sinnlichen und lustigen Momenten beim Aktfoto-Shooting für die Ausstellung „Keine Frage des Alters“ in der Galerie im Kunstkeller in Dresden.

Zwei Körper in inniger Umarmung. Er hält zärtlich seinen Kopf und die Hand an ihren Bauch als lausche er einer Melodie, die nur sie beide kennen. Ein Aktbild hängt auch in ihrem Schlafzimmer. Sein Schwager fand es schön fotografiert, doch die Leute seien zu alt!

„Wir sind nun mal nicht jünger, habe ich gesagt und er staunte und konnte es gar nicht glauben, dass wir es sind“, erzählt Willi schmunzelnd. Er ist 70 Jahre alt, studierter Elektrotechniker und arbeitete früher als Techniker bei AMD. Seine Frau Ute ist 60. Sie war leidenschaftliche Kartographin bis ihre Tätigkeit durch Computertechnik ersetzt wurde. Seit 2008 ist sie als Seniorenbegleiterin selbstständig. Zu sehen sind die schwarz-weißen Aktfotografien des Paares derzeit in der Ausstellung: „Keine Frage des Alters“ in der Galerie im Kunstkeller in Dresden. Wer glaubt, dass Älterwerden automatisch freudloser werden muss, der wird in dieser Schau eines Besseren belehrt. Zu sehen sind Menschen zwischen 50 und 80 Jahren bei ihren Lieblingsbeschäftigungen. Angefangen bei lustvollem Kochen, Sonnenbaden im Garten, Motorrad fahren einer älteren Dame im Grünen oder einem Ausflug mit dem Pferd bis hin zu inniger Zweisamkeit. 19 Frauen und fünf Männer stellten sich mutig und vergnügt ganz unverhüllt dem Kameraauge von Fotokünstler und Galerist Volkmar Fritzsche. Die rund 80 Bilder zeigen sinnenfroh und augenzwinkernd, mit wie viel Lust, Spaß und Schwung Menschen auch in höherem Alter noch vielfältig aktiv sind.

Ihr erstes Foto-Shooting hatten Willi und Ute im Mai 2007 für die Ausstellung „Jenseits der Lebensmitte“ im Fotostudio des Kunstkellers. „Dafür wurden aufgeschlossene Menschen, Singles und Paare, gesucht. Wir sagten uns, wir sind locker und probieren es mal“, so Willi. Obwohl er sich nicht schön findet, sagt er. Aber sie vertrauten dem Fotografen. Etwas komisch war es dennoch, sagt Willi, als sie sich im Fotostudio auszogen. Auch mit dem Wissen, dass die Bilder dann öffentlich zu sehen sind. „Doch während des Fotografierens und durch die angenehme Atmosphäre vergisst man, dass man nackt ist“, sagt Ute. Sie sind eins der ersten Paare, die Volkmar Fritzsche für seine Ausstellungen fotografierte. Die Reaktionen auf die Aktfotografien seien zumeist positiv. Sie wurde auf die Aufnahmen, die auch schon in Zeitungen erschienen, von Bekannten im Gymnastikkurs angesprochen. „Ich sehe es gelassen und freue mich darüber“, sagt Ute. Und Freunde, denen sie von ihren Aktfoto-Shootings erzählten, finden es mutig. Auch die bereits erwachsenen Kinder von Willi und Ute finden das gut. Beide haben zwei Söhne und jeweils vier Enkel. Außerdem sind sie mit FKK an der Ostsee, also natürlicher Nacktheit, groß geworden, erzählt der gebürtige Stralsunder. Vier Aktfoto-Shootings haben Willi und Ute inzwischen zusammen mit Fritzsche gemacht. Ihr lustigstes Erlebnis hatten sie bei einer multiplen Fotoserie, wo sie übermütig Lebensfreude zeigend auf einem Feld umher sprangen und in Brennnesseln landeten. „Erst hinterher habe ich gemerkt, wie die Füße brannten“, erzählt Ute. Die Aktfotografie sei ein schönes Hobby und zugleich eine von vielen gemeinsamen  Unternehmungen. „Ein Anreiz war die Neugier, es hat Spaß gemacht und ein bisschen prickelnd war es auch“, sagt Willi. „Nach dem ersten Mal waren wir noch essen und sind beschwingt nachhause gefahren.“ Es gebe auch der Beziehung einen Kick und für einen Moment ist der Alltag ausgeschaltet, sagt Ute. Da man sich auf eine andere Weise näher kommt, mit anderen Augen sieht und wieder eine andere Seite aneinander entdeckt beim Fotografieren. Und es fördere auch die Lust. „Es wäre aber übertrieben zu sagen, durch das Fotoshooting ist man danach wie frisch verliebt. Es ist eher umgekehrt. Die Liebe wird bestätigt, man erfährt sie neu und erlebt etwas Neues miteinander“, sagt Willi. Sie kennen sich seit 25 Jahren und sind seit 17 Jahren verheiratet. „Man kennt sich sehr gut, weiß wie der andere tickt und reagiert. Man hat nicht mehr die Schmetterlinge im Bauch. Es ist anders innig“, sagt Ute. „Man kommt mit einem Lächeln nachhause und freut sich, die Freude des anderen zu sehen, wenn man wieder da ist“, sagt Willi. „Es reibt auch mal. Viele gerade junge Leute bewältigen keine Probleme mehr miteinander, sondern gehen auseinander. Wir haben dann dafür auch den Erfolg miteinander.“ Warum die Liebe im Alter immer noch tabuisiert wird in der Öffentlichkeit?

