Travestie-Show mit Elke Winter
Text folgt…
01 Dienstag Mär 2016
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Travestie-Show mit Elke Winter
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01 Dienstag Mär 2016
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In weißen Buchstaben stehen die zwei wichtigsten Werte der westlichen Welt: Liberté und Egalité in Schieflage als sinnleere Begriffe auf der Bühne. Ein drittes, Fraternité steht buchstabenweise auf dem Boden, wird hin und her geschoben und als Liege u.a. benutzt. Dort sitzt allein und gerade verlassen von seiner jungen Geliebten Miriam der Literaturwissenschaftler und Décadence-Forscher Francois und schaut fern. Wenn er nicht gerade mehr oder weniger gelangweilt und lustlos eine Vorlesung an der Pariser Universität hält.
Allein die Studentinnen halten den Mittvierziger noch auf Trab, hinter denen aber auch sein jüngerer, attraktiver Kollege Steve her ist. Sie reden vor allem über Literatur, Sex und Religion sachlich bis abfällig und routiniert. Erst die Nachricht vom Wahlsieg des islamischen Präsidentschaftskandidaten Mohamed Ben Abbes, worauf es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen kommt, schreckt Francois auf und sein ganzes bisheriges Leben steht plötzlich in Frage.
Spannend und hochaktuell ist die nach Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ (2015 erschienen) – eine politische Fiktion über ein islamisches Frankreich im Jahr 2022 – entstandene Inszenierung in der Regie von Malte C. Lachmann im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Das Erscheinen fiel auf denselben Tag wie der terroristische Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris. Es entbrannte eine bis heute andauernde Kontroverse zu dem beschriebenen Inszenario.
Das Stück, für die Bühne eingerichtet von Janine Ortiz, hält sich nah an die Buchvorlage. Es erzählt eine Farce über einen Literaturwissenschaftler, stellvertretend für den modernen Menschen, der an nichts mehr wirklich glaubt. Der Widerspruch von materiellem Wohlstand und geistiger Armut, zunehmend verloren gehenden ideellen Werten und innerer Leere spitzt sich im Stückverlauf grotesk zu – bis zur friedlich-harmonischen Machtübernahme einer islamischen Regierung. Diese investiert vor allem in – freilich islamisch geprägte – Bildung und Erziehung und Kinderzuwachs für die Zukunft, zahlt Haushaltsgeld für Familien etc. und hat großen Erfolg damit.
Die Inszenierung ist nicht vordergründig ironisch, sondern die Ideale und Wirklichkeit der westlichen Welt entlarven sich selbst anhand einer elitär abgehobenen, dekadenten und von der Welt und sich selbst angewiderten geistigen Elite, die ihr Wissen nur noch abspulen, unverständlich, selbstgefällig und nichts (mehr) zu sagen haben. Der Ton ist sachlich nüchtern anfangs, erschreckend real anhand von eingespielten TV-Nachrichten und Smartphone-Videobildern auf einer Leinwand wird die Situation in Frankreich geschildert, wo der rechtsextreme Front Nationale um Marie Le Pent und die Islamische Bruderschaft sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen in der Präsidentschaftswahl liefern. Dazwischen gibt es nichts mehr an politischen Strömungen. Man sieht die Massenproteste der politisch Unzufriedenen mit Spruchbändern „Wir sind das Volk! Das ist unsere Heimat…“ und wie die Polizei mit Knüppeln und Tränengas dagegen vorgeht. Der Literaturwissenschaftler verfolgt die Nachrichten fassungslos, seine Geliebte flieht mit ihren jüdischen besorgten Eltern nach Israel und bleibt dort, lernt jemand anders kennen. Er sehnt sich nach häuslicher Geborgenheit und Umsorgtsein einer Frau und liest wehmütig alte Liebesschmöker zu sentimentalen Popsongs. Das ist komisch und traurig zugleich. Neben der Angst vor dem Fremden bzw. Überfremdung wird der moderne Mensch sich selbst immer mehr fremd, allein oder zu zweit nebeneinander her leben als miteinander.
