Kunst: offen in Sachsen – Farb-Spaziergänge bei Christa Günther in Radebeul

„Kunst ist das: dass man die Dinge immer wieder neu sieht“ (W. Kentridge), steht auf einer Ansichtskarte, die eine Farblandschaft von Christa Günther zeigt. Sonnenlicht, Grün und rote Farbspuren durchziehen das Bild, das sie „Tabula Rasa III“ nennt. Die Farben flirren und pulsieren, fließen immer wieder neu und anders ineinander auf den Leinwänden. Vielleicht spielt der Bildtitel darauf an?

In ihre Bilderwelt eintauchen und zuschauen, wie ein Bild sich malt, können Besucher beim diesjährigen 15. Kunst: offen in Sachsen. Während der Pfingsttage vom 8. bis 10. Juni öffnen Künstler sachsenweit ihre Ateliers, Arbeits- und Ausstellungsräume und laden ein zum Schauen, Staunen und Entdecken und natürlich auch zum Erwerben von Kunst.
Christa Günther öffnet ihr Atelier in der Alten Schuhfabrik auf der Gartenstraße 72A in Radebeul an diesen Tagen ebenfalls von 10 bis 18 Uhr. Wie ein Bild sich malt, können die Besucher von 15 – 16 Uhr bei ihr erleben. Eine lustige Figur, aus einer Staffelei zusammengesetzt mit bunt bekleckstem, weißem Shirt und bemalter CD als Kopf weist den Weg zum Atelier von Christa Günther in der zweiten Etage der Alten Schuhfabrik in Radebeul. Ein saniertes, helles Gebäude mit roten Klinkersteinen. Seit 2006 hat Christa Günther hier ihr Atelier. Nebenan haben Peter und Karen Graf ihre Ateliers und eine Tür weiter der Künstler Matthias Kistmacher. Im Gebäude sind außerdem ein Architekturbüro und ein Fuhrunternehmen tätig.

Christa Günther ist bereits zum 13. Mal bei „Kunst: offen in Sachsen“ dabei.
„Für mich ist Malen etwas ganz Zärtliches, das der Seele gut tut. Etwas erschaffen, bei dem man alles um sich herum vergisst, das ist das Schönste am Malen“, sagt die Künstlerin. 1998 hängte Christa Günther ihren Job an den Nagel. Sie unterrichtete viele Jahre als Lehrerin Deutsch und Musik und hat drei Kinder alleine großgezogen. Während einer Waldorfpädagogik-Ausbildung in Stuttgart kam sie zur freien Kunst und seither lässt der Umgang mit Farben sie nicht mehr los. Sie besuchte Kurse im riesa efau in Dresden, bei Sandor Doro, Frank Herrmann und Maksa, einer Hamburger Künstlerin. “Sandor Doro hat mich in die Abstraktion gebracht“, sagt sie.

Malen sei auch ein Spaziergang nach innen. Die Farbe Blau, die für das Unbewusste und die Seele steht, taucht facettenreich in ihren Bildern auf, die sie Farbschicht um Farbschicht mit Pinsel, Spachtel und Rakel aufträgt. Dabei entstehen faszinierende Farbspiegelungen, fließende, ineinander greifende, sich durchdringende, überlagernde, rissig-brüchige und lichtvoll changierende Farbräume mit Titeln wie „Mia Volta“ (griech.: Spaziergang) oder „Phanta Rei“ (Alles fließt). Angeregt von der Natur und Reiseeindrücken. Sie macht sich keine Skizzen, sagt Christa Günther, sondern malt rein aus dem Gedächtnis, der Erinnerung. Ihre mal pastellfarbenen, mal kraftvoll leuchtenden Bilderlandschaften wirken oft auch wie erinnerte Träume, halb konkret, halb verschwommen in der Ferne aufleuchtend. Und lassen dem Betrachter viel Spielraum, eigenen Empfindungen und Fantasien nachzugehen.

Während das Bild auf der Leinwand Form annimmt, ist es mucksmäuschenstill im Atelierraum, hört man nur den Spachtel sacht über die Fläche streichen. Ein spannendes Erlebnis auch für Julius (7), der mit seiner Oma, einer ehemaligen Lehrerkollegin von Christa Günther, hergekommen ist. „Das Gelb sieht aus wie eine Banane mit Nase und das Rot wie ein tanzender Weihnachtsmann“, sagt er. Die Künstlerin und die anderen Erwachsenen schmunzeln. Sie dreht das Bild um, dann sieht es wieder anders aus.

Sie öffnet gern ihr Atelier. „Ich merke, wie die Leute reagieren auf meine Kunst, es ergeben sich Gespräche und wenn ich ein Bild verkaufe, ist das ein schöner Nebeneffekt“, sagt sie. Die Besucher können nach dem Bilderbummel auch Wein aus eigenem Anbau ihres Freundes, der Winzer ist, verkosten. Rotburgunder und Zweigelt stehen bereit. Auf der Staffelei im Atelier trocknet inzwischen das kleine Ölbild. „Jetzt lasse ich es einfach laufen. Mal sehen wie es in einer Stunde aussieht. Dann kann ich noch mal drüber gehen“, sagt Christa Günther. Fünfzehn Besucher hatte sie am Sonnabend im Atelier innerhalb einer Stunde, weiß sie anhand der von draußen nach drinnen in eine Schale gewanderten Steine, Reisemitbringsel. Sie lächelt glücklich.

Bilder von ihr sind auch in der derzeitigen Ausstellung der Künstlergruppe „Radebeuler Kunstspuren“ im Foyer der Landesbühnen Sachsen in Radebeul vor den Vorstellungen zu sehen (noch bis 23. Juni).  Die 15 KünstlerInnen öffnen ihre Ateliers wieder für Besucher am 15. September, von 10 – 18 Uhr.

Text + Fotos (lv)

http://www.christaguenther.de

Eine Übersicht der Künstler, die ihre Ateliers über Pfingsten für Besucher öffnen, steht unter http://www.kunst-offen-in-sachsen.de

Musiker Ulrich Thiem las aus „Die Spieluhr“ von Ulrich Tukur bei Büchers Best


Zauber der Musik und Worte: der Musiker Ulrich Thiem las aus Ulrich Tukurs Novelle „Die Spieluhr“ und spielte Cello-Improvisationen bei seiner gut besuchten Lesung bei Büchers Best in der Neustadt.

Spannendes Spiel mit Wirklichkeit und Fantasie

Die Magie von Musik, Malerei und Sprache verbinden sich in der Lesung des Cellisten Urlich Thiem aus Ulrich Tukurs Novelle „Die Spieluhr“ am Pfingstsonntag, um 19.30 Uhr in der Yenidze.