„Viele sehen eben gern wohlgeformte und makellose Körper, obwohl es in der Realität gar nicht so ist“, sagt Willi. Zusammen älter werden, heißt auch die Lebensspuren am Körper, die nicht mehr knackige Haut und dass man schwächer wird, zu akzeptieren. „Wir haben ein Buch mit Bildern von verschiedenen Shootings, woran wir uns erfreuen, auch als  schöne Erinnerung“, sagt Ute. Eine von ihr betreute, 94jährige Dame sagte ihr einmal: „Genießen Sie die Zeit zwischen Siebzig und Achtzig. Danach geht es abwärts!“, erzählt Ute schmunzelnd. Die Liebe kennt kein Lebensalter. Und auch Schönheit hört nicht auf mit dem Alter. Wenn man sich den Blick dafür und die Wahrnehmung mit allen Sinnen bewahrt.

Die Ausstellung „Keine Frage des Alters“ ist noch bis 24. März im Kunstkeller zu sehen. Die nächste Ausstellung mit dem Titel „Nackte Haut in Kleidern aus Licht“ zeigt fotografische Lichtmalerei von Volkmar Fritzsche in farb- und fantasiereichen Körperbildern von 25 Modellen zwischen 18 und 80 Jahren. Die Eröffnung ist am 5. April  um 20 Uhr mit einer Light-Painting-Tanzperformance mit Carolina K. im Kunstkeller.

Geöffnet hat die Galerie im Kunstkeller, Radeberger Str. 15 in Dresden di von 15 – 21.30 Uhr, mi + do von 16.30 – 18.30 Uhr

 

 

 

Verbrennungen

8.März 2016

Spannende Reise zu den Wurzeln
von Liebe und Gewalt

Kann man einen Menschen lieben, den man gar nicht kennt? Als ihre Mutter nach langer Zeit des Schweigens stirbt, erfüllen ihre erwachsenen Kinder, die Zwillinge Jeanne und Simon, widerwillig ihren letzten Willen und gehen auf Spurensuche  nach ihrem tot geglaubten Vater und Bruder, um ihnen einen Brief von ihr zu überbringen. Von ihrer Reise in ein ihnen völlig fremdes Land und vom Geheimnis ihrer Mutter, die ihnen immer näher rückt, während sie nach und nach die schmerzliche Wahrheit ihres Lebens erfahren, erzählt das Stück „Verbrennungen“ des im Libanon geborenen, frankokanadischen Autors Wajdi Mouawad. Die Premiere war letzten Freitag abend auf der Studiobühne der Landesbühnen Sachsen in Radebeul.

In dieser ebenso fesselnden wie ergreifenden Inszenierung in poetisch-bilderreicher Sprache (Regie: Esther Undisz) begleiten die Zuschauer die Schauspieler in ein bürgerkriegserschüttertes Land mit gewaltvollen Traditionen, Rache und dem Versuch sich daraus zu befreien. Im Wechsel von Zuhören, Zeitung lesen, Kommen und Gehen erinnern, erzählen und spielen drei Männer und drei Frauen ihre Sicht auf die Ereignisse. Videobilder weißer zerstörter Häuser, ein brennender vollbesetzter Bus und das blassblaue Bühnenpodest mit weißen Vorhängen, die umhüllen, verbergen, schützen oder ummauern, werden dabei zur Spiel- und Reibungsfläche für Liebende und Verstoßene, Fliehende und Verfolger, Opfer und Täter. Die Schauspielerinnen Cordula Hanns, Julia Vincze und Sophie Lüpfert verkörpern abwechselnd stumm, wütend, zärtlich und kraftvoll die Mutter- und Tochterrollen und der Großmutter, die von einer zur nächsten Generation weitergegebene Fessel des Gehorsams und persönlicher Unfreiheit.