Das ist alles ist mit trocken lakonischem Humor bis schwarzhumorig sarkastisch erzählt und gespielt von vier Schauspielern. Christian Erdmann spielt den selbstmitleidigen und pragmatisch-machohaften Literaturwissenschaftler, der an sich selbst (ver)zweifelt. Lea Ruckpaul energiegeladen mehrere Frauenrollen, neben Miriam auch die von den islamischen Machthabern entlassene Unipräsidentin, Lorenz Nufer wandlungsfreudig neben dem jung aufstrebenden Dozenten einen alten kauzigen Literaturwissenschaftler und einen Mönch und Ben Daniel Jöhnk den zum Islam bekehrten dienstbeflissenen neuen Unipräsidenten Rediger. Der neue islamische Präsident Ben Abbes habe erkannt, dass die Wahl nicht auf dem Feld der Wirtschaft, sondern der Werte entschieden wird, sagt Rediger, Francois` intellektueller Gegenspieler und Präsident der neuen muslimischen Universität. Seine Frau entwickelt einen ungeahnten Elan in der Küche, schwenkt Töpfe und Pfannen und erklärt die einzelnen Gänge, eingelegte Lammkeule mit Bratkartoffeln wie eine wissenschaftliche Höchstleistung. Über dem Uni-Eingang hängt nun eine Goldene Sichel mit Stern und die Sekretärinnen sind verschleiert wie die islamischen Studentinnen. Sonst hat sich nichts verändert. Sein junger Kollege, ein mittelmäßiger Hochschullehrer bekommt ein stattliches Gehalt von 10 000 Euro im Monat, ist inzwischen mit einer Studentin verheiratet und will sich nächsten Monat eine zweite Ehefrau nehmen. Francois ist fassungslos als erfährt, dass er seinen Job an der Uni nur deswegen verlor, da man ihn nicht erreichen konnte.
Der neue Unipräsident räumt die Begriffe Liberté und Egalité zur Seite und versucht Francois an die Uni zurückzuholen, umwirbt ihn bei einem Abendessen und hält eine flammende Rede auf den Islam. Das Wort bedeute völlige Hingabe und Unterwerfung an den Schöpfer und seine als vollkommene betrachtete menschliche Schöpfung, die die Welt akzeptiert wie sie ist. Und er stellt ihm seine neuen Frauen vor. Seine Gespielin Malika ist gerade 15 und kichert verlegen, da Francois sie unverhofft unverschleiert sieht. Die andere kocht und schmeißt den Haushalt und serviert ihnen köstliche warme Teigtaschen. Da kann Francois schwer widerstehen. Geld, Frauen und schönes Essen sowie eine Rückkehr an die Uni locken ihn und er denkt nach über ein zweites Leben im Islam.
Zum Schluss lässt ihn Houllebecq in der Möglichkeitsform „würde“ erzählen, von dem Ritual mit dem er zum Islam konvertieren könnte und dann wäre er Muslim… Lässt es also offen, ob es wirklich so kommt, geschickt gelöst. Damit sind mehrere Optionen möglich, es kann auch eine groteske Vision sein und der Leser bzw. Zuschauer hat die Deutungsfreiheit. Das ist angenehm, denn das Stück zeigt drastisch wie es ist, wenn man keine Wahl mehr hat bzw. nicht für sich entscheiden kann oder will mangels eigener Perspektive. Dann nimmt man nur noch was kommt und sei es der Islam. Weil einem selbst nichts Besseres einfällt.
Bei der Premiere hab es viel und herzlichen Beifall und Füßetrampeln vom Publikum, anfangs wurde oft gelacht, danach wurde es immer ruhiger bis zur sarkastisch zugespitzten Lobrede auf den Islam und seiner quasi „Rettung der westlichen Welt und des Abendlandes“ vor sich selbst.