Sie haben einiges gemeinsam. Die gleichen Namens-Initialen, die Magie der Kunst und Musik verbindet sie. Nach einem Konzert lernte Ulrich Thiem den Schauspieler Ulrich Tukur kennen. Er schenkte seiner Frau „Die Spieluhr“. Thiem nahm das Büchlein in die Hand und las und las. Ihn faszinierte die „Mischung aus Fiktion und Realität, Verrücktheiten und Verwirrungen bis zur Auflösung“, erzählte Ulrich Thiem bei seiner Lesung mit Cello-Improvisationen im Buchladen Büchers Best auf der Louisenstraße in der Neustadt.

„Die Wirklichkeit ist der Schatten der Kunst“, zitiert er aus dem Buch. Es ist ein spannendes Spiel mit Wahrnehmung, Wirklichkeit und Fantasie. Es wirke wie eine Anrufung der verborgenen Seele der Menschen und Dinge, so Thiem. Eine Beschwörung des Mysteriösen.

Auf wundervoll verwirrende Weise verbindet die Novelle „Die Spieluhr“ von Tukur die Lebenswege zweier ganz verschiedener Menschen, des Gelehrten und Freigeistes Wilhelm Ude, der aus der preußischen Enge entflieht, nach Paris geht und dort eine Galerie eröffnet und der Putzfrau Serafine, die betörende Blumenstilleben malt. Sie treffen sich in ihrer Sehnsucht nach einer schöneren Welt, die wohl nur in der Kunst zu haben ist, heißt es im Buch.

Ulrich Thiem entführt die Zuhörer mit dieser geheimnisvoll-entrückten Geschichte und bezaubernder Cello-Musik, abwechselnd zart und expressiv, in die undurchdringlichen Gefilde zwischen Wirklichkeit und Traum. Die nächste Lesung findet am Pfingstsonntag, am 9. Juni, um 19.30 Uhr unter der Yenidze-Kuppel statt.

Text + Fotos (lv)


Hüter der Wunder im Bücherreich von Büchers Best: Ladenkater „Musashi“.

BuchSalon: „Liebe ist immer ein Ernstfall“


Ernsthafte Unterhaltung im BuchSalon. Die neuesten Bücher sächsischer Autoren wurden vorgestellt (im Bild v. li n. re.) von Michael Bittner, Michael Hametner und Karin Grossmann. Andrea O`Brien, die Leiterin des Literaturhauses Dresden und eine Vertreterin vom Sächsischen Literaturrat luden zu der Veranstaltung ein.

Von „Puppenkino“ bis „Tarantella“

Ein Liebesroman, ein Schelmenroman voller Aphorismen, rätselhafte Kalendergeschichten und ein südlich heißblütiger Abenteuerroman wurden lebhaft diskutiert im BuchSalon im Literaturhaus Dresden.

Was macht ein gutes Buch aus? Muss man alles verstehen? Wie verrätselt kann es sein? Wie schwer oder leicht darf Unterhaltungs- bzw. ernste Literatur sein, um kritikwürdig zu sein? Darüber wurde lebhaft diskutiert im „BuchSalon“, der bisher Bücherbörse hieß, veranstaltet vom Sächsischen Literaturrat e.V. am Donnerstagabend im Literaturhaus Dresden in der Villa Augustin am Alberplatz.

Im Streitgespräch über Neuerscheinungen sächsischer Autoren waren diesmal Michael Bittner, freier Autor, Karin Grossmann, Literaturredakteurin bei der Sächsischen Zeitung und Michael Hametner, Literaturkritiker und viele Jahre bei MDR Kultur.
Auf dem Tisch ein Stapel Bücher, ganz unterschiedlich in der Machart, Inhalt, Form und Anspruch, die im Buchladen sehr weit voneinander stehen würden.

Vorgestellt wurden „Puppenkino. Kalendergeschichten“ (Connewitzer Verlagsbuchhandlung) des Leipziger Autors Thomas Böhme, der auch einige Texte daraus las. Von Volker Braun „Handstreiche“ (Suhrkamp), Daniela Krien „Die Liebe im Ernstfall“ (Roman, Diogenes) und Jens-Uwe Sommerschuh „Tarantella“ (Roman, salomo publishing).

Ladies first oder lag es am Thema? ging es zuerst um „Die Liebe im Ernstfall“, den zweiten Roman der in Leipzig lebenden Autorin Daniela Krien, Jahrgang 1975. Ihr erster Roman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ (2011, Graf Verlag München) erzählt eine heftige, unmögliche Liebesgeschichte in einem Dorf nahe der deutsch-deutschen Grenze im Sommer 1990. Alle emotionalen Grenzen niederreißend.
In ihre neuen Roman geht es um fünf Frauen um die 40 auf der Suche nach dem Glück, für das sie einiges in Kauf nehmen, so Karin Grossmann. „Sie kämpfen gegen Vorurteile, trauen sich neue Lebensformen zu und gehören zum Mittelstand.“ Wie sich die Lebenslinien der Frauen kreuzen, über ihr Leben mit Männern und Kindern und ohne sie, erzählt vor dezent politischem Hintergrund der Nachwendezeit und neuen nationalistischen Tendenzen dieses Buch.

„Liebe ist immer ein Ernstfall, sonst ist es nämlich keine“, sagt Karin Grossmann über den Buchtitel. Es sei ein lebensnahes Buch, so Michael Bittner, auch wenn er es etwas konservativ findet. Dass alles seine Grenzen hat und zu viel Freiheit auch nicht gut tue, das habe ihm etwas Unbehagen bereitet. „Das ist kein Unterhaltungsroman, da wird schon tief in die Menschenkenntnis gegangen“, begründet Michael Hametner seine Empfehlung für das Buch.

Volker Braun, der unlängst seinen 80. Geburtstag feierte, stellte Hametner als einen großen Lyriker der sächsischen Dichterschule, Prosaautor, Essayist und Dramatiker vor. Sein neuer Band „Handstreiche“ sei eine Art Schelmenroman aus der Nachwendezeit der DDR über einen ehemaligen Vorzeigearbeiter namens Flick, der unbedingt arbeiten will und sich als Maschinenstürmer betätigt, sagt Michael Bittner. Das Buch enthalte viele Aphorismen. Er mag diese Form. „Oft stecken da mehr Einfälle drin als in manchem Roman.“ Es sei aber womöglich schwierig für jüngere Leser, die manche zeithistorische Hintergründe und Anspielungen nicht verstehen.