Das Mädchen Nawal möchte ihr aus Liebe, aber unehelich entstandenes Kind behalten, doch es wird ihr nach der Geburt entrissen, sie sucht es überall, wird erschrecken was aus ihm geworden ist. Nur die rote Clownsnase in der Hand des Popsongs singenden Heckenschützen erinnert noch an die Unbeschwertheit, die sie und den Vater ihres Kindes einst verband. Nawal wird aber auch als Erste im Dorf den Namen ihrer Großmutter auf deren Grabstein schreiben wie versprochen. „Ein Wort und alles wird hell und der Stein durchsichtig“, sagt ihre Freundin Sawda fasziniert. Die beiden jungen Frauen lernen die Kraft von Sprache und Bildung kennen, die nur Unterdrücker fürchten und sie lernen sich zu wehren. Sie werden gefoltert und singen noch im Gefängnis weiter ihre Lieder der Sehnsucht und Hoffnung. Am Ende ihrer Reise stehen die Zwillinge an diesem einstigen Ort des Leidens ihrer Mutter und erfahren wer sie sind. Während Jeanne alles wissen will, weigert sich ihr Bruder Simon (Michael Bernd-Cananá) vehement. Sie befragt Freunde und Zeitzeugen ihrer Mutter, die mal sanft (in mehreren Rollen freundlich-weise: Michael Heuser) oder brutal dem Wahnsinn nahe agieren (zu überdreht: Holger Uwe Thews). Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, denn bei allem Ernst der Geschichte gibt es auch heitere Momente. Das eindrucksvolle Spiel begleiten einfühlsam zwei arabische Musiker an der Gitarre, die im Dunkeln leuchten. Herzlicher Beifall vom Publikum.

Nächste Vorstellungen: 10.3. und 2.4., 20 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Gartenbank mit…

Kuhb

Jens Kuhbandner, NOTschriften-Verlag Radebeul – im Gespräch vorab zur Leipziger Buchmesse (vom 17. – 20. März 2016)

„Die kleinen Verlage sind das Salz in der Suppe“

Seit nunmehr 20 Jahren ist der NOTschriften-Verlag dem Regionalen, dem Besonderen und noch nicht Erzählten auf der Spur. Ein Blick zurück in die Anfänge und zu Neuerscheinungen im Jubiläumsjahr des Ein-Mann-Verlags.
Warum der Name NOTschriften?

Wir haben den Verlag damals gegründet für diejenigen, die Not haben ihre Texte zu veröffentlichen. Das sehen wir mittlerweile nicht mehr so dramatisch. Vielmehr fühlen wir uns jenen Themen und Manuskripten verantwortlich, an die sich „Große  Verlage“ nicht heranwagen.

Wie hat es begonnen?

1992 mit der Eröffnung des Jugend-Kultur-Treffs „Noteingang“ und dem gleichnamigen Verein. Ich gehörte mit Falk Wenzel und einigen anderen zu den Gründungsmitgliedern. Es entstanden ein Café und Kneipe mit kulturellen Angeboten wie Konzerte, Vorträge, Lesungen und Ausstellungen in einem alten Gebäude auf dem damals noch unsanierten Dorfanger von Altkötzschenbroda, dem historischen Zentrum von  Radebeul. Die Lesungen standen unter dem Motto  „NOTschriften präsentiert“… Als erstes erschien 1995 ein Gedichtband, titel… von mir mit Graffiti-Zeichnungen von Edgar Kupfer als handkopierte Broschüre, die mit „NOTschriften“ untertitelt war. 1996 kamen dann die ersten gedruckten Bücher in Wellpappe gebunden heraus: Edward  Güldner „Lyrik“ und Jens Kuhbandner „Traum“ mit je 30 Exemplaren. Ein Jahr darauf erschienen Edward Güldner „Lyrik II“ und Wolfgang Zimmermann „Die Akten Jazz & Show“. Die Erstauflagen von 1996 mussten neu aufgelegt werden. Die bisher erschienenen Bücher bekamen eine ISBN-Nummer, womit der Verlag NOTschriften offiziell gelistet wurde. Die Bekanntschaft mit DEKAdance-Chef Bert Stephan – durch verschiedene Auftritte im „Noteingang“ mit seinen Nebenbands „Aufruhr in der Savanne“ , „Die Rockys“, „Olaf Schubert“ – führte 1998 zur Veröffentlichung seines Buches „Der Tisch der Frauen“ in einer Auflage von 2 000 Exemplaren.