Foto: Matthias Horn
Nächste Vorstellungen: 23.5. und 18.6., 20 Uhr
01 Dienstag Mär 2016
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Actionheld Batman gibt den coolen Verführer vor dem schüchternen Zauberlehrling Harry Potter und einer lässigen Blondine an der Bar. Marilyn Monroe putzt die Gläser. Ein paar finstere Typen beginnen eine Massenschlägerei zum Westernhit „Spiel mir das Lied vom Tod“. Kurz darauf biegen die Blues Brothers um die Ecke. Das Publikum erlebt „Ganz großes Kino“ voller Power, Humor und Leidenschaft auf einer rasanten Reise durch legendäre Filmklassiker. Die besten Filme aller Zeiten in zwei Stunden kommen in dieser Comedy-Revue von und mit Christian Kühn in Kurzfassung samt heißer Soundtracks mit der Band „The Firebirds“ auf die Bühne der Comödie Dresden.
Der Anlass ist ein trauriger: Das kleine Kino “Gloria“ steht vor der Schließung, da nach der Eröffnung eines Multiplex-Kastens um die Ecke die Besucher ausbleiben. In einer Abschieds-Show sollen noch einmal die Film-Höhepunkte der vergangenen Jahrzehnte gezeigt werden. Da der Verleih der Streifen scheitert, bleibt nur eins: Selber spielen! Der arbeitslose einzige Stammkunde Danilo (Christian Kühn) und die flippig und mit flottem Mundwerk ausgestattete Viola (Dorothea Kriegl) vom Nagelstudio nebenan treiben sich gegenseitig in schnellem Perücken- und Kostümwechsel zu immer neuen Höhenflügen an in diesem Rollen-Marathon mit romantischen, kuriosen bis verrückt-komisch parodierten Filmszenen. Angefangen bei der mit allem Krafteinsatz bewältigten Hebe-Szene aus „Dirty Dancing“, mit Kühn als hart gesottenem Tanzlehrer, der seine Partnerin völlig verwirrt über die Hotelszene aus „Pretty Woman“, wo er als kurvige Quasselstrippe dem armen Richard Gere zeigt wo`s langgeht bis zur herrlich schrägen Mal-Szene an Bord der Titanic, wo Jack mit Hingabe mit Fettstiften seine gewichtige Rose in lasziven Posen solange zeichnet, bis sie von der Treppe fällt.
Witzig auch das Video mit der nächtlichen Stadtfahrt auf Kinderrollern zu den wilden Klängen aus Easy Rider. Nach etwas umständlich-zähem Beginn der Geschichte heizen vor allem die vier Musiker der Firebirds mit zündenden Klängen und auch mal groovendem A Cappella Gesang die Stimmung an, von Musik aus Starwars mit Sternengefunkel bis zu Musik aus dem König der Löwen. Da werden eingeblendete Filmzitate wild durcheinander gewirbelt und parodiert, erscheinen Figuren aus der bunten Disney-Zeichentrickfilmwelt lustig vermengt auf der Bühne: von Arielle der Meerjungfrau und Aladdin über die Eisprinzessin Elsa und Mary Poppins bis zum Dschungelbuch. Da muss eine Sackkarre herhalten für rasante Fahrten oder Liebesgeständnisse zwischen „Harry und Sally“ und ein BH als Gesichtsmaske für einen Bösewicht. Leider wurde zu viel hineingepackt an Filmschnipseln und Gags in die Inszenierung, so dass die Spielszenen zu kurz kommen bzw. im Klamauk der Sinn untergeht. Viel Beifall dennoch vom Publikum für einen unterhaltsamen und vor allem musikalisch mitreißenden Kinoabend im Theater mit Happy End.
Weitere Termine: 2. – 5.3., 19.30 Uhr, 6. + 13. + 20. 3., 15 Uhr, 8. – 12.3., 19.30 Uhr, 15. – 19.3., 19.30 Uhr.
Foto: Robert Jentzsch
25 Donnerstag Feb 2016
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Noch größer als die Angst vor dem Skandal ist die Lust am Vergnügen im Schwank „Der Raub der Sabinerinnen“ im Schauspielhaus.