Dieser Flick erscheine wie ein „Don Quichotte des Sozialismus“, sagt Hametner über Brauns Buchhelden. Inhaltlich gehe es um das Scheitern, den Verlust von Utopien und die Unfähigkeit, sich mit der kapitalistischen Wirklichkeit abzufinden und um die Zukunft oder das Verschwinden von Arbeit. Mann kann es auch als literarischen Abschiedsgruß von Volker Braun lesen. „Mit 80 muss man auf einiges gefasst sein. Außer man heißt Martin Walser“, so Hametner. „Man liest die Texte länger als Daniela Krien. Drei bis vier auch nur, sonst verschwimmt es“, meint Karin Grossmann zu Brauns „Handstreichen“. „Die Gesellschaft, in der wir leben, wird im Handstreich genommen. Man kann sie jedoch nur in Raten lesen“, ergänzt Hametner. „Ein ganz schmaler Band, der es in sich hat.“

Ganz anders hingegen die skurril-hintergründigen, mehr oder weniger packenden Kalendergeschichten unter dem Titel „Puppenkino“ von Thomas Böhme. 366 Miniaturen, eine Kurzgeschichte für jeden Tag, enthält das Buch des gebürtigen Leipziger Autors. Böhme war der erste Preisträger des Literaturförderpreises des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst (2006). Mal ganz sachlich, konkret und surreal bis rätselhaft kommen die Episoden Böhmes daher, der als schrulliger Geschichtenerzähler mit schwarzem Schlapphut auftrat, ganz in seine Geschichtenwelt versunken, kaum aufblickend. Da geht es wie in der Titelgeschichte „Puppenkino“, wo Kinder Filmszenen mit Puppen nachspielen, um die Grenzen von Spiel und Realität, Spaß und Ernst, kippt Schönes, Fröhliches in Morbides, Raues und Zerstörerisches. Mal sind es Spielzeug, Gegenstände, mal Lebewesen, Situationen und Orte, die er beschreibt und reflektiert.

Für jeden Tag eine Verwunderung, löst es das ein?, fragt Hametner in die Runde. „Mehr ein Staunen über Alltägliches, woraus sich eine Geschichte entwickelt“, so Karin Grossmann. „Manchmal einfach nur eine schöne Beobachtung. Wie von den Elstern, die die Ringe im Nest zählen.“ Es seien Geschichten, wo man erst mal rätselt, surreal wie Träume oder Märchen, meint Michael Bittner, die man auch nicht gleich verstehen müsse. „Wie eine Anleitung zum Fantasieren, die auch die Einbildungskraft stärkt.“
Witzig fand er eine Geschichte, in der Kinder keine „schwarzen Wörter“ mehr sagen dürfen, um andere anzuschwärzen, die dann aber unflätige Kraftausdrücke verwenden. Ein Seitenhieb auf die „Sprachpolizei“ und ihre teils unsinnigen Änderungsversuche. Manchmal hatte er den Eindruck, dass in den Texten Böhmes etwas zum Geheimnis gemacht wird, so Hametner. Dennoch habe er sie gern gelesen.

Am neuen Roman „Tarantella“ von Jens-Uwe Sommerschuh schieden sich die Geister. Man kann es als Roadmovie lesen oder als klassische Heldengeschichte, sagt Karin Grossmann. Der Erzähler Giovanni habe  Abenteuer, Mutproben zu bestehen und kommt knapp mit dem Leben davon, um eine schöne Frau, Mimi, zu erringen. Als einen schön ironischen Satz aus dem Buch nennt sie: „In Palermo gab es keine Zeugen. Das war gut für die durchschnittliche Lebenserwartung.“ Hübsch seien außerdem die Anspielungen zu Opernfiguren, dem französischen Schriftsteller Boris Vian und die Ausführungen zur Cosa Nostra heute wusste sie so noch nicht.

Michael Bittner hat „Tarantella“ „streckenweise gern gelesen, vor allem über das Leben in Sizilien und wie er Figuren und Charaktere zum Leben erweckt.“ Der Roman habe aber auch „einige Schwächen“. Er fragte sich, was der Ausflug nach Siracus soll, das erschließe sich nicht. Der böse Gegenspieler Giovannis werde z.B. nie zum Charakter und verschwinde irgendwann aus dem Roman und es kommen neue Bösewichter. Die Sexszenen findet Bittner „nicht gelungen“. „Ich würde sagen, es ist ein misslungenes Buch.“ Michael Hametner ist „Tarantella“ „150 Seiten zu lang“. Vieles findet er „belanglos, wenn es seitenlang über das Wetter, Gott, Glauben und die alten Griechen, um Züngeln, Küssen und Katzen geht.“ Das Buch sei nicht unelegant geschrieben, so Hametner, aber es muss doch um etwas gehen. Er findet außerdem, dass solche „Unterhaltungsliteratur für die Literaturkritik kein Gegenstand“ sei. Diese Haltung findet Karin Grossmann „arrogant“.“Auch Literatur, die mich unterhält, kann ich mit Maßstäben messen. Wie ist die Sprache, die Figuren…“

In anderen Ländern wie den USA gibt es gar keine Einteilung in Ernste- und Unterhaltungsliteratur. Ein ernsthaftes Buch kann ebenso unterhaltsam, soft daherkommen wie umgekehrt. Ideal, wenn Leichtigkeit und Tiefsinn, Lesevergnügen und Aha-Effekt zusammenkommen. Entscheidend ist, dass mich die Geschichte packt, hineinzieht, ich in andere Gedankenwelten reisen, etwas für mich entdecken kann. Das ist schon viel, wenn das ein Buch schafft.

Etwas verwunderlich die kleine Zuhörerrunde, darunter mehrere Autoren, beim BuchSalon. Ob es an der sommerlichen Hitze lag, dass viele lieber im Freien, in ihren Gärten waren. Wo man ja auch Bücher mit hin nehmen kann. Lesen hat auch viel mit Innehalten, Muße zu tun, was in der heutigen, schnelllebigen Zeit offensichtlich auch nicht mehr selbstverständlich ist.

Bleibt nur zu hoffen, dass die nächsten BuchSalons mehr Aufmerksamkeit und Besucher finden. Denn angesichts der Fülle auf dem Literaturmarkt ist es auch ein (Zeit)Gewinn, wenn man die Perlen und auch streitbare Bücher mit allem Für und Wider an einem Abend in offen-freundlicher Atmosphäre, Geist und Gaumen erfrischend, vorgestellt bekommt.

Text + Fotos (lv)

Weitere Infos unter http://www.saechsischer-literaturrat.de


Leichtigkeit und Tiefsinn großartig verbunden: zeitlos schöne Gedichte von Erich Kästner wie „Sachliche Romanze“.

Junges Theater: Premiere „Kopfsache & Herzenstraum“ in der JugendKunstSchule Dresden


Auf dem Sprung ins Leben. Junge Leute erzählen, was sie vom Leben wollen.

Wenn die Gefühle kopf stehen

Die Jugendtheatergruppe der JugendKunstschule Dresden hat unter Leitung von Jo Gerbeth ein Stück zu den wichtigen Fragen des Lebens erarbeitet.

Was ist das Wichtigste im Leben? Wie weit kann ich gehen? Wo sind meine Grenzen? Was sind meine Bedürfnisse? Was ist Liebe? Eben all‘ die Fragen, die einen jungen Menschen an der Schwelle des Erwachsenseins beschäftigen.