Ein beachtlicher Sprung…

Der Verlag wurde schlagartig regional und überregional bekannt. Fortan führte ich die Geschäfte, das Layout und den Vertrieb. Falk Wenzel stand als Freund beratend, inspirierend und helfend zur Seite. Weitere Veröffentlichungen folgten wie 1999 der Anekdoten-Band „…einfach absurd!“ von Wolfgang Dehler, der überregional ein Erfolg wurde. Im Herbst 2001 erschien der erste Bildband über Radebeul in einer Auflage von 5 000 Exemplaren.

Seit wann ist der NOTschriften-Verlag bei der Leipziger Buchmesse dabei?

Der erste Auftritt war 2001 mit Lesungen von Bert Stephan und Wolfgang Dehler. Im Herbst 2003 wurde der Status Verleger für mich vom Hobby zum Beruf. Von 2001 bis `03 war ich an einem Gemeinschaftsstand der kleinen Verlage Mitteldeutschlands präsent. Seit März 2004 bin ich jedes Jahr mit einem eigenen Stand auf der Leipziger Buchmesse.

Was bringt die Teilnahme?

In Leipzig trifft sich ein dankbares Publikum, das sehr aufgeschlossen gegenüber den „Kleinen“ ist und das Besondere unter dem Mainstream zu entdecken sucht. Eine Besucherin sagte mir mal: „Die kleinen Verlage sind das Salz in der Suppe.“ Da behaupte ich mich ganz gut. Es gibt auch noch unabhängige BuchhändlerInnen, die gezielt besondere Bücher suchen, die in ihr Profil passen. Die Möglichkeit, Neuerscheinungen mit einer Lesung zu präsentieren, ist natürlich auch eine gute Gelegenheit. Man löst sich aus seinem Kleinstand und betritt ein größeres Podium, steht im Programm etc. Bei der Vielzahl an Lesungen ist das freilich auch nicht überzubewerten, aber genügend Publikum ist immer da.

Wie sieht der Verleger e-books?

Mein Herz schlägt für Bücher, meine Arbeit ist eine Herzensangelegenheit. Ich müsste e-books machen, wie ich die Steuererklärung mache, also hinauszögern bis zur letzten Frist. Ich glaube das e-book wird das herkömmliche, gedruckte Buch nicht ablösen. Es wird ein Nebenher geben, viele sogenannte Bestseller sollen ruhig auf e-book erscheinen, dann sind sie schneller wieder gelöscht, das spart wertvolle Energie und Rohstoffe. Viele meiner Publikationen eignen sich sowieso nicht für den Bildschirm, da es oft Text-Bildbände, Bücher mit besonderem Papier und entsprechender Haptik sind.

Worum geht es in diesen Büchern?

Es erscheinen rund 15 Bücher im Jahr, begonnen bei regionalen Themen rund um Radebeul, Dresden, Sächsische Schweiz bis zum Erzgebirge über außergewöhnliche Reiseberichte (also nicht nach der Masche: schneller, höher, weiter) bis zu Prosa und Lyrik von regionalen AutorInnen.

Was waren die erfolgreichsten Bücher bisher?

Einen großen überregionalen Erfolg gab es 2010 mit den Büchern von Jan Oelker und Jörg Kuhbandner:  „Transit – Illegal durch die Weiten der Sowjetunion“ und Tommy Lehmann:“Allein auf der Elbe – Tausend Kilometer im Faltboot“. Zahlreiche Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen in ganz Deutschland berichteten darüber. Ein besonderes Zeitdokument und gefragt bei Kennern ist die 2013 begonnene Wiederveröffentlichung der Tagebücher von Hanns Cibulka mit den „Thürunger Tagebüchern“ und 2015 die Wiederöffentlichung seiner „Ostseetagebücher“, in denen er sprachlich großartig und tiefgründig über bis heute brisante soziale, Umwelt- und gesellschaftliche Themen schreibt.

Welche Neuerscheinungen locken zur Leipziger Buchmesse?

In diesem Jahr bin ich zum 13. Mal mit einem eigenen Stand dabei (in Halle 3, Stand E212), mit mehreren neuen Büchern und Lesungen. Darunter Thomas Nitschke: „Alles vollkommen anders – eine Reise durch den indischen Subkontinent“ (19.3., 12.30 Uhr, Leseforum E211 und 20.3., 15 Uhr, Rittergutskirche Kleinliebenau in Leipzig-Schkeuditz) und Ullrich Wannhoff: „Der stille Fluss Kamtschatka – Kajak-Tour durch die Wildnis des Ostens“ (20.3., 12 Uhr, Leseforum E211). Weitere Neuerscheinungen sind zwei Bücher über Dresden: „Dresdner Skizzen“ von Thilo Hänsel und „Lebensart“ – ein Text-Bildband über die Dresdner Neustadt. Außerdem ein neuer Roman, „Der Geflügelte“ von Gerd Künzel, ein Buch mit Geschichten in erzgebirgischer Mundart: „Dreiviertel hunnert klaane Geschichten ausn Arzgebirg“ von Siegfried Schlegel und ein Buch mit deftigen Bergsteiger- und Abenteurergeschichten von Helmut Paul: „Berg(l)erleben – grenzenlos“ sowie das dritte Buch des Fahrlehrers Gert Hoffmann: „Fahrlehrer sind auch keine Engel“.