Der stadtbekannte, gut situierte Professor Gollwitz lässt sich vom Theaterdirektor Striese überreden, eine selbstverfasste Römertragödie aus Studententagen auf die Bühne zu bringen. Das Theater im Theater sorgt in der Regie von Susanne Lietzow für reichlich humorvolle Verwirrung vor und hinter den Kulissen im Stück von Franz und Paul von Schönthan in der Bearbeitung von Curt Goetz. Höchst vergnüglich und verwicklungsreich spielt die um 1883, also zur Blütezeit des Theaters, entstandene Komödie mit dem besonderen Reiz des Verbotenen und Verruchten. Eine fahrende Wandertheatergruppe wirbelt die wohlanständige Fassade der Familie des sich entsetzlich langweilenden Professors (Torsten Ranft) gehörig durcheinander. Seine gestrenge Frau (Hannelore Koch) darf nichts von seiner Liaison mit dem Theater erfahren. Mit Oldtimer und Campinganhänger voller Requisiten fährt die Theatertruppe auf die Bühne und hält vor dem Wohnzimmer mit Gummibaum und goldenem Käfig, in dem ein Mann im Anzug (Bertolt List) sitzt, der als „Papagei“ Cicero gewitzt das Gebaren der Familie nachahmt. Im Hintergrund schwebt ein Schwarm Goldfische am blauen Bühnenhimmel abwechselnd mit Videobildern glänzender Darsteller aus der römischen Tragödie, wie sie dem bereits ergrauten, immer noch heißblütig engagierten Theaterdirektor Striese vorschweben.
Eine Paraderolle für Ahmad Mesgarha, der mal salopp schlitzohrig auftritt und herrlich komisch als Römerkönig im weißen Gewand, Tennissocken und Römerlatschen umherstürmt und grandios scheitert. Nacheinander steckt Striese fast alle mit dem Theatervirus ein. Allen voran die gar auf der Bühne einspringende Haushälterin Rosa (herrlich schräg: Matthias Luckey), der biedere Schwiegersohn mit Doppelleben (Benjamin Pauquet) und die jüngere Professorentochter Paula (Ines Marie Westernströer), die für den Jungschauspieler Emil (linkisch-schüchtern: Christian Clauß) schwärmt. Im Countdown vor der Premiere weiß bald keiner mehr, was Lüge, Spiel und Wirklichkeit ist. Auch wenn dann im Eifer des Gefechts um die Sabinerinnen die Kulissen im Rauch aufgehen und die Theatertruppe im Bühnenschaum buchstäblich baden geht mit ihrem Stück. Die Komödianten sind nicht totzukriegen, auch nicht in Katastrophenzeiten, und fahren weiter zum nächsten Bühnenabenteuer. Begeisterter Beifall vom Publikum.
Nächste Termine: 29.2., 10.3., 22. und 28.3., 19.30 Uhr
Foto: David Baltzer
16 Dienstag Feb 2016
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Drei rappende Ratten treffen eines Tages einen total anderen Fremdling. Sie wohnen auf einer verlassenen Baustelle und lieben HipHop, Dreck und Käse. Doch Arthur, der entfernte Verwandte, den sie aufnehmen sollen, ist ganz anders. Er ist weder schmutzig noch stinkig. Er wäscht sich, liest und isst mit Messer und Gabel! Kann das gut gehen? Davon erzählt das Stück „Der feine Arthur“ nach einer Geschichte von Claude Boujon. Witzig-frech, unterhaltsam und garniert mit eigenen Rap-Songs erzählen die Puppenspieler Marie Bretschneider und Thomas Herbst in ihrer ersten gemeinsamen Inszenierung, ausgestattet mit originellen Schaumstofffiguren vom Umgang mit verschiedenen Kulturen, Fremdsein, Zusammenhalt und Freundschaft. Die Ratten beschnuppern den Fremdling neugierig und misstrauisch und wollen ihn loswerden.
„Doch als sie von einem großen Hund angegriffen werden, stellen sie fest: vor ihm, der Gefahr sind alle gleich“, erzählt Marie Bretschneider. Und Arthur bekommt die gleiche Salbe und darf bleiben. „Doch leichter wird es dadurch nicht. Es ist ein erster Schritt aufeinander zu“, sagt sie.