Die jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspieler im Alter von 14 bis 18 Jahren haben das Stück aus vielen interessanten Puzzleteilen zusammengesetzt: Theaterszenen, die gerade wichtig sind; Zitate aus Büchern, die beeindruckten, verbunden mit etwas Musik; einem ungewöhnlichen Stück Filmmaterial und sehr persönlichen Bildern.

Das Leben ist schön und dennoch sind manchmal die wichtigsten Herzensangelegenheiten einfach nur Kopfsache.

Spieldauer ca. 60 Minuten. Keine Pause. Ab 12 Jahre.

Kartenvorbestellungen unter Telefon 79688510 oder info@jks.dresden.de

Premiere: Sonnabend, 15.06.2019, 19 Uhr
weitere Vorstellung: Sonntag, 16.06.2019, 18 Uhr

Text + Foto: Victoria Braun/JKS

Alle Infos auch im Internet unter www.jks-dresden.de

Premiere „Demokratie von unten“ im Kleinen Haus


Ein Stück Geschichte, hochaktuell: Wie geht man mit Unzufriedenheit, Konflikten und verschiedenen politischen Meinungen um? Zeitzeugen vom Herbst 89 erinnern sich.


Bilder von den Bürgerprotesten mit Polizeigroßaufgebot im Oktober 89 und Nachdenken von Zeitzeugen auf der Bühne, wie Mitregieren von unten möglich ist. Fotos: Sebastian Hoppe

Aufbruchstimmung und Clownstränen

Wie kam es zu den Bürgerprotesten im Herbst 89 und was ist aus den Ideen von einst geworden? Das fragt die szenische Lesung „Demokratie von unten“ von Esther Undisz und lässt bekannte und unbekannte Zeitzeugen zu Wort kommen. Die Uraufführung war am Sonntagabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Die Bühnenwand steht in Schieflage. Davor marschiert eine Menschenschlange, die sich gegenseitig hält, angeführt von einer Frau im Clownskostüm. Sie reißt fröhlich und entschlossen die Arme hoch. Sie haben bange Tage erlebt, voller Angst und Ungewissheit, wie es mit ihnen und ihrem Land DDR weitergeht. Als der Protest auf der Straße immer lauter wurde, konnten sie nicht mehr still zusehen. Einerseits ein Stück Geschichte, andererseits hochaktuell, geht es nicht nur um den Herbst `89 in Dresden in der Aufführung „Demokratie von unten“.

Die szenische Lesung von Esther Undisz hatte eine Woche nach der Wahl zum Europaparlament und den Kommunalwahlen Uraufführung am Sonntagabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Die Regisseurin Esther Undisz führte fast ein Jahr lang Interviews mit unbekannten und bekannten Zeitzeugen. Es ging ihr vor allem um die Motive, die sie zu Handelnden werden ließen. Vor der schrägen Bühnenwand steht ein Wachturm aus Holz mit Leiter. Auf den klettern einzelne Akteure und erzählen, wie sie jene Tage im Oktober und die Grenzöffnung erlebten.

Ein Clowns-Paar, gespielt von Daniel Séjourné, der auch am Klavier und Hardrock auf der Gitarre spielt und Oda Pretzschner, begleitet das Geschehen. Er berichtet als Polizist, Detlef Pappermann von den Demos auf der Prager Straße, wo es chaotisch zuging und er auf Bitte der zwei Kaplane Andreas Leuschner und Frank Richter, der auch als Zeitzeuge auftritt, den damaligen OB Berghofer anrief. Der sollte die Situation deeskalieren. Er tat es: „Okay, ich geh anrufen… Reden ist besser als knüppeln:“

Die Clowns stellen naive Fragen, was ein mündiger Bürger eigentlich ist und darf, sie ziehen rückblickend mit zu den Demos auf der Prager Straße, klopfen mit den Zeitzeugen gemeinsam rhythmisch-kraftvoll auf den Boden und stellen sich mit den festgenommenen Demonstranten mit Händen und Füßen zur Wand. Und sie erleben, wie weh Kompromisse tun können, damit es demokratisch bleibt.

Ernste, traurige, dramatische, aber auch absurdkomische Momente, in denen nichts mehr geht und alles möglich scheint, wo neuer Mut und Hoffnung wachsen, wechseln sich ab in dieser bewegenden wie spannenden Aufführung. Die Rufe „Keine Gewalt!“ und „Wir bleiben hier“ der Demonstranten am 8. Oktober 89, von Polizei eingekesselt, gehen immer noch unter die Haut. Zu sehen sind Originalfilmaufnahmen jener Oktobertage, von der aufgebrachten Menge im Hauptbahnhof, wo die Züge mit Ausreisewilligen nach Prag durchfuhren und manche versuchten aufzuspringen und Fotos von der protestierenden Menschenmasse und Polizei mit Schutzhelmen und Schlagstöcken auf der Prager Straße.

Acht Zeitzeugen auf der Bühne und eine eingespielte Stimme (von Susanne Altmann, Kunsthistorikerin) erinnern sich, wie sie die Ereignisse im Oktober 89 erlebten und wie diese sie veränderten. Sie lesen aus ihren Gedächtnisprotokollen und stellen Situationen von damals nach. Einer von ihnen, der Schauspieler Thomas Förster verliest noch einmal die Resolution der Unterhaltungskünstler, die er am 4. Oktober 89 nach der Vorstellung im Kleinen Haus verlas: „Wir wollen in diesem Land leben, und es macht uns krank, tatenlos mitansehen zu müssen, wie Versuche einer Demokratisierung kriminalisiert werden.“ Erst Stille. Dann tobten die Leute, sprangen auf, klatschten und jubelten. Zwei Tage später verkündete das Schauspielensemble in einer eigenen Resolution, nun aus seinen „Rollen herauszutreten, die Situation im Land zwingt uns dazu.“ Der Schriftsteller Mario Göpfert erzählt, was ihm widerfuhr nach seiner Festnahme am 7. Oktober zusammen mit vielen anderen Demonstranten, die ohne Haftbefehl in die Justizvollzugsanstalt nach Bautzen kamen.

Michael Schaarschmidt war Bausoldat, da er sich eine Totalverweigerung mit drohendem Knast nicht zutraute. Den Demonstranten schloss er sich an, weil er sich „nicht mehr verstecken wollte“. Die Einführung eines zivilen Friedensdienstes war eine zentrale Forderung. Er und Jens Nitsche, die sich in Bautzen kennenlernten, arbeiten heute in einem Verein im Täter-Opfer-Ausgleich zusammen, „was so viel bedeutet, wie acht Stunden am Tag für gesellschaftlichen Frieden zu sorgen.“ Silke Körner stammt aus Hamburg und erlebte die Turbulenzen des Mauerfalls mit ihrem Mann in Ostberlin mit, wo sie mit auf die Mauer am Brandenburger Tor kletterten und es plötzlich egal war, ob man aus Ost oder West kam. Sie singt mit jazziger Stimme den Song „On change my heart“ von Joe Cocker, der im Oktober 89 ein Konzert unweit vom Großen Garten gab, seither heißt der Platz dort Cockerwiese.