Wie wird das Verlagsjubiläum gefeiert?

Es wird eine Party „20 Jahre NOTschriften“ geben am 18. Juni, ab 17 Uhr im Schmiedehof der Stadtgalerie Radebeul mit einer Ausstellung aller Buchcovern aus der Verlagsgeschichte, Musik, Speis und Trank. Außerdem erscheint eine Anthologie, in der Texte aus NOTschriften-Büchern versammelt sind, die von Lesern vorgeschlagen werden. Seit Anfang des Jahres kann man beim Verlag (formlos per e-mail, Telefon, Fax) Texte einreichen, die in die Anthologie aufgenommen werden sollen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Kontakt: NOTschriften-Verlag Altkötzschenbroda 40, 01445 Radebeul
Tel./Fax: 0351 – 838 69 89
e-mail: info@notschriften.de
Internet: http://www.notschriften.com

 

 

 

 

„Unterwerfung“ im Kleinen Haus

Rettung des Abendlandes vor sich selbst durch den Islam

In weißen Buchstaben stehen die zwei wichtigsten Werte der  westlichen Welt: Liberté und Egalité in Schieflage als sinnleere Begriffe auf der Bühne. Ein drittes, Fraternité steht buchstabenweise auf dem Boden, wird hin und her geschoben und als Liege u.a. benutzt. Dort sitzt allein und gerade verlassen von seiner jungen Geliebten Miriam der Literaturwissenschaftler und Décadence-Forscher Francois und schaut fern. Wenn er nicht gerade mehr oder weniger gelangweilt und lustlos eine Vorlesung an der Pariser Universität hält.

Allein die Studentinnen halten den Mittvierziger noch auf Trab, hinter denen aber auch sein jüngerer, attraktiver Kollege Steve her ist. Sie reden vor allem über Literatur, Sex und Religion sachlich bis abfällig und routiniert. Erst die Nachricht vom Wahlsieg des islamischen Präsidentschaftskandidaten Mohamed Ben Abbes, worauf es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen kommt, schreckt Francois auf und sein ganzes bisheriges Leben steht plötzlich in Frage.

Spannend und hochaktuell ist die nach Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ (2015 erschienen) – eine politische Fiktion über ein islamisches Frankreich im Jahr 2022 – entstandene Inszenierung in der Regie von Malte C. Lachmann im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Das Erscheinen fiel auf denselben Tag wie der terroristische Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris. Es entbrannte eine bis heute andauernde Kontroverse zu dem beschriebenen Inszenario.

Das Stück, für die Bühne eingerichtet von Janine Ortiz, hält sich nah an die Buchvorlage. Es erzählt eine Farce über einen Literaturwissenschaftler, stellvertretend für den modernen Menschen, der an nichts mehr wirklich glaubt. Der Widerspruch von materiellem Wohlstand und geistiger Armut, zunehmend verloren gehenden ideellen Werten und innerer Leere spitzt sich im Stückverlauf grotesk zu – bis zur friedlich-harmonischen Machtübernahme einer islamischen Regierung. Diese investiert  vor allem in – freilich islamisch geprägte – Bildung und Erziehung und Kinderzuwachs für die Zukunft, zahlt Haushaltsgeld für Familien etc. und hat großen Erfolg damit.

Die Inszenierung ist nicht vordergründig ironisch, sondern die Ideale und Wirklichkeit der westlichen Welt entlarven sich selbst anhand einer elitär abgehobenen, dekadenten und von der Welt und sich selbst angewiderten geistigen Elite, die ihr Wissen nur noch abspulen, unverständlich, selbstgefällig und nichts (mehr) zu sagen haben. Der Ton ist sachlich nüchtern anfangs, erschreckend real anhand von eingespielten TV-Nachrichten und Smartphone-Videobildern auf einer Leinwand wird die Situation in Frankreich geschildert, wo der rechtsextreme Front Nationale um Marie Le Pent und die Islamische Bruderschaft sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen in der Präsidentschaftswahl liefern. Dazwischen gibt es nichts mehr an politischen Strömungen. Man sieht die Massenproteste der politisch Unzufriedenen mit Spruchbändern „Wir sind das Volk! Das ist unsere Heimat…“ und wie die Polizei mit Knüppeln und Tränengas dagegen vorgeht. Der Literaturwissenschaftler verfolgt die Nachrichten fassungslos, seine Geliebte flieht mit ihren jüdischen besorgten Eltern nach Israel und bleibt dort, lernt jemand anders kennen. Er sehnt sich nach häuslicher Geborgenheit und Umsorgtsein einer Frau und liest wehmütig alte Liebesschmöker zu sentimentalen Popsongs. Das ist komisch und traurig zugleich. Neben der Angst vor dem Fremden bzw. Überfremdung wird der moderne Mensch sich selbst immer mehr fremd, allein oder zu zweit   nebeneinander her leben als miteinander.