Premiere hat „Der feine Arthur“ am 28. Februar um 16 Uhr im Stadtteilhaus Äußere Neustadt. Im Frühjahr 2015 begann ihre Zusammenarbeit mit zeitgenössischem Puppentheater. Thomas Herbst suchte eine neue, „kraftvolle“ Mitspielerin. Marie wurde ihm empfohlen und es passte für beide. Marie Bretschneider ist seit 2012 selbstständig als Puppen- und Schauspielerin und tritt damit in die Fußtapfen ihres Vaters Jörg Bretschneider, mit dessen so fantasie- wie erfolgreichem Dresdner Figurentheater sie aufwuchs. Inzwischen spielte Marie bereits zwei Stücke mit ihm und brachte fünf Eigenproduktionen auf die Bühne, darunter „Ansichten eines Clowns“ am Neuen Theater Halle und „Der Draculakomplex“ mit Handmaids in der Schaubude Berlin. Vorher war sie zwei Jahre im Schauspielstudio am Staatsschauspiel Dresden zu sehen. Seit der Geburt von Töchterchen Momo arbeitet sie freiberuflich. Thomas Herbst studierte Puppenspiel an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst und ist seit 2004 freischaffend. Sonst ist er in drei Kinderstücken mit dem Puppenspieler Hanno Wuckasch zu sehen und in einem Heinrich-Heine-Programm mit Schatten- und Objekttheater. Ihr Rattenstück wollen Marie und Thomas in abgewandelter Form, mehr choreographisch und mit den Rap-Songs auch bald auf englisch für Flüchtlingsfamilien spielen.
Nächste Termine: „Der feine Arthur“, 5.3. im Eselnest.
Kontakt: http://www.marie-bretschneider
Foto: Robert Jentzsch
16 Dienstag Feb 2016
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„Entweder wird die Bevölkerung abgeschafft, oder Krieg wird unmöglich.“Entwaffnend komisch denken zwei Männer über den Zustand der Welt nach. Sie ist voll von den wahnwitzigsten Forderungen und Zumutungen, stellen sie fest. „Evakuierung auf der ganzen Welt für dauernd? Das braucht Organisation“, überlegen sie. Voll ernstem Humor und schrägen Klängen auf der Klarinette, Ziehharmonika, Topfdeckeln und den kreisenden Teilen eines Windspiels traten die Schauspieler Jürgen Stegmann und Holger Fuchs als Heroen wider Willen auf in einer musikalischen Lesung der „Flüchtlingsgespräche“ von Bertolt Brecht, die in der Galerie mit Weitblick in Radebeul stattfand.
Mit Bierglas und Trommelstock in der Hand geben sie sich mal kämpferisch und nachdenklich in den Rollen des Physikers Ziffel und des Arbeiters Kalle. Sie streiten und philosophieren witz- und geistreich über den Wert von Pässen und Menschen, Volk, Vaterlands- und Freiheitsliebe, Demokratie und Größenwahn und Menschen, die unbelehrbar immer wieder neue Kriege entfachen. Jürgen Stegmann hatte das Stück schon mehrmals in den Fingern. „Offensichtlich hat sich das Thema nicht erledigt, es ist erschreckend aktuell. Manche Sätze wirken wie vor zwei Wochen geschrieben“, sagt er. Die Flüchtlingsgespräche zweier deutscher Emigranten schrieb Brecht 1940/41 im finnischen Exil. Unabgeschlossen, enthalten sie dennoch scharf pointierte Schlüsse und zeitlose Denkanstöße. Jürgen Stegmann und Holger Fuchs wollen nach der Lesung eine Spielfassung der Flüchtlingsgespräche auf die Bühne bringen. Im kommenden Jahr soll diese dann vor allem in Schulen, Flüchtlings- und Sozialarbeitseinrichtungen zu sehen sein.
Eine berührende Aufführung, der man viele Zuschauer wünscht.
Interessierte Einrichtungen können sich melden bei Jürgen Stegmann im Internet unter http://www.wortgestiker.de
16 Dienstag Feb 2016
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DRESDEN – Der ebenso einsame wie ratlose Pastor Gotthilf Klingelsack richtet ein Stoßgebet gen Himmel: Was soll er nur tun, damit seine Glocken wieder bimmeln? Er bittet um ein Zeichen. Lebhaftes Vögelgezwitscher antwortet ihm. Die Gefühle stehen kopf im Stück „Herr Pastor, Ihre Kutte rutscht!“ Der frivole Nachfolger von „Herr Doktor, die Kanüle klemmt!“ von Clemens Wolkmann für Zuschauer ab 18 Jahre hatte passend zum Valentinstag am Sonntag abend Premiere im Boulevardtheater Dresden.