Als prominenter Augenzeuge erzählt Herbert Wagner, ehemals Sprecher der aus Bürgern gebildeten „Gruppe der 20“, die den Dialog mit OB Berghofer anschob und später OB von Dresden, von heiklen Momenten, als der Dialog auf der Kippe stand. Von der Angst vor Konflikten und Blutvergießen bei der Demo zur Stasi mit Besetzung ihres Hauptgebäudes auf der Bautzner Straße. Sein Resümee: „Die erste geglückte friedliche Revolution in Deutschland bleibt ein Wunder.“ Herzlicher Beifall für einen besonderen Theaterabend, der an die Aufbruchstimmung im Herbst 89 erinnert, an die vielen Ideen, Meinungsstreit und Miteinander all der Träumer und Mutigen, die es braucht, um Veränderungen herbeizuführen.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

BilderAlbum: Auf ins Wild-West-Abenteuerland! Karl-May-Festtage in Radebeul

Lebendige Zeitreise in die Welt Karl Mays und echtes Indianerleben

Abenteuerlich, erlebnisreich, urwüchsig und fröhlich-unbeschwert ging es zu zwischen Western-Ranch, Indianerland und Geschichtenbasar bei den 28. Karl-May-Festtagen in Radebeul.

Der Radebeuler „Lößnitzdackel“ wird zum Santa-Fe-Express, der fröhlich schnaufend mit Blick auf die Weinberge durch den Lößnitzgrund fährt, voller Entdecker, vorbei am Westerncamp, Little Tombstone bis ins Indianerland. Wo auf einer Waldlichtung mehrere Indianerstämme ihre Gesänge, Lieder, Tänze und Bräuche zeigen. Wunderbar.
Turbulent und schön war`s gestern zum Kindertag. Lauter strahlende Gesichter.

Heute am Sonntag locken bei den diesjährigen Karl-May-Tagen im Radebeuler Lößnitzgrund (noch bis 18 Uhr) nochmals abenteuerliche Wild-West-Stimmung und viel Kultur von Westernmusik über orientalischen und indischen Tanz und feurige Klänge vom Balkan bis zum Geschichtenbasar mit türkischem Schattentheater für kleine und große Besucher.

Bei sommerlich warmem Wetter, umgeben von hohen Bäumen kann man auf dem Platz „Kleine Feder“ eintauchen in die indianische Kultur und Lebensweise. Die Zuschauer sitzen rings um ein Holzpodest. Am Rande der Bühne stehen weiße Tipis. Die vier Tänzer der White Mountain Apache Tribe aus Arizona sind erstmals in Radebeul zu Gast, schließlich steht diesmal der legendäre Apachenhäuptling Winnetou aus den Karl-May-Filmen im Mittelpunkt. „Doch die echten Indianer sehen schon etwas anders aus, da müssen wir ein paar Illusionen nehmen“, sagt schmunzelnd Kerstin Groeper, Indianerroman-Autorin, die die Vorführungen moderiert. Sie tragen keine langen, schwarzen Haare und Stirnband, sind weder alle groß noch gertenschlank und ziehen nicht nur Ledersachen und Stiefel an, sondern auch Weste und weißes Hemd und Turnschuhe. Einige von ihnen tanzen barfuß.

„Die Apachen gehören zu den wildesten Indianern überhaupt“, sagt sie und fragt die Kinder, ob sie ein bisschen Angst hatten bei ihrem Auftritt. Nein, lautet ihre Antwort. Sie schauen fasziniert zu wie die Großen, einige sind wie Indianermädchen und -jungen gekleidet, und dürfen sogar mit den Indianern zusammen tanzen und bewegen sich wie sie. Nur ein paar Kleinere fingen an zu weinen bei den lauten, wilden Rufen und Gebärden. „Sie haben das böse Gesicht geübt. Sie spielen nur“, erklärt Kerstin Groeper. Die Mountain Apache Tribe tragen Lederwesten auf nackter Haut, Oberarme und Gesicht sind mit schwarzen und weißen Streifen bemalt. Sie tragen bemalte Schilde mit Vogelfedern und Speere. Mit dem Gebrüll erschreckten die Apachen ihre Feinde, die spanischen Eroberer, die nach Gold in ihrem Land suchten. Die Tänze geben ihnen Kraft und Macht für Geist und Körper und mit einem Gebet machten sie sich unsichtbar für Feinde bei Kämpfen, erzählt sie.

„Sie tanzen, um Frieden und Harmonie zu bringen, denn wir gehören alle zusammen als Menschen“, so lautet die Botschaft der Montain Apache Tribe. Zuerst sprach ein Tänzer feierlich ein Gebet für ihre Ahnen, für die Tiere, für alle Menschen und Indianer, die hier in der Gegend lebten und gestorben sind. Eine solche Zeremonie wurde erstmals abgehalten bei den Karl-May-Festtagen. Die Apachen seien überrascht von der Herzlichkeit, mit der sie willkommen geheißen wurden von den Besuchern.

Jedes der indigenen Völker habe eine eigene Schöpfungsgeschichte, die in ihren Geschichten, Liedern und Tänzen lebendig gehalten und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Apachen in Arizona haben eine eigene Stammesregierung. Heute ist eine Frau die Stammespräsidentin und gibt es neun Berater aus den jeweiligen Destrikten. Während früher alle Häuptlinge männlich waren. Sie haben auch Casinos und Glücksspiel, wo die Weißen ihr Geld lassen und die Apachen sich ihr Land Stück für Stück zurück kaufen, erzählte einer der Tänzer.

Die Le-La-La Dancers der Kwakwaka`wakw Nation aus Kanada, die seit 31 Jahren überall auf der Welt von China, Australien bis Neuseeland auftreten, sorgten mit ihren farbenfrohen Gewändern, urwüchsigen Gesängen zu Trommelklängen und Masken-Tänzen, oft humorvoll, für Begeisterung bei den Zuschauern. Die kanadische Regierung verbot diese alten indianischen Tänze bis 1951. Doch die Indianer haben sie dennoch bewahrt, es hat sie stärker gemacht und sie tanzen sie heute noch, erzählt Kerstin Groeper. Darunter ein „Raben- und ein Grizzlybärentanz“, ein Tanz über ein wildes, im Wald hausendes Ungeheuer und eine riesige Frau mit Korb auf dem Rücken, eine Hexe, die Kinder mitnimmt, die allein unterwegs sind.

Abschließend zeigen sie einen Friedenstanz, würdevoll-erhaben und aus einer Rassel herausgelassen, lassen sie unzählige weiße Federn in die Welt hinaus fliegen.