Das ist alles ist mit trocken lakonischem Humor bis schwarzhumorig sarkastisch erzählt und gespielt von vier Schauspielern. Christian Erdmann spielt den selbstmitleidigen und pragmatisch-machohaften Literaturwissenschaftler, der an sich selbst (ver)zweifelt. Lea Ruckpaul energiegeladen mehrere Frauenrollen, neben Miriam auch die von den islamischen Machthabern entlassene Unipräsidentin, Lorenz Nufer wandlungsfreudig neben dem jung aufstrebenden Dozenten einen alten kauzigen Literaturwissenschaftler und einen Mönch und Ben Daniel Jöhnk den zum Islam bekehrten dienstbeflissenen neuen Unipräsidenten Rediger. Der neue islamische Präsident Ben Abbes habe erkannt, dass die Wahl nicht auf dem Feld der Wirtschaft, sondern der Werte entschieden wird, sagt Rediger, Francois` intellektueller Gegenspieler und Präsident der neuen muslimischen Universität. Seine Frau entwickelt einen ungeahnten Elan in der Küche, schwenkt Töpfe und Pfannen und erklärt die einzelnen Gänge, eingelegte Lammkeule mit Bratkartoffeln wie eine wissenschaftliche Höchstleistung. Über dem Uni-Eingang hängt nun eine Goldene Sichel mit Stern und die Sekretärinnen sind verschleiert wie die islamischen Studentinnen. Sonst hat sich nichts verändert. Sein junger Kollege, ein mittelmäßiger Hochschullehrer bekommt ein stattliches Gehalt von 10 000 Euro im  Monat, ist inzwischen mit einer Studentin verheiratet und will sich nächsten Monat eine zweite Ehefrau nehmen. Francois ist fassungslos als erfährt, dass er seinen Job an der Uni nur deswegen verlor, da man ihn nicht erreichen konnte.

Der neue Unipräsident räumt die Begriffe Liberté und Egalité zur Seite und versucht Francois an die Uni zurückzuholen, umwirbt ihn bei einem Abendessen und hält eine flammende Rede auf den Islam. Das Wort bedeute  völlige Hingabe und Unterwerfung an den Schöpfer und seine als vollkommene betrachtete menschliche Schöpfung, die die Welt akzeptiert wie sie ist. Und er stellt ihm seine neuen Frauen vor. Seine Gespielin  Malika ist gerade 15 und kichert verlegen, da Francois sie unverhofft unverschleiert sieht. Die andere kocht und schmeißt den Haushalt und serviert ihnen köstliche warme Teigtaschen. Da kann Francois schwer widerstehen. Geld, Frauen und schönes Essen sowie eine Rückkehr an die Uni locken ihn und er denkt nach über ein zweites Leben im Islam.

Zum Schluss lässt ihn Houllebecq in der Möglichkeitsform „würde“ erzählen, von dem Ritual mit dem er zum Islam konvertieren könnte und dann wäre er Muslim… Lässt es also offen, ob es wirklich so kommt, geschickt gelöst. Damit sind mehrere Optionen möglich, es kann auch eine groteske Vision sein und der Leser bzw. Zuschauer hat die Deutungsfreiheit. Das ist angenehm, denn das Stück zeigt drastisch wie es ist, wenn man keine Wahl mehr hat bzw. nicht für sich entscheiden kann oder will mangels eigener Perspektive. Dann nimmt man nur noch was kommt und sei es der Islam. Weil einem selbst nichts Besseres einfällt.

Bei der Premiere hab es viel und herzlichen Beifall und Füßetrampeln vom Publikum, anfangs wurde oft gelacht, danach wurde es immer ruhiger bis zur sarkastisch zugespitzten Lobrede auf den Islam und seiner quasi „Rettung der westlichen Welt und des Abendlandes“ vor sich selbst.