Die idyllische Kulisse vor bayrischer Berglandschaft ist getrübt vom schrägen Glockengeläut aus der alten Pfarrkirche. Der liebenswert-schusselige Pastor Klingelsack (Manuel Krstanovic) überspielt die Misstöne mit flotten Schlagern per iPad, schwingt die Glocken und hängt kopfüber gar halb entblößt am Seil. Dann bekommt der fromme Mann auch gleich von mehreren Damen Besuch, die ihn in Verlegenheit und Versuchung bringen. Und in dem vorher so stillen Örtchen geht es plötzlich aufregend heiß, ungeniert und turbulent zu und kommt man einander näher beim Abendmahl – mit Grillparty, Tanz und beschwipst weinseligen Sprüchen zum Gaudi der Zuschauer. Auf die Bühne kam ein Stück über Liebe, Glaube und Scheinmoral voll witzig-deftigem Humor und doppeldeutig-anstößiger Dialoge, streckenweise allerdings recht platten Gags über Christentum und Islam unter Regie von Jürgen Mai. Die nackten Tatsachen kommen nicht zu kurz, fast alle lassen die Hüllen fallen, geben sich Badefreuden hin. Und auch der Pastor steht zuletzt splitternackt da und bekennt freimütig seinen Glauben an die Liebe. Neben ihm, nur noch mit Hüfttuch bekleidet, als moderne Eva die attraktive Bürgermeisterin Theresa (Edith Schachinger). Für Wirbel sorgen außerdem zwei junge Frauen auf der Durchreise. Die eine heißt Maria-Colina (Alice Erk), ist total naiv und verspricht sich andauernd kurios. Sie verwechselt die Kirche mit einer Moschee und schlafwandelt bei Vollmond als hellsehende, heilige Maria und vollführt wundersame akrobatische Kunststücke. Ihre Freundin, die Ex-Hafennutte Gina-Lolly Lutschbonbon (Lisa Huk) ist cool. Als der Erzbischof sich zum Kirchbesuch ankündigt, spielt Collie eine keusche Novizin mit Strapsen unterm Gewand, die angeblich einem „Schweigeorden der trockenen Fische“ angehört, dem namentlich Till Schweiger vorsteht. Die zwei jungen Damen verführen und überführen den alten lüsternen Erzbischof Rotzinger ausgerechnet im Beichtstuhl seinen Verfehlungen per Handymitschnitt (in einer Doppelrolle auch als Landarzt Josef Ayer-Stok sehr amüsant: Michael Kuhn). Es gibt ein Wiedersehen mit der alten schrulligen Ulknudel Liliane Leutheuser-Schnarrenthal (Ulrike Mai), die schon im Arztstück noch scharf auf Leibesvisite war und diesmal einem unkeuschen Fluch über der Kirche nachgeht und ausgerechnet hier im Keller den legendären Schatz des Fruchtbarkeitsgottes Piatpos findet. Ein ganz und gar sinnenfreudiger Abend, der für reichlich vergnügte Heiterkeit beim Publikum sorgte und begeisterten Beifall fand.
Wieder: am 2.3., 19.30 Uhr; 3. und 4.3., 20 Uhr; 5.3., 15+19.30 Uhr und 6.3., 14+18 Uhr.
09 Dienstag Feb 2016
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Was Frauen und Männer heute zueinander zieht, davon erzählt die Schauspielerin Annette Richter in ihrem neuen Soloprogramm „ÜberMänner“. Mal sind sie unwiderstehlich, mal unausstehlich. Mal nehmen sie zu viel, mal zu wenig Platz in der Welt der Frau ein.