Aus Kanada stammt auch der Sänger, Maskentänzer, Schnitzkünstler und Geschichtenerzähler Ed. E. Bryant, er gehört der Tsimshian Nation an, die vorrangig an der Nordwestküste und in der Provinz British Columbia lebt. Von ihm stammen die farbenfrohen Totempfähle am Eingang ins Indianerreich, einen hat er auch für das Karl-May-Museum in Radebeul geschnitzt. Es sei kein Marterpfahl, erklärt er, sondern erzählt die Geschichte des jeweiligen Häuptlings und Tiere wie Bär oder Adler symbolisieren die Kraft und den Geist, mit dem sie zusammen getroffen sind.
Er singt mit der Handtrommel archaische, naturverbundene, kraftvolle Weisen, auch ein Lied zu Ehren der Lachse, die die Bewohner an der Küste ernähren und ein Lied zur Erinnerung an seinen verstorbenen Vater.

Zusammen mit Kindern aus dem Publikum tanzt Ed. E. Bryant Tänze, die verschiedene Tiere wie Adler, Rabe, Orka, Wolf und Wal repräsentieren und bewegt sich wie diese. Er trägt einen Feder-Fächer und eine rot-blaue Decke mit gesticktem Adler und breitet die Arme wie Flügel aus, übermütig umherwirbelnd.

Auf Karl Mays Geschichtenbasar wehen bunt orientalische Tücher auf Leinen. In einem Zelt ist türkisches Schattentheater mit dem Figurenkünstler Hüseyin Kücük zu erleben. Er trägt eine rote Kappe mit schwarzer Kordel und aufgemalten Zwirbelbart. Er erzählt von den Abenteurern Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, die mit dem Orientexpress in Mays Büchern den Tigris hinauffuhren und in einem kleinen anatolischen Ort landeten, im Hamam ein Bad nahmen und nebenan war ein Schattentheater. Mit gewitzten und naseweisen Figuren, einer sehr biegsamen Bauchtänzerin und auch Hodscha Nasreddin taucht auf samt bockigem Esel. Schließlich gelingt es ihm doch aufzusteigen, wenn auch rückwärts. „Ab und zu muss man die Lauf- und Blickrichtung wechseln“, sagt er aufmunternd.

Auf eine Zeitreise gehen die Besucher, während sie am Westerncamp „White Horse“ mit Siedlerwagen und aufgehängten Wäschestücken vorbei spazieren, gestaltet vom 1. Radebeuler Country & Westernclub e.V., die auch mit Lassowerfen und Stuntshows für Westernstimmung sorgen. Frauen in langen Kleidern mit Reifröcken spazieren auf dem Bahndamm in der Abendsonne, wo die immer noch mit Festbesuchern voll beladene Kleinbahn am Weißen Ross einfährt. Während weiter vorn, unterhalb der Weinberge ein Indianer, braungebrannt, mit Federhaube und bemaltem Gesicht, wie aus Karl Mays Büchern entstiegen, lächelnd über die unbeschwerte Stimmung an den Händlerständen mit Kunsthandwerklichem aus Peru und den Westernkneipen vorbei schlendert.

Am Bahndamm auf einer Wiese grasen friedlich zwei Pferde, „Otto“ und „Alice“, stellt ihre Besitzerin vor. Sie haben heute schon viele Kinder erfreut, die mit ihnen eine Runde drehen durften. Ausspannen können auch die zwei Ponys vor ihrer Kutsche nach dem warmen Tag. Ein Mann aus dem Westerncamp steht versonnen mit seinem Pony auf der Wiese und schaut auf die Leute auf dem Bahnsteig, als kämen sie aus einer anderen Welt. Der „Lößnitzdackel“ schnauft fröhlich weiter, zurück ins Festgelände.

Text + Fotos (lv)

Wild-West-Abenteuer, Indianische Tänze & Geschichtenbasar bei den 28. Karl-May-Festtagen in Radebeul


Apachenhäuptling Winnetou reitet wieder im Lößnitzgrund
Zauberhaft: Ein Tänzer der Kwakwaka`wakw Nation aus British Columbia
Farbenfrohe Tänze nach alter indianischer Tradition sind wieder bei den Karl-May-Festtagen im Lößnitzgrund in Radebeul zu erleben. Fotos: Amt für Kultur und Tourismus Radebeul

In der Welt von Winnetou – Häuptling der Apachen

Abenteuerliche Wild-West-Stimmung und faszinierende Einblicke in die indianische Kultur locken an diesem Wochenende bei den 28. Karl-May-Festtagen im Radebeuler Lößnitzgrund.

Die indianischen Tänzer der Oglala Lakota Nation aus dem US-Bundesstaat South Dakota gaben vor der Frauenkirche mit ihren traditionellen Tänzen sowie dem beeindruckenden Hoop Dance am Donnerstag bereits einen Ausblick auf ihre Präsentationen während der 28. Karl-May-Festtage vom 31.Mai bis 2. Juni in Radebeul. Die Oglala Lakota Nation ist der größte und bekannteste der sieben Lakota-Stämme und lebt heute überwiegend in der Pine Ridge Reservation im südwestlichen South Dakota. Sie gehört zu den Lakota aus der Sioux-Sprachfamilie und ihr Name Oglala bedeutet sinngemäß Großzügigkeit.

Während des Festwochenendes geben die Vertreter der Oglala Lakota Nation Vance, Blacksmith, sein Sohn Nu Vassie Blacksmith und die Tänzerin Delacina Chief Eagle mit traditionellen Tänzen und Gesängen einen Einblick in ihre indianische Kultur. Nu Vassie Blacksmith lädt die Besucher in Radebeul zum Mitmachen ein und spielt mit ihnen Hand Games, d.h. traditionelle Knobel-und Ratespiele der Lakota. Delacina Chief Eagle zeigt ihre eindrucksvolle Körperbeherrschung beim HoopDance, einer besonderen Tanzform mit mehreren Reifen.

Drei Tage lang erleben die Besucher eine abenteuerliche Welt voller Wild-West-Stimmung, faszinierender Einblicke in fremde Kulturen und Abenteuer für die ganze Familie.

Text: Sandra Rösler

PR- & Marketingverantwortliche
Großveranstaltungen & Tourismus

Amt für Kultur und Tourismus

Große Kreisstadt Radebeul
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Lesung mit dem syrischen Dichter Fouad El-Auwad im Landhaus Dresden

GEDICHTE – GESPRÄCHE – WEIN – BAKLAVA – BÜCHERTISCH

Brücken bauen in andere Sprachen, Brücken zu anderen Kulturen

In der Reihe „Literarische Alphabete“ gibt es die nächste Lesung, heute am Freitag,den 31. Mai 2019, um 19.30 Uhr im Landhaus Dresden (Stadtmuseum, Städtische Galerie), Wilsdruffer Str. 2

Der syrische Dichter Fouad EL-Auwad liest aus seinen Büchern, u.a. aus „Die blaue Müdigkeit“ und aus „Buch der Momente“

Von einem beeindruckenden inneren Reichtum getragen seien die Gedichte des 1965 in Damaskus (Syrien) geborenen Lyrikers Fouad EL-Auwad, schreibt der Schriftsteller und Philosoph Fuad Rifka in seinem Vorwort zu EL-Auwads Buch „Das elfte Gebot“. Seine Poesie ist keine der schlichten Aktualitäten, sondern überschreitet das Profane und wendet sich oft existentiellen Fragen zu. „Dein Gedicht“, so Fuad Rifka über EL-Auwad, „findet seinen Weg zu Herz und Auge so leicht wie die Müdigkeit zum Schlaf.“ Im Jahre 2005 gründete der Dichter den deutsch-arabischen Lyriksalon, der im Literaturhaus München und später auch, auf Einladung des Goethe-Instituts, in Damaskus stattfand. Der gelernte Architekt EL-Auwad arbeitet zudem als Lehrbeauftragter für Architektur an der FHNeubrandenburg. 1987 gründete er die Gruppe „kan yama kan, es war einmal“, die bei ihren Auftritten arabische Musik und orientalische Erzählungen verknüpft. Fouad EL-Auwad lebt in Aachen und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, die meisten davon zweisprachig (Arabisch und Deutsch).