Foto: Matthias Horn

Nächste Vorstellungen: 23.5. und 18.6., 20 Uhr

 

Ganz großes Kino

Batman trifft Marilyn in der Comödie

Actionheld Batman gibt den coolen Verführer vor dem schüchternen Zauberlehrling Harry Potter und einer lässigen Blondine an der Bar. Marilyn Monroe putzt die Gläser. Ein paar finstere Typen beginnen eine Massenschlägerei zum Westernhit „Spiel mir das Lied vom Tod“. Kurz darauf biegen die Blues Brothers um die Ecke. Das Publikum erlebt „Ganz großes Kino“ voller Power, Humor und Leidenschaft auf einer rasanten Reise durch legendäre Filmklassiker. Die besten Filme aller Zeiten in zwei Stunden kommen in dieser Comedy-Revue von und mit Christian Kühn in Kurzfassung samt heißer Soundtracks mit der Band „The Firebirds“ auf die Bühne der Comödie Dresden.

Der Anlass ist ein trauriger: Das kleine Kino “Gloria“ steht vor der Schließung, da nach der Eröffnung eines Multiplex-Kastens um die Ecke die Besucher ausbleiben. In einer Abschieds-Show sollen noch einmal die Film-Höhepunkte der vergangenen Jahrzehnte gezeigt werden. Da der Verleih der Streifen scheitert, bleibt nur eins: Selber spielen! Der arbeitslose einzige Stammkunde Danilo (Christian Kühn) und die  flippig und mit flottem Mundwerk ausgestattete Viola (Dorothea Kriegl) vom Nagelstudio nebenan treiben sich gegenseitig in schnellem Perücken- und Kostümwechsel zu immer neuen Höhenflügen an in diesem Rollen-Marathon mit romantischen, kuriosen bis verrückt-komisch parodierten Filmszenen. Angefangen bei der mit allem Krafteinsatz bewältigten Hebe-Szene aus „Dirty Dancing“, mit Kühn als hart gesottenem Tanzlehrer, der seine Partnerin völlig verwirrt über die Hotelszene aus „Pretty Woman“, wo er als kurvige Quasselstrippe dem armen Richard Gere zeigt wo`s langgeht bis zur herrlich schrägen Mal-Szene an Bord der Titanic, wo Jack mit Hingabe mit Fettstiften seine gewichtige Rose in lasziven Posen solange zeichnet, bis sie von der Treppe fällt.

Witzig auch das Video mit der nächtlichen Stadtfahrt auf Kinderrollern zu den wilden Klängen aus Easy Rider. Nach etwas umständlich-zähem Beginn der Geschichte heizen vor allem die vier Musiker der Firebirds mit zündenden Klängen und auch mal groovendem A Cappella Gesang die Stimmung an, von Musik aus Starwars mit Sternengefunkel bis zu Musik aus dem König der Löwen. Da werden eingeblendete Filmzitate wild durcheinander gewirbelt und parodiert, erscheinen Figuren aus der bunten Disney-Zeichentrickfilmwelt lustig vermengt auf der Bühne: von Arielle der Meerjungfrau und Aladdin über die Eisprinzessin Elsa und Mary Poppins bis zum Dschungelbuch. Da muss eine Sackkarre herhalten für rasante Fahrten oder Liebesgeständnisse zwischen „Harry und Sally“ und ein BH als Gesichtsmaske für einen Bösewicht. Leider wurde zu viel hineingepackt an Filmschnipseln und Gags in die Inszenierung, so dass die Spielszenen zu kurz kommen bzw. im Klamauk der Sinn untergeht. Viel Beifall dennoch vom Publikum für einen unterhaltsamen und vor allem musikalisch mitreißenden Kinoabend im Theater mit Happy End.

Weitere Termine: 2. – 5.3., 19.30 Uhr, 6. + 13. + 20. 3., 15 Uhr, 8. – 12.3., 19.30 Uhr, 15. – 19.3., 19.30 Uhr.

Foto: Robert Jentzsch

 

 

Der Raub der Sabinerinnen

Turbulentes Theater im Theater

Noch größer als die Angst vor dem Skandal ist die Lust am Vergnügen im Schwank „Der Raub der Sabinerinnen“ im Schauspielhaus.