Ob sie ihm Fleisch oder Sojapampe auftischt ist völlig egal, wenn es nur wie Fleisch aussieht. Und Hauptsache er hat sein Bier. Mit offenherzig-augenzwinkerndem Blick auf das starke Geschlecht schlüpft Annette Richter in zehn verschiedene Frauenrollen, die mit genauso vielen Männerrollen verbunden sind. Denn hinter jeder Frau steht ja bekanntlich ein Mann, der sie so werden ließ, wie sie geworden ist. Ohne Schmus und Kitschromantik, aber voll ehrlichem Verlangen und witzig-frechem Charme spielt und singt Annette Richter in schnellem Rollenwechsel über modernes Beziehungsleben (Texte: Jens Fritzsche, Regie: Mario Grünewald). Sie ist zu sehen als resolute Altenpflegerin, als frech-rotzig berlinernde Bäckereifachverkäuferin, leidenschaftlich mit ihrem Smartphone hantierende Frau und als Männer wie Leermasse behandelnde Oberstudienrätin. Sie gibt schön schrullig eine Enten fütternde Alltagsphilosophin und eine bitterböse Feuerwehrfrau, die von allzu viel Romantik total genervt ist. Das Premierenpublikum in der Brauerei Radeberg hatte bei diesem besonderen Gastspiel unlängst viel Vergnügen. Nun zeigte Annettte Richter die „ÜberMänner“ im Centrum-Theater in Dresden am 14. Februar auf der Prager Straße vor rund 60 begeisterten Zuschauern.
In diesem Programm wird ganz schön gepiesackt und kaum ein gutes Haar am anderen gelassen. Man spürt, da hat sich im Beziehungsalltag viel Unausgesprochenes angesammelt und brodeln im Inneren verletzte Gefühle, die auf der Bühne endlich herausdürfen. Sie versucht beide Seiten zu verstehen, sagt Annette Richter. Ohne ihren charmanten Humor würde es noch weitaus kälter zugehen in diesem reibungsvollen Spiel zwischen Männern und Frauen. All ihre Rollen strahlen viel Liebe, Leichtigkeit und Lebenserfahrung aus. Geboren wurde Annette Richter in den heißen Sechzigern in Meerane und schloss ihr Schauspielstudium an der Filmhochschule in Potsdam-Bablesberg mit Auszeichnung ab. Sie spielte am Theater in Senftenberg und an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul sowie für Film und Fernsehen. Seit 2000 ist Annette Richter freischaffend als Schauspielerin, Dozentin für Theaterspiel und als Moderatorin. Sie erinnerte mit einem eigenen Theaterabend an die große Romy Schneider im Hoftheater Weißig und ihr Chansonprogramm mit eigenen Liedern: „Mitten im Seelendschungel“ soll auch bald wieder zu sehen sein.
09 Dienstag Feb 2016
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Wer nur auf sein Herz hört, der ist verloren in dieser Welt. Davon erzählt das Stück „Der Idiot“ nach dem Roman von Fjodor Dostojewskij. Die russische Seele leuchtet voll dunkler Romantik und Leidenschaft. Humor, Wehmut und bitterer Ernst liegen nah beieinander in dieser trotz des düsteren Stoffs wunderbar leichten Inszenierung in der Regie von Matthias Hartmann. Ehemals Intendant am Wiener Burgtheater, landete er mit seiner ersten Aufführung am Dresdner Schauspielhaus gleich einen Volltreffer. Vier Stunden lang spannendes Erzähltheater und kontroverses Spiel mit viel herzergreifender Situationskomik, Gefühlsausbrüchen, gleichzeitig heiter und tragisch, das ist selten an einem Abend zu erleben. Das Bühnenbild besteht lediglich aus ein paar Stühlen und grauen Schiebewänden, die sich wandeln zu verschiedenen Räumen der feinen St. Petersburger Gesellschaft. Mit der Ankunft des aus einem Schweizer Sanatorium zurückkehrenden, mittellosen Fürsten Myschkin (naiv und edelmütig: André Kaczmarczyk) scheint sich alles zu verwandeln. Im kühl-vornehmen Salon einer Generalsfamilie sprießen wie von Zauberhand gemalt weiße Blüten die Wände empor. Der zuerst barsch abweisende General (Holger Hübner), seine besorgt-misstrauische und melodramatische Gattin (Rosa Enskat) und ihre Töchter Alexandra (aufgeschlossen: Cathleen Baumann) und Aglaja (hochmütig: Lieke Hoppe) hören auf einmal begierig seine lustigen und traurigen Reiseanekdoten an, staunen über die guten Manieren und Bildung des vermeintlichen „Idioten“.
Er wird bewundert, belächelt, geliebt und verhöhnt. Er ist ein Idealist, Träumer und Feingeist und in sich gefangen. Ein Gutes wollender Unglücksmensch, der immer zwischen die Fronten gerät von Intrigen, Machtstreben, verschmähter Liebe, Eifersucht, sozialem Absturz und Verzweiflung. Das begehrte, mal schamlose und mal zutiefst verletzliche Objekt der Begierde heißt Nastassja (Yohanna Schwertfeger) und sehnt sich selbst vergebens nach wahrer Liebe. Wie auch ihr besessener Verehrer (Christian Erdmann). Ein zwiespältiger Nachgeschmack bleibt. Der Idiot scheitert an seiner reinen Gutherzigkeit. Für alles hat er Verständnis und hält sich aus allem heraus. Zuletzt hält er seinen einzigen Freund, den Mörder von Nastassja im Arm und tröstet ihn. Ein großer Theaterabend, der viele Fragen aufwirft. Wie man sich und seinen Idealen treu bleibt ohne unterzugehen in dieser Welt zunehmender Gefühlskälte und Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer. Begeisterter Beifall vom Publikum.
Nächste Termine: 19.2. und 2.3., 19.30 Uhr im Schauspielhaus.
01 Montag Feb 2016
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Es beginnt wie ein großes Abenteuer auf einer urwüchsigen, einsamen Pazifikinsel. Doch schon bald entwickelt sich daraus ein grausamer Überlebenskampf einer Gruppe englischer Schuljungen, die dort als einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes stranden. Tief in die Abgründe der menschlichen Natur blickt das Stück „Herr der Fliegen“, das nach dem Roman von William Golding als Produktion der Bürgerbühne am Sonntagabend Premiere hatte am Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.
Der mit schwarzer Folie bedeckte Bühnenraum ist von dumpfen Geräuschen und Urwaldlauten erfüllt. Als Spielfläche dient ein Felspodest mit Grasbüscheln in der Mitte. Ringsum flackern spärlich Scheinwerfer auf Regalen postiert, auf die die Spieler mal übermütig und mal Schutz suchend klettern. Zuerst toben sie ausgelassen umher und freuen sich, endlich mal ohne Erwachsene zu sein. Doch schon bald gibt es Streit, foppen die Größeren die Kleinen und Schwächeren, werden sie ausgegrenzt und wie Tiere gejagt und eskaliert das Urwaldabenteuer schließlich in einem blutigen Gemetzel im roten Scheinwerferlicht. Ein aufgespießter Schweinkopf ragt als Fanal über dem gespenstigen Geschehen. In spannungsreichem Spiel, abwechselnd kindlich unbeschwert, blindwütig und kalt anders Denkende bekämpfend, erzählen und spielen die fünfzehn Darsteller zwischen 10 und 20 Jahren die ebenso beklemmenden wie berührenden Szenen in der Regie von Kristo Sagor. Erstaunlich mit welcher Leichtigkeit und Kraft die jungen Darsteller den schwierigen Stoff auf die Bühne bringen in Goldings schmerzhaft-aufschlussreicher Parabel über das Böse im Menschen als ein Teil der menschlichen Natur. Freundschaft und manchmal erbittertes Kräftemessen dürfte den jungen Spielern im Alltag auch nicht fremd sein. Besonders herausragend in dieser Aufführung sind der entmachtete Anführer mit dem Muschelhorn Ralf (Clemens Kersten, sein weicherer Namensvetter (Conrad Böhme), sein Widersacher Jack, der Jäger (gespielt in einer Doppelrolle von Blanka Winkler und Justin Woschni mit zusätzlicher Dramatik) sowie die beiden klugen, ungehörten Sonderlinge Piggy (Frederick John) und Simon (Matti Freitag). Viel Beifall für diesen eindringlichen Aufstand der Kinder. Lilli Vostry