Literaturforum Dresden e.V. in Kooperation mit den Museen der Stadt Dresden.
Gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und die Landeshauptstadt Dresden.
Anreise: Linien 1, 2, 3, 4, 7, 12, 62, 75 Pirnaischer Platz
Die Lesung ist barrierefrei zugänglich.

Text: Jörg Scholz-Nollau

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Lesung & Gespräch zum Roman „Den Jungen machen“ mit Jérome Meizoz im Landhaus Dresden


Wann ist der Mann ein Mann?! Über anerzogene und gelebte Männlichkeit denkt offen, aufschlussreich, klug, sensibel und mit leisem Humor der Schweizer Autor Jérome Meizoz in seinem Roman „Den Jungen machen“ nach. Er veröffentlichte auch einige Gedichtbände.

Ein Junge mit einem Mädchenherzen

In der Reihe „Literarische Alphabete“ gab es eine Lesung und Gespräch mit dem Schweizer Autor Jérome Meizoz und der Übersetzerin Corinna Popp aus seinem autobiographischen Roman „Den Jungen machen“ im Landhaus Dresden.

„Man kann das als eine zeitgenössische Erziehung der Gefühle sehen. Ein Junge wird nicht zum Jungen geboren, sondern gemacht“, sagt Corinna Popp, die Übersetzerin über den Roman „Den Jungen machen“ (erschienen  im Elster-Verlag Zürich, 2018) von Jérome Meizoz. Gemeinsam mit dem Autor, der in Lausanne in der Schweiz lebt und dort an der Universität französische Literatur lehrt, war sie zu Gast in der Reihe „Literarische Alphabete“ des Literaturforums Dresden am vergangenen Freitagabend im Landhaus Dresden (Stadtmuseum). Unter den Zuhörern mehr Männer als Frauen. Was wohl auch am Thema lag.

Im Gespräch mit Moderator Patrick Beck vom Literaturforum und der anschließenden Lesung auf französisch und deutsch mit Jérome Meizoz ging es darum, was Männlichkeit ausmacht, um die daraus entstehenden Konflikte, wenn man den damit verbundenen Erwartungen, Normen der Gesellschaft nicht entspricht und die Suche nach dem, was Mannsein für einen selbst bedeutet.

Der Roman „Den Jungen machen“ erzählt zwei Geschichten alternierend. Er ist  unterteilt in zwei mal 30 Kapitel, in „Roman“ und „Recherche“, in denen Fiktives und Autobiographisches gegenübergestellt sind. Es ist kein geradliniges, sondern spiralförmiges Erzählen. „Die Recherche-Texte antworten und kommunizieren mit den Roman-Teilen“, erklärt Jérome Meizoz den Romanaufbau. Dabei verwendet er viele Genres und sprachliche Formen, die sich kontrastieren und den Reiz des Buches ausmachen. Gesammelte Zeitungszitate und Zitate des Jungen selbst, Gedichte und Tagebucheinträge, Zeilen aus einem Brief an ihn und Zitate anderer Romanautoren, die er mag, liefern vielschichtige Blicke und Sichtweisen im Umgang mit Männlichkeit, Körperlichkeit und Gefühlen.

Es sind meist kurze, prägnante Sätze. Klar, nüchtern formuliert mit hoher emotionaler Aussagekraft. In sehr bildhafter Sprache, vieldeutig und manchmal märchenhaft anmutend. „Sein Körper, bis zum Anschlag mit erwachsenen Wörtern gefüllt. Er bewegt sich wie in einem unsichtbaren Käfig…“, heißt es über den Jungen. Er weiß  nicht, was Männlich sein bedeutet. Später gibt er eine Anzeige im Internet auf, er bietet Massagen und mehr ausschließlich für Frauen an gegen Bezahlung. Ohne Verkehr. Er dringt nicht ins Innere des Körpers ein. Er richtet sich eine „Blumenwohnung“ mit „Arbeitsbett“ ein, wo er die Frauen empfängt.
Und der Junge träumt davon, wie es wäre, wenn es öffentliche Streichelzentren gäbe. Da Zärtlichkeit das einzige ist, was sich vermehrt, wenn man es teilt.

Die kurzen Kapitel wirken wie Appetithäppchen, sie enthalten viele Themen, spannend denkt er über Männer- und Frauen-Rollen nach. Vieles wurde bei der Lesung nur angerissen, die Lust auf mehr dieses Autors machte, der noch wenig bekannt ist in Deutschland.

Mehr zum Buch demnächst.

Text + Foto (lv)

http://www.literaturforum-dresden.de

Lesung & Gespräch zu „Tarantella“ mit Jens-Uwe Sommerschuh im Literaturhaus Dresden


Lust am Geschichten erzählen und Sprachwitz: Jens-Uwe Sommerschuh las aus seinem neuen Roman „Tarantella“ am Dienstagabend im Literaturhaus Dresden.
Das Haus des Schriftstellers auf der Insel Alicudi, in dem weite Teile seines Romans „Tarantella“ entstanden.

Das Zuhause aus der anderen Richtung. Auf der Terrasse des Autors „banaler Schreibtisch“. Fotos: Sommerschuh

Regenbogen-Küsse und Körper als Klavier

Mal lustvoll, feurig, mal schroff und dunkel wie Vulkangestein verwebt der neue Roman „Tarantella“ von Jens-Uwe Sommerschuh spannend die Höhenflüge und Abgründe des Lebens und der Liebe.

Eine musikalische Muse eröffnete die Lesung. Mit rauer, intensiver und sonnenfunkelnder Stimme von Pietra, einer Sängerin und Schauspielerin aus Neapel. Einem Song ihres Albums „Napoli Mediterranea“. Sie klingt ein bisschen wie Gianna Nannini. Ein Hauch Mimi vielleicht. Der Erzähler Jens-Uwe Sommerschuh muss aufpassen, dass er sie nicht zu sehr aus den Augen verliert, denn sie treibt ihn an und seine Geschichten voran. „Willst du etwas wiederfinden, was du sehr vermisst, dann musst du suchen“, heißt es zu Beginn seines neuen Romans „Tarantella“, der vor wenigen Wochen bei Salomo publishing erschien, dem Nachfolgeroman von „Mimi“.

Eine Lesung und Gespräch mit dem Autor, moderiert von Literaturkritiker Michael Ernst, gab es am Dienstag abend im Literaturhaus Dresden, in der Villa Augustin am Albertplatz. Im gut gefüllten Raum entführte Jens-Uwe Sommerschuh die Zuhörer von jung bis älter auf eine spannende, mit viel Witz, Lust und Leichtigkeit erzählte Reise nach Süditalien. Er schreibe auch deswegen Geschichten, weil er gern vorlese. Es macht Spaß, ihm zuzuhören, die sehr lebendig und eigen geschilderten Figuren und ihr quirliges Lebensmilieu zu begleiten. Man fühlt sich sofort mittendrin auf dem Marktplatz von Palermo mit seinen vielen Obstständen, regen Getümmel und dem archaischen Gassengewirr, sieht und spürt die Farben, Gerüche, Stimmungen. Mal lebhaft, mal flüsternd, mal wie ein altes Marktweib keifend, mal verlockend keck wie Marcella las er, ohne zu viel zu verraten.

Wie es zur Roman-Fortsetzung kam und ob er vorausschauend Spuren legte für spätere Ereignisse, fragt Moderator Michael Ernst, z.B. das Schiffsticket von Marcella, der rätselhaften, temperamentvollen jungen Frau mit dem Kater auf der Schulter. Und die vielen Scherben in der Café-Bar, wo sie und Giovanni sich begegnen, wie nach einem Polterabend, nur ohne Braut und Bräutigam. Es wirkt wie ein skizzenhaftes Andeuten späterer Geschehnisse, die Seiten später wieder aufgegriffen und weiter entwickelt werden.
Er plane nicht und wisse nicht vorher, wohin eine Geschichte führt. Der Arbeitstitel des neuen Buches hieß: „Mimi ist weg“. Er überlegte, was mit ihr passiert sein könnte und folge seinen Figuren. Er liebe die Selbstüberraschung beim Schreiben, so Sommerschuh.

Seine Geschichten findet und erfindet er aus dem Leben heraus, er erlebt und erfährt sie auf seinen Reisen. Viele der Schauplätze auch im neuen Buch kennt er genaustens, denn seit 20 Jahren hat Jens-Uwe Sommerschuh sein persönliches Refugium gefunden auf der Mittelmeerinsel Alicudi in Italien, von wo aus er Rom, Sizilien und andere Orte in Italien erkundet und abwechselnd in Dresden wohnt und schreibt. Der Reiz und die Spannung beim Lesen in „Tarantella“ erhöht sich, da mit Marcella eine zweite Frau ins Spiel kommt. Auch wenn es nur eine „Mimi“, eine bestimmte Frau gebe, trifft man unterwegs noch andere interessante Menschen, die für weitere Bewegung sorgen, so der Autor. So kam Marcella dazu, die ebenso wie der Erzähler Giovanni in die Fänge der Cosa Nostra gerät, die sie unter Druck setzen, zappeln lassen und für ihre Pläne einspannen. Das Wort Mafia fällt nie. Die aufsehenerregenden Morde an den Richtern Falcone und Borsellino und anderen Menschen aus ihrem Umkreis Anfang der 1990er Jahre fanden einige einflussreiche Familien in Palermo schlecht fürs Geschäft, weiß Sommerschuh. In einer Kirche in Palermo, in San Domenico, erinnert eine Gedenktafel an die Opfer.

Ihm gehe es auch darum, die Unterschiede zwischen der Mafia als organisiertem Verbrechen und der Familia, die nur ungestört ihre Geschäfte unter sich regeln wollen, weil sie merkten, dass die Gewalt ihnen nur schadet, darzustellen in seinem Buch. Die Gefahr, die von der Cosa Nostra ausgeht, ist nie vordergründig, sondern unterschwellig präsent. Es sei auch ein Spiel mit der Angst, vor dem, was man fürchtet. Wie man es auch aus anderen Situationen kennt. Angst den Job oder den Partner zu verlieren. Nicht zu wissen, worauf man sich einlässt.

Im Kontrast dazu stehen Schönheit, Sinnlichkeit und Freuden des Lebens, die sich der Erzähler Giovanni bei allem Bedrohlichen nicht vermiesen lässt. Dies zieht sich intensiv und lustvoll beschrieben durch alle Buchkapitel. Ob beim kurzen, leidenschaftlichen Wiedersehen mit Mimi in Nicosia, wo sie einen Moment ihren Aufpassern entrinnen konnte und sich im Schutz eines Kellers ihrer Lust hingeben. Da werden Regenbogen-Küsse getauscht, bei denen man nie weiß, wo sie enden und flattern Münder und Zungen wie Kolibris oder Schmetterlinge. Oder die Szene bei Marcellas Cousine Donatella, eine Frau mit azurblauem, stachelartigem Schopf. Dramatisch komponiert. Statt auf dem Cembalo ihres Musikerkollegen, wo sie sonst Alte Musik aus Renaissance und Barock spielt, vollführt Donatella ihr Trockentraining diesmal nicht auf dem Küchentisch, sondern auf den nackten Körpern von Marcella und Giovanni. Da kriegt die Kunst der Fuge einen völlig neuen Sinn, lacht Giovanni.

Sie spielt das Allegro aus Bachs d-Moll-Konzert, ihre Finger fliegen, flattern, hüpfen, tänzeln über ihre Rücken, es war die reinste Wonne. Noch nie hatte ihm Musik, obwohl fast nichts zu hören war, so gut gefallen, sagt Giovanni hinterher. So etwas zu schreiben, sei das reinste Vergnügen, so Sommerschuh. Man kann Musik auch anders erleben als im klassischen Konzert. Dort höre er die Musik dann auch wieder anders, und denkt sich seine Bilder und Fantasien dazu. Er schreibt vor allem Musikkritiken, über Bildende Kunst und Kolumnen für die Sächsische Zeitung in Dresden. Rund 20 Konzerte habe er noch zu rezensieren. Bald wird er wieder auf die Insel Alicudi reisen.  Dies sei kein Rückzugsort für ihn, sondern sein Zuhause.
Was kommt als nächstes? Vielleicht wieder mal nach Paris, London oder Cornwall, sagt er. „Darüber will ich unbedingt auch mal eine Geschichte schreiben.“

Text + Foto (1) (lv)

Die Rezensionen zum neuen Roman „Tarantella“ und zu „Mimi“ stehen auch auf http://www.meinwortgarten.com


Jens-Uwe Sommerschuh vor seinem Haus, im Schatten des Weins, den er vor zwölf Jahren gepflanzt hat. Foto: M. Catalfamo