Der stadtbekannte, gut situierte Professor Gollwitz lässt sich vom Theaterdirektor Striese überreden, eine selbstverfasste Römertragödie aus Studententagen auf die Bühne zu bringen. Das Theater im Theater sorgt in der Regie von Susanne Lietzow für reichlich humorvolle Verwirrung vor und hinter den Kulissen im Stück von Franz und Paul von Schönthan in der Bearbeitung von Curt Goetz. Höchst vergnüglich und verwicklungsreich spielt die um 1883, also zur Blütezeit des Theaters, entstandene Komödie mit dem besonderen Reiz des Verbotenen und Verruchten. Eine fahrende Wandertheatergruppe wirbelt die wohlanständige Fassade der Familie des sich entsetzlich langweilenden Professors (Torsten Ranft) gehörig durcheinander. Seine gestrenge Frau (Hannelore Koch) darf nichts von seiner Liaison mit dem Theater erfahren. Mit Oldtimer und Campinganhänger voller Requisiten fährt die Theatertruppe auf die Bühne und hält vor dem Wohnzimmer mit Gummibaum und goldenem Käfig, in dem ein Mann im Anzug (Bertolt List) sitzt, der als „Papagei“ Cicero gewitzt das Gebaren der Familie nachahmt. Im Hintergrund schwebt ein Schwarm Goldfische am blauen Bühnenhimmel abwechselnd mit Videobildern glänzender Darsteller aus der römischen Tragödie, wie sie dem bereits ergrauten, immer noch heißblütig engagierten Theaterdirektor Striese vorschweben.

Eine Paraderolle für Ahmad Mesgarha, der mal salopp schlitzohrig auftritt und herrlich komisch als Römerkönig im weißen Gewand, Tennissocken und Römerlatschen umherstürmt und grandios scheitert. Nacheinander steckt Striese fast alle mit dem Theatervirus ein. Allen voran die gar auf der Bühne einspringende Haushälterin Rosa (herrlich schräg: Matthias Luckey), der biedere Schwiegersohn mit Doppelleben (Benjamin Pauquet) und die jüngere Professorentochter Paula  (Ines Marie Westernströer), die für den Jungschauspieler Emil (linkisch-schüchtern: Christian Clauß) schwärmt. Im Countdown vor der Premiere weiß bald keiner mehr, was Lüge, Spiel und Wirklichkeit ist. Auch wenn dann im Eifer des Gefechts um die Sabinerinnen die Kulissen im Rauch aufgehen und die Theatertruppe im Bühnenschaum buchstäblich baden geht mit ihrem Stück. Die Komödianten sind nicht totzukriegen, auch nicht in Katastrophenzeiten, und fahren weiter zum nächsten Bühnenabenteuer. Begeisterter Beifall vom Publikum.

Nächste Termine: 29.2., 10.3., 22. und 28.3., 19.30 Uhr

Foto: David Baltzer

Poesie von Andrea Wechsler

Für Godinje – ein Dorf am Skadar-See

Noch liegt die Angst
in den zerschlitzten Betten,
und zentnerschwere Tränen
poltern aus
zerschlagenen Fenstern

Unter der Macht
des Moders
jaulen Scherben
zwischen
faulen Feigen

Rebellische Erde
rüttelte dich

neun
zehn
hundert
neun
und
siebzig

stinkt längst
in dem Gewirr
aus Ofenrohren, Bettgestellen und
bemoosten Balken

Es blieben nur:
Fossilien des Lebens.
In einer Schublade: Drei Kämme,
doch
kein Haar zum Kämmen.
Du seufzt,
doch Wein
läuft still durch deine Adern.

Du lebst.

Verlass dich drauf –
verlassenes Dorf.

 

Tirana fließt

Der Atem der Stadt
im Grünfluss
zwischen
Kieferngesängen
tanzt der Sommer
in Ballerina-Schuhen
springt über die Lana
bis in die Ritzen der Stadt:
Melancholie
Die Stimme des Muezzins –
verfangen im gleitenden Sommersegel
schraubt sich
in den Ruf der Ringeltauben
durchwebt die Alleen
schwingt in
grünen Fangarmen
bis die Alleen
fließen
Wenn der Xhiro ruft
hinaus
deine Fühler
hinein in die
Sommerflut
Immer weiter, immer weiter
nur der Dajti kann dich stoppen…

 

Bahnhof Gevgelija

Zugvögeln gleich
kennt ihr
keine Schranken
Seid bis an eure – und an unsere – Grenzen gegangen
Immer wieder die Flucht verfluchend
wartet ihr nun
auf Schienen,
die zunächst verlockend
schienen
Steht unter Zugzwang
und müsst
unverzüglich
weiter
Doch kein Stellwerk
stellt für euch die Weichen
Rückzug?
Höchstens in den Schlaf
Ein kleines Mädchen macht es vor – und
träumt im Gleisbett
Über ihm:
blinken die Sterne
Oder sind es die Signale?
Sie blinken, blinken, blinken
im Takt der Fragen:
WER HAT DIESE SCHIENEN GEBAUT UND
WOHIN SOLLEN SIE FÜHREN?

WOHIN